Göttliche Steine

Können geomagnetische Felder religiöse Erfahrungen auslösen?

von Anne Silk erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Nachdem wir in der Rubrik Neue Wissenschaften zuletzt weite Ausflüge in den Kosmos unternommen haben, wenden wir wir uns wieder einmal der "messbaren" Welt zu. Anne Silk forscht über Geomagnetismus und berichtet über die seit alters her verehrten Meteore und Basaltsteine. Dass magnetische Felder die Aktivität des Gehirns beeinflussen, ist neurophysiologisch nachvollziehbar, doch was schließlich eine Erfahrungen zu einem religiösen Erlebnis werden lässt, bleibt wohl immer ein Rätsel.

Die Wissenschaft ist kein feststehender, statischer Tatsachenkomplex - sie ist eine dynamische intellektuelle Vorgehensweise mit dem Ziel, Kenntnisse über die Natur zu gewinnen. Sie baut auf einer rationalen Methodik auf: Es werden Beobachtungen gemacht und erklärende Hypothesen gebildet, die dann auf Grundlage sorgfältiger Arbeit bestätigt oder widerlegt werden. Aber die Zeit und neues, in andere Richtungen weisendes Beweismaterial können bei jedem Modell zu Rissen in der Fassade führen. Dabei ist es gleichgültig, ob die Beweise aus der Geologie, der Technik oder der Religion stammen. Ein Beispiel für diese Art von neuem Beweismaterial sind die ungewöhnlichen Reaktionen des Menschen auf den magnetischen Gradienten. Man weiß, dass Magnetfelder unabhängig von ihrem Ursprung Auswirkungen auf das menschliche Gehirn und die Wahrnehmung haben. Wenn diese Wirkung mit der Verteilung von magnetischem Gestein und Gebieten mit bekanntermaßen starkem Erdmagnetismus, einschließlich Meteoriten, in Wechselbeziehung gebracht werden, dann sind viele scheinbare Anomalien plötzlich logisch (Wadas 1991). Einer der ersten, der sich mit Naturphänomenen beschäftigte, war Lucretius. Er schrieb: "Wenn Jupiter den Blitz geschickt hat, warum sollte er seine Blitzstrahlen dann so verschwenderisch auf das Meer, zu seinen Tempeln und den hohen Bergen, den Wäldern und Bäumen schicken?" Blitze können Magnetismus erzeugen. Man hat nachgewiesen, dass Basaltfelsen in der Nähe eines Blitzableiters nach einem Blitzschlag dauerhaft magnetisiert werden. Dabei fällt die Stärke des Magnetfeldes mit zunehmender Entfernung vom Ort des Blitzschlags deutlich ab. Sich an oder dicht unter der Erdoberfläche befindliches Gestein kann daher nach einem Blitzschlag stark magnetisiert sein. Es gibt auch natürliche magnetische Minerale, wie Magnetit, Hämatit, Magnetkies (Pyrrhotin) und Eisenstein. Die Magnetfelder dieser Minerale können bis zu 200000 Nanotesla erreichen, ein Vielfaches des natürlichen Magnetfelds der Erde. Basaltadern und -intrusionen können Tausende und Zehntausende Nanotesla erzeugen (Milsom 1989).

