Von Gaia umfangen

Wie die Gaia-Hypothese unsere Wahrnehmung verändert

von David Abram erschienen in Hagia Chora 15/2003

In vielen Texten dieser Ausgabe von Hagia Chora wird der Philosoph David Abram zitiert, der das Denken der englischsprachigen Welt mit seinem einzigartigen Buch "The Spell of the Sensuous" bereichert hat. Er findet dort zu einer neuen Sprache für die von den Sinnen erschlossene Verwobenheit von Natur und Bewusstsein. In diesem Beitrag, einer seiner früheren Aufsätze, reflektiert er die Bedeutung der Gaia-Theorie für die Wahrnehmung - wie wir meinen, mit wichtigen Gedanken für die zeitgenössische Geomantie.

Die Gaia-Hypothese markiert ein einmaliges Ereignis im wissenschaftlichen Denken, nämlich das erste Aufblitzen der Möglichkeit, diesen Planeten als kohärentes, lebendes Wesen beschreiben zu können - ohne den Bereich der reinen und exakten Wissenschaft verlassen zu müssen. Die Hypothese entsprang dem Versuch, gewisse Anomalien der Erdatmosphäre zu begreifen. Sie formuliert die Vermutung, die gegenwärtige Stabilität der Atmosphäre mit ihrer sehr weit vom Gleichgewicht entfernten chemischen Zusammensetzung könne am besten unter der Annahme verstanden werden, dass die Atmosphäre von den Ozeanen, Böden, Pflanzen und Lebewesen - also von der gesamten Biosphäre - auf aktive und fühlende Weise aufrechterhalten wird. In James Lovelocks eigenen Worten besagt die Hypothese, "dass sich die Gesamtheit der Lebensformen auf der Erde, von Walen bis zu Viren und von Eichen bis zu Algen, als eine einzige lebende Wesenheit betrachten lässt, die fähig ist, die Erdatmosphäre nach ihren allgemeinen Bedürfnissen auszurichten, und die mit Fähigkeiten und Kräften begabt ist, die weit über jene ihrer einzelnen Komponenten hinausgehen." Erfreulicherweise findet die Hypothese in akademischen Kreisen allmählich Gehör, verstärkt unter anderem durch die Biologin Lynn Margulis, deren Studien zur mikrobischen Evolution bereits gewisse regulative Systeme Gaias zeigen.2 Dennoch dürfte sich die Hypothese nur langsam durchsetzen, denn sie anzuerkennen heißt, viele tief eingefleischte wissenschaftliche und kulturelle Annahmen in Frage zu stellen. Die Anerkennung Gaias hat gewaltige Auswirkungen auf beinahe jedes Gebiet wissenschaftlichen und philosophischen Bestrebens, da sie uns zu einer neuen Wahrnehmung unserer Welt aufruft. Im Folgenden untersuche ich einige Auswirkungen, welche die Gaia-Hypothese für unser Verständnis von Wahrnehmung selbst bereit hält.
Bezeichnenderweise kommt der erste Hinweis darauf, dass sich die Oberfläche dieses Planeten wie ein Lebewesen verhält, von der Erforschung der Atmosphäre - von dem Teil der Erde, den wir fast immer übersehen. Die Luft ist uns so nah, dass wir so gut wie nie an sie denken - so wie wir uns auch kaum mit der Erfahrung des Atmens befassen, einem für unser Dasein derart fundamentalen Akt, dass wir ihn schlicht für gegeben hinnehmen. Die uns umhüllende Luft ist für unsere Augen unsichtbar - zweifellos ein Grund dafür, dass wir so reden und tun, als gäbe es sie gar nicht. Wir sprechen vom "Raum" zwischen den Dingen oder zwischen zwei Menschen und nicht von der "Luft" zwischen uns oder zwischen mir und einem nahegelegenen Baum. Außer wenn wir explizit daran denken, kommt uns der Raum zwischen uns so vor wie der Raum zwischen zwei Planeten. Das verrät auch unsere Umgangssprache: Wir sagen, dass wir auf der Erde leben, nicht dass wir inmitten der Erde leben. Ist die Gaia-Hypothese jedoch wahr, müssen wir wohl einsehen, dass wir eher in diesem Planeten existieren als auf ihm. Konträr zur bisherigen wissenschaftlichen Meinung, das Leben auf der Erdoberfläche sei von einer mehr oder weniger zufälligen Umwelt umgeben und passe sich an sie an, deutet Gaia darauf hin, dass die Atmosphäre, in der wir leben und denken, eine dynamische Erweiterung der planetaren Oberfläche, ein vitales Organ der Erde ist. Die Betonung der Erdatmosphäre dürfte der radikalste Aspekt der Gaia-Hypothese sein, heißt dies doch, dass wir, bevor wir als Individuen die Erde als sich selbst erhaltende, organische Präsenz erkennen können, uns des Mediums, in dem wir uns bewegen, bewusst werden und uns wieder mit ihm vertraut machen müssen. Die Luft kann nicht länger als negative Präsenz gesehen werden, als bloße Abwesenheit von festen Dingen: Fortan ist die Luft selbst etwas Verdichtetes, Massiges - und macht sie ihre Unsichtbarkeit auch rätselhaft, so handelt es sich doch um eine dichte und fühlbare Präsenz. Wir sind in den Luft-Ozean eingetaucht wie die Fische im Meer. Die Luft ist das Medium, die stille Gesprächspartnerin all unserer Träume und Stimmungen. Ohne von ihr unterstützt und genährt zu werden, ohne ihre vitale Teilhabe an all unserem Tun können wir schlicht