Was ist noetische Wissenschaft?

Willis Harman beschreibt die Ziele des IONS

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Was eigentlich heißt "noetische” Wissenschaft, und worin liegt ihre Bedeutung? Willis Harman meint, mit den noetischen Wissenschaften erhielten die klassischen Wissenschaften die nötige Ergänzung, um dem Menschen und der Welt ihre spirituelle Seite wiederzugeben, die im mechanistischen Weltbild zunehmend verloren gegangen ist.

Von Willis Harman
Was eigentlich heißt "noetische” Wissenschaft, und worin liegt ihre Bedeutung? Es ist wichtig, dass wir uns von Zeit zu Zeit erinnern, worin die Signifikanz des Unterfangens liegt, auf das wir uns gemeinsam eingelassen haben, und dabei gleichzeitig einzuschätzen, an welcher Stelle wir uns im Moment befinden.
Eine neue Wissenschaft erobert die Welt, eine Wissenschaft des menschlichen Minds, die viel umfassender ist als die heute bekannte Psychologie. Wir sind übereingekommen, diese Wissenschaft nach dem griechischen Wort für intuitives Wissen und Erkenntnis "noetisch" zu nennen. Vielleicht ist es zu einem gewissen Grad nicht ganz angemessen, von einer gänzlich neuen Wissenschaft zu sprechen; wir beziehen uns deshalb besser auf eine Betonung noetischer Aspekte innerhalb der menschlichen Wissenschaften. Dennoch sollte die radikale Natur dieser Entwicklung keinesfalls unterschätzt/unterbewertet werden. Sie stellt die zweite Stufe eines zweistufigen Prozesses dar.
Die erste Stufe - der Siegeszug der modernen, materiell ausgerichteten Wissenschaft - bedeutete einen sehr wichtigen evolutionären Sprung in der Geschichte des Menschen. In ihrer Essenz verkörpert die Wissenschaft den bemerkenswerten Vorschlag, dass das Wissen über die objektiv wahrgenommene Welt nicht auf religiösen oder traditionellen Glaubenssätzen basieren sollte und auch nicht ausschließlich einer elitären Priesterschaft zugänglich sein darf, sondern vielmehr auf der Grundlage der Empirik und der öffentlichen Verifizierung stehen und jederzeit jedermann zugänglich sein muss. Es gibt also nicht eine russische Chemie und eine amerikanische Chemie oder etwa hinduistische Physik und christliche Physik. Es gibt nur DIE EINE Wissenschaft - das ist der beste derzeit verfügbare Rahmen für empirische Beziehungen und konzeptuelle Modelle, der außerdem ständig der öffentlichen Prüfung durch allgemein vereinbarte (standardisierte) Verfahren (Kriterien) unterliegt.
Das Ziel der eben erst begonnenen zweiten Stufe ist die Erschaffung eines ähnlich umfangreichen Wissensschatzes über das Reich der subjektiven Erfahrung, der ebenso auf Empirik und allgemein anerkannter Gültigkeit beruht. Zum ersten Mal in der Geschichte fangen wir an, einen immer weiter wachsenden, progressiv fundierten Erfahrungsschatz vom inneren Leben der Menschheit anzulegen - insbesondere vom immerwährenden Wahrheits- und Weisheitskern aller großen religiösen Traditionen und gnostischen Gruppen. Zum ersten Mal besteht die begründete Hoffnung, dass dieses Wissen zu einem lebendigen Erbe der gesamten Menschheit werden könnte - und eben kein Geheimwissen bleibt, welches sich immer wieder in Dogmatisierung und Institutionalisierung verliert, oder in die verschiedensten Kulte und Okkultismen degeneriert ...
Diese Erweiterung der wissenschaftlichen Vorgehensweise, die wir mit dem Begriff "noetisch" beschrieben haben, unterscheidet sich in einer Reihe von Punkten von der materialistischen Wissenschaft der Vergangenheit: In ihrem Kern befasst sie sich zunächst einmal mit der subjektiven Erfahrung, während die materialistische Wissenschaft fast ausnahmslos die objektive, sensorische Erfahrung beschrieb. Die reduktionistischen Modelle der materialistischen Wissenschaft ergänzt sie durch holistische, ganzheitliche Modelle; zu den deterministischen Erklärungsversuchen bestimmter Ereignisse (und Vorgänge) fügt sie teleologische Erklärungen, die versuchen, eventuell dahinterstehende Absichten zu berücksichtigen. Während die materialistische Wissenschaft Werte weitestgehend unbeachtet ließ, stellt die noetische Wissenschaft wertebezogene Themen in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Die materialistische Wissenschaft tendierte dazu, Wissen zu testen, indem sie beobachtete, ob es zu der Fähigkeit führte, bestimmte Ereignisse vorherzusagen und somit zu kontrollieren; während sich bisher zwar noch kein Konsens über die Bewertung der noetischen Wissenschaften herausbilden konnte, ist indes zumindest schon klar, dass dieser eher mit Verständnis als mit Vorhersagbarkeit und eher mit Verbindung als mit Kontrolle zu tun haben wird.