Forschungsgebiet Geomagnetismus

Geophysiker können diese Hot Spots erkennen und entsprechend berücksichtigen. Der Durchschnittsmensch hingegen merkt es nicht, wenn er über einen solchen Bereich geht oder sogar darüber lebt. Dennoch kann der Magnetismus eine bemerkenswerte Wirkung auf ihn haben. Der menschliche Körper unterliegt einem so genannten magnetischen Gradienten, der die körpereigenen Magnetosome und Magnetitteilchen beeinflusst (Kirschvink 1996). Die Untersuchung des Geomagnetismus verbindet Geologie und Archäologie. 1963 wurde nachgewiesen, dass ein Sandstein-Bergrücken bei Newport (Rhode Island, USA) magnetisiert war. Man entdeckte zahlreiche schmale Magnetitbänder, die eine Kompassnadel um 10 Grad ablenken konnten. An einer nur knapp 0,1 Quadratmeter großen Stelle wurde die Nadel sogar um 180 Grad abgelenkt (Agron 1963). Die Geophysiker waren nicht die ersten, die diesem Ort eine besondere Kraft zusprachen - Newport war früher ein heiliger Ort der Indianer. Manchmal weist der Geomagnetismus auch auf archäologische Stätten hin. San Lorenzo im mexikanischen Staat Veracruz war ein frühes Kultzentrum der Olmeken (1200 v.Chr.). Im Mai 1993 befand sich die Geologin Dr. Guillen von der University of New Mexico auf dem Rückweg von einer Feldstudie, als ihr Geomagnetometer "wie verrückt zu summen begann". Sie ließ ihr Team an der betreffenden Stelle graben, und nachdem wenige Dezimeter Erde entfernt worden waren, entdeckten sie einen knapp 2 m hohen Olmekenkopf, der auf 900 v. Chr. datiert wird. Die Olmeken meißelten diese Köpfe aus schwarzem Basalt, einem sehr schwer zu bearbeitendem Material, und vergruben sie sorgfältig. Spielten dabei die magnetischen Eigenschaften des Gesteins eine Rolle? In der alten Welt finden wir mit Hilfe von Geschichtsforschung und Archäologie Beispiele für die Verehrung magnetischer Steine. Große rohe bzw. unbehauene Steine kannte man in der Antike als Betyle. Dieses Wort wurde aus einer semitischen Sprache entlehnt. Das arabische beit und das hebräische beth bedeuten beide "Haus von", und El heißt "Gott". Also ist Betyl der "heilige Stein, in dem der Gott wohnt" (griechisch baitylos). Der hebräische Ortsname "Bethel" hat dieselbe Bedeutung. Viele dieser "Häuser Gottes" schienen vom Himmel gefallen zu sein und galten daher als Geschenk der Götter. Das waren sie auch, denn sie hatten eine seltsame Eigenschaft - sie waren magnetisch. Bei den schwarzen, vom Himmel gefallenenen Steinen, die in Heiligtümern aufgestellt wurden, kann es sich nur um Meteoriten handeln. Davon gibt zwei Arten: Eisenmeteorite bestehen aus 90% Eisen, 8% Nickel sowie kleineren Anteilen Kobalt, Phosphor und sonstigen metallischen Spurenelementen. Steinmeteorite dagegen bestehen aus 36% Sauerstoff, 26% Eisen, 18% Silicat, 14% Magnesium und anderen Metallen. Die Anteile variieren leicht von Meteorit zu Meteorit. Ein Meteoriteneinschlag wird wegen der Stoßwellen in der Atmosphäre von einem lauten Knallen angekündigt, das sehr gut als die Stimme der Götter gedeutet worden sein kann. Bei Tageslicht ist ein Meteorit am Himmel ein dramatischer Anblick, er sieht aus wie ein Feuerball mit einem kometenähnlichen Lichtschweif. Der berühmteste schwarze Stein in einem Heiligtum ist eindeutig der in der Kaaba in Mekka eingemauerte Meteorit. Es gab aber noch viele andere. Entsprechende Funde wurden im Tempel von Kapernaum im heutigen Israel und im Tempel der Cybele im alten Phrygien gemacht. Sie kommen in Syrien und Ägypten vor, im Tempel des Elagabal in Homs (dem Emesa der Antike) und in dem wesentlich älteren Tempel des Atum, wo der Meteorit "Benben" genannt wurde. Ein weiterer befindet sich auf Kreta in der minoischen Ruinenstätte Phaistos. Auf dem griechischen Festland befanden sich Steine mit ähnlichem Ruf im Tempel des Zeus in Olympia und im Apollon-Tempel in Delphi. Diese Praxis wurde zusammen mit anderen Elementen der griechischen Kultur nach Italien exportiert. Der Überlieferung zufolge fiel der Meteorit der Kaaba mit Adam aus dem Paradies und wurde Abraham von einem Engel übergeben. Hier könnte es sich jedoch um eine islamische Interpretation eines bereits in vorislamischer Zeit von Wüstenstämmen wie den Nabatäern praktizierten Steinkults handeln. Dieses Volk stammte ursprünglich aus dem Süden der Arabischen Halbinsel und zog später entlang der Handelsrouten nach Norden. Ein Heiligtum der Nabatäer ist Mada’in Salih, das in einen gewaltigen Felsen gehauen wurde. Lange Gänge führen zum Ende des Tempels, wo sich ein quadratischer Stein befindet. Auch viele der benachbarten Kulthöhlen sind mit Betylen bestückt, Steinen, die als Sitz einer Gottheit gelten. Meteoriten schlugen an vielen Orten in Arabien ein. Einer der größten befindet sich in Al Hadidah in der Wüste Rub al Khali (Leeres Viertel) in Saudi-Arabien, wo in den Kratern Eisen und Basalt vorkommen. Basalt findet sich auch in den erloschenen Burkan-Vulkanen in den neun als Harrat bezeichneten vulkanischen Steinwüsten in Saudi-Arabien.

