Raum der Göttin

Prinzipien matriarchaler Baukunst und Landschaftsgestaltung

von Heide Göttner-Abendroth erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth zieht viele ihrer Erkenntnisse über die spirituelle Gesellschaft der matriarchalen Kultur aus deren hinterlassenen Bauten.
Es sind Körper-Innenräume der Göttin, eingebunden in symbolische Landschaften, in denen sich die gesamte Kosmologie spiegelt. Diese Kultur kannte keine Trennung von heiligem und sakralen Raum, nur den Raum der Göttin.

Die Jungsteinzeit von etwa 8000 bis 2000 v.Chr. ist diejenige Epoche, deren Erfindungen wie Ackerbau, Hausbau und Bau von Kultanlagen die Basis für alle späteren Gesellschaftsformen bilden. Diese ersten Ackerbaukulturen waren weltweit von matriarchaler Sozialordnung und Geistigkeit geprägt (vgl. dazu die neueste Forschung, auch meine Bände "Das Matriarchat", Kohlhammer-Verlag, Stuttgart). Das wirkte sich in ihrer Sicht auf die Landschaft und in der Art, wie sie ihre Bauwerke darin einfügten, aus. Mit dem frühesten Ackerbau kamen Menschen an, die als erste dauerhaft in einer Landschaft blieben und sie gemäß ihrer Weltanschauung betrachteten und verehrten. Keine Gesellschaftsordnung vor ihnen hatte Landschaft geformt, sie fanden die Gegend sozusagen "unberührt" vor. Darum konnten sie darin ungestört Züge ihres Weltbildes wiedererkennen und ihm durch Bauten und Erdformationen architektonisch Ausdruck geben. Auf diese Weise schufen sie Landschaft ganzheitlich zu einem symbolischen Raum gemäß ihren Vorstellungen um, und es standen ihnen keine Strukturen aus Vorgängerkulturen im Wege. Diese früheste Prägung von Landschaft hatte immer sakrale Bedeutung, da Matriarchate wesentlich sakrale Kulturen waren, und sie war die Basis jeder späteren Umformung durch nachfolgende Gesellschaften. So haben die verschiedenen patriarchalen Kulturen, die Jahrtausende später ankamen, auf dieser grundlegenden Formung von Landschaft aufgebaut, ohne sie jedoch zu verstehen oder verstehen zu wollen. Durch ihre Eroberungszüge und Reichsbildungen, bestimmt von strategischem, profanierendem Denken, funktionierten sie die alten sakralen Stätten um in Keltenschanzen und germanische Wallburgen, in römische Kastelle und mittelalterliche Zwingburgen, oder sie vereinnahmten sie für ihre neuen Götter bis hin zur Überbauung mit christlichen Kirchen und Kapellen. Dabei wurde Landschaft als sakraler Raum in ihrer Ganzheitlichkeit zerstückelt, eine zunehmende Entwicklung, die in der modernen Zersiedelung und technischen Zerstörung von Landschaft ihren Höhepunkt erreicht hat. Die meisten heutigen Menschen sind daher kaum noch in der Lage, Landschaft überhaupt als ein Ganzes wahrzunehmen. Jede heutige Bemühung, Landschaft wieder als ein ganzheitliches Gefüge zu erfassen, führt uns deshalb auf die Wurzel dieser Wahrnehmungsweise zurück, welche die matriarchale Kultur besaß. Für sie war jede Landschaft ein heiliges Ganzes, denn nichts Geringeres als ein Antlitz der Göttin Erde. Die Erde galt als lebendes Wesen, das menschliche Begrenztheit bei weitem überschreitet, eben eine Göttin. Sie war ihnen die göttliche Urmutter, die alles Lebendige beständig aus sich hervorbringt, es trägt und ernährt, zu sich zurücknimmt und aus sich erneut wiedergebiert. Nun ist die Erde eine für Menschen nicht zu überschauende Göttin, daher wurden überschaubare Landschaften oder besondere landschaftliche Züge als pars pro toto genommen und galten ebenso als Erscheinung der Göttin Erde. Denn sie hieß die Eine mit tausend Gesichtern. So konnte zum Beispiel ein Berg oder eine Schlucht oder ein Gewässer oder ein Stein symbolisch für die Göttin Erde insgesamt stehen. Matriarchale Menschen verehrten und bewohnten dabei vorzugsweise landschaftliche Erscheinungen, die ausgeprägt weibliche Züge hatten, z.B. galten Zwillingshügel als "Brüste der Erde", ein ovales Tal als "Schoß der Erde", eine Quelle in einer runden Felsformation als "Vulva der Erde", eine Bergkette als "Liegende Frau" usw. Solche Züge wurden zu einer lokalen Landschaftsgöttin mit konkretem Namen, und die matriarchalen Menschen richteten ihre Bauten sinnfällig nach ihnen aus. Sie konnten nach ihrer Auffassung also buchstäblich "am Busen der Natur" oder "im Schoß der Erde" wohnen, und hier fühlten sie sich am geborgensten. Ich möchte nun im Folgenden die Prinzipien nennen, nach denen matriarchale Menschen ihre Bauten in die Landschaft einbetteten. Diese Prinzipien wurden von mir in einem Abstraktionsschritt aus der Fülle an archäologischen Plätzen gewonnen, die ich in drei Jahrzehnten Forschungsarbeit gesehen habe. Sie gelten für die Epoche der frühen Ackerbaukultur weltweit, obwohl ich mich hier auf einige wenige Beispiele aus Europa beschränke. Sie stellen zugleich die ältesten geomantischen Prinzipien dar, auf deren Grundlage sich die späteren Richtungen der Geomantie entwickelt haben.

