Die Gaia-Hypothese

Eine Geophysiologie der Biosphäre

von Dr. Jacques Grinevald erschienen in Hagia Chora 15/2003

Die Gaia-Theorie ist auch in Geomantie-Kreisen ein gern und flott verwendetes Schlagwort - doch was ist das Revolutionäre daran? Auf welchen philosophischen und wissenschaftlichen Fundamenten baut sie auf? Der Wissenschaftshistoriker Jacques Grinevald gibt einen Überblick.

Die angelsächsische Literatur über die Gaia-Hypothese, die vor rund zwanzig Jahren in die Welt trat,1 gewinnt immer größere Bedeutung. In ihren komplexen Bezügen ist sie nicht immer leicht zu verfolgen, denn die Gaia-Hypothese hat Auswirkungen auf eine ganze Reihe wissenschaftlicher, zum Teil sehr technischer Fachdisziplinen. Seit einiger Zeit hat sie sich über die Netzwerke der interdisziplinären Avantgarde-Forschung hinaus weiter ausgebreitet. Die Grundidee des Gaia-Konzepts, das seit seiner anfänglichen Entwicklung in den Arbeiten von James Lovelock und Lynn Margulis von 1974 unterschiedliche Definitionen und Interpretationen erfahren hat, besteht in der Vorstellung einer selbstregulierten Evolution der Gesamtheit der lebenden Organismen und Mikroorganismen einer gegebenen Epoche, die gekoppelt ist mit derjenigen der verschiedenen geologischen Schichten (den durch Suess 1875 definierten Geosphären: Atmosphäre, Hydrosphäre und Lithosphäre) des äußeren Erdkörpers - eine für die gegenwärtige mechanistische und in isolierte Disziplinen getrennte Wissenschaft ketzerische Idee von einem lebenden Planeten, der einzigartig, autonom und selbstorganisiert ist.

Das Konzept der Biosphäre

Die Gaia-Hypothese, so wie sie von James Lovelock in seinen drei Büchern (1979, 1988, 1991) formuliert worden ist, stellt für mich als Philosophen und Wissenschaftshistoriker auch eine eigenständige kybernetische und physiologische Version des Konzepts der Biosphäre dar, das bis heute noch zu wenig Anerkennung gefunden hat. Nur von denjenigen wissenschaftlichen Ökologen, die in der Nachfolge des russischen Gelehrten Wladimir Wernadskij (1863-1945) stehen, ist sie angenommen worden. Wernadskij ist Schöpfer der Biogeochemie und Autor der ersten wissenschaftlichen Monographie über die Biosphäre, die 1926 in Leningrad veröffentlicht wurde.2 In der Zeit, als Wernadskij an der Pariser Sorbonne seine Vorlesungen zur Geochemie hielt,3 stand er in Verbindung mit Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955), damals Professor der Geologie am Institut Catholique und ebenfalls im Begriff, in Zusammenarbeit mit seinem Freund, dem Mathematiker und Bergsonschen Philosophen Edouard Le Roy (1870-1954), ein grandioses kosmologisches Konzept der Biosphäre zu erarbeiten. Gemeinsam entwickelte dieses brillante Trio die Vorstellung der Noosphäre, die später einen gewissen Erfolg erleben sollte. (Zur Noosphäre siehe auch Marco Bischofs Beitrag ab Seite 18 in diesem Heft; Anm. d.Red.) Der russische Wissenschaftler, der den katholischen Glauben seiner französischen Freunde nicht teilte, gab ihr jedoch eine wesentlich weniger idealistische und mehr "bio-ökonomische" Bedeutung (um einen Begriff von Nicholas Georgescu-Roegen, dem wichtigsten Dissidenten der westlichen ökonomischen Fachwissenschaft, zu verwenden).4 Wernadskij entwickelte, in der Tradition der großen Naturforscher des 19. Jahrhunderts und in der Nachfolge seiner Lehrer Mendelejew und Dokutschajew, ein immenses Werk, das zum Teil erst nach seinem Tod veröffentlicht und von seinen Zeitgenossen nicht verstanden wurde. Zensiert durch die Kommunisten, ignoriert von der westlichen Intelligenz, ist das Erbe Wernadskijs in seiner vollen enzyklopädischen Breite und seiner prophetischen Größe bis heute noch kaum wiederentdeckt worden. Immerhin begrüßen Lovelock und Margulis Wernadskij als eine wesentliche Etappe in der Entdeckung von Gaia. Leider hat der Teilhardismus, der seinen Höhepunkt in den 60er-Jahren hatte, dazu beigetragen, die Begriffe Biosphäre und Noosphäre in einem wenig ökologischen Sinn zu popularisieren, während Wernadskijs Auffassung von den wissenschaftlichen Ökologen aufgegriffen wurde, wie z.B. von George Evelyn Hutchinson (1903-1991) und Raymond Lindemann (1916-1942), die an der Yale-Universität die "Ökosystem-Schule" der wissenschaftlichen Ökologie der Gegenwart begründeten.5