nicht existieren. Im Konzert mit den Tieren, den Pflanzen und selbst den Mikroben sind wir ein aktiver Bestandteil der Erdatmosphäre, indem wir unablässig den Atem dieses Planeten durch unsere Körper und Hirne zirkulieren lassen. Wir tauschen bestimmte, für andere Lebewesen lebenswichtige Gase aus und überwachen und erhalten so die empfindliche Zusammensetzung des Mediums. Wie Lovelock andeutet, ist das Methan, welches die in unserem Verdauungstrakt beheimateten Mikroorganismen produzieren - das Gas, das wir in unseren Gedärmen erzeugen - womöglich einer unserer essenziellen Beiträge zur dynamischen Stabilität der Atmosphäre (sicherlich weniger bedeutend als der Methanbeitrag wiederkäuender Tiere, dennoch lebenswichtig). Kein Wunder, dass wir in unserem Dünkel weiterhin die Luft vergessen, diese allgegenwärtige Präsenz, halten wir uns doch lieber für Diener erhabenerer Zwecke, abgehoben vom Rest der Schöpfung. Wir sind überzeugt, dass unsere Kreativität nicht in den Tiefen unseres Fleisches residiert, sondern in den Gefilden reiner Gedanken und Ideen, die irgendwo außerhalb des Organischen liegen.3 Nur indem wir uns der Luft "er-innern", finden wir auf unseren Platz in der wirklichen Welt, in der wir leben, zurück. Denn die Luft, diese kaum verstandene unsichtbare Präsenz, verwickelt uns stofflich in das innere Leben all dessen, was wir sehen, wenn wir aus der Tür treten: die Falken und Bäume, den Boden und das Meer und die Wolken. Halten wir fest: Die Gaia-Hypothese betrachtet die erdumhüllende Atmosphäre als vitalen Teil des Gesamtsystems. Entscheiden wir uns dafür, diesen Planeten als kohärentes, sich selbst wahrnehmendes, autopoietisches (= sich selbst erschaffendes) Wesen zu sehen, haben wir zu akzeptieren, dass wir selbst von diesem Wesen definiert werden. Wenn Gaia existiert, sind wir in ihr.

Gaia und Wahrnehmung

Die Auswirkungen auf unser Verständnis der Wahrnehmung und der Funktion der menschlichen Sinne sind wichtig und weitreichend. Wahrnehmung wird traditionell als einseitig gerichteter Prozess gesehen, in dem der menschliche Organismus wertfreie Daten aus dem umgebenden Milieu sammelt und ordnet. So wie die Biologen bis vor kurzem der Einfachheit halber davon ausgingen, dass sich Leben an eine im wesentlichen zufallsbestimmte Umgebung anpasst,4 haben die Psychologen angenommen, die Sinne seien passive Mechanismen, die sich an ein Umfeld beliebiger, zufälliger Ereignisse anpassen. Der "Verstand" oder das "Subjekt" im Inneren des Menschen werde von den Sinnesorganen über diese zufälligen Ereignisse in der äußeren, "objektiven" Welt auf dem Laufenden gehalten, wobei die Sinnesorgane als mechanische Strukturen gelten, die fein säuberlich jedes kleinste Bit sensorischer Daten - Licht, Klang, Druck -, das auf sie einwirke, in das Nervensystem übertrügen. Hier würden die einzelnen Eindrücke Schritt für Schritt zu einem Abbild der Außenwelt verarbeitet. Dieses Abbild werde schließlich vom innersten "Mind" des Wahrnehmenden betrachtet und mit Bedeutung belegt. Das ist das klassische Modell der Wahrnehmung, wie es von Descartes, Locke und Berkeley im 17. Jahrhundert vorgelegt und später von den Begründern der modernen wissenschaftlichen Psychologie ausformuliert worden ist.5 Obwohl vielfach revidiert und modifiziert, liegt diese Darstellung weiterhin den meisten heutigen wissenschaftlichen Diskursen zugrunde. In diesem Modell sind Bedeutung und Werte sekundäre, abgeleitete Phänomene, die sich aus der inneren Assoziierung äußerlicher Fakten, die selbst keine Bedeutung besitzen, ergeben. Die äußere Welt wird stillschweigend für ein Konglomerat rein objektiver, zufälliger Dinge gehalten, die gänzlich ohne Wert oder Bedeutung sind - allein der unzulängliche menschliche Geist bringe sie in eine Ordnung. Dies klingt einerseits wie das Programm der heutigen "wertfreien" Wissenschaften. Andererseits sollten wir nicht vergessen, dass jede Naturwissenschaft auf irgendeiner Ebene unweigerlich auf die Anwendung menschlicher Wahrnehmung angewiesen ist, um die Daten zu erheben - sei es durch ein Mikroskop oder ein Teleskop oder gar durch Tastatur und Bildschirm eines Computers. Dennoch hat sich bisher keine einzige Wissenschaftsdisziplin mit einem alternativen Modell der Wahrnehmung hervorgewagt, welches die traditionelle Darstellung ersetzen könnte. (Selbst die Quantenphysiker haben keine substanziierte Alternative anzubieten, obwohl sie die Unhaltbarkeit des bisherigen Konzepts von Wahrnehmung in Hinblick auf den subatomaren Bereich längst erkannt haben.) So kommt es, dass die gesamte zeitgenössische Wissenschaft einem Modell der Wahrnehmung Tribut zollt, das an Vorstellungen des 18. Jahrhunderts von einer mechanischen Natur der physischen Welt und der absoluten