Gebändigte Anderswelt

Das Rätsel der Innengräben von Emain Macha und anderen frühgeschichtlichen Heiligtümern

von Richard B. Warner erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Die Gräben auf der Innenseite frühgeschichtlicher Wallanlagen sind ein Rätsel. Richard B. Warner entwickelt hier für Anlagen in Irland die These, dass der Innengraben der eisenzeitlichen Kultplätze als Schutz der Menschenwelt vor der "Anderswelt" verstanden werden muss. Die Anlagen sind gewissermaßen umgestülpte Hügelburgen, die in ihrem Inneren eine Pforte zur Anderswelt verbergen.

Der Teil der frühen irischen Heldendichtung, der die Gesellschaft vor dem 5. Jahrhundert zu schildern scheint, schreibt einigen wenigen Orten einen besonderen Status zu. Sie gelten als "königliche" Wohnstätten bedeutender Fürsten, die zumindest auf Provinzebene, womöglich sogar auf "nationaler" Ebene Macht besaßen. Wir haben es hier zwar mit anachronistischen Vorstellungen aus der Zeit zu tun, als die Erzählungen niedergeschrieben wurden. Andererseits ist nicht zu bezweifeln, dass sie eine tatsächliche Erinnerung an den Status jener Orte maskieren, den diese als wichtige Kultstätten in prähistorischer Zeit besaßen. Besagte Orte sind Emain Macha, Temair, Ailenn und Cruachu, die als das heutige Navan (Co. Armagh), Tara (Co. Meath), Knockaulin (Co. Kildare) und Rathcroghan (Co. Roscommon) identifiziert wurden. Bei den drei ersteren (und möglicherweise auch dem letzteren) ist das auffälligste Merkmal eine gewaltige Umfriedung mit einem Graben innerhalb des Erdwalls. In Großbritannien und Irland gibt es viele solcher Einfriedungen mit Innengraben, und die meisten stammen aus dem Neolithikum. Sie werden von den Archäologen als "Henge"-Anlagen bezeichnet. Der Begriff ist unglücklich gewählt, bezeichnet er doch nicht nur unter anderem das Merkmal eines Innengrabens, sondern fixiert die zeitliche Dimension auch in der frühen Vorgeschichte. Mit dem davon abgeleiteten Adjektiv "hengeartig" (hengiform) will man dieses Problem umgehen, indem das Merkmal beschrieben wird, ohne sich auf eine bestimmte Zeit oder Kultur festzulegen. Ich werde jedoch die von mir bevorzugte Formulierung "mit Innengraben" verwenden. In ganz Irland findet man kleinere, kreisförmige Erdwerke mit Innengraben, die meist als Grabstätten angesehen und auf die Eisenzeit datiert werden. Inzwischen wurde belegt, dass die großen Anlagen von Navan, Knockaulin und Tara aus der Eisenzeit stammen. Damit wurde die Spekulation, man habe es mit einer beabsichtigten Wiederverwendung neolithischer Stätten zu tun, beendet. Allerdings halten manche Autoren die späten Anlagen mit Innengraben für Erbstücke der neolithischen Henge-Tradition und ziehen dazu bemerkenswerte Beispiele für eine solche Kontinuität der Tradition aus Britannien heran. Ich bin allerdings in diesem speziellen Fall nicht von der Kontinuität der religiösen Tradition überzeugt. Meiner Ansicht nach bezeugen die eisenzeitlichen irischen Einfriedungen mit Innengraben vielmehr eine neue Praxis, die ihre Wurzeln in einem bestimmten Glauben und Ritual hat, worauf ich im Folgenden eingehen werde. Das heißt nicht, dass das für die eisenzeitlichen Erdwerke Gesagte nicht auch unabhängig für frühere Anlagen gelten kann, aber das ist hier nicht Thema.