Gaia im wissenschaftlichen Kontext

Die Gaia-Hypothese integriert gewisse Aspekte der evolutionären Vision des Teilhardismus, schließt sich aber seinem Zoozentrismus nicht an, und noch weniger seinem Anthropozentrismus. Sie ist vielmehr mikrobiozentrisch. In der Gaia-Vision der globalen Ökologie dominiert das Reich der Mikroben, wie Lynn Margulis und Dorion Sagan in ihrem Buch "Das bakterielle Universum" verdeutlichen.6 Die Gaia-Theorie bestätigt das ökologische Konzept einer einheitlichen Struktur und eines zyklischen Funktionierens der Biosphäre, wie es von Wernadskij begründet wurde. Sie führt einen neuen und originellen Gesichtspunkt ein, der es ermöglicht, eine Reihe von Forschungsergebnissen in Zusammenhang zu bringen, was insbesondere für die multidisziplinären Forschungen über das Präkambrium (d.h. die vier ersten Milliarden Jahre der biogeologischen Geschichte der Erde) und die vergleichende Planetologie gilt. Im übrigen knüpft der geistige Vater der Gaia-Hypothese, der britische Forscher James Lovelock (geb. 1919), auf eine mehr philosophische und kulturell äußerst bedeutsame Art und Weise an eine von ihm "geophysiologisch" genannte Tradition an, die er mit Recht auf das Schottland der Aufklärungszeit und die Theorie des "Systems der Erde" des Geologen und Naturphilosophen James Hutton (1726-1797) zurückführt. Hutton kann vielleicht als einer der größten Metaphysiker des klassischen Europa in der Zeit vor unserer thermo-industriellen Zivilisation bezeichnet werden, die auf der theoretischen Ebene durch das, was ich die "Carnotsche Revolution" nenne, begründet wurde.7 Interessanterweise besitzen sowohl James Hutton wie auch James Lovelock Ausbildungen als Mediziner und Chemiker. Damit stehen sie in einer wissenschaftlichen Tradition, die sich vom physikalisch-mathematischen Stil der Gründer der klassischen mechanistischen Wissenschaft stark unterscheidet. Dieser Konflikt zwischen zwei Paradigmen muss als Kernstück der gegenwärtigen erkenntnistheoretischen Krise der westlichen Wissenschaft betrachtet werden. Diese Revitalisierung (Greening auf Englisch) unserer Vision der Welt, eine regelrechte Wiederauferstehung der traditionellen organischen Vorstellung der Mutter Erde, stellt, nach mehreren Jahrhunderten der reduktionistischen Wissenschaftsentwicklung, die man als "Mechanisierung des Weltbilds" bezeichnet hat, in meiner Sicht die wichtigste wissenschaftliche und kulturelle Revolution unserer Zeit dar.8 Mehr als nur eine inter- und transdisziplinäre Theorie, ist die Gaia-Hypothese ein neues Paradigma, eine Vision der Welt, nicht zuletzt deshalb, weil sie so massiv vom Dogmatismus der mechanistischen Weltsicht bekämpft wird. Mit anderen Vertretern der Tiefenökologie bin ich überzeugt, dass die Biosphäre, Gaia, wie sie Lovelock nennt, das ganzheitliche Konzept par excellence ist, das die evolutive und historisch-kulturelle Emergenz unseres planetaren Bewusstseins illustriert, und dass sie die ökologische Renaissance des nächsten Jahrtausends markiert. Nach meiner Auffassung bildet die Gaia-Hypothese, jedenfalls in ihrer wissenschaftlichen Version, einen Teil jener neuartigen erkenntnistheoretischen und anthropologischen Mutation, deren volle Bedeutung uns derzeit noch entgeht, weil sie gerade erst begonnen hat. Die Debatte über Gaia wirft Fragen auf, die geradewegs an die Grundlagen unserer westlichen, jüdisch-christlichen Zivilisation rühren. Die kulturellen