Trennung von Geist und Materie festhält. Ein wichtiger Grund dafür, uns an dieses überholte Modell zu klammern, könnte darin liegen, dass es - auch wenn es unserer tatsächlichen Erfahrung völlig widerspricht - unsere Wahrnehmung so beschreibt, wie sie beschaffen sein müsste, wenn wir in unserem Kulturprogramm der Manipulation der Natur und der Umweltzerstörung ohne irgendeine ethische Schranke fortfahren wollen. Die überkommene Vorstellung von Wahrnehmung als einem mechanischen Einbahnstraßen-Prozess ist das einzige denkbare Modell, das es uns erlaubt, weiterhin die bequeme Trennung von Psyche, Subjektivität oder Selbstorganisation von der uns umgebenden materiellen Welt geltend zu machen. Die Gaia-Hypothese legt eine alternative Sicht der Wahrnehmung unmittelbar nahe. Denn indem sie zeigt, dass Selbstorganisation ausdrücklich eine Eigenschaft der umgebenden Biosphäre ist, verschiebt Gaia den Ursprung der Kreativität vom menschlichen Intellekt auf die ihn umschließende Welt. Bedeutung, Wert und Zweckbestimmung werden nicht länger von einem geisterhaften Subjekt, das in der menschlichen Physiologie sein Unwesen treibt, erschaffen. Diese Eigenschaften - Wert, Ziel und Bedeutung - sind vielmehr in der umgebenden Landschaft bereits im Überfluss vorhanden. Somit ist die organische Welt von ihren eigenen Bedeutungen, ihren eigenen Hervorbringungen und schöpferischen Transformationen erfüllt. Die Kakophonie der Unkräuter, die auf einem "leeren" Grundstück wachsen, kann endlich wegen ihrer essenziellen, geradezu intelligenten Rolle in der planetarischen Homöostase anerkannt werden, und selbst ein Schlammloch am Strand darf nun Mysterien enthalten, die denen des menschlichen Organismus vergleichbar sind. Wir beginnen, erste Einblicke in die fast unheimlichen Zusammenhänge der uns einhüllenden Natur zu erhaschen, in eine geheime Bedeutungsfülle, die wir nur zu oft durch unsere Abstrahierungen verschatten. Dieses wilde Wuchern ist keineswegs blindes Chaos, sondern vielmehr eine kohärente Gemeinschaft der Formen, ein ausdrucksvolles Universum, das sich nach einer vielschichtigen Logik bewegt, die ganz anders ist als die Logik, in die wir es zwingen wollen. Folgen wir aber der Gaia-Hypothese und definieren Wahrnehmung nicht länger als das Aufnehmen von disparaten Informationen aus einer stummen und beliebigen Umwelt - was ist Wahrnehmung dann? Die Antwort ist überraschend einfach: Wahrnehmung ist Kommunikation. Sie ist die konstante, anhaltende Kommunikation zwischen diesem Organismus, der ich bin, und der unermesslichen organischen Einheit, von der ich ein Teil bin. In klassischen Worten: Wahrnehmung ist die Erfahrung von Kommunikation zwischen dem individuellen Mikrokosmos und dem planetaren Makrokosmos. Denken wir einen Augenblick nach: Ist die wahrnehmbare Umwelt nicht lediglich eine Ansammlung voneinander separierbarer Strukturen und zufälliger Ereignisse, sondern bildet die Gesamtheit dieser Umgebung, mich selbst eingeschlossen, ein zusammenhängendes Lebewesen, das "mit Fähigkeiten und Kräften begabt ist, die weit über jene ihrer einzelnen Komponenten hinausgehen",7 dann informiert mich alles, was ich höre und sehe, über den inneren Zustand einer anderen lebenden Wesenheit - des Planeten selbst. Oder, genauer, über eine Wesenheit, die beides ist: anders und zugleich nicht-anders. Denn wie wir gesehen haben, bin ich von dieser Wesenheit vollkommen umschrieben; ich bin tatsächlich einer ihrer Bestandteile. So gesehen, ist es sogar irreführend, eine Situation mit dem Begriff "Kommunikation" zu beschreiben, in der einer der Gesprächspartner vollständig ein Bestandteil des anderen ist. Mit dem Wort Kommunikation wird oft ein ausschließlich linguistischer Austausch assoziiert, obwohl in ihm Obertöne von etwas weit Bewussterem und Eigenwilligerem mitschwingen als das, was wir zu beschreiben versuchen. Hier ist ein ganz und gar ursprünglicher und viel ausdauernderer Austausch gemeint als der, den wir verbal unter uns pflegen. Wichtig ist, dass wir diese Kommunikation nicht mehr als einspurige Übertragung zufälliger Daten von einer unbewegten Welt auf den menschlichen Geist beschreiben, sondern als gegenseitige Interaktion, als Austausch zweier lebendiger Wesenheiten, nämlich meines eigenen Körpers und des gewaltigen Leibes der Biosphäre. Vielleicht ist der Begriff Kommunion (communion) im Sinne von Verbundenheit genauer als Kommunikation (communication). Wenn wir mit etwas verbunden sind, dann meinen wir damit eine tiefere, körperhaftere statt lediglich intellektuelle Kommunikation, eine Art sinnliches Eintauchen - eine Kommunikation ohne Worte. Wahrnehmung - das ganze Spiel der Sinne - ist dann die fortwährende Kommunion zwischen uns und der lebendigen Welt, die uns umfängt.