Trennung von Heiligem und Profanem

Eine einfache gesellschaftlich-rituelle Erklärung für den Innengraben der Einfriedungen ist schnell bei der Hand. Zunächst kann man davon ausgehen, dass das Innere einer solchen Stätte der Durchführung von Ritualen diente. Der damit verbundene sakrale Charakter machte eine Abgrenzung erforderlich, wie sie an vielen heiligen Orten von vielen Kulturen zu finden ist - die Trennung von Heiligem und Profanem. Sodann mag man in Analogie des römischen Amphitheaters anführen, dass der Wall dem Volk als Tribüne diente, von wo aus es das Geschehen im Inneren verfolgen konnte. Der Innengraben lieferte das Material für den Wall, ohne ein Hindernis für diejenigen darzustellen, die den Wall von außen besteigen mussten - was auf Grund des heiligen Charakters des Innenraums vermutet werden kann. Dass er außerdem Nicht-Initiierte vom Betreten der Einfriedung abhielt, war ein zusätzlicher Pluspunkt. - Vielleicht stimmt diese Erklärung ja, aber da sie auf einer rein gefühlsmäßigen Spekulation beruht und es keinerlei sachliche Beweise dafür gibt, finde ich sie intellektuell unbefriedigend.

Was sagt die Mythologie?

