Schiffe aus Stein

Die Navetas - Rätsel auf Mallorca

von Hannes Boventer erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Mit den Megalithstätten Mallorcas wird in erster Linie der Begriff "Talayot" assoziiert - Rundtürme, deren Bedeutung nach wie vor ungeklärt ist. Hannes Boventer möchte GeomantInnen für ein weiteres Rätsel interessieren: Die Navetas, Totenschiffe aus Stein. Er wünscht sich eine interdisziplinäre Herangehensweise, in der Archäologie, Geomantie und Mythologie zusammenfinden.

Es war im Frühjahr 1962, als ich zusammen mit einem Kollegen eine Studienreise nach Mallorca begleitete und mit einem kleinen Boot durch die Bucht von Alcudia segelte. Ich bat den Skipper, eine kleine Insel anzusteuern, die meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Der wurde jedoch blass und lehnte laut gestikulierend ab: Das würde er unter keinen Umständen tun, denn die Insel sei nicht geheuer. Es handle sich um eine Toteninsel, und auch der Strand sei geheimnis-umwittert. Im Winter nach heftigen Stürmen tauche dort oft ein großer Friedhof auf mit steinernen Gräbern und versteinerten Booten. Kollegen hätten nachts kleine wandernde Lichter gesehen, und es sei besser, diesen Platz zu meiden. Diese Aussagen erregten bei uns natürlich Neugier und Ehrgeiz, und so suchten wir am nächsten Tag den besagten Strand auf. Anfänglich sah der Strand aus wie jeder andere, aber allmählich erkannten wir kleinere Sanderhöhungen, unter denen sich Steine verbargen und nach und nach wurden kleine Mauerreste sichtbar. Bis gegen Abend hatten wir so einige Gräber oberflächlich frei gelegt, einige davon in der Form eines kleinen Bootes. Kein Zweifel, es waren Grabanlagen aus einer fernen Vergangenheit, wir hatten für uns die Nekropole Son Real entdeckt. Zeit ging ins Land, und es ergab sich keine Gelegenheit, das Gräberfeld wieder zu besuchen. Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder viele Einheimische befragt, aber nicht einer kannte diesen Ort oder wusste etwas darüber zu berichter. Etwa zehn Jahre später stand ich wieder am Strand von Alcudia und suchte das Gräberfeld. Riesige Sand- und Seetangberge bedeckten den Strand, aber keine Spur mehr von "alten Steinen". Als ich 1982 noch einmal einen Versuch machte, an das alte Erlebnis anzuknüpfen, wurde ich vollends enttäuscht. In nicht allzu großer Entfernung waren Hotels gebaut worden, und wo ich mein Gräberfeld vermutete, fuhr eine Gruppe von einheimischen Jugendlichen Motocross. Anfang der 90er-Jahre, also 30 Jahre nach unserem ersten Erlebnis, vermittelte mir ein auf der Insel lebender Freund ein Gespräch mit einem Mallorca-Kenner, der nach eigenen Angaben die Lage jedes großen Steines auf der Insel wusste. Er kannte den Ort zwar nicht selbst, hatte aber davon gehört und wusste, wo man ihn finden konnte. Als ich danach wieder an den Strand kam, war ich nicht schlecht erstaunt, als ich vor einem großen Gräberfeld, einer wirklichen Nekropole stand. Das Gelände war offensichtlich fachgerecht ausgegraben und vermessen und durch einen Zaun gesichert worden. Nach Anfragen bei der Inselregierung hieß es lapidar, es gebe leider kein Geld für einen ausreichenden Schutz der Anlage und deshalb würde die Nekropole nicht weiter öffentlich propagiert. Inzwischen findet man meist wenig aussagekräftige Kurzinformationen in der Literatur, die aber der Bedeutung dieses Objektes in keiner Weise gerecht werden. Es fehlt Geld, die Geschichte muss warten. Diese "Vorgeschichte" sollte zeigen, wie problematisch es um die Archäologie auf Mallorca bestellt ist, was leider auch zur Folge hat, dass eine globale Betrachtungsweise oder gar geomantische Ansätze noch in den Kinderschuhen stecken. Das geomantische Interesse für diese Kultstätten muss erst noch geweckt werden.