Manifestationen dieser Gaia-Renaissance sind von einer erstaunlichen Bandbreite, nicht nur in den Vereinigten Staaten und in Europa, sondern selbst in gewissen Ländern der Dritten Welt, wo sich die ökologische Sensibilität oft auf ländliche (vielfach animistische) Traditionen stützen kann, die dort noch lebendig sind. Ihre intellektuelle Diskussion, angefangen mit James Lovelock, Lynn Margulis sowie Margulis’ Sohn Dorion Sagan,9 ist von einer Vitalität und einem Reichtum, die es verdient haben, eines Tages international Würdigung und Anerkennung zu finden. Der feministische Aspekt der Gaia-Bewegung ist zweifellos mitverantwortlich für ihre zögerliche Akzeptanz. Der Ökofeminismus, mit den pazifistischen und ökologischen Bewegungen verbunden, hat dazu beigetragen, gewisse symbolische und spirituelle Resonanzen des wissenschaftlichen Konzeptes von Gaia zu verstärken. Statt sich darüber zu empören, könnte man darin ein Zeichen der Zeit sehen. Wir wohnen einem, allerdings oft missverstandenen, Wiedererwachen der traditionellen Mystik der Großen Göttin bei, der mythischen Gottheit der Mutter Erde nicht nur des antiken Griechenland, sondern auch zahlreicher vorchristlicher Traditionen, wie dies unter anderem im ikonoklastischen Werk "Als Gott eine Frau war" von Merlin Stone gezeigt wurde. Wie schon Gary Snyder sagte: "Unsere Probleme haben mit der Erfindung von männlichen Gottheiten begonnen, die wir uns außerhalb des Planeten vorgestellt haben."10 Ich grenze mich jedoch von allen Popularisierungen ab, die beitragen, die Forschung zu diskreditieren, die derzeit eine globale Ökologie entstehen lässt: die Wissenschaft der Biosphäre. Diese interdisziplinäre und ganzheitliche Wissenschaft, die auf institutioneller Ebene noch in Kinderschuhen steckt, ist durch eine radikale Unsicherheit gekennzeichnet: Wir wissen nämlich, wenn man es genau nimmt, nicht, was die Erde ist! Warum sollten wir also nicht, nach der Vorherrschaft der Metapher der Maschine und der einfachen Mechanismen, einmal andere Metaphern und Modelle versuchen? Gaia erinnert uns daran, dass die Unterscheidung zwischen Natur und Technik eine künstliche ist, ganz wie die Unterscheidung zwischen dem Menschen und der Erde. Nicht nur, dass wir die Erde bewohnen und von ihrer Biosphäre abhängig sind, wir atmen auch, wörtlich, mit ihr, sind buchstäblich Teil dieses großen Organismus, dessen Identität und Bestimmung uns verborgen geblieben ist. Kinder der Erde, der Wiege des Lebens seit vierzig Millionen Jahrhunderten, sind wir bloß bescheidene Menschen, die dem Humus entstammen, woran uns der sprachliche Gleichklang zwischen "human" und "Humus" erinnert. Zwischen Wissenschaft und Mythologie bestehen komplexe Beziehungen, jedoch ist auf diesem Gebiet, wie auf vielen anderen, die Konfusion nicht weniger gefährlich als das Ausschließen. Ich persönlich möchte die mythologischen und spirituellen Aspekte - die nicht notwendigerweise negativ sind, im Gegenteil - nicht mit Ironie behandeln. Deshalb setze ich die Arbeiten zur Gaia-Hypothese zu meinen eigenen wissenschaftsgeschichtlichen Forschungen in Bezug, besonders zu denjenigen über die Entwicklung der thermodynamischen Theorie (was ich die Carnotsche Revolution nenne) und den Ursprüngen der großen Wernadskijschen Idee der Biosphäre. Viele Missverständnisse klären sich, sobald man die terminologischen und konzeptuellen Konfusionen der wissenschaftlichen Literatur näher untersucht.11