Wenn wir schon keine archäologischen Informationen zu unserer speziellen Frage haben, sollten wir uns den eingangs erwähnten Passagen der alten irischen Literatur zuwenden, in denen die betreffenden Kultstätten genannt werden. In dem keltischen Epos "Tochmarc Etaine" (Die Werbung um Étaín) heißt es: "Ein andermal, an einem schönen Sommertag, erhob sich Eochaid Airem, der König von Temair, und bestieg das Erdwerk von Temair, um den Blick über Mag Breg schweifen zu lassen, das sich ihm in farbenfroher Blütenpracht darbot. Als sich Eochaid umschaute, erblickte er einen fremden Krieger auf dem Erdwall vor ihm ." Im 11. Jahrhundert gingen die Redakteure dieser Erzählung aus dem 9. Jahrhundert verständlicherweise, aber anachronistisch, davon aus, dass es sich bei Eochaid Airem (Eochaid "der Pflüger") als König von Temair (Tara) um den irischen "Hochkönig" gehandelt habe. Die alte, auf einer Liste der Könige basierende, von Ó Cleirigh in seinen "Annals of the Kingdom of Ireland" verwendete Chronologie siedelt Eochaid in der Mitte des 2. Jahrhunderts v.Chr. an. Zwar haben wir es hier zweifellos mit einer mythischen Figur zu tun, aber jüngste archäologische Arbeiten weisen darauf hin, dass Tara ungefähr zu jener Zeit seine Blütezeit als Kultstätte erlebte. Der Krieger, dem Eochaid begegnete, war Mider, König der síd (lucht an tsídha bzw. feraib sídhe) von Brí Léith. Die síd-Leute bewohnten die Anderswelt, daher war Mider das Anderswelt-Gegenstück zu Eochaid aus der Menschenwelt. Eochaid und Mider vereinbarten, fidchell (ein Brettspiel) zu spielen, und Mider tauchte am folgenden Tag zum Spiel genauso plötzlich wie am Vortag wieder in Tara auf: "Als Eochaid sich am Morgen erhob, begab er sich bei Sonnenaufgang zum Hügel von Tara, und er sah, wie ihm sein Gegner auf dem Wall entgegenkam. Er wusste nicht, wohin er gegangen war, noch woher er gekommen war ..." Die ersten Spiele gewann Eochaid. Daher mussten Mider und seine Truppe verschiedene Aufgaben erledigen, z.B. die Ebene roden und einen großen Damm bauen. Dann gewann Mider ein Spiel, bei dem der Einsatz Eochaids Frau Étain war. Um Zeit zu gewinnen, schlug Eochaid Mider vor, an einem bestimmten Tag nach Tara zu kommen, um sich seinen Gewinn (also Étain) abzuholen. Am Tag jedoch, an dem Eochaid "zahlen" sollte, sammelte dieser seine Armeen um Tara, um zu verhindern, dass Mider eindrang. ". und die besten Truppen Irlands stellten sich in immer größer werdenden Kreisen um Tara herum und darin auf, und der König und die Königin befanden sich in der Mitte des Hauses, und die Höfe waren verschlossen, denn sie wussten, dass der Mann mit der großen Zauberkraft kommen würde. Étain bediente die Herren an jenem Abend, denn das Servieren der Getränke war ihre besondere Begabung. . Als sie sich dann unterhielten, erblickten sie Mider, wie er im Zentrum des königlichen Hauses vor ihnen stand . [und] . die Gastgeber waren überrascht. Er nahm seine Waffen in seine linke Hand, und die Frau nahm er unter seinen rechten Arm und trug sie davon, durch das Dachfenster des Hauses." Mider nahm Étain mit nach Brí Léith, und deswegen kam es zum Krieg zwischen Eochaid und den síd-Leuten. Brí Léith, Miders Heimat, wurde geplündert, und aus Rache verwüsteten die síd-Leute unter der Führung von Mider die Ebene von Breg. Höchst interessant