Wohin wir sonst nicht schauen

Philosoph und Landschaftsgestalter herman de vries

von Clemens Zerling erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Erstmals schreibt in Hagia Chora ein Künstler nicht selbst über seine Arbeit, wir porträtieren vielmehr eine beeindruckende Persönlichkeit: Clemens Zerling besuchte herman de vries, der in Südfrankreich einen "Bois sacré" geschaffen hat - einen "heiligen Wald". de vries arbeitet wie die Natur selbst: in ständig neuen Verbindungen und Kombinationen, die er uns vor die Sinne führt.

Eines Morgens spielt aufgeregt die automatische Geige an der Flurwand des alten Schulhauses in Knetzgau-Eschenau. Sie wird durch das Klingeln an der Haustüre in Gang gesetzt. Als der Hausherr, der Künstler herman de vries, öffnet, stehen gut ein Dutzend Kunstlehrer aus der Schweiz vor der Schwelle. Sie wünschen eine Woche Unterricht, eine Einführung in seine Auffassung von Kunst und Weltsicht als Künstler. de vries, der keine Vorträge und keine vielen Worte mag, keine blasierten Erklärungen und keine Großschreibung - führt sie nun jeden Tag in den Wald. Dort müssen sie aufmerksam auf den Boden, auf das Laub und ins Gras blicken. Stundenlang sitzen die Akademiker vor sprudelnden Quellen, strömenden Bächen, alten Feuerstellen von Waldarbeitern und üben das "Betrachten der Welt" aus der Sicht des Künstlers. "Schaut euch einfach nur um, und vor allem dorthin, wohin ihr sonst nicht schaut!" rät er ihnen.

Die Suche nach der Ordnung im Chaos

herman de vries, Jahrgang 1931 und geboren im niederländischen Alkmaar, ist eine imposante Erscheinung mit seinem schönen weißen Haar, den buschigen Augenbrauen, der Nickelbrille und dem Schnurrbart. Oder sind es seine klugen Augen, die mit anziehender Freundlichkeit, Güte und mit ausgesprochen intensiver Aufmerksamkeit in die Welt strahlen? Sein langer weißer Bart, seine Bedächtigkeit, Genauigkeit und Liebe fürs Detail vollenden das Klischeebild eines Künstlers oder Professors. Die meiste Zeit des Tages verbringt er in der Natur. Ihre pralle Lebenskraft und ununterbrochene Aktivität imponiert ihm jedes Mal aufs Neue; besondere Erfahrungstiefen gewinne er durch "geistbewegende Pflanzen". Zu seinen Lieblingstieren zählt der Fuchs, seit er in Afrika erfuhr, der Rote repräsentiere das Chaos. de vries verehrt das Chaos. Vermutlich sieht er darin eine Stufe der Kreativität. Er liebt Free-Jazz und genießt vor einem klassischen Konzert die Phase, in der alle Musiker in höllischer Disharmonie die Instrumente stimmen. Besonders aufmerksam verfolgt er die Klatschwogen der Zuschauer. Das Auf und Ab, die Ordnung in der Unordnung, die Gegensätze des Anschwellens und der Ausklang am scheinbaren Ende - das alles sind für ihn wundervolle Offenbarungen des Lebens, Zusammengehörendes einer Einheit, die sich in Vielheit ausdrückt. herman lacht gern und verbreitet Lebensfreude um sich herum. Die größte Freude glaubt er darin zu finden, wenn man Gegensätze bei sich selbst aufgehoben hat, "for a moment" wenigstens.