Neue Studien zur Wahrnehmung

Eine derartige Beschreibung der Wahrnehmung als wechselseitiges Phänomen, das genauso von der uns umgebenden Welt wie von uns selbst gestaltet wird, ist der zeitgenössischen Psychologie nicht neu. Aktuelle Studien in der Wahrnehmungsforschung weisen darauf hin, dass sie als interaktives Phänomen neu konzipiert werden muss. Forschungen zur evolutionären Entwicklung von Wahrnehmungssystemen unterschiedlicher Spezies legen z.B. nahe, dass diese keinesfalls isoliert von den Kommunikationssystemen der betreffenden Spezies verstehbar sind.8 Mindestens zwei der wichtigsten Forscher des 20. Jahrhunderts, die (unabhängig voneinander) über die Psychologie der menschlichen Wahrnehmung gearbeitet haben - Maurice Merleau-Ponty in Frankreich und James J. Gibson in den USA - haben bereits vor Jahrzehnten entsprechende interaktive Konzepte entwickelt. 1950 publizierte Gibson seinen Aufsatz "The Perception of the Visual World" und ließ 1966 "The Senses Considered as Perceptual Systems" und 1979 "The Ecological Approach to Visual Perception"9 folgen. Darin stellte er die traditionelle Beschreibung von Wahrnehmung in Frage, die Wahrnehmung als einen Prozess beschreibt, in dem aus einer anfangs bedeutungslosen Ansammlung sensorischer Daten (die sich z.B. aus dem Zusammenstoß von Photonen mit den Nervenzellen der Retina ergeben) eine interne Repräsentation der externen Welt geschaffen wird. Diese Darstellung geht von einer grundsätzlichen Trennung des psychisch (menschlich) Wahrnehmenden, der ausschließlich in mentalen Begriffen beschrieben wird, und der lediglich passiven Umwelt, die physikalisch beschrieben wird, aus. Gibson hielt dagegen, dass Wahrnehmung als gemeinsame Eigenschaft eines Organismus und dessen Umwelt erforscht werden müsse. Wenn wir von einer Korrespondenz zwischen einem Tier und seiner Umgebung ausgehen - seine Anhänger nannten dies "Tier-Umwelt-Synergie"-, dann sei Wahrnehmung kein indirekter Prozess innerhalb eines Organismus, sondern ein direkter Austausch zwischen dem Organismus und seiner Welt. Gibson war der Ansicht, dass sich Wahrnehmungsforscher anstelle von künstlich isolierten und statischen Versuchsbedingungen den Bedingungen der natürlichen Umwelt annähern sollten. Dann würden sie die Sinne nicht als passive Mechanismen verstehen, sondern als aktiv forschende Organe, welche die in der Umwelt bereits gegebenen dynamischen Bedeutungen erkennen. Durch diese dynamischen Bedeutungen oder Angebote (affordances), wie Gibson sie genannt hat, kommunizieren spezifische Umweltbereiche direkt mit bestimmten Arten oder Individuen. So mag es sich für einen Menschen lohnen, sich einen Ahornbaum "anzusehen" oder "darunter zu sitzen", während der Baum einem Spatzen das "Auf-ihm-Hocken" und einem Eichhörnchen das "Auf-ihn-Klettern" anbietet. Diese Werte finden sich jedoch nicht in den Gedanken der Tiere, sondern sind dynamische, gerichtete Eigenschaften der Landschaft an sich, vorausgesetzt, dass die Landschaft nicht als vom Leben getrennt begriffen wird. Wahrnehmung erklärt sich für Gibson und seine Nachfolger als wechselseitiger Austausch zwischen den Lebensintentionen eines jeden Tieres und den dynamischen Angeboten seiner Welt. Die Psyche ist im Sinne dieser Psychologen also ein Merkmal des Ökosystems als Ganzes. Maurice Merleau-Ponty war in seiner 1945 in Frankreich publizierten, umfangreichen Studie, der "Phänomenologie der Wahrnehmung", bereits zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.10 Er wollte keine in sich abgeschlossene Theorie der Wahrnehmung aufstellen, sondern sich lediglich so genau wie möglich mit der Erfahrung der Wahrnehmung auseinandersetzen und eine neue Beschreibung versuchen. Dadurch widerstand er der Versuchung, ein bestimmtes System zu konstruieren, das wir als weiteres festgefügtes Konzept zwischen uns und unsere Umwelt stellen können. Stattdessen sucht er eine Sprache, eine Art, sich auszudrücken, die unseren lebendigen Bezug zur Welt nicht unterbricht. Eine der größten Errungenschaften seiner Phänomenologie war die Erkenntnis, dass die frei fließende Kreativität, die wir sonst dem menschlichen Intellekt zuordnen, tatsächlich ein Fortführen oder Wiederholen einer tiefen, bereits auf der unmittelbaren Ebene