an der Erzählung ist die Feindschaft zwischen den Menschen und dem Volk der Anderswelt - und die Fähigkeit der Anderswelt-Leute, einfach so in einer schwer bewachten Kultstätte aufzutauchen. Ganz offensichtlich befand sich in Tara ein Eingang zur Anderswelt, den Mider beliebig nutzen konnte. In englischen Übersetzungen und Kommentierungen irischer Texte werden die síd-Leute fast immer als Fairies (Feen) oder Fairy-folk (Feen-Leute) oder Leprechauns bezeichnet. Das nachmittelalterliche und moderne Bild von den síd-Leuten ist das von schelmischen kleinen Leuten, und die späteren irischen Texte, in denen ausdrücklich Leiprecháin vorkommen, beschreiben sie auch so. Dieses - englische -Bild der Fee für die síd-Leute hat aber mit dem Bild im Glauben oder in der Literatur des Frühmittelalters nichts zu tun. Morgan le Fay (Morgan die Fee) der Artus-Sagen war ein böses, gefährliches und mächtiges übernatürliches Wesen. Ihr irisches Pendant Mórrígu (ursprünglich wahrscheinlich die Kriegsgöttin) dürfte die gefährlichste Figur im irischen Legenden-Pantheon sein. Die síd-Leute waren so groß wie (oder eher größer als) Menschen, sahen wie Menschen aus (oder eher attraktiver) und verfügten über magische Kräfte. Sie wurden von den Menschen sehr gefürchtet, aber sie waren keine Götter. Sie lebten eindeutig in einem "Hinterland" zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Götter und hatten zu beiden Kontakt. Bei seinem Tara-Besuch hatte Mider nach Angaben des Étain-Epos "eine Truppe [bei sich] . deren Macht keine Kraft gewachsen war". In einer späteren Saga aus dem 12. Jahrhundert, "Echtra Fergusa meic Léti" (Der Tod Fergus’ von Leide; Fergus war ein prähistorischer König von Emain), wird beschrieben, wie Iubdán, König der "Lupracáin", und seine Frau "sich nach Emain begaben und unbemerkt hineingelangten", obwohl es einen Pförtner gab, der unerlaubtes Eindringen verhindern sollte - wieder ein Hinweis auf Fähigkeiten wie die, die auch Mider bei Tara anwendete. Zwar wird dies durch den Umstand, dass der König sehr klein ist, und durch die possenhafte Geschichte (Iubdán fällt in den Porridge in des Königs großem Kessel) etwas verschleiert. Dennoch betritt auch hier das Volk der Anderswelt die Menschenwelt, allerdings durch einen anderen bedeutenden Kultort, Navan. Die Mythen legen nahe, dass die síd-Leute, die Leute der Anderswelt, die "Hierwelt" mehr oder weniger nach Belieben betreten konnten. In der späteren Literatur und in der ländlichen Überlieferung wurde der Zugang in die so genannten síd-Mounds ("Anderswelt-Hügel") verlegt - durch die auch die Menschen auf eigene Gefahr in die Anderswelt gelangen konnten. Zu Beginn der Moderne schließlich wurden alle alten Mounds und sogar manche natürlichen Hügel für Wohnstätten der síd-Leute gehalten. Folgt man den ältesten Texten bis zur modernen Überlieferung, so findet man wenig Einigkeit hinsichtlich der Ableitungen und der Chronologie der verschiedenen Bedeutungen von "síd". Das mit dem lateinischen sedem (Sitz, Ansiedelung) verwandte Wort schien sowohl das Reich eines Königs der Anderswelt als auch den Ort, häufig einen Mound, bezeichnet zu haben, an dem sich die Anderswelt befand oder durch den man zu ihr gelangte. Die Bedeutung eines Mounds als Tor zur Anderswelt ist wichtig für unsere Darlegungen.