Erstes Prinzip: Keine Trennung zwischen Sakralem und Profanem

Als erstes Grundprinzip gilt, dass es in matriarchalen Gesellschaften keine Trennung zwischen Sakralem und Profanem gibt. Das kennzeichnet diese Kulturform als durchgängig spirituell. Daher lassen sich, ohne etwas über matriarchale Spiritualität zu wissen, weder ihre weltanschaulichen, noch ihre politischen, sozialen oder ökonomischen Muster verstehen. Dieses Prinzip wirkt sich so aus, dass - abgesehen von den religiösen Festen - auch jede praktische Handlung im Alltag, wie z.B. Säen, Ernten, Töpfern, Weben, zugleich ein Ritual ist und dass jeder praktische Gegenstand, wie z.B. ein Pflug, eine Spindel, ein Vorratsgefäß, zugleich eine symbolische Bedeutung hat. Das gilt auch für die Baukunst: Trotz räumlicher Trennung von Bautypen gibt es keine ausschließlichen Sakralbauten oder Profanbauten, wie bei uns z.B. Kathedrale und Bankhaus. Denn jedes Bauwerk ist zugleich profan und sakral. So sind die Sippenhäuser nicht nur der Wohnort der matrilinearen Sippen, sondern zugleich Verehrungsstätte für AhnInnen und Göttinnen. Ihr Kult findet am Heiligen Herd im großen Raum in der Mitte des Hauses statt oder an der zentralen Säule, die das Dach trägt und die zugleich die konkrete, hiesige "Achse der Welt" darstellt. Damit bildet das Haus im Kleinen die Welt im Großen ab und wird auf diese Weise sakralisiert. Umgekehrt sind Bauten, die wir für rein sakral halten, keineswges nur "Tempel". Sie sind zugleich Wohnstätten für die Priesterinnen und Heiligen Könige der matriarchalen Kultur, weshalb ich für sie den Begriff Wohntempel geprägt habe. Das gilt ebenso für die so genannten Paläste auf der Insel Kreta, die zugleich umfangreiche Tempel waren, wie für die so genannten Tempel auf der Insel Malta, die zugleich Wohnstätten waren. Dieses Prinzip findet sich schon bei dem Baukomplex von Chatal Hüyük (Türkei), einer frühesten neolithischen Stadt, deren kubenförmige Häuser alle aneinander gebaut sind. Die Ausgräber haben hier keine "Tempel" gefunden, weil etwa jeder dritte der kubusförmigen Räume sakrale Symbole wie Göttinfiguren in Gebärhaltung und Kuh- oder Stierhörner enthielt. Diese so genannten Sakralräume lagen völlig regellos Tür an Tür mit den so genannten Wohnräumen. Das heißt, die Leute von Chatal Hüyük traten durch die Stubentür sozusagen in die "Kirche" ein und durch die nächste Tür wieder ins "Wohnhaus". In diesen so genannten Wohnräumen fanden die Archäologen zudem gemauerte Podeste als Liegestätten, unter denen die Gebeine der Toten begraben waren. Handelt es sich in diesen Räumen nun um "Schlafzimmer" oder "Friedhöfe" oder um beides zugleich? Tatsächlich handelt es sich hier um eine Art der AhnInnenverehrung, von denen die Lebenden wünschten, dass sie ganz nahe bei ihnen ruhen. Diese Haltung ist nur logisch, weil die matriarchale Spiritualität keine religiöse Transzendenz mit einem unsichtbaren, ungreifbaren, aber allmächtigen Gott kennt, der strikt von der "Welt" getrennt ist und demgegenüber sie abgewertet wird. Der matriarchale Begriff von Göttlichkeit ist immanent, denn die gesamte Welt wird als göttlich betrachtet: Die Welt ist die Göttin, weshalb auch alles in ihr Göttlichkeit besitzt.