körperlichen Erlebens vorhandenen Kreativität ist. Für Merleau-Ponty nimmt der organische, empfindsame Körper selbst - und nicht irgendein innerer und ungegenständlicher Geist - die Welt wahr und denkt sie letztendlich auch. Merleau-Ponty eröffnet uns Wahrnehmung als etwas beinahe Magisches, in dem der von ihm so genannte Leib die aktiven Bemühungen der Sinneswelt ortet und darauf reagiert. Jenseits von Sprache führt der Leib eine Art Gespräch mit der sich gebärdenden, klingenden Landschaft, die er bewohnt. Merleau-Ponty enthüllt diesen "Wahrnehmungspakt" zwischen Leib und Welt als die eigentliche Grundlage von Wahrheit in Geschichte, Politik, Kunst und Wissenschaft. In dem Buch, an dem er 1962, zur Zeit seines plötzlichen Todes, arbeitete, und das als "Das Sichtbare und das Unsichtbare"11 unvollendet posthum veröffentlicht wurde, entwickelte Merleau-Ponty seine frühere Analyse der Wahrnehmung einen Schritt weiter. Er versuchte, die tatsächliche Welt, zu der unsere Sinne uns Einlass gewähren und die wir mit unserer Vernunft und Wissenschaft untersuchen, empirisch zu beschreiben. Das für uns "Unsichtbare", so stellte er fest - der Bereich der Gedanken und der Vorstellungskraft -, ist unentwirrbar mit der metamorphen, intelligenten Natur der umhüllenden Welt verknüpft. Wenn Wahrnehmung in uns erst Denken und ein reflektiertes Bewusstsein ermöglicht, geschieht dies nicht allein im menschlichen Gehirn, sondern als offene Antwort des menschlichen Leibes auf Fragen, die durch den subtilen, selbstorganisierten Charakter der natürlichen Umwelt ständig an ihn gestellt werden. Merleau-Pontys Denken kann hier unmöglich zusammengefasst werden, doch können wir seine radikale Auflösung des traditionellen Geist-Körper-Problems nachvollziehen, indem wir schlicht die Überzeugung fallen lassen, der eigene Geist sei etwas anderes als der Leib selbst. Gelingt dies, kann man sich plötzlich völlig neu wahrnehmen - als eine magische, sich selbst fühlende Form, ein von den Zehen bis zu den Fingern und von der Zunge bis zu den Ohren wacher und bewusster Körper: eine denkende, selbstreflektierende, beseelte Präsenz. Erhält man dieses neue Bewusstsein eine Zeitlang aufrecht und bewegt sich darin, ohne es wieder zu verlieren, wird man entsprechende Veränderungen in der physischen Umwelt erleben. Vögel, Bäume, selbst Flüsse und Steine entwickeln sich zu lebendigen, kommunizierenden Präsenzen. Wenn nämlich meine Intelligenz sich selbst nicht als getrennt vom materiellen Körper wahrnimmt, sondern ihr Fundament in den Sinnen und dem Fleisch erkennt, kann sie sich nicht länger von der materiellen Welt absondern. Sobald mein Bewusstsein seinen Anspruch an eine vollkommene Transzendenz aufgibt und zugesteht, dass es dieser physischen Form innewohnt, dann erbebt die gesamte physische Welt und erwacht. Merleau-Ponty hatte in seinen früheren Arbeiten den von Grund auf verkörperlichten Charakter von Bewusstsein und Intelligenz offengelegt. Er endet damit, die Welt an sich aus Sicht des intelligenten Körpers zu erhellen - als einen wilden, sich selbst erschaffenden, durch und durch belebten Makrokosmos. Wahrnehmung wird jetzt als Chiasmus verstanden: als fortwährende Verflechtung des eigenen Fleisches mit dem "Fleisch der Welt". So erreichen sowohl Gibson als auch Merleau-Ponty, die aufgrund ihrer jeweiligen intellektuellen Traditionen einen unterschiedlichen Analysestil anwenden, ein alternatives Verständnis von Wahrnehmung, das nicht zerebrales Ereignis, sondern ein direkter und gegenseitiger Austausch zwischen dem Organismus und seiner Welt ist. Gibsons Anhänger versuchen diesen Austausch in präzisen, systematischen Theoremen zu erfassen. Merleau-Ponty suchte eine neue Sprache, die eine gemeinsame Basis für die unterschiedlichen Disziplinen bieten könnte, um Wahrnehmung als eine radikale Art der Partizipation zu verstehen. Dabei entdeckte er den verlorenen Grund all unserer Gedanken und Empfindungen, eine Ahnung von der Erde als gewaltige, unerschöpfliche Entität.12 Diese beiden Schritte zu einer post-cartesianischen Epistemologie harmonieren erstaunlich gut mit der Gaia-Hypothese und der Folgerung, dass Wahrnehmung an sich die Kommunikation oder Kommunion zwischen einem Organismus und der lebenden Biosphäre ist.