Außergewöhnliche Erfahrungen

Magnetit, Hämatit und Magneteisenstein sind von Natur aus magnetisch. Basalt dagegen kann nach einem Blitzschlag magnetisch werden (Burks 1989). Das Britische Museum in London beherbergt viele alte magische Edelsteine und Amulette, von denen einige aus Hämatit bestehen und mindestens eines aus Basalt. Auf einem dieser Exponate steht auf der Rückseite das Wort "Macht". Ein anderes ist aus Hämatit und trägt die einfache Inschrift "Für die Hüften". Es gibt ähnliche Amulette für den Rücken und zur Schmerzlinderung; fast alle sind aus Hämatit. Auch Meteoriten wurden für Heilzwecke verwendet. In Griechenland wurden sie als keraunia oder "Donnersteine" bezeichnet, bzw. in Arkadien als krattitira, und ihnen wurden Heilkräfte zugesprochen. Schon vor langer Zeit wurde entdeckt, dass es eine Verbindung zwischen der menschlichen Psyche und magnetischen Steinen gibt. Im Jahr 1600 schrieb William Gilbert, dass "Magneteisenstein mit einer Art von Dämpfen große Auswirkungen auf den Geist haben kann" (De Magnete). Heute untersuchen viele Wissenschaftler mit Hilfe von künstlichen Magnetfeldern in Labors, welche Wirkung diese auf das menschliche Gehirn haben. Es wurde bereits gezeigt, dass die Menschen unterschiedlich stark darauf reagieren. Die Gründe dafür sind allerdings ziemlich komplex. Wenn sich der Kopf in einem Magnetfeld befindet, insbesondere, wenn die Quelle in der Nähe der Schläfenlappen liegt, dann haben rundum gesunde Menschen äußerst seltsame Wahrnehmungen (Koren, Persinger, Ruttan 1990). Sie berichten von dem Gefühl einer Präsenz, als ob sich jemand Unsichtbarer in ihrer Nähe befände, von lebendigen virtuellen Bildern in leuchtenden Primärfarben, von dem Gefühl, in der Luft hoch oder rückwärts zu fliegen, von starken Gerüchen, sowohl angenehm duftenden als auch scheußlichen, und von verschiedenen bizarren Sinneseindrücken. Diese können akustisch (man hört Gesang, Musikfetzen oder Stimmen, auch Stimmen, die den Namen rufen, obwohl man allein ist), taktil (das Gefühl, berührt oder geschubst zu werden) und visuell sein (man sieht leuchtend weiße Lichter, Sterne, Mauern, Leitern und andere Formen). Diese Art von Berichten findet man häufig in der zeitgenössischen Wissenschaft, aber auch in sämtlichen Religionen. Vor kurzem haben Neurologen in den USA im Gehirn den so genannten God Spot ("Gottesmodul") entdeckt. Wenn dieser Bereich durch Wirbelströme stimuliert wird, entsteht ein Gefühl von außergewöhnlicher Religiosität. Man weiß auch, dass bei einer Spannungsspitze der endogenen Gehirnwellen von 24 Hz ähnliche Gefühle aufkommen. Die Probanden berichten, dass sie sämtliches Wissen der Menschheit besaßen, aber anschließend können sie sich nie genau daran erinnern (Locke 1966).