Zweites Prinzip: Betonung des Innenraumes statt des Außenraumes

Für die matriarchale Kultur gilt, dass Innenräume betont werden statt der Außenräume. Es werden niemals Außenräume und Fassaden ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Monumente, die dominant in der Landschaft stehen, deutlich erkennbar und mit einem einzigen Blick zu erfassen - als Denkmäler von Heldentaten oder von verschiedenen Formen des Größenwahns - gibt es nicht. Stattdessen gilt das Interesse matriarchaler Menschen den Innenräumen, den Hohlräumen. Sie sahen optisch die Innen- und Hohlräume, die wir meist gar nicht wahrnehmen, während die Fassade und Außenseite für sie keine Bedeutung hatte. Denn diese wurde meist in der Erde vergraben. Der Innenraum enthält In-halt, während die Außenseite nichts enthalten kann, sondern nur abgrenzt und zurückstößt. Der eigentliche Inhalt ist der Prozess des Lebens selbst, genauso wie im mütterlichen Schoß, im weiblichen Innenraum, Leben entsteht. Jeder natürliche Hohlraum, wie eine Höhle, und jeder architektonisch gebaute Hohlraum bedeutet in der matriarchalen Kultur deshalb grundsätzlich den Mutterschoß, sei es der Schoß der Göttin Erde oder der Frau. Denn nach matriarchaler Auffassung ist der Ursprung aller Dinge der weibliche Schoß, und nicht der Krieg, wie ein griechischer Philosoph behauptet hat. So sind z.B. sämtliche Dolmengräber der großartigen neolithischen Megalithkultur, die weltweit verbreitet ist, als Hohlräume gedacht und gebaut. Von außen wurden sie mit einem Erdhügel überdeckt, der von der Baukunst innen, mit der die Grabkammern aus gewaltigen Steinen konstruiert waren, oft sorgsam geglättet und mit Gravuren verziert, nichts mehr erkennen ließ. Denn es ist ihr Innenraum, auf den es ankommt: Dieser stellt eine Höhle, eine Grotte dar, eben das Innere der Erde, ihren mütterlichen Schoß. Hier wurden die Toten eines matriarchalen Clans bestattet und Rituale der Totenspeisung und Ahnenverehrung gefeiert in der Hoffnung, dass die Ahnin oder der Ahn bald aus dem Schoß der Erde ins Leben zurückkehren würde, um als kleines Kind im eigenen Clan wiedergeboren zu werden. Auf diesen Glauben weist auch die so genannte "Hockerstellung" hin, in der die Toten bestattet wurden, denn es ist die Embryonalhaltung eines ungeborenen Kindes. Wie der Embryo im Mutterleib ruhen die Toten im Schoß der Erde bis zur Wiedergeburt. Sinnfälliger kann man nicht zeigen, dass der Hohlraum als Gefäß des Lebens galt. Darum ist verständlich, dass alle Sorgfalt der Baukunst dem Innenraum galt.