Das Ende des Anthropozentrismus

Auf der politisch-wissenschaftlichen Ebene haben die Dinge im Lauf der 80er-Jahre mit den Debatten über den "nuklearen Winter" eine deutliche Wendung genommen, vor allem seit 1988, dem Jahr, in dem die Drohung der globalen Erwärmung verbunden mit dem Treibhauseffekt plötzlich an vorderster Front der politischen Szene der Welt erschien.12 Im gleichen Jahr erschien auch das Buch "The Ages of Gaia", das zweite Werk von James Lovelock (1991 auf Deutsch: "Das Gaia-Prinzip - die Biographie unseres Planeten"). Der geistige Vater der Gaia-Hypothese war bereits eine umstrittene Kultfigur geworden. Sein erstes Buch, "Gaia: A New Look at Life on Earth", das 1979 erschienen war (1982 auf Deutsch: "Unsere Erde wird überleben - Gaia, eine optimistische Ökologie"), war ein Bestseller und wurde 1987 mit einem neuen Vorwort wiederaufgelegt. Gaia fand Eingang in das 1988 Yearbook of Science and the Future der Encyclopedia Britannica. Die explizit biozentrische - vielleicht besser "biosphärische" - These von James Lovelock und Lynn Margulis widerspricht entschieden dem "wildgewordenen Anthropozentrismus" (um den Ausdruck von S.J. Gould für den Teilhardismus zu verwenden) unserer westlichen Kultur, der bereits von Lynn White jr. in seinem berühmten Vortrag über "Die historischen Wurzeln unserer ökologischen Krise"13 angeprangert wurde. Diese Kritik am anthropozentrischen Humanismus des Westens hat manche Theologen und Philosophen auf der Suche nach einem neuen Bündnis mit der Natur sehr befremdet. Ebenso hat der gaianische Anti-Humanismus, den auch die Philosophen der Tiefenökologie teilen, die traditionellen akademischen und politischen Milieus vor den Kopf gestoßen. Die Gaia-Biosphäre, deren geologische Dauer uns wie eine Ewigkeit erscheinen muss, ist offensichtlich keine Einheit nach dem Maß der menschlichen Gattung und noch weniger nach dem Maß unserer modernen westlichen Vorurteile! Ein einzelnes Leben ist nicht das ganze Leben. Gaia verändert sich. Die Biosphäre macht Transformationen durch: Sie hat ohne den Menschen begonnen, und sie wird wahrscheinlich auch ohne ihn zu Ende gehen. Hier liegt offensichtlich eine neue narzisstische Kränkung vor, die die Wissenschaft dem menschlichen Stolz zufügt. Die globale ökologische Konzeption der Biosphäre rührt somit auch an die metaphysischen und religiösen Grundlagen der westlichen Wissenschaft.14 Deshalb hat übrigens Lovelock in seinem zweiten Buch das letzte Kapitel dem Thema "Gott und Gaia" gewidmet. Man sollte aber nicht allzu schnell den persönlichen geistigen Weg eines Gelehrten mit seiner wissenschaftlichen Arbeit im Rahmen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, die nicht unbedingt seine Meinungen teilt, verwechseln. Bedeutende Forscher unterstützen die Gaia-Theorie, ohne deswegen in ihr eine neue Religion zu sehen. Doch grundsätzlich können wir der Frage nach dem Heiligen nicht mehr ausweichen, nachdem es um das Geheimnis des Lebens im planetaren Maßstab, d.h. des Sonnensystems und des ganzen Kosmos geht. "Gaia ist für mich", sagt Lovelock, "nicht weniger ein religiöses als ein wissenschaftliches Konzept". Das ist jedoch nicht die Auffassung von Lynn Margulis, der wichtigsten Ko-Autorin der Gaia-Hypothese. Wenn Lovelock versichert: "Das Leben eines Gelehrten, der