Neurologischer Hintergrund

Der als Hippocampus bzw. Ammonshorn bezeichnete Teil des Großhirns ist ein Wandler für elektromagnetische Energie und verfügt über eine durch einen starken Stromfluss gelenkte, in eine Richtung verlaufende Nervenaktivität. Dieser Teil des Gehirns kann Veränderungen der Feldstärke des Magnetfeldes erkennen, indem er diese Veränderungen auf Bahnen zum Hypothalamus führt und von dort zu der Hypophyse und dem Hippocampus. Die Nervenaktivität im Hippocampus erhöht sich bei elektrischer Stimulation und kann maximal 10 bis 15 Hz erreichen, was zufällig leicht über der Schwingungsfrequenz des Erdmagnetfelds liegt. Man spricht von "unkontrollierter Umgebung" wenn Menschen, ohne es zu merken, Energiefeldern ausgesetzt sind, über die sie keine Kontrolle haben. Diese Energiefelder können künstlichen Ursprungs sein oder eine Folge von Erdbeben und anderen Naturphänomenen. Die Weltgesundheitsorganisation verwendet gegenwärtig den Ausdruck Hot Spot zur Bezeichnung eines lokal begrenzten Bereichs mit signifikant erhöhten Werten der elektrischen oder magnetischen Felder. Sie zeichnen sich durch eine äußerst schnelle räumliche Veränderung der Felder aus und beeinflussen den Menschen typischerweise bei Teilkörperexposition. Bei 10-200 MHz fungiert der menschliche Körper als Antenne: Die Reaktion hängt im Detail von der Erdung, der Koppelung und der Höhe ab. Die Bandbreite von 10-200 MHz wird heute häufig bei Radio- und TV-Übertragungen verwendet, kommt aber auch bei natürlichen geophysikalischen Signalen vor. Niederfrequente Magnetfelder dringen leicht in den Körper ein und bringen vorhandene Wirbelströme dazu, in ihm zu fließen. Sind diese stark genug, stimulieren sie Nerven und Muskeln, und auch andere biologische Vorgänge werden beeinflusst. Beim Sehvermögen und den anderen Sinnen treten sowohl subklinische als auch klinische migräne- und epilepsieartige Syndrome auf. Dabei kommt es nicht notwendigerweise zu Anfällen oder extremen Schmerzen. Vielmehr können - wie bei den oben beschriebenen Experimenten von Persinger - helles Licht, ein Gefühl von Anwesenheit, ein kräftiger Geschmack oder Geruch wahrgenommen werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Körper eine natürliche statische Ladung besitzt, etwa 100 V/m für jeden Meter, den wir uns über dem Erdboden befinden. Ein 1,85 m großer Mann besitzt eine Ladung von 200 V/m, und wenn er die Arme über dem Kopf ausstreckt, steigt die Ladung in Richtung 300 V/m. Wenn man sich in die Höhe begibt - auf Hügel, Berge, Türme -, dann steigt die Ladung des Körpers dramatisch. Das Gegenteil tritt ein, wenn man sich dem Boden nähert, beispielsweise wenn Christen sich zum Gebet niederknien, Muslime mit der Stirn den Boden berühren oder wenn man sich auf den Boden wirft. Dann erden wir uns regelrecht, und die überschüssige Ladung wird entladen. Die Erde verfügt über ihre eigene geostatische Ladung (Stacey 1977). Diese Ladung ist an bestimmten Orten - über Gestein mit Verwerfungen, nach Blitzschlag in der Nähe von Basalten und an Stellen, wo Meteoriten aufgeschlagen sind - außerordentlich hoch. Man erkennt solche Orte indirekt über deren Wirkung auf die Psyche. Es gibt zahlreiche und unterschiedliche Berichte, z.B. von Bergsteigern, die das Gefühl haben, von jemand, der nicht zu ihrer Gruppe gehört, begleitet zu werden. Diese Bergsteiger leiden dann nicht nur wahrscheinlich an Sauerstoffmangel (Anoxie), sondern sie sind auch im wahrsten Sinne des Wortes (elektrisch) stark geladen. Diese natürlichen, endogenen Wirkungen werden wahrscheinlich von Wirbelströmen im Gehirn verursacht, die wiederum von externen Quellen ausgelöst werden. Was aber hat das mit religiösen und magischen Erfahrungen zu tun? Magnetische Gegenstände können, wenn sie an den Kopf gehalten werden, Wirbelströme auslösen, insbesondere, wenn das Ritual in einem Gebiet mit einem starken geomagnetischen Feld stattfindet. Dann sind auch die am leichtesten für das Ritual verfügbaren Steine magnetisch - Magneteisenstein oder Basalt. Gibt es hier eine Parallele zu dem Ajna-Chakra der Hindus, dem dritten Auge, das sich zwischen und hinter der Mittellinie der Augenbrauen befinden soll? Genau dort befindet sich die Siebbeinhöhle (Sinus ethmoidalis), und die Wände dieses kleinen Organs enthalten Magnetitkristalle. In einem starken Magnetfeld drehen sich diese winzigen Magnetosome bzw. richten sich neu in Feldrichtung aus, was einen kurzen, stechenden Schmerz in der Stirn verursacht (Baker 1983).