Ökologie der Sinne

Dennoch müssen wir unsere "gaianische" Definition von Wahrnehmung weiter ausführen, indem wir auf zwei offensichtliche Einwände eingehen. Manche könnten die Darstellung von Wahrnehmung als direkte Verständigung zwischen einem selbst und dem planetarischen Makrokosmos für bedeutungslos halten, da sich die Sinne in vielen Situationen nur in direktem Bezug auf einen anderen individuellen Organismus einlassen, z.B. wenn man einfach mit einer anderen Person spricht. Selbst wenn man seine Wahrnehmung auf viele verschiedene Phänomene zugleich einstellen kann, sind die Sinne, z.B. bei einer Wanderung durch den Wald, doch nur mit einer einzelnen spezifischen Region des Planeten verwoben, einer Bioregion oder einem Ökosystem, das seinen eigenen, vom Rest des Planeten unterschiedenen, inneren Zusammenhang hat. Falls Wahrnehmung also ein Verbundensein ist, kann es sich daher im besten Fall nur um eine Kommunion mit einem relativen Ganzen innerhalb Gaias handeln. Der Einwand kann jedoch nicht standhalten, denn wir dürfen jederzeit bestimmte Regionen oder Welten innerhalb Gaias definieren, solange wir anerkennen, dass Gaias enigmatische Präsenz hinter allem steht. Gaia gibt sich nur lokal zu erkennen, durch bestimmte Orte, bestimmte Ökologien. Ist aber Lovelocks Hypothese korrekt, dann ist es allein der umfassende planetare Metabolismus, der den von ihm umschlossenen unzähligen Systemen oder Ganzheiten organischen Zusammenhalt verleiht. Ein Wald-Ökosystem ist eine solche Ganzheit, eine menschliche Kultur ist eine andere. Wenn wir uns z.B. miteinander unterhalten, sind wir unmittelbar in die gesamte Sprachkultur eingebunden, die das Medium für unseren Austausch bereitstellt. Auch die Wahrnehmung selbst muss hier noch genauer betrachtet werden. Die traditionelle Forschung hat versucht, jeden einzelnen Sinn als separate und in sich abgeschlossene Modalität zu studieren. Merleau-Ponty hat jedoch bewiesen, dass Wahrnehmung in direkter Erfahrung ein durch und durch synästhetisches Phänomen ist. Mit anderen Worten sind die so genannten fünf (einzelnen) Sinne im Alltag gründlich miteinander vermischt und ineinander verwoben. Nur in abstrakter Reflexion oder im Labor des Psychologen lassen sich die verschiedenen Sinne voneinander isolieren. Wenn ich beispielsweise die Wellen wahrnehme, die sich am Strand unterhalb meiner Hütte brechen, so gibt es keine Trennung des Geräuschs, das die Wellen verursachen, von dem, was ich sehe. Das Anschwellen jeder Welle, während sie auf mich zurollt, das niederstürzende Donnern ihrer Wassermassen, bevor sie den Strand überschwemmt, nur um sich zischend und die Kieselsteine durcheinander wirbelnd wieder zurückzuziehen, um auf den nächsten Strudel zu treffen - in diesen Erfahrungen umhüllen und durchdringen sich die Modi des Sehens, Hörens und Fühlens vollständig und informieren einander wechselseitig. Dazu durchdringt der gewisse Duft des Ozeans den gesamten Austausch und verleiht ihm einen unverwechselbaren Geschmack. Man weiß sehr wenig über die rätselhaften chemischen Sinne Geruch und Geschmack. In einem Lehrbuch über Wahrnehmung findet man selten mehr als ein paar Seiten, die diesen Sinnen gewidmet sind. Sie scheinen sich einer objektiven Messung und Analyse zu widersetzen. Doch nehmen wir gerade mit diesen subtilen Sinnen das Medium, in dem wir uns bewegen, wahr. Wir riechen und schmecken die Atmosphäre, während wir atmen. Diese Wahrnehmungen sind so konstant, so notwendig und doch zugleich so unbewusst (oder vernachlässigt), dass wir sagen dürfen, sie liefern den verborgenen Kontext für den gesamten Rest unserer Wahrnehmung. Wie Lovelocks Arbeit zeigt, ist die Atmosphäre ein komplexes, aber vollkommen integriertes Phänomen, vermutlich das umfassendste aller Attribute der Erde. Indem mir bewusst wird, dass dieser Organismus, der ich bin, nicht nur Dinge durch die Atmosphäre, sondern auch die Atmosphäre an sich wahrnimmt - dass ich sie ständig rieche, schmecke und berühre, sie in den Blättern rascheln höre und sehe, wie sie sich zu Wolken auftürmt -, verstehe ich zunehmend, in welch direktem und intimem Kontakt mich meine Sinne mit dem Leben der Biosphäre als Ganzer halten. Ein zweiter wichtiger Einwand gegen unsere ökologische Sicht der normalen Wahrnehmung als konstante Kommunion mit der Erde wird von denen kommen, die darauf hinweisen, dass wir vieles wahrnehmen, das nicht Teil unseres Planeten ist - die anderen Planeten, den Mond, die Sterne und unseren eigenen Stern, die Sonne. Obwohl offensichtlich nicht falsch, stützt sich der Einwand auf die alte Annahme, dass wir auf der Oberfläche eines im Grunde genommen toten Planeten leben. Wenn wir jedoch Gaia als selbstregulierende Entität anerkennen, müssen wir die sie einhüllende Atmosphäre als einen Teil dieser Entität akzeptieren. Alles, was wir von anderen Welten wissen, erreicht uns über die prächtige und wirbelnde Atmosphäre unserer eigenen Welt, gefiltert durch die lebendige Linse des Erdenhimmels. Selbst wenn wir die Abhängigkeit des Sehsinns vom Licht, das aus der Sonne strahlt, berücksichtigen, müssen wir zugeben, dass das uns bekannte Sonnenlicht gänzlich von der Luft konditioniert