ein Naturphilosoph ist, kann tief religiös sein", dann unterscheidet er sich damit deutlich von seiner Kollegin Lynn Margulis, die sich gerne als hartgesottene und reine Wissenschaftlerin darstellt - was allerdings nicht verhindert, dass sie von den Mandarinen der amerikanischen Wissenschaft als Ketzerin behandelt wird. Was das wissenschaftliche Establishment stört, sind die Persönlichkeiten von James Lovelock und Lynn Margulis, viel mehr als ihre These. James Lovelock arbeitet zurückgezogen auf dem Land und kann so mit Recht schreiben, "das Leben in der Stadt unterstützt und verstärkt die Häresie des Humanismus, diese narzisstische ausschließliche Sorge um die menschlichen Interessen". Seine Suche nach Gaia wurde, wie er sagt, nicht durch eine renommierte Universität oder eine mächtige wissenschaftliche Institution finanziert, sondern war ganz im Gegenteil die Frucht seiner Undiszipliniertheit und seiner freien Neugierde als "Naturphilosoph". Lovelock knüpft mit seinem theologisch-wissenschaftlichen Stil an eine große klassische Tradition an, nämlich an diejenige der Gründer der modernen prä-Carnotschen Wissenschaft, der Wissenschaft von Newton und Hutton. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft mit den großen Gestalten der Naturphilosophie des vorindustriellen Europa. Allerdings glaubt er nicht mehr, dass die göttliche Vorsehung die Stabilität und die Bewohnbarkeit des Globus für uns, die Menschheit, sicherstellt. Er betrachtet das Gleichgewicht der Natur nicht mehr als vorbestimmt und unveränderlich und auch die Geschichte der Erde nicht als einen immens langen Zeitraum ohne Diskontinuitäten (Brüche) oder Katastrophen. Er ist davon überzeugt, dass es von Zeit zu Zeit dramatische kosmische oder ökologische Krisen mit massivem Artensterben gibt. Seit Darwin hat uns die wissenschaftliche Forschung über die Geschichte der Erde und ihre vielfältigen lebenden Arten, die heute zum großen Teil bereits verschwunden sind, über unsere anthropozentrischen - genauer noch, biblischen - Illusionen aufgeklärt. Unser Schicksal genießt nicht mehr als dasjenige irgendeiner anderen Gattung irgendein ontologisches Privileg. Im Gegensatz zu dem, was Teilhard lehrte, befindet sich die Noosphäre weder außerhalb noch über der Biosphäre. Gaia ist selbst das Leben der Biosphäre, und wir sind ein Teil von ihr. Die gesamte biogeologische Evolution, die nach dem Maßstab unserer jämmerlichen kleinen Existenzen von einer schlechthin unvorstellbaren Dauer ist, beweist, dass die lebende Materie in der Biosphäre eine Vielzahl von Formen annehmen und schreckliche Katastrophen durchmachen kann, ohne dass jedoch Gaia ihre evolutive Kreativität und ihre ökologische Vitalität erschöpft. Was an der heutigen Biosphäre fragil und vergänglich ist, das ist ihre Bewohnbarkeit für den Menschen und die Pflanzen- und Tierarten, die mit uns leben, und nicht diese mächtige geologische Kraft, die das Leben auf der Erde darstellt. Mit Gaia triumphiert die Kraft des Lebendigen, der élan vital, von dem Bergson gesprochen hat, wobei zu bemerken ist, dass dieser Ausdruck vor allem unsere wissenschaftliche Unwissenheit bezeichnet. Wir sind weit davon entfernt, die Natur zu beherrschen, denn im kosmischen Maßstab der Erdgeschichte ist sie sehr viel stärker als wir es sind.