Sensible Bereiche

Die Siebbeinhöhle ist nicht der einzige Bereich im Gehirn, der mit tiefen oder mystischen Gefühlen zusammenhängt. Im Schläfenlappen liegen mehrere verwandte geistige Funktionen dicht beieinander. Im oberen Teil des Schläfenlappens befindet sich das Hörzentrum und in der Nähe der Bereich für vestibuläre Empfindungen. Dies sind die Empfindungen, die nur unter unangenehmen Bedingungen auftreten, z.B. wenn uns schwindelt oder es uns übel wird. Auch das Riechzentrum befindet sich im Vorderhirn, in der Nähe der Area septalis und der Area praeoptica. Der Schläfenlappen löst aber noch weitere, tiefere Reaktionen aus. Wird er elektrisch gereizt, dann entsteht eine Vielzahl von Gefühlen, die von dem stimulierten Bereich oder den Energiewirbeln abhängen. Beispiele für diese Gefühle sind: panische Angst und Entsetzen, ein Gefühl von absoluter Isolation und Einsamkeit, allein im Universum zu sein, ein Gefühl von Anwesenheit sowie Gefühle, die von Euphorie bis hin zu großer Besorgnis reichen können. Bei vielen dieser Reaktionen gibt es religiöse und mystische Untertöne. Natürliche Magnetfelder sind nicht konstant. Sie werden durch den flüssigen Eisenkern, der sich im Mittelpunkt der Erde dreht, hervorgerufen. Daher werden sie durch die Erdumdrehung und auch solare elektrische Ströme sowie astronomische Ereignisse beeinflusst. Elektrische Ströme von außen fließen durch die Erde und werden durch Erdströme verstärkt. Wenn wir verstehen wollen, welche Bedeutung dies für Verhalten und Wahrnehmung des Menschen hat, müssen wir die Vorstellung der Römer vom Genius Loci, dem Geist des Ortes, zu Hilfe nehmen.