Die Archäologie auf Mallorca

Die Vielzahl an eindrucksvollen und eigenartigen Monumenten unterschiedlichster Art auf Mallorca hat schon früh die Begeisterung und Phantasie der selbsternannten Altertumskundler erregt. In diesem Zusammenhang muss man den auf Mallorca sehr verehrten habsburgischen Erzherzog Louis Salvador nennen, der schon in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts die Monumente mit aller Akribie zeichnete und für die Nachwelt festhielt. Eine seriöse und wissenschaftliche Erforschung begann jedoch erst im 20. Jahrhundert. Albert Mayer, ein Deutscher, ist hier mit seiner Arbeit "Vorgeschichtliche Denkmäler der Balearen" (1912) zu nennen. Ab 1920 war es vor allem J. Colominas, der eine systematische Einteilung der bisher bekannten Relikte der Vor- und Frühgeschichte erarbeitete. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts kam es allmählich zu Ausgrabungen und Klassifizierungen mit modernen Methoden. 1958 wagte sich José Mascaró Pasarius an die Mammutaufgabe, eine "Mapa General de Mallorca" anzulegen, eine Generalstabskarte, die er als Kartograph von Hand zeichnete und die heute noch aktuell und ein wichtiger Helfer bei allen Untersuchungen ist. José Fernández Mirabda schrieb 1987 die "Secuencia Cultural de la Prehistoria de Mallorca", eine Dokumentation, die aber fast ausschließlich in den Bibliotheken der Universitäten schlummert. In dankenswerter Weise waren es Javier Aramburu-Zabala mit seinen Kollegen Carlos Garrido und Vicenç Sastre, die 1994 den "Guia Arqueológica de Mallorca" als Buch herausbrachten, das 1998 in dritter Auflage die neuesten Daten der mallorquinischen Monumente durch Bilder, Grafiken und umfangreiche Beschrei-bungen dokumentierte. Die Vorgeschichte Mallorcas bzw. der Balearen ist noch weitgehend unerforscht und voller Geheimnisse. Ganz gleich, ob man die Mallorquiner wie Diodor von Sizilien (100 n.Chr.) als barbarische See-räuber betrachtet oder anerkennt, dass diese Volksgruppe aus hervorragenden Seeleuten bestand, ihr Ursprung lag wahrscheinlich im Golf von Lyon, also in der heutigen Provence oder noch nördlicher. Die Theorie ist nicht abwegig, dass die Urheimat dieser Menschen in Skandinavien lag, genauer gesagt in Schweden und Dänemark. Einig ist sich die Wissenschaft wohl, dass die ersten Menschen im sechsten Jahrtausend v.Chr. auf die Insel kamen und sie mehr oder weniger intensiv besiedelten. In unserem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass alle Siedler Mallorcas über das Meer gekommen sein müssen. Aus dieser Tatsache erklärt sich auch der Umstand, dass die Schiffsformen über viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende das kulturelle und private Leben auf der Insel bestimmten. Sie verloren ihre Rolle erst, als die Feuerbestattung als wieder Totenkult aufkam. Für Seefahrer hat es eine gewisse Logik, dass der geformte Raum eines Schiffes, in dem sie mehrheitlich lebten und sich wohlfühlten und den sie zu verteidigen gelernt hatten, auch dann eine bevorzugte Form blieb, als sie an Land gingen und sesshaft wurden. Obwohl auch auf anderen Inseln (z.B. Menorca) und in Ländern wie Frankreich und Irland Bauten in Schiffsform bekannt sind, ist die Dominanz der Navetas, wie sie auf Spanisch genannt werden, kaum mit anderen Gegenden zu vergleichen. Dass Seefahrer die Schiffsform oder sogar ihr reales Schiff als Begräbnisstätte bevorzugen, war in der Welt zu allen Zeiten weit verbreitet. Die Wikinger z.B. begruben zeitweise ihre Fürsten mitsamt ihrem Schiff und umgeben von Pferden und Waffen unter einem Hügel. In späterer Zeit übergaben sie sogar die Leichen der Edlen auf ihren Schiffen dem Meer, nachdem Schiff und Leiche angezündet waren und lichterloh brannten. Wenn diese Bestattungsart auch nicht zeitgleich mit den Vorgängen auf Mallorca erfolgte, zeigt sich darin doch eine Tendenz, die schon im Kulturbewusstsein früherer und anderer Seefahrer-Generationen angelegt war.