Gaia in der Diskussion

Es war ein Zeichen der Zeit, als das renommierte amerikanische Magazin "Time" in seiner Ausgabe vom 2. Januar 1989 die "gefährdete Erde" zur "Persönlichkeit des Jahres 1988" erklärte. Die planetare ökologische Chronik jenes Jahres 1988 war besonders reich. Ich erwähne hier nur, dass die amerikanische Association for the Advancement of Science (AAAS) im Februar 1988 in Boston ein Symposium über das Thema "Die Gaia-Hypothese: Wissenschaft oder Religion?" organisierte und dass im März desselben Jahres die American Geophysical Union (AGU) im kalifornischen San Diego die unvergessliche "Chapman-Konferenz über die Gaia-Hypothese" veranstaltete. Der Tagungsband der Konferenz wurde ein umfangreiches Buch, das ein wichtiges Nachschlagewerk zum Verständnis der Schwierigkeiten und der Risiken der Wissenschaft von der Biosphäre darstellt.15
Von Bedeutung ist auch, dass unabhängig davon zur gleichen Zeit auch die Akademie der Wissenschaften der damaligen UdSSR ein ähnliches interdisziplinäres Symposium organisierte,16 mit dem der 125. Geburtstag des bereits erwähnten großen Akademiemitgliedes Wladimir Wernadskij gefeiert wurde.7 Dieses Ereignis wurde jedoch von der westlichen Presse mit Ausnahme von einigen wenigen internationalen Umweltzeitschriften vollständig ignoriert. Die Veranstaltung an der American Geophysical Union zur Diskussion der Gaia-Hypothese wurde hingegen von der wissenschaftlichen Presse der angelsächsischen Welt auf besonders spektakuläre Weise begrüßt.17 Damit wurde eine entscheidende Wende für die Gaia-Theorie eingeleitet. Gerade weil man begann, sie ernsthaft zu kritisieren, wurde sie nun endlich wissenschaftlich respektabel. Gewiss war sie umstrittener denn je, doch gehört sie von nun an zu den großen Ideen, die in der wissenschaftlichen Gemeinschaft diskutiert werden. Allerdings ist eine Theorie, die diskutiert wird, nicht unbedingt auch eine Theorie, die akzeptiert wird. Man denke nur an die jahrelange Kontroverse um den Darwinismus oder die Lehre der Plattentektonik. Mit der Gaia-Theorie, die den fortgeschrittensten Zustand der Wissenschaft der Biosphäre, die mit Wernadskij im "goldenen Zeitalter der theoretischen Ökologie" begann, repräsentiert, wird die wissenschaftliche Revolution der neuen Wissenschaft der lebendigen Erde noch fundamentaler, denn sie bringt eine tiefgreifende Versöhnung der Wissenschaften von der Erde und der Wissenschaften vom Leben mit sich, an die sich die Wissenschaften vom Menschen anschließen müssen. Der Homo sapiens ist ohne Zweifel eine einzigartige Spezies, begabt mit Bewusstsein und mit Reflexionsfähigkeit (Homo sapiens sapiens), und deshalb auch mit einer erstaunlichen technischen Erfindungsgabe, aufgrund derer er die organische Evolution auf eine exosomatische Art und Weise (d.h. außerhalb des Körpers; Anm.d.Übers.) weiterführt, als Homo sapiens faber, wie Wernadskij in der Nachfolge Bergsons bemerkte. Doch der Mensch ist außerdem auch eine heterotrophe zoologische Gattung, die somit von der Primärproduktion der Ökosysteme abhängig ist, das heißt von der Photosynthese der grünen Pflanzen. Wie alles Leben auf der Erde ist dieses abhängig vom Klima des Globus, das, wie die Gaia-Theorie postuliert, auf der Ebene der großen biogeochemischen Zyklen durch die Gesamtheit der lebenden Organismen kontrolliert wird, von denen die Mikroorganismen auf den Kontinenten und in den Ozeanen die imposanteste Biomasse bilden. Die Theoretiker der Gaia-Theorie erinnern uns an die biogeochemische Funktion der Atmosphäre und an die Tatsache, dass alle lebenden Organismen, einschließlich des Menschen, von und in der Biosphäre leben. In dem Buch "Les Dieux de l’Écologie" (Fayard 1973) hat der Mikrobiologe René Dubos (1901-1982), einer der großen Pioniere der gegenwärtigen Umweltbewegung, diese neue ökologische Konzeption des Platzes des Menschen in der Natur zusammengefasst, die er als "Theologie der Erde" bezeichnete. "In Wirklichkeit leben wir nicht auf dem Planeten Erde, sondern mit dem Leben, das sie beherbergt und in der Umwelt, die das Leben erschafft." Für Lovelock und Margulis bildet die atmosphärische Hülle des Planeten Erde, mit seinen Gaszyklen, seiner allgemeinen Zirkulation und seinem stratosphärischen Ozonschild, gleichzeitig die äußere Membran und das Kreislaufsystem der Physiologie von Gaia. Gegen Mitte der 80er-Jahre schlug Lovelock den Begriff einer "Geophysiologie"18 zur Bezeichnung seines Ansatzes einer "planetaren Medizin" vor.