Kategorien magnetischer Anomalien

Bekanntlich gibt es Orte, wo Menschen und Tiere sich anders fühlen und verhalten als sonst. Bei vielen dieser Orte handelt es sich um so genannte Punkte mit magnetischer Anomalie, die in fünf Kategorien eingeteilt werden (Parasnis 1986):
- kreisförmige Strukturen mit viel granitischen Gesteinen, z.B. die Aran-Inseln oder das Glencoe-Tal in Schottland,
- lange, schmale Anomalien, beispielsweise Gesteinsadern, Scherungen und gefaltete Schichten,
- Dislokationen, die in Gebieten mit Verwerfungen vorkommen,
- Basaltflüsse, die typischerweise in Gabbro und Grünsteingürteln auftreten, z.B. die Deccan Traps in Indien und die Highlands im Norden Schottlands,
- ruhige Bereiche, wo der Magnetismus nicht erkennbar den Höhenlinien folgt.
Magneteisenstein bzw. Magnetit reagiert auf das Magnetfeld und fungiert so als Kompass, was die Chinesen schon lange vor Christi Geburt wussten. Mit diesem Material waren zahlreiche Rituale und Glaubensvorstellungen verbunden. Auf lateinisch wurde es nach dem Halbgott Herkules als magnes Herculeus bezeichnet. Ruellius schrieb, dass man die magnetische Kraft in einem Magneteisenstein wieder herstellen könne, wenn man ihn in Ziegenbockblut taucht. Welche Art von Stein benötigt heidnische Blutopfer? In den Schottischen Highlands hieß es, dass Magnetit die Menschen vor Feen und Dämonen schützt. In Ägypten exorzierten die Kopten mit Hilfe von Magnetit Dämonen, eine Praxis, die später verboten wurde (Mackenzie 1917). In einem Land im Malaiischen Archipel befand sich während der Krönungszeremonie ein Magneteisenstein am Stuhl des Königs. Magnetit wurde vor noch nicht allzu langer Zeit auch wegen seiner Kraft als Talisman geschätzt. In Magnet Cove in Arkansas (USA) werden große Mengen Magneteisenstein abgebaut, und im 19. Jahrhundert wurden jährlich drei Tonnen davon an Schwarze verkauft, die den Stein bei Voodoo-Zeremonien verwendeten (Kunz 1913). Diese Glaubensvorstellungen müssen sehr alt sein. In Knossos lag in einer tiefen Grube an der Westseite des Palastes ein Stück Magnetit bei einer Göttinnenstatuette. Der Ausgräber bezeichnete ihn als oxidiertes Eisen. Angesichts der Tatsache, dass die Menschen des Neolithikums keine Waffe oder einen Hammer daraus herstellten, können wir sicher sein, dass es ein heiliger Stein war (Mackenzie 1917). "Magneteisenstein verursacht Geistesstörungen, bringt den Menschen Melancholie, ist häufig verhängnisvoll und kann mit einer Art von Dämpfen große Auswirkungen auf den Geist haben" - noch einmal William Gilbert (De Magnete). Seine Zeitgenossen vor 300 Jahren verwendeten eine Paste aus gemahlenen magnetischen Mineralen, um Stichverletzungen und sonstige Wunden zu heilen. Sie wären überrascht, wenn sie erführen, dass Magnetbandagen auch heute (wieder) in der Schulmedizin bei hartnäckigen Geschwüren und nicht heilenden Knochenbrüchen eingesetzt werden.