wird, die die lebendige Biosphäre einhüllt und selbst Teil von ihr ist. Während Gaia auf die Nahrung von der Sonne angewiesen ist, sind wir auf Gaia angewiesen. Nur die lebendige Erde ermöglicht uns, uns über die Grenzen der Atmosphäre hinauszuwagen: Wir bewegen uns in Fahrzeugen aus Erde, die mit dem Himmel der Erde gefüllt sind - wir brauchen beides, um leben zu können. Wir sind restlos Teil des Lebens, das diesen Planeten umhüllt, und wohin wir auch reisen, stets ist die lebendige Erde als Ganze die treue Vermittlerin zwischen uns und dem restlichen Universum. Unsere Sinne lassen die Bedingungen dieser lebendigen Welt niemals hinter sich, da sie ihr direkter Ausdruck sind. Wir müssen erkennen, dass Wahrnehmung eher ein Merkmal der gesamten Biosphäre ist, statt Besitz irgendeiner einzelnen in ihr enthaltenen Spezies zu sein. Die seltsamen, Echolot-artigen sensorischen Systeme von Fledermäusen und Walen, die empfindlichen Wärmesensoren der Schlangen, die Elektrorezeptoren bestimmter Fischarten und die Magnetfeld-Sensibilität von Zugvögeln sind keine zufälligen Alternativen zu unserer eigenen Sinnespalette. Sie sind vielmehr unerlässliche Fortsetzungen unserer eigenen Sensitivität, die als Antwort auf unterschiedliche Aspekte eines einzigen, harmonischen Ganzen hervorgebracht wurden. Wird Wahrnehmung in diesem Licht betrachtet - als Interaktion und Austausch, als Kommunion und tiefe Kommunikation -, lösen sich einige der Rätsel der zeitgenössischen Psychologie von selbst. Beispielsweise wird man die Vorstellung einer "außersinnlichen" Wahrnehmung - in sich bereits ein Widerspruch - als zwangsläufige Hilfskonstruktion der modernistischen Annahme, die normale Wahrnehmung sei ein ausschließlich mechanisches Phänomen, einordnen können. Solange wir unsere Sinne nur für passive, auf eine Umwelt voller willkürlicher und zufälliger Ereignisse ausgerichtete Mechanismen halten, wird jedes Erlebnis einer direkten nonverbalen Kommunikation mit anderen Personen oder Organismen notgedrungen als bizarres Ereignis gedeutet werden, das in irgendeiner ungewöhnlichen Dimension außerhalb der materiellen Welt stattfindet. Wie aber, wenn der lebendige Körper in gesundem Zustand konstant mit dem ihn umgebenden Raum kommuniziert? Was, wenn die Sinne keine passiven Mechanismen sind, sondern aktive, forschende Organe, die sich in den Tiefen einer lebendigen Umwelt entwickelt haben? Wir müssen nur die Unmenge an chemischer Information über den wechselnden inneren Zustand eines Organismus bedenken, die ständig in die Umgebungsluft ausgeatmet, ausgestoßen und ausgedünstet wird - Information, die von den chemischen Sinnen jedes anderen Organismus in der Nähe absichtlich oder unabsichtlich aufgenommen werden kann -, um das Ausmaß der subtilen Kommunikation zu erkennen, die von unseren Körpern auf einer ausschließlich vorgedanklichen Ebene geführt wird. Auf ähnliche Weise sind unsere Augen und Ohren zu wesentlich subtileren Unterscheidungen in der Lage als die, mit denen wir uns normalerweise befassen. Betrachten wir diese Organe zusammen mit den Geschmacks-, Geruchs- und Tastorganen als interaktive Bestandteile eines einzigen synästhetischen Wahrnehmungssystems, wird klar, dass der lebendige Körper über eine natürliche Hellsichtigkeit verfügt und dass die so genannte außersinnliche Wahrnehmung alles andere als außersinnlich ist.

Eine psychologische Ökologie

Das Konzept einer die Erde einhüllenden lebendigen Biosphäre stellt die Lösung zahlreicher theoretischer Dilemmata in Aussicht. Bisher habe ich mich auf das Paradox konzentriert, das aus der Annahme folgt, innerhalb der physischen Welt sei Bewusstsein ein ausschließlich menschliches Attribut. Existierte die Welt allein auf der Grundlage mechanischer Gesetze von Zufall und Determination, worin läge der Sinn des Zusammentreffens einer solchen Welt mit dem menschlichen Bewusstsein? Anders gefragt, was ist Wahrnehmung? Ich habe vorgetragen, dass die äußere Welt faktisch nicht leer von Bewusstsein sein kann - dass sie vielmehr aus zahlreichen subjektiven Erfahrungen, die über diejenigen unserer eigenen Spezies hinausgehen, besteht - und dass diese Unzahl biotischer, menschlicher und nichtmenschlicher Erfahrungs- oder Lebensformen ein kohärentes globales Erfahrungsganzes - oder Leben - begründet, das nicht ohne eigene Kreativität und eigenes Empfindungsvermögen ist. Wenn die Dinge so liegen - und die Beweise für Gaia zeigen dies -, ist Wahrnehmung nicht länger ein Paradox. Die bisher angenommene absolute Trennung von "innerer" und "äußerer" Welt löst sich auf. So wie die äußere Welt mathematisch gemessen und analysiert wird, ist auch die innere Welt ähnlichen Forschungsmethoden ausgesetzt, wie der boomende Bereich der Neurobiologie belegt. Das Gegenteil ist aber ebenso richtig: So wie die innere Welt unserer psychologischen Erfahrungen viele mehrdeutige und nicht genau festzulegende Qualitäten hat, entblößt die äußere Welt jetzt ihre eigene Unschärfe und Subjektivität - gewissermaßen ihre eigene Innerlichkeit. Wahrnehmung ist dann schlicht die Kommunion und tiefe Kommunikation zwischen unserer eigenen organischen Intelligenz und der Kreativität, die uns umgibt.