Die Geophysiologie des Systems Erde

Wissenschaftshistoriker wissen, wie schwierig es ist, zu bestimmen, wer im Verhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft jeweils wen beeinflusst. Das Konzept der Biosphäre bei Wernadskij ist nicht zu trennen von einer gewissen neo-vitalistischen, holistischen Philosophie, die direkt von "L Èvolution créatrice" von Henri Bergson inspiriert ist.19 Der Begriff des Holismus wurde 1926 von Jan Christiaan Smuts in die Welt gesetzt, im selben Jahr, in dem Wernadskij sein kleines Buch "Biosfera" veröffentlichte. Der Holismus, der Organizismus, die Bioenergetik und die Theorie der Biosphäre sind nicht voneinander zu trennen. Sie bilden eine interdisziplinäre, globale Tradition, die nicht von mathematischen Physikern (die für das mechanistische Weltbild verantwortlich sind), sondern von Naturforschern, Medizinern, Chemikern, Physiologen und Ökologen geschaffen wurde und die nach den Macy-Konferenzen der Jahre 1942-53 in Form der "Allgemeinen Systemtheorie" ins Zentrum der medizinischen und biologischen Wissenschaften, der Sozial- und der Ingenieurswissenschaften (der Kommunikation, Kontrolle und Selbstregulation) rückten. Von diesem Ansatz leitet sich der thermodynamische, physiologische und kybernetische Ansatz Lovelocks direkt her. Umgekehrt ist das neu erwachte philosophische Interesse für den Holismus und den Organizismus weitgehend angeregt durch den Aufschwung der Forschungen über das Thema der Biosphäre Gaia.
Die Gaia-Hypothese vermag offenbar die Imagination der Forscher zu wecken, sie zu neuen Ansätzen anzuregen und eine sehr fruchtbare heuristische Kraft zu entfalten. Auf eine grundsätzliche Art und Weise kommt sie dem Anliegen des berühmten "Global Change" entgegen, des internationalen Geosphäre-Biosphäre-Programms, das der Internationale Rat der wissenschaftlichen Vereinigungen lanciert hat. Das 1986 publizierte, ehrgeizige Forschungsprojekt der IIASA (Laxenburg, Österreich) über "die ökologisch nachhaltige Entwicklung der Biosphäre" hatte die Gaia-Hypothese und ihre Implikationen bereits sehr ernst genommen. In dieser neuen Perspektive kann nicht nur die Geschichte der Ko-Evolution der Lebewesen und der Erde verfolgt werden, sondern sie eignet sich auch dafür, sich die - eigentlich völlig unvorhersehbare - zukünftige Evolution dieser Biosphäre des Quartärs vorzustellen, deren Stabilität wir mit einer schwindelerregenden Beschleunigung verändern, wie der Treibhauseffekt zeigt. Wie die Wernadskijsche Theorie der Biosphäre und der Noosphäre, so schließt die Gaia-Theorie die menschliche Spezies und ihre technisch-exosomatische Aktivität, ihren industriellen Metabolismus in dem großen planetaren System der Biosphäre ein. Die Versammlung der AGU war nicht das erste und einzige interdisziplinäre Kolloquium zum Thema "Gaia".20 Ich selbst habe im Oktober 1987 an der ersten Camelford-Konferenz über die Implikationen der Gaia-Theorie teilgenommen, die von Peter Bunyard und Edward Goldsmith in England organisiert und veröffentlicht wurde21 - mein erstes Treffen mit James Lovelock, Lynn Margulis und anderen "Pro-Gaia"-Wissenschaftlern. Noch bedeutsamer, weil für ein größeres Publikum bestimmt, erscheint mir die von Connie Barlow herausgegebene Anthologie "From Gaia to Selfish Genes: Selected Writings in the Life Sciences".22