Magneten und Visionen

Die Wirkung von Magneten auf den Geist ist wohl nicht nur auf Aberglauben zurückzuführen. Bei einem Experiment wurden Magnetit-Oktaeder auf einen sensitiven Probanden gelegt, bei dem ein Gefühl der Schwere und krampfartige Hüftbewegungen auftraten. Diese Wirkung konnte auch dann noch reproduziert werden, als die Steine in Papier versteckt wurden. Ein interessanter Abschnitt in "De Proprietatibus Rerum" von Bartolomäus Anglicus gibt Hinweise auf weitere Auswirkungen auf die Psyche. Wenn Magnetteilchen in vier Ecken eines Hauses gestreut wurden, hatten die Hausbewohner den Eindruck, das Haus würde einstürzen. Dieser Eindruck entsteht durch Bewegung, die durch eine Drehung des Gehirns hervorgerufen wird (Kunz 1913). Viele religiöse oder quasi-religiöse Erfahrungen werden mit Basalten, Meteoriten und anderen Magnetfeldquellen in Verbindung gebracht. Wir verwenden den Ausdruck "es hat jemandem die Sprache verschlagen". Das ist im wahrsten Sinne des Wortes in der Kirche von Lastingham in der englischen Grafschaft Yorkshire passiert (Silk 1999). Philip Heselton hat beschrieben, wie seine Bekannte beim Besuch der Kirche in der Krypta eine derart kraftvolle Energie spürte, dass sie nicht mehr sprechen konnte. Heselton selbst sagte "es war, als reagierten die Energien in meinem Gehirn und meinem Körper mit den Energien in der Krypta, und mich überkam ein fließendes, pulsierendes Gefühl der Wärme. Ich wollte mich viele Minuten nicht bewegen, als ich die an diesem Ort vorhandene Kraft spürte." Die Stätte bei Lastingham lenkt Kompasse ab und befindet sich über einem tief unter der Erde gelegenen Eisensteinband, das von der Rosedale Abbey einige Kilometer nach Norden verläuft. Seltsame Erfahrungen, die der richtige Mensch zur richtigen Zeit macht, können den Lauf der Geschichte ändern. Das letzte Buch im Kanon des Neuen Testaments ist die äußerst einflussreiche "Offenbarung des Johannes", die von den Visionen handelt, die dem Evangelisten Johannes auf der Insel Patmos kamen - und Patmos befindet sich über dem potenziell magnetischen Kykladischen Störungsgürtel. Mindestens ein Autor, J.B. Phillips, hat den Eindruck, dass Johannes eine echte ekstatische Erfahrung beschreibt und dass es sich nicht um literarische Konventionen handelt. Er weist auf die seltsame Satzstellung, die Wiederholung und seltsame Nebeneinanderstellung von Wörtern hin - die Aufregung, das zu sehen, was normalerweise für das menschliche Auge unsichtbar ist (Phillips 1957). Johannes zufolge schrieb er nieder, was er in seinen Visionen sah, als er "im Himmel" war. Seine Beschreibungen sind voller Gestalten, die goldene Schwerter, Stäbe, Bögen oder Waagen in den Händen halten. Handelt es sich hier um den Versuch, anormale visuelle Erfahrungen darzustellen? Von den gleichen goldenen Stäben, Schwertern, Sensen und Stöcken berichten Patienten der Autorin seit vielen Jahren. Das Gehirn versucht, ein abstraktes goldenes vertikales Bild einem bekannten Objekt zuzuordnen. Heutzutage stammen die Objekte aus der Welt von heute - früher hätten die meisten Menschen daraus religiöse Motive gemacht. Der Trickster im menschlichen Gehirn kann der Wahrnehmung seltsame Streiche spielen, unabhängig davon, ob die Ursache dafür Geomagnetismus, Drogen oder Traumata sind. Der Bruder eines amerikanischen Neurologen glaubt, er sei Prinz Michael, der Reiter auf dem weißen Pferd. Er glaubt, dass er als Märtyrer sterben und dann in androgyner Gestalt auferstehen wird. Er verbringt täglich Stunden damit, empfangene Botschaften aufzuschreiben (Taylor 1999). Der englische Künstler und Dichter William Blake sah häufig Engel. Er unterhielt sich auch regelmäßig mit Koryphäen wie Paracelsus, Böhme und Ezekiel. Als junger Mann sah er in der Westminster Abbey in London eine lange Prozession von Mönchen und hörte Orgelmusik und Chorgesang (Ackroyd 1963). Interessanterweise verbrachte er als Kupferstecher Stunden damit, Kupferplatten mit Scheidewasser (Aqua Fortis) zu ätzen, das aus gemahlenem Basalt, Säuren und Ölen bestand. Litt Blake unter der seltenen Palinopsie? Bei dieser neurologischen Erkrankung tauchen virtuelle Bilder von realen, bekannten Objekten - beispielsweise einer Statue, einem Gemälde oder Gebäude - wieder im Raum auf, als seien sie echt. Diese Bilder gibt es in uns allen, und zwar im Komparator (Vergleichssystem) des Gehirns, aber bei manchen besonders sensitiven Menschen können diese Bilder viele Tage, Wochen oder sogar Jahre, nachdem das Original gesehen wurde, in Form einer Vision auftreten. Angelos ist das griechische Wort für "Bote", und Blake sah reichlich Boten in seinem Leben. Dem großen Sufimeister Ibn al-Arabi zufolge sind Engel die in den Fähigkeiten und Organen des Menschen versteckten Kräfte.