Drittes Prinzip: Abbilden der Weltvorstellung

Als drittes Prinzip matriarchaler Baukunst und Landschaftsformung zeigt sich, dass die Menschen ihre Grundvorstellung vom Aufbau der Welt abbilden. Die Welt besteht für sie aus den drei Bereichen Himmel, Erde und Unterwelt. Jede Region wird von der Göttin bewohnt gedacht, die im entwickelten Matriarchat eine triadische Gestalt hat, sie ist die dreifaltige Große Göttin in den symbolischen Farben Weiß-Rot-Schwarz. Im Aspekt der jugendlichen Weißen Göttin ist sie die Herrin des Himmels und Lichtbringerin. Im Aspekt der Roten Göttin ist sie die voll erblühte Frau, die Herrin der Erde und Bringerin der Liebe und Fruchtbarkeit. Im Aspekt der Schwarzen Göttin als weiser Greisin ist sie die Herrin der Unterwelt und Bringerin von Tod, Verwandlung und Wiedergeburt. Im so genannten Palast von Knossos tritt dieses Prinzip deutlich hervor, denn er ist diesem Dreistockwerk-Weltbild entsprechend dreigeschoßig gebaut. Gemäß seiner archäologischen Rekonstruktion hatte das oberste Geschoß mit den hochgelegenen Propyläen und Galerien weißbemalte Säulen. Außerdem trugen die Dachfirste riesige, stilisierte, weiße Kuhhörner, ein Mond- und Himmelssymbol, wobei diese Hörner wie Peilmarken auch zur Gestirnsbeobachtung gedient haben können. Das mittlere Stockwerk mit seinen Hallen und Thronsälen, meist ebenerdig gelegen, war mit rotbemalten Säulen geschmückt. Hier war der Bereich des Hoflebens, der sakralen Feste, der kultisch-repräsentativen und politisch-praktischen Aufgaben, der Bereich der "Welt". Das unterste Stockwerk liegt meist unterirdisch, gewundene Treppen führten in die Erde hinein zu den ausgedehnten Vorratsräumen und zu Sakralräumen mit Kultbecken. Hier waren die Säulen schwarz bemalt, und man fand in einer unterirdischen Kammer die kleinen Göttinskulpturen aus Fayence, Schlangen in den Händen haltend. Schlangen sind Symbole von Heilung, Tod und Wiedergeburt. - Allein schon diese exquisite, hochsymbolische Baukunst macht deutlich, dass es sich im Baukomplex von Knossos nicht nur um einen "Palast" gehandelt haben kann, sondern um ein sakrales Gebäude, eben einen Wohntempel. Genauso deutlich tritt dieses Prinzip von der Dreigliederung der Welt in der Landschaftsformung hervor. Denn Heiligtümer der Weißen Göttin als Himmelsherrin wurden auf Bergspitzen und Hügelkuppen erbaut. Heiligtümer der Roten Göttin standen hingegen in fruchtbaren Tälern, Flussauen und Schwemmlandebenen, besonders da, wo sich zwei Flüsse vereinigen. Heiligtümer der Schwarzen Göttin befanden sich in Höhlen und Schluchten oder waren mit Teichen, Brunnen, Quellen und Seen verknüpft.