Die planetare Perspektive

Die Gaia-Hypothese war zunächst, wie James Lovelock gerne erzählt, eine unerwartete Folge des NASA-Programms zur Erforschung des Weltraums und insbesondere der Erforschung des Lebens auf dem Mars, doch war sie auch eine Synthese der Entwicklung der Wissenschaften von der biologischen Evolution und der Geschichte der Erde seit den großen Werken von Suess und Wernadskij zur Zeit der Jahrhundertwende. Suess und Wernadskij waren es auch, die das Bild des "Gesichts der Erde" mit der Idee der "Biosphäre im Kosmos" in Verbindung brachten. Die Weltraumforschung verlieh dann dieser großen Intuition der Pioniere der Jahrhundertwende Fleisch. Dieses technologische und wissenschaftliche Abenteuer muss in der Tat als Quelle der Gaia-Hypothese betrachtet werden. Es zwingt uns, die berühmte Frage Erwin Schrödingers, "Was ist das Leben?", von einer planetaren Perspektive aus neu zu stellen und den alten Disput zwischen der Definition des Lebens und dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu revidieren. Das Leben ist nicht nur eine Frage der Biologie: Zu seinem Studium reicht ein Mikroskop nicht aus, denn das Leben ist ein biogeologisches Phänomen in planetarem Maßstab und somit ein Phänomen des Sonnensystems. Wie schon Wernadskij sagte, ist die Biosphäre auch eine Tochter der Sonne, denn von ihr bezieht sie die Energie zum Leben. Andererseits muss die Biosphäre sich auch mit dem Ozonschild ihrer Atmosphäre gegen die negativen Wirkungen der Sonnenstrahlung schützen. Der Sauerstoff der irdischen Atmosphäre ist aber ein Produkt des Lebens. Seine Konzentration in der Atmosphäre wird wie diejenige der meisten anderen Gase der Erdatmosphäre durch das Leben reguliert. Die Biochemie der Atmosphäre ist auf ihre Art einzigartig, wie die gesamte Oberfläche unseres Planeten, die durch den globalen Metabolismus der Lebewesen, die einander seit Milliarden von Jahren folgen, so radikal transformiert worden ist. Die schöpferische Evolution ist jener Aspekt von Gaia, der eine allzu klassische Sicht des natürlichen Gleichgewichts korrigiert. Die lebende Erde ist voll überraschender Neuerungen, ja verblüffend, denn sie muss, vom Standpunkt unserer wissenschaftlichen Sicht einer Welt, die vom Gesetz der Entropie dominiert wird, als Wunderplanet erscheinen. Die Biosphäre des Planeten Erde ist wohl die fantastischste Herausforderung für die Entropie. Die Existenz der Lebewesen widerlegt nämlich die Annahme, dass alles im Universum dem Kältetod und Zerfall zustrebe. Eine ganze wissenschaftliche Denkschule, angefangen bei Ludwig Boltzmann (dem Vorgänger von Schrödinger in Wien) hat denn auch die ursprünglichen Folgerungen aus dem Entropie-Konzept in Frage gestellt. Lovelock hat ein thermodynamisches Konzept des Lebens auf der Erde entwickelt, das in der irdischen Biosphäre eine Insel komplexer Organisation inmitten des der Entropie unterworfenen expandierenden kosmischen Ozeans sieht. Man hat die erkenntnistheoretische Vorgehensweise von Lovelock nicht verstanden, wenn man diese thermodynamischen Voraussetzungen der Problematik des Lebens, mit anderen Worten die physikalische Definition des Lebens, vernachlässigt. Die Problematik der Evolution ist konfrontiert mit der Artikulation des Carnotschen Prinzips (dem zweiten thermodynamischen Gesetz, dem Gesetz der Entropie) einerseits und mit der Selbstorganisation des Lebenden auf den verschiedenen hierarchischen Integrationsebenen der biologischen Organisation andererseits, von den einzelligen Mikroorganismen bis zu Ökosystemen und schließlich dem globalen ökologischen System.22 Alles hängt zusammen, die biologischen Individuen bilden das große Ganze der Zirkulation des Lebens der Erde und sind gleichzeitig von ihm abhängig. Das Thema der Symbiose, das in Frankreich von Paul Portier (1866-1962) zum ersten Mal zur Sprache gebracht und von Lynn Margulis und ihren Mitarbeitern wieder hoffähig gemacht wurde, unterstreicht diesen in seinem Wesen ganzheitlichen Bergsonschen Aspekt der gaianischen und Wernadskijschen Sicht der Biosphäre. Wie der Arzt und Autor Lewis Thomas geschrieben hat, gleicht die Erde, vom Weltraum aus gesehen, einer lebenden Zelle. Unser Planet ist, mit anderen Worten, kein Raumschiff!