Des weiteren kann angenommen werden, dass die noetische Wissenschaft sich in vollkommen anderer Weise entwickeln wird, als die materialistische Wissenschaft dies getan hat. Letztere befasste sich mit wirklich neuartigen Entdeckungen, und so verwundert es nicht, dass der Grad der Veränderung in der Sichtweise der Kultur in der Regel immer hinter dem neu entstandenen Bewusstsein der Wissenschaftler hinterherhinkte. Im Falle der neuen Wissenschaft der subjektiven Erfahrungen ist das umgekehrt. Zumindest teilweise haben wir es hier mit der Wiederentdeckung bestimmter Wahrheiten zu tun, die in gewissem Sinne immer und immer wieder neu entdeckt worden sind, und die deshalb ihre Spuren viel schneller in der gesamten Kultur hinterlassen konnten als in der wissenschaftlichen Gemeinde. Veränderungen in der Weltsicht einer Kultur ziehen zumeist auch entsprechende Veränderungen in den Wissenschaften nach sich. Als Beispiele seien hier die Rolle psychologischer Einstellungen wie das Vertrauen in Heilung genannt, oder die Überzeugung von der Existenz einer spirituellen Realität, die mit bestimmten erweiterten Bewusstseinszuständen einhergeht.
Weil die noetische Wissenschaft zumindest teilweise aus einem Prozess der Wiederentdeckung besteht, ist es möglich, vorherzusagen, worin einige ihrer essentiellen Charakteristika liegen werden. Die neue Wissenschaft ist nicht wirklich neu. Sie besteht aus dem esoterischen Kern aller Weltreligionen - des Ostens wie des Westens, des Altertums (der Tradition) wie der Moderne - der nun "exoterisch", d.h. öffentlich zugänglich wird. So wie Aldous Huxley die "ewigwährende Weisheit" beschreibt, "anerkennt [diese] eine göttliche Realität, die sich in der Welt der Dinge, der Leben und des Minds verwirklicht ..., [sie] findet in der Seele eine ähnliche, oder sogar identische göttliche Realität ... und sieht das letztendliche Ziel der Menschheit im Wissen um den innewohnenden und transzendenten Gott aller Wesen."
Ob es nun aus der Extrapolation von Biofeedback-Training, aus Phänomenen der Psyche und aus deutlichen Hinweisen auf einen psychosomatischen Ursprung von Krankheit hervorgeht, oder ob es sich aus einer plötzlich gemachten intuitiven Erfahrung erschließt - die fundamental tiefe Einsicht scheint jeweils in der Erkenntnis zu bestehen, dass man selbst in einem nicht unbedeutenden Sinne "Ursprung und Schöpfer" ist: In einem gewissen Sinn, der viel fundamentaler ist, als die konventionelle Psychologie unterstellen mag, erschafft unser Glaubenssystem Realität.
Die Tatsache, dass die Schlüsselcharakteristika des aufkommenden Wissens vorhersagbar sind, ist von hoher Bedeutung. Das heißt nämlich, dass es keine Notwendigkeit gibt, erst jahrzehntelang warten zu müssen, bis die neue Wissenschaft langsam eine definitivere Form annimmt, bevor man endlich auf der Basis ihrer Prinzipien zu handeln vermag. Der Einfluss dieser Prinzipien kann nämlich bereits heute auf soziale oder wirtschaftliche Entscheidungen gelenkt werden.
Heute wird allseits die Tatsache eingestanden, dass die Industriegesellschaft sich in einer sich zuspitzenden Krise befindet. Die Wahlmöglichkeiten im Hinblick auf Energie, Umwelt, Technologiekontrolle, Wachstum, Beschäftigung, Landnutzung, ökonomische Anreize/Antriebe, oder die Rolle der Regierung und der Businesswelt scheinen zunehmend aus Kompromissen zu bestehen, die immer ungenießbarer wirken. Das scheint wiederum auf eine zugrundeliegende fundamentale Richtungsänderung hinzuweisen. Die westliche Politiktradition - die mit der jüdisch-christlichen Ethik auf einer Kraft basiert, die selbst im Niedergang begriffen ist, seitdem das Paradigma der Ära der Industrialisierung an Einfluss gewann - ist zerfressen von Selbstzweifeln. Immer weitere Nationen ziehen sich vom demokratischen Verständnis zurück. Die aktuellen politischen, ökonomischen, ökologischen und sozialen Krisen sind jedoch nur Reflexionen einer zugrundeliegenden moralischen und spirituellen Krise der industrialisierten Zivilisation. Die Überwindung dieser offen zutage tretenden Krisen hängt untrennbar mit der Überwindung der moralischen und spirituellen Krise zusammen.
Eine noetische Wissenschaft - eine Wissenschaft des Bewusstseins und der Welt der inneren Erfahrung - ist der derzeit vielversprechendste Rahmen, innerhalb dessen jene fundamentale moralische Forschung weiterverfolgt werden kann, die stabile menschliche Gesellschaften immer schon in den Mittelpunkt ihrer Angelegenheiten stellen mussten. Wir tun gut daran, uns in Erinnerung zu rufen, dass dieses Land jenem Wissen immer - von Anfang an - in deutlicher Weise einen zentralen Platz zugewiesen hat: symbolisiert in dem alles-sehenden Auge im Großen Siegel auf der Rückseite der Dollarnote.
In der öffentlichen Wahrnehmung zeichnet sich eine zunehmende Akzeptanz der Notwendigkeit einer noetischen Betonung in der menschlichen Wissenschaft ab. Wichtiger noch: es existiert eine weitverbreitete Anerkennung der Notwendigkeit eines tiefergehenden Verständnisses unserer spirituellen Natur und des Verständnisses von den essentiellen Zielen und Charakteristika einer wirklich menschlichen Gesellschaft.
Der Artikel erschien ursprünglich im Noetic Sciences Review Nr. 48, Übersetzung von Jochen Schilk.