Viertes Prinzip: Ausdrückliche Gestaltung der Weiblich-Männlich-Polarität

In die umfassende Weiblichkeit der Urgöttinnen Kosmos und Erde eingebettet, entwickelt sich nach matriarchaler Vorstellung jede dynamische Polarität wie Licht und Dunkel, Sommer und Winter, Bewegung und Ruhe, auch die des weiblichen und männlichen Elements. Dabei wird diesen komplementären Entsprechungen keine Wertung untergeschoben, wie es später in der patriarchalen Philosphie geschah. Als viertes Prinzip ist daher die Gestaltung des weiblichen und männlichen Elements als gleichwertige Polarität in Architektur und Landschaftsformung zu nennen. Einmal abgesehen von dem uralten Yoni-Lingam-Symbol in Indien, das aus liegenden Steinen in Form einer Vulva und einem darin stehenden, phallischen Stein gebildet wird und für sich vorkommt, finden sich ähnliche symbolische Steinsetzungen auch in der Architektur. Dies trifft insbesondere für die komplexen neolithischen Megalithanlagen zu. So sind z.B. die Steinkreise der großen Anlage von Avebury (Südengland) durchgängig aus weiblichen und männlichen Steinen gebaut. Dabei gilt ein Stein mit geraden, senkrechten Kanten, der schlank aufragt, als "männlich", hingegen gilt ein Stein mit schräggestellten Kanten, breit gelagert in Rauten- oder Diamantform, als "weiblich". Die gesamte Anlage von Avebury ist ausschließlich aus solchen einzeln stehenden, tonnenschweren, weiblichen und männlichen Riesensteinen errichtet, von denen heute leider der größte Teil verloren gegangen ist. Häufig wechseln sich sogar je ein männlicher und ein weiblicher Stein ab. An der zentralen Stelle The Cove im nördlichen Kreis bilden die beiden noch stehenden Steine - einer ist vor langer Zeit umgefallen - sogar ein Paar. Auch bei Megalithgräbern fällt diese polare Symbolik auf. Die dolmenartige Grabkammer entspricht dem weiblichen Element, denn sie symbolisiert den Mutterschoß. Am Eingang solcher Grabkammern sieht man aber manchmal mächtige, hochragende Steine stehen, die schützend davorgestellt wurden, z.B. auf Rügen oder in Südengland. Sie sind "Wächtersteine" und symbolisieren das männlichen Element der Anlage. Das ganze Arrangement entspricht der Idee eines matriarchalen Clans und der Funktion der Männer darin: Die Frauen sind die Schöpferinnen des Clans und verlängern sein Dasein durch Geburten, da Verwandtschaft in der Mutterlinie definiert wird, die auch "uterine Verwandtschaft" heißt. Die Männer haben als Brüder, Söhne und Enkel der Clanmutter denselben Clannamen. Die Mutterbrüder jeder Generation spielen im Clan eine wichtige Rolle, sie sind die Schützer und Helfer der Frauen und tragen Mitverantwortung für die Schwesterkinder. Daher stehen sie symbolisch in Stein als "Wächter" vor dem heiligen Schoß der Stammutter oder Ahnfrau, die durch den Dolmen repräsentiert wird. Auch in der Landschaft werden oft komplementäre weibliche und männliche Züge gesehen, und sie werden häufig durch entsprechende Bauten betont. Ein solches Beispiel erforschte ich in der Schweiz. Die symbolischen Hauptpfeiler des Oberhalbsteiner Tales in Graubünden sind zwei heilige Berge, die sich in Ost-West-Richtung genau gegenüberliegen: Piz Toissa und Piz Mitgel. Die Toissa zeigt mit zwei Gipfelspitzen als Brüsten und einem kreisrunden, inneren Schoß - ähnlich einem Vulkan - überaus weibliche Züge, außerdem erscheint sie, aus mittlerer Höhe betrachtet, wie eine halb liegende, halb sitzende Frau in der Geburt, zwischen deren Knien der Kindskopf hervortritt. Dieser bemerkenswerten Züge wegen war sie einst die Landschaftgöttin des Tales. Ihr gegenüber thront, mit prächtiger Felswand und steil gebogenem, phallusartigem Gipfel, der (verchristlichte) Mitgel als ihr männlicher Partner. Eine Serie von Kulthügeln, heute von Kirchen und Burg überbaut, betont die Ost-West-Achse zwischen diesem polaren Berge-Paar, während eine andere Serie von Kulthügeln, im rechten Winkel die erste Kultlinie schneidend, die Nord-Süd-Achse kennzeichnet. Auf diese Weise wurde hier mit Hilfe des Prinzips der Weiblich-Männlich-Polarität ein Landschaftstempel geformt.