Archivar der Natur

Als Kleinkind kutschierte ihn die Mutter in einem Wägelchen durch die Parks. Dort kannte er alle Bäume und trauerte um jeden, der umgehackt wurde. Dann sammelte er Stücke von Hackspänen als Erinnerung ein und hütete sie daheim in Zigarrenkistchen, für jeden Baum eines. Später besuchte er die Gartenbauschule in Hoorn und arbeitete nach dem Abschluss in einem Pflanzenschutzdienst, dann bis 1968 im "Institut für angewandte biologische Forschung in der Natur" von Wageningen. Seit 1953 aber stürzte er sich bereits in künstlerische Tätigkeiten, zunächst in die Malerei. Im Jahre 1971 sitzt er bei einem Frankfurter Künstler, um mit ihm über seine damalige Richtung der zero-Kunst zu disputieren. "Zero: alles ist Einheit, alles geschieht stillstehend, es gibt keine Gegensätze", so herman 1961. Es bauen sich aber gerade Gegensätze zwischen ihm und diesem Künstler auf. Die Stimmung knistert. Da öffnet sich die Türe, und die junge Stieftochter des Hauses trägt ein Tablett herein. Für hermann de vries ist sie in dieser Situation, die jederzeit in totale Unfreundlichkeit zu kippen drohte, wie die Offenbarung einer anderen Welt: hübsch, anziehend, wohltuend, mit heißem Tee und Keksen. Er beschließt im gleichen Augenblick, sie zur Frau nehmen zu wollen. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann ihn kaum etwas davon abbringen. Seit vielen Jahrzehnten begleitet ihn seitdem Susanna aus Frankfurt. Auch wenn sie im künstlerischen Rampenlicht bescheiden zur Seite rückt, trägt sie unverzichtbar als "Muse und Gefährtin" zu allen Manifestationen seiner kreativen Ideen bei. "Ohne das Zwiegespräch mit ihr käme ich zu vielen Dingen nicht oder anders." herman hat alle Kontinente bereist, um die Vielfalt der Ausdrucksformen von Landschaft und ihrer Bewohner kennen zu lernen. Schließlich bewog es ihn, seine neue Heimat auf Island oder auf die Seychellen zu verlegen, doch statt dessen verschlug ihn das Schicksal ins fränkische Knetzgau. Nun pilgern viele Menschen aus dem In- und Ausland zu ihm in den nördlichen Steigerwald. Sie bewundern dabei das Erdarchiv, etwa 7000 Erdproben aus aller Welt in Kartons, und seinen "Garten". Einst eine totgedüngte Fläche, gewinnt jetzt wieder Leben und Veränderung die Oberhand. de vries hat die Vision einer verwaldeten Wiese, die als Sonderling in ihrer Umgebung zum Kunstwerk deklariert wird. "Man muss jeden Garten vor Gärtnern schützen", bemerkt er. Mit einer langen Trommelsession - mir drohten schon die Arme abzufallen - erwerben wir die höhere Weihe, die heiligen Räume seiner Bibliothek betreten zu dürfen. Sie erreicht Ausmaße eines Instituts und zeigt auch seine Interessen. Wir finden die Mystiker von West bis Ost, die Philosophen und natürlich endlose Regalmeter zu Mineralien, Pflanzen und Geobotanik. herman redigierte bis vor kurzem eine mehrsprachige wissenschaftliche Zeitschrift for mind-moving plants and culture. Er betreibt einen kleinen Verlag, der hauptsächlich seine eigenen Werke veröffentlicht.