Die Anerkennung des Effekts der Gaia-Hypothese auf die Wahrnehmung stellt, wie ich meine, eine notwendige Voraussetzung für ihre ernsthafte Beurteilung dar. Ohne ein Bewusstsein für Gaia als genau diese unsere Welt, auf die wir uns nicht nur mit wissenschaftlichen Instrumenten, sondern mit Augen, Ohren, Nasen, unserer Haut einlassen - ohne die subjektive Entdeckung Gaias als sinnliche, wahrnehmbare und psychologische Kraft -, könnten wir Lovelocks Entdeckung allzu leicht nur in rein biochemischen Begriffen verstehen; sie wäre bloß eine weitere wissenschaftliche Abstraktion, die für unsere Zwecke manipulierbar und technisch instrumentalisierbar ist. Gaia von innen heraus als psychologische Präsenz anzuerkennen, beschränkt in hohem Maß den Grad, bis zu dem wir das Leben dieses Planeten absichtsvoll für unsere Ziele verändern und uns seiner bedienen dürfen. Der theoretische Diskurs unserer Zeit hat uns weitgehend der Welt unserer alltäglichen Sinne entfremdet. Stattdessen plaudern wir locker über abseitigste Realitäten. Andere Galaxien, schwarze Löcher, die Geburt des Universums und der Ursprung von Raum und Zeit scheinen völlig einleuchtende Tatsachen zu sein. Gaia jedoch - als Realität, die uns umfasst, als Phänomen, in und aus dem wir unmittelbar existieren - weist uns auf die Inkonsistenzen solcher Reißbrettspiele hin. Gaia ist keine Formel - sie ist unser eigener Körper, unser Fleisch und Blut, sie ist der Wind, der uns in die Ohren bläst, und der Habicht, der über uns kreist. Wird Gaia so mit den Sinnen verstanden, ist sie bei weitem größer, weitaus geheimnisvoller und der Ewigkeit näher als alles, was wir je zu ergründen hoffen dürfen. Wie gesagt, dürfte der radikalste Ansatz der Gaia-Hypothese ihr Augenmerk auf die Luft sein. Es geht um das Bewusstsein, dass die Atmosphäre selbst ein stoffliches, geheimnisvolles Phänomen ist, zwar unsichtbar, doch von großem Einfluss. In der Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner ist die Luft oder der Wind die heiligste aller Mächte. Sie ist das unsichtbare Prinzip, das sowohl in uns als auch um uns herum zirkuliert, das die Gedanken aller atmenden Dinge anregt, während es die schwankenden Bäume und die Wolken bewegt. Tatsächlich wurden die Wörter für Geist oder Psyche in zahllosen Sprachen vom gleichen Stamm abgeleitet wie die Wörter für Wind und Atem. So sind im Englischen die Wörter "Geist" (spirit) und "Atmung" (respiration) durch ihre gemeinsame Abstammung vom lateinischen spiritus verwandt, das "Atem" bedeutet. Genauso hat unser Wort "Psyche" mit all seinen neueren Abwandlungen seinen Ursprung im altgriechischen psychein, was soviel wie atmen oder wehen (wie der Wind) bedeutet. Sollten wir je einen fiktiven zukünftigen Menschen nach der wahren Bedeutung des Wortes "Geist" fragen, so könnte er oder sie antworten: "Wie dir jede post-industrielle Seele sagen wird, ist Geist nur ein anderes Wort für die Luft, den Wind oder den Atem. Die Atmosphäre ist der Geist, das subtile Bewusstsein dieses Planeten. Wir wohnen alle im Geist der Erde, und dieser Geist kreist in uns. Unsere individuellen Psychen und unsere jeweilige Subjektivität sind nichts anderes als der innere Ausdruck dieses unsichtbaren Bewusstseins, der Luft, der Psyche dieser Welt. Und unsere gesamte Wahrnehmung, die unmerkliche Arbeit unserer Augen, unserer Nasenflügel, unserer Ohren und unserer Haut, ist nichts anderes als unsere unausgesetzte Kommunikation und Kommunion mit dem Leben des Ganzen. Wie wir mit unserem Atem zum fortwährenden Leben der Atmosphäre beitragen, so nehmen wir auch an der Entwicklung der uns umgebenden lebendigen Gewebe und Farben durch unser Sehen und Hören, durch wirkliches Berühren und Schmecken teil und leihen unsere Vorstellungskraft dem Schmecken und der Gestaltbildung der Erde. - Übrigens: Die Spinnen tun dies selbstverständlich genauso.