Fünftes Prinzip: Darstellung von Göttinnen in Bauwerken

Das Prinzip, Göttinnen als Bauwerke darzustellen, drückt sich in jenen besonderen Bauten aus, die in der Gestalt der archaischen Großen Göttin geformt sind. Die Gestalt der Göttin wird hierbei in der Regel durch die Innenräume als Hohlformbild dargestellt, wie es z.B. bei den Wohntempeln von Malta und Gozo der Fall ist oder bei dem "besonderen Haus" im Komplex von Skara Brae auf den Orkneys in Schottland. Jedesmal ist der Innenraum betont, während diese Bauwerke außen teils von Erde ummantelt waren. Dabei ist dieser Innenraum vielfach gegliedert und stellt nicht nur den Schoß der Göttin dar wie die Dolmengräber, sondern bildet mit fünf Apsiden ihren ganzen Leib ab - runder Kopf, zwei ausladende Brüste zur Rechten und Linken, zwei gleichartig ausladende Hüften. Eingang und Ausgang führen direkt durch die Vulva in ihren Leib. Jeder dieser Wohntempel ist damit ein unmittelbares Abbild der Magna Mater, der lebenschöpferischen Göttin. Eine andere Umsetzung dieses Prinzips ist Silbury Hill (Südengland), innen äußerst kunstvoll als kreisrunde, siebenstufige Pyramide errichtet, was man wegen der ebenmäßigen Erdaufschüttung von außen nicht sieht. Im Inneren birgt dieser schöne, künstliche Hügel einen weiteren Hügel, umgeben von einem an ihn gelehnten Steinkreis. Dieses Bauwerk wird jedoch durch eine Erdformung in die Landschaft hinein verlängert, denn um Silbury Hill liegt eine Bodensenke, die sich zur Zeit der Schneeschmelze mit Wasser füllt, so dass um den Hügel herum ein flacher See entsteht. Diese Senke ist vermutlich ebenfalls künstlich geformt worden, sie stellt nämlich zusammen mit dem Hügel ein Bild dar. Es ist das Bild einer hockenden Göttin, das die Umrisse des Sees zeichnen, wobei der Hügel wie eine ausladende Hüfte oder ein schwangerer Bauch dreidimensional hervortritt (vgl. dazu Forschungen von Michael Dames).

Sechstes Prinzip: Einbeziehung des Kosmos durch die Himmelsrichtungen

Das sechste Prinzip ist die Einbeziehung des Himmels anhand der Himmelsrichtungen. Bekanntlich sind Megalithanlagen so gebaut, dass sie in bestimmten, symbolisch verstandenen Himmelsrichtungen liegen und viele von ihnen sich obendrein für die Beobachtung der Gestirne eignen. So sind die Öffnungen von Megalithgräbern häufig nach Südosten gerichtet, genau dorthin, wo zur Wintersonnwende die Sonne aufgeht. Dieses Datum ist symbolträchtig, denn es bedeutet die Wiedergeburt des Lichts und des Lebens. Einfache Steinkreise erlauben einfache Gestirnsbeobachtungen. Komplexe Anlagen wie Avebury und Stonehenge erlauben vielfältigere Beobachtungen, die nicht nur die Bewegungen der Sonne einschließen, sondern auch die des Mondes. Dabei dienen die Steine als Peilmarken, in deren Zwischenräumen die Gestirne erscheinen. Nun eignet sich nicht jede beliebige Landschaft als Standort für ein solches archaisches Observatorium, denn nur ein tischebener Horizont wie etwa am Meer gestattet die Beobachtung der exakten Auf- und Untergänge von Gestirnen. Hingegen verzerrt ein hügeliger oder gar bergiger Horizont die Beobachtung beträchtlich. Das heißt, die natürliche Umgebung muss von vornherein in die Planung des Bauwerkes einbezogen sein. Sie ist damit als Teil von ihm gedacht, und umgekehrt ist das Bauwerk als Teil der Landschaft gedacht, die hier in den Himmel hinein verlängert wird. Um gute Beobachtungsverhältnisse auch im Binnenland zu erreichen, muss ein Horizont in der Ebene gewählt werden oder ein Horizont von einem Hügel, um den sich das andere Hügelland scheinbar absenkt. In alpiner Landschaft ist es am schwierigsten, dieses Prinzip umzusetzen. Deshalb wird der Kalender, der aus der Gestirnsbeobachtung gewonnen wurde, hier von einem bekannten Beobachtungszentrum auf diese Landschaft übertragen, wobei nun bestimmte Bergspitzen als Peilmarken dienen und die Menhire ersetzen. Auf diese Weise kann eine gesamte Landschaft mit ihren Eigenheiten als Kalendersystem fungieren, was solche Bergnamen wie "Neuner(spitze)", "Zehner(spitze)", "Elfer(spitze)", "Zwölfer(spitze)", wie sie z.B. in den Dolomiten (Südtirol) vorkommen, belegen. Solche "Kalenderberge" haben eine Aura von Heiligkeit und genießen ihrerseits Verehrung.