Kulthügel als Eingang zur Anderswelt

In der mit einem Innengraben versehenen Umwallung von Tara befinden sich zwei große Mounds. Bei einem handelt es sich um ein komplexes, einem Ring Barrow (umwallter Erdhügel, häufig mit Bestattung) ähnliches Erdwerk, das mit ziemlicher Sicherheit aus der Eisenzeit stammt. Im Mittelalter wurde es mit dem in der Literatur erwähnten "Forrad" - ein Wort, welches das auch in síd enthaltene "sed"-Element aufweist - gleichgesetzt. Der andere, ein neolithischer Ahnenschrein nach Art der Passage Tombs ("Ganggräber") mit Satellitengräbern aus der frühen Bronzezeit, wurde von den mittelalterlichen Gelehrten als Duma na nGiall (Mound of the Hostages, "Hügel der Geiseln") identifiziert. Auf ihm stand anscheinend der (heute umgesetzte) säulenförmige, phallische Stein, der im Volksglauben Fergus’ Glied darstellte, der Bod Fhergusa. In der mit Innengraben versehenen Wallanlage von Navan fällt ebenfalls ein Mound auf. Er wurde über einer gewaltigen, runden Holzstruktur von 40 Metern Durchmesser errichtet, die als eine Art Tempel oder das Haus eines Gottes gedeutet werden kann - sofern es überhaupt einen Unterschied zwischen diesen beiden Vorstellungen gibt. Die Struktur wurde 95 v.Chr. errichtet, und der Mound entstand kurze Zeit später. Diesem Mound kam in den Königsritualen des Frühmittelalters eine herausragende Bedeutung zu. Da für diese Praxis vor dem 5. Jahrhundert keine eindeutige externe Quelle existiert, es in irischen Kultstätten aber deutlich ältere Mounds gibt, kann man wohl davon ausgehen, dass es sich um ein Erbe aus früheren Zeiten handeln muss, wenn der König im Frühmittelalter auf einem Mound gekrönt zu werden oder andere Rituale durchzuführen hatte. Da bestimmte Mounds den Zugang zur Anderswelt darstellten, wird klar, dass der Mound die wichtigste Aufgabe eines Königs (oder Priesters) unterstützte: nämlich Macht von den Vorfahren und Göttern des Volkes aufzunehmen. Der Kult-Mound war das Verbindungsglied zwischen der Anderswelt und der Menschenwelt, und der König-Priester hatte die Vermittlerrolle inne. Wir dürfen annehmen, dass im Frühmittelalter jede tuath (Stammesgemeinschaft) über ihren eigenen Kult-Mound verfügte, und manche Mounds behielten ihren Status als Krönungs- und Kultort sogar bis ins Spätmittelalter bei. Wahrscheinlich gab es in vorchristlicher Zeit nur relativ wenige Orte, wo die Macht der Anderswelt "angezapft" wurde, es liegen aber auch nur sehr wenige Informationen über die vorchristliche Gesellschaftsstruktur und die Zahl der Könige (falls es sie überhaupt gab) vor. Sicher ist jedoch, dass Tara und Navan - der irischen Mythologie zufolge zwei der wichtigsten Kultstätten in Irland und voller archäologischer Schätze - Orte von außerordentlicher religiöser Macht waren. Erinnern wir uns, dass das eigentliche Zentrum der Einfriedung von Navan das später absichtlich mit dem Mound überdeckte riesige Holzgebäude mit seinem mächtigen Mittelpfosten (eine Art Macht-Achse?) war. Meiner Ansicht nach sollte es das Haus des "Stammes"-Gottes oder zumindest das Vorzimmer seines Reiches werden. Schließlich wird Emain in der mythologischen Literatur nicht nur als Wohnstätte der Könige von Ulster, sondern auch als (Emain ablach) die Anderswelt-Wohnstätte der Götter wie Manannán Mac Lir beschrieben. Daraus ziehe ich den Schluss, dass die Reiche der irdischen und himmlischen Herrscher in der Kultburg von Navan zusammentrafen. Das Holzgebäude wurde verbrannt, um es in die Anderswelt zu schicken (was mit der damals praktizierten Feuerbestattung in Einklang steht), und der Mound wurde darüber aufgeworfen, um es auf Dauer zu verkleiden und als Plattform für die rituelle Aktivität - die Aufnahme von Macht - nutzen zu können. Die Hinweise, die uns Navan hier gibt, werden durch Knockaulin untermauert. Dort gab es in der großen Umwallung keinen Mound, sondern nur eine große, runde Holzstruktur, die mit der von Navan vergleichbar war, außer dass sich in der Mitte eine - wie der Ausgräber es deutete - Plattform aus Holz befand. Die Plattform dürfte das Äquivalent eines Erd-Mounds gewesen sein, denn aus irgendeinem Grund, vielleicht wegen der sinkenden rituellen Bedeutung der Stätte, schütteten die Nutzer von Knockaulin keinen Mound auf. Für Tara liegen keine Hinweise vor, welcher Mound der örtliche Kanal zur Anderswelt war, da der als Forrad bezeichnete Ort bisher nicht ausgegraben wurde. Der Mound of the Hostages ist auf die so genannte Banqueting Hall ("Bankettsaal"; ein Prozessionsweg?) ausgerichtet, und es ist möglich, dass seine Funktion als Schrein mit einer begehbaren Steinkammer im Verbund mit der Überlieferung, derzufolge eines der Ganggräber im Boyne-Valley (Knowth, Dowth und Newgrange über dem Tal des Boyne; Anm. d. Red.) das Haus von Dagda (und anderen Göttern) ist, ihm denselben Status wie dem Mound von Navan verlieh.