Die Frage nach dem Warum

Ein bemerkenswerter Hinweis auf die dem Gehirn bei Stimulation durch Stress innewohnenden Kräfte stammt von Prof. Reader vom Fachbereich für Ophthalmologie der School of Medicine der University of Southern California. In einer Zeit in der ihn persönliche und berufliche Probleme plagten, erlitt er einen Herzstillstand, der sich spontan auflöste. Am nächsten Morgen berichtete er, dass er während seiner Nahtoderfahrung deutlich eine Vielzahl eiförmiger, silbriger, kristalliner Wesen gesehen hatte, die sich langsam auf und ab bewegten und übereinander sprangen. Hätte ein Laie in diesen silbrigen Wesen Engel gesehen? Das Gehirn kann die Empfänglichkeit für Visionen regelrecht entwickeln. Nach einem durch Felder mit gewisser Stärke ausgelösten Kindling (Erhöhung der Reizschwelle durch wiederholte Stimulation) reagieren die Neuronen bereits bei immer geringeren Stärken desselben Feldes (Bolwig 1992), da bereits eine Überempfindlichkeit besteht. Daher neigen manche Menschen dazu, Engel, Teufel, bläuliche Gestalten über der Sichtlinie und schwach grüne Bilder darunter zu sehen. Das geschieht besonders dann, wenn der Schläfenlappen stimuliert und das limbische System, ein sehr alter Teil des Gehirns, durch exogene Felder energetisiert wird. Doch obwohl es eine logische Erklärung für solche Visionen gibt, bleibt die Frage, warum die Erfahrung den Empfänger so tief beeindruckt. Phänomene, die wir mit einer zerebralen Dysfunktion hätten erklären können, sind sehr häufig der Auslöser für eine grundlegende Änderung des Lebensstils. Spricht das kollektive Unbewusste durch den Nebel solcher Mysterien zu uns?

Literatur zu „Göttliche Steine“, Anne Silk
Ackroyd, Peter: William Blake – Dichter, Maler, Visionär; Knaus 2001, Original: Blake,
Sinclair Stevenson, 1995; Agron,
S.L.: Anomalous magnetisation near Newport RI, Bulletin of the Geological Society of
America 74, 77,1963
Baker, R.R.: Magnetic bones in human sinuses, Nature 301, 78, 1983; Bolwig, T.: The
Clinical Relevance of Kindling, Wiley, New York, 1992
Burks, H.: Handbook of Magnetic Phenomena, Plenum Press, New York, 1989
Kirschvink, J.L.: Microwave absorption by magnetite: coupling of nonthermal levels of
radiation to the biological system, Journal of Bioelectricity, 17, 187-194, 1996
Koren, Persinger u. Ruttan: Enhancement of temporal lobe-related experiences during brief
exposure to milligauss intensity ELF magnetic fields, Journal of Bioelectricity 9, 33-54,
1990
Locke, S.: Neurology, Churchill Medical Press, 1966
Mackenzie, D.: Crete and Prehellenic Myths and Legends, Gresham, 1917
Milsom, J.: Field Geophysics, Geological Society of London, 1989
Parasnis, P.S.: Principles of Applied Geophysics, Chapman and Hall, 1986; Phillips, J.B.:
Book of Reveleations, Bles Reader, 1957
Silk, Anne u. D. Cowan: Ancient Energies of the Earth, Harper Collins, 1999
Stacey, F.D.: Physics of the Earth, Wiley, New York, 1977
Taylor, J.B.: A blow to the brain, Discover US, Januar 1999
Wadas, B.: Biomagnetismus, Ellis Horwood, Warschau, 1991.