Der Heilige Wald von Digne

Einen Namen machte er sich ebenso als Landschaftsgestalter. Derzeit renaturiert der Künstler die holländische Polderlandschaft von Wetering. Uns interessierte aber besonders le Bois sacré im südfranzösischen Digne, den er angelegt hat. Es begann mit einem Sanktuarium Roche rousse in einem Waldstück, dicht bei einer internationalen Wanderroute durch die Provence. "Sanktuarium ist für mich eine respektierte Stelle, wo die Natur das manifestieren kann, was sie an Kapazitäten hat - und das ungestört." Ein Halbkreis aus Stäben deutet so etwas wie einen Schutz an. Zwei Einsiedler leben am Bergrücken, nahe des Sanktuariums: ein katholischer Mönch und eine Nonne der griechisch-orthodoxen Kirche. Sie sind sich spinnefeind, tun aber gleichermaßen Dienst an einer kleinen Kapelle. Im nahen Digne ließ sich übrigens die berühmte Alexandra David-Neel nieder, die als erste Frau auf verbotenen Wegen nach Tibet eindrang. Sie liegt auch hier beerdigt. Ihr Wohnhaus dient heute als Museum. Von der Verwaltung des Waldes, einer staatlichen Domäne, erhielt herman viel Unterstützung. Heute stehen 30 Hektar Wald um das erste Sanktuarium unter Naturschutz. Sogar ein Jagd- und Forstwirtschaftsverbot konnte er durchsetzen. Eisenstäbe mit einer vergoldeten Spitze kennzeichnen die fünf Ein- oder Ausgänge. Von oben nach unten führen auf ihnen Buchstaben: "Silence" liest der Betrachter - Stille. "Die natürliche Wirklichkeit verlangt Ehrfurcht und Respekt", sagt der Künstler sehr bestimmt. Vor dem Eingang seines Hauses in Knetzgau wacht ebenso ein Speer mit goldener Spitze. Zwei alte Brunnenschächte des Waldes werden gerade reaktiviert, damit jeder, der will, Wasser schöpfen könne. Von der Symbolik seiner Anlage und überhaupt seiner Kunst will er jedoch nichts wissen. Es gehe bei ihm um die Dinge, "so wie sie sind, und nicht um solche, die in einem übertragenen Sinne gemeint seien". In einem der Brunnen kann man durch das Wasser in goldener Schrift lesen: Ich bin in allem, was lebt. Der Text ist in der alten Sprache der Provence geschrieben, die heute kaum noch jemand beherrscht. "Man muß sich also um den Sinn bemühen", lächtelt herman. Im diesem Jahr wird der Wald feierlich eingeweiht werden. Der Künstler plant als schlichten Eröffnungsakt, mit einem Freund auf zwei nepalesischen Muscheln zu blasen. Sie erzeugen einen tiefen, dunklen und vollen Ton. Uns kam er vor wie ein sattes, brünstiges Grunzen der Erde. "Die Natur wird jedenfalls verstehen, was ich damit verbinde", erklärt herman und greift auf eine sehr alte Tradition zurück. Auch die altgermanischen Luren wurden immer zu zweit geblasen, von einer Höhe oder einem Berg herab, um sich auf die Laute der Natur einzustimmen. Ob man hierbei daran denken darf, daß die Gegensätze in der Natur verbunden werden sollten, indem die Bläser schließlich eine Tonharmonie trafen? Was hat sich nun in diesem Wald verändert, seitdem er zum Heiligtum aufgewertet wurde? Vermutlich ist es noch zu früh, sich auf Antworten einzulassen. Eine alte Hütte demonstriert den natürlichen Prozess des Verfalls oder der Rückholung. Und Wölfe sind bereits zurückgekommen. Sie scheinen zufrieden mit dem, was sie vorfinden. Eines frühen Morgens, so berichtet die Nonne herman, habe sie ein seltsames Geräusch vor ihrer Klause gehört. Als sie die Türe öffnete, glitzerten zwei unheimliche gelbe Augen aus dem Nebel. Unverschämt lange starrte ihr der Graubart in die Augen. Dann glitt sein Blick langsam an ihrem Körper herunter. Plötzlich drehte er ab und verschwand in der Dämmerung. War es Respekt vor der frommen und äußerst schmächtigen Asketin? Oder standen Aufwand und Ertrag in einem krassen Missverhältnis?