Orte der Macht

Fassen wir zusammen: Ich behaupte, dass in den mit Innengraben versehenen Wall-Einfriedungen von Tara und Navan (und möglicherweise auch von Knockaulin) Rituale stattfanden, durch die der König oder alternativ die Priester mit der Anderswelt Kontakt aufnahmen und Macht und Autorität von ihr erhielten. Ich habe darauf hingewiesen oder wenigstens angedeutet, dass diese Praxis in den Königsritualen späterer Zeit überlebt hat und dass die Glaubensvorstellung in den mythologischen Erzählungen bewahrt wurde. Alles weist darauf hin, dass das Ritual äußerst gefährlich war. Indem man das Tor zur Anderswelt öffnete, verschaffte man der Anderswelt Zugang zur Hierwelt, was schreckliche Folgen haben konnte. Man brauchte die Götter und Halbgötter, aber sie waren auch launisch und möglicherweise feindlich gesinnt. Die Bedeutung des Königs/Priesters ergab sich unmittelbar aus seiner Fähigkeit, diese Verbindung zu kontrollieren und sozusagen als Pförtner zwischen den beiden Welten zu fungieren. Die Gefahr, dass sich die Anderswelt Zutritt zu diesen beiden offenbar äußerst exponierten Kultorten, Tara und Navan, verschaffte, muss ungleich größer gewesen sein als bei anderen, weniger machtvollen "Pforten". Die Wallanlagen von Tara und Navan werden meist fälschlicherweise als "Hügelfestungen" (Hillforts) bezeichnet. Hügelfestungen waren Verteidigungsanlagen, die ihre Insassen durch einen Graben und einen mächtigen Erdwall vor Gefahren von außen schützen sollten. Wenn eine solche Anlage den darin versammelten Menschen als Schutz dienen und für die Mächte draußen ein Hindernis darstellen sollte, dann musste sich der Graben außerhalb des Walls befinden. Solche Hügelburgen aus Erde gibt es in ganz Europa, wobei die ältesten aus der Bronzezeit stammen. Gemeinsames Kennzeichen ist, dass die Einfriedung über einen Außengraben verfügt. Dieses Merkmal weisen auch andere Verteidigungsanlagen aus Erde in anderen Kulturen und aus anderen Zeiten auf. In Irland wurden nur wenige Hügelfestungen datiert, aber bis auf eine Anlage gilt für alle datierten ein Errichtungsdatum aus der späten Bronzezeit. Die Ausnahme ist die "atypische" Hügelfestung bei Clogher (Tyrone), die aus der Eisenzeit stammt. Im irischen Frühmittelalter waren hingegen Verteidigungsanlagen mit Außengraben weit verbreitet - bei Klöstern und kleineren weltlichen Wohnstätten (Ringforts). Den Innengräben der Einfriedungen von Tara, Navan und Knockaulin kann keinesfalls eine Verteidigungsfunktion im herkömmlichen Sinne zugeschrieben werden, selbst wenn der Graben bei allen (insbesondere in Navan) äußerst beeindruckend ist. Würde man sie von innen nach außen stülpen, wären beide hervorragende Verteidigungsanlagen - und bei weitem abschreckender als jede in Irland ausgegrabene Hügelfestung. Man konnte das Volk der Anderswelt offensichtlich nicht davon abhalten, die Welt der Menschen durch den "Korridor" zu betreten - man lud es sogar dazu ein! Also musste man verhindern, dass die mächtigen Zauberer den heiligen Bereich um diesen Ort herum verließen und in das weltliche Reich der Menschen, die Hierwelt dahinter, gelangten. Anders gesagt, befanden sich die Verteidiger außerhalb des heiligen Bereichs, und die Gefahr aus der Anderswelt, der potenzielle Feind, in der Mitte - genau umgekehrt wie bei einer weltlichen Burg. Diese Hypothese wird durch den archäologischen Befund exakt gestützt: Die mit Innengraben versehenen Wallanlagen von Tara, Navan und Knockaulin hatten dieselbe Funktion wie jede mächtige Hügelfestung, nur umgekehrt - sie sollten die Menschen draußen vor den Anderswelt-Leuten drinnen schützen. Auch F.J. Byrne (1973) führt aus, dass die Wälle von Tara als Schutz vor der feindlichen Anderswelt dienten. Er zitiert eine Erzählung aus dem 9. Jahrhundert, derzufolge der vorchristliche König von Tara, Conn Cétcathach, und seine Druiden frühmorgens die Wälle abgingen, um Tara vor übernatürlichen Eindringlingen zu schützen. Dies stützt meine These, obwohl Byrne sich der Bedeutung der umgedrehten Verteidigungsstrukturen wohl nicht bewusst war. Man könnte auch meinen, dass das scheinbare Fehlen von Originaleingängen im Wall der Einfriedung von Tara die hier dargelegte Hypothese unterstützt. Leider scheint es in Navan einen Eingang zu geben, und Knockaulin verfügt eindeutig über einen Zugang. Die Hypothese scheint zu verlangen, dass die Einfriedung zur selben Zeit errichtet wurde wie der Korridor angelegt oder als Eingang zur Anderswelt identifiziert wurde. War aber der Kontaktpunkt in Tara der mehrere tausend Jahre ältere Mound of the Hostages, dann müssen wir davon ausgehen (auch wenn wir es nicht beweisen können), dass sein neuer Status als Pforte zur Anderswelt erstmals in der Eisenzeit erkannt wurde. In Navan ist die Verbindung wesentlich offensichtlicher. Der Graben der Einfriedung wurde mit Sicherheit etwa zur selben Zeit angelegt wie der hölzerne Ritualbau - man hat verkohlte Holzkeile von der abgebrannten 40-Meter-Struktur im Boden des Grabens eingetrieben gefunden. Dieses "Impfen" scheint den Wall mit Innengraben (Schutz vor der Anderswelt) und die innere Struktur (Anderswelt-Eingang) in ritualisierter Form zu verbinden und bestätigt beide als zwei Teile einer funktionalen Einheit.