Siebtes Prinzip: Formung von Landschaftsbildern durch Kombination von Bauten

Bei diesem Prinzip wird am deutlichsten, dass Bauwerke als Teile der Landschaft verstanden wurden, indem sie deren natürliche Züge betonen und durch Kombination von mehreren Kultstätten großräumige Landschaftsbilder schaffen. Diese wurden der Landschaft aber nicht aufgezwungen, sondern verstärkten lediglich das Bild, das die Landschaft den Menschen, die sie symbolisch betrachteten, von selber bietet. Das Ergebnis ist ein überaus harmonisches Zusammenspiel von Landschaft und Bauten, das einen hohen ästhetischen und spirituellen Rang besitzt. Diese Landschaftsbilder können abstrakt sein oder auch konkrete Formen darstellen, aber in jedem Fall geben sie eine abstrakte oder konkrete Vorstellung von der Göttin wieder. Auch ein solches in die Landschaft gebautes Bild konnte zur Landschaftsgöttin dieser Gegend werden. Um als Beispiel nochmals Avebury (Südengland) zu nennen: Diese großartige Anlage zeigt gemäß der Rekonstruktion von William Stukeley († 1765) eine breite, kreisrunde Wallanlage mit tiefem Innengraben, sie schafft das innere Plateau, auf dem die Steinkreise stehen. Das Plateau wurde vollständig von einem Steinkreis umringt, dem weiten äußeren Kreis, der seinerseits wieder zwei Steinkreise einschloss. Nach Osten und Westen bogen von dieser komplexen Anlage zwei kilometerlange, schlangenförmige Steinalleen ab, jede mündete ihrerseits wieder in einem kleineren Steinkreis, die in exakter Ost-West-Achse zueinander liegen. Damit noch nicht genug: Silbury Hill liegt genau in der Mitte zwischen den beiden Armen der Steinalleen, dieser Hügel befindet sich in genauer Nord-Süd-Achse zur Kreisanlage von Avebury. Avebury und Silbury Hill gehören deutlich zusammen und bilden ein genaues Achsenkreuz der Haupthimmelsrichtungen. Avebury und Silbury Hill formen zusammen ein riesiges Landschaftsbild, ein über Kilometer hinweg reichendes, großangelegtes Symbol. Avebury sieht aus wie ein kreisrunder Uterus mit Zwillingsgebilden darinnen - ähnlich dem ostasiatischen Yin-Yang-Symbol. Zwei lange Eileiter (Steinalleen) gehen von diesem Uterus aus, die in die beiden Eierstöcke (äußere Steinringe) münden. Das könnte den großen, fruchtbaren Schoß der Erdmutter bedeutet haben, die als hiesige Landschaftsgöttin in dem gebauten Bild erscheint. Bei ihr ruhen die Toten, denn in dieser Landschaft befinden sich noch zahlreiche ältere Megalithgräber. In der Mitte dieses weiblichen Organs liegt Silbury Hill, im Verhältnis klein und rund wie ein soeben geborenes Kind. Silbury Hill ist ein weißer Mondhügel und könnte im Verhältnis zu dem großen Schoß der Erdmutter die Mondtochter gemeint haben, welche die Erdgöttin gemäß matriarchaler Mythologie jeden Abend gebiert. So entstand auch durch menschliche Baukunst eine heilige Landschaft. Der wesentliche Zug matriarchaler Architektur und Landschaftsformung ist dabei, dass Landschaft ausnahmslos geheiligt wurde als Göttin-Raum. Im Göttin-Raum bewegen sich die Menschen auf der Erde als einer Urgöttin ja schon immer. Nur war matriarchalen Menschen diese vorgängige Verbundenheit mit der Erde immer bewusst gewesen, und sie machten sie durch ihre Bauweise explizit. Der patriarchalisierten Menschheit hingegen ist dieses elementare Wissen, dass sie Teil der Erde ist, verloren gegangen - sehr zu ihrem Schaden.