Rückverbindung mit dem Ursprung

"Hat dieser Heilige Wald - fern aller Symbolik - für dich auch eine religiöse Dimension?" de vries: "Natur ist. Sie steht für nichts anderes als sich selbst und ist für alle erfahrbar. Aber die Besucher können in diesem Wald kontemplative Augenblicke haben und sich fragen: Was soll das hier eigentlich? Sie erhalten hier eine Impfung für ihr Leben. Dann können sie beten oder meditieren. Natur ist unsere einzige wirkliche Offenbarung", auch von Gott, fügt er an anderer Stelle hinzu. "Spielt Religion in deiner Weltsicht überhaupt eine wichtige Rolle?" "Was ist Religion?" fragt er zurück. "In Indien spricht man von Yoga. Das heißt Verbindung, Rückverbindung. Welche Religion verbindet uns mit der Welt? Ich suche aber diese Verbindungen, diese Beziehungen. Sind wir nicht das, was wir essen? Ich bin die Pflanze (Der Künstler und seine Frau sind Vegetarier)!" 1988 veröffentlicht de vries sein Buch "ich bin was ich bin. flora incorporata". Darin werden wie nach Art einer Autobiographie 484 verschiedene Pflanzen vorgestellt, an die er sich erinnert, sie gelegentlich "eingenommen" zu haben. Eher hält er es mit der Metaphysik. Aber "Metaphysik und Physik sind eins in der Welt, in uns, in mir". Um zu erfahren, was Metaphysik genannt werde, bräuchten wir unser eigenes Physikum: den Körper und seine Prozesse. "Wir sind nicht ohne Erfahrungen. Wir sind diese Erfahrungen. To be. Man braucht Erfahrungen. Die wichtigste Erfahrung nennen wir Freude (joy)." Wie die Pflanze sieht er sich als eine Ausdrucksform der Natur, der großen Lebenskraft, die dauernd tätig sei, weder Ende noch Anfang kenne, nur unaufhörliche Bewegung und Veränderung. Auch er sei unsterblich, aber in permanenter Veränderung. So gesehen glaube er natürlich an ein Leben nach dem Tode. "Und was glaubst du, passiert mit deinem Bewusstsein nach dem Tode?" Lange ringt er mit der Antwort. Dann lächelt er zurückhaltend: "Na, schaun wir mal .!"

Kunst als Bewusstseinsveränderung

Kunstexperten sprechen bei de vries von "Reduzierung der Formensprache auf ein Mindestmaß", "Natur als konkretes Dokument ihrer selbst". Der Künstler wolle uns aus den Ketten eines instrumentalisierten Denkens befreien, das auch mit einem fundamentalen Wirklichkeitsverlust einhergehe. Er selbst will die Geheimnisse der Natur, die göttlich-kosmische Ordnung ohne symbolische Zwischenebene darstellen, direkt und authentisch, die Prozesse der Übergänge von einer Seinsart in die andere. Als Künstler arbeitet er wie die Natur selbst: in ewig neuen Verbindungen und Zusammenstellungen, und die führt er uns vor die Sinne. Dabei erhebt er als Botaniker wissenschaftlichen Anspruch und lässt sich in keine der modernen Kunstgattungen einordnen. Wie bei jeder Kunst, die nicht gleich jedem zugänglich wird, dauert es oft lange, bis sie ihre Freunde, Gönner und Bewunderer findet. Heute bemühen sich die großen Museen um ihn, versuchen, seine "Schatz- und Wunderkammern" vorzustellen: Pflanzensamen aus den verschiedensten Gegenden, Erdfarben, Gerüche und "gefundene Gegenstände" (Objects trouvés), in überraschenden und den Blick öffnenden Präsentationen aufgestellt. "Glaubst du, Kunst könne heilen?" de vries: "Echte Heilung und echtes Heil braucht Einsicht. Kunst vermag Einsichten zu vermitteln, Bewusstsein und Bewusstwerdung. Damit besitzt Kunst natürlich ein starkes Potenzial zur Bewusstseinsveränderung einer ganzen Gesellschaft. Deswegen stehen totalitäre Regime mit ihren Künstlern meist auf Kriegsfuß." Während die Schweizer Kunsterzieher eine Woche lang in den Bergen bei Wind und Wetter umherziehen, demonstriert ihnen de vries "seine, ihre, unsere Welt": die unerhörte Vielfalt der Natur, die in jedem Augenblick Veränderungen schafft, Übergänge in ein anderes Sein, in eine andere Offenbarung. Was war je und ist kreativer als sie, omnipotenter und großzügiger? Jedes Detail besitzt seine eigene Aussage, obwohl nur Teil eines Ganzen, Teil einer Einheit. Wir aber, die wir selbst Teil dieser Einheit sind, müssen wieder das Staunen lernen - wie ein Kind. Wir müssen vieler Dinge wieder "gewahr" werden. "Es gibt nur dies, das Gewahrsein der Welt. Wenn wir über Gott reden, müssen wir von Welt reden. Dann löst sich alle Individualität auf. Ich bin die Welt. Die Welt lebt. Es gibt nur ein Jetzt - keine Vergangenheit oder Zukunft. Philosophie ist Leben plus Aktualität. Kunst auch." Das ist alles.