Verschiedene Schiffsformen

Es scheint gesichert, dass die unterschiedlichen Schiffsformen auf Mallorca auf die Lebensumstände der Seefahrer zurückzuführen sind. Auch ein Ahnenkult mag hier ein Beweggrund gewesen sein, indem man die Schiffe verehrte, auf denen die Vorfahren auf die Insel gekommn waren. Wo immer in der Frühgeschichte oder Antike über die Menschen auf Mallorca berichtet wird, stehen deren Ahnen- und Totenverehrung und die hohe Kunst des Steineschleuderns im Vordergrund. Im Verlauf der archäologischen Forschungen hat sich gezeigt, dass es bei den steinernen Schiffen ganz unterschiedliche Formen gegeben hat, so dass die einfache Bezeichnung "Navetas" zu allgemein erscheint. So gibt es beispielsweise Navetas als künstliche Höhlen, als Wohnhäuser, als Tempelanlagen und als Grabstätten, die sicherlich einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund haben, sich aber in ihrer Ausformung sowohl zeitlich als auch architektonisch erheblich unterscheiden Viel spricht dafür, dass die frühen prähistorischen Menschen auf Mallorca anfänglich in Höhlen wohnten und ihre Toten ebenfalls in Höhlen beigesetzt haben. Ab dem 16. Jahrhundert v.Chr. wurden auch künstliche Höhlen für die Bestattung aus dem Felsen gehauen oder die Innenräume natürlicher Höhlen künstlich in neue Formen verwandelt. In mehreren Fällen (z.B. La Cueva de Son Caulelles und Las Cuevas de Cala Sant Vicenc) bekamen sie die Form eines kieloben liegenden Schiffes. Die Decke ist gewölbt und wirkt wie verputzt. In den Räumen befinden sich umlaufende Sitzbänke, und die Eingänge sind besonders klein. Bei einem weiteren architektonischen Schiffstyp handelt es sich um Wohnhäuser, die aber im heutigen Zustand nicht mehr abgedeckt sind, Fachleute denken an Strohdächer, die selbstverständlich alle verwittert sind. Sie zeigen also nur die Form eines Schiffes und werden folgerichtig von den spanischen Archäologen Navetiformes genannt. Diese sind für die Zeit von 1500 bis 600 v.Chr. belegt und bilden oft Dorfformationen, die so wirken, als würden die Schiffe hintereinander in einem Fluss treiben. Navetas nennen die Spanier jene Bauwerke, die aus großen Steinbrocken als Basismauern bestehen und als Schiffsform ein überkragendes Gewölbe besitzen. Die Naveta ist eine Begräbnisstätte, sie hat zwei Stockwerke und von außen das Ansehen eines großen Schiffes, das kieloben liegt. Erinnerungen an die oben erwähnten Höhlen werden wach. Auf Menorca kann man eine sehr gut rekonstruierte Naveta besichtigen, deren Typ offenbar ausschließlich als Begräbnisstätte von machtvollen Fürsten und ihren Familien genutzt wurde. Bei der Entdeckung der Nekropole Son Real kam ein weiterer Schiffstyp hinzu. Hier befinden sich 31 Gräber, die unschwer als kleine Schiffe zu identifizieren sind. Sie liegen nicht kieloben, sondern scheinen im Wasser zu schwimmen und waren ursprünglich mit Steinplatten abgedeckt. Es waren Gräber für zwei Personen, deren Körper nebeneinander in Hockerstellung und in Fahrtrichtung saßen, als seien sie auf einer Reise. Die Archäologie nennt diese kleinen Bauwerke, die zwischen 3,5 und 4,5 Meter lang sind, zutreffend Micro-Navetas. Man hat es auf Mallorca also mit vier in sich ganz verschiedenen architektonischen Schiffstypen zu tun, von denen drei dem Totenkult zuzurechnen sind:
- Höhlen in Schiffsform
- Navetas als Begräbnisstätten
- Micro-Navetas als Doppelgräber
- Navetiformes als Wohnhäuser

Eine Herausforderung

Im Zusammenhang mit den Schiffstypen drängen sich viele Fragen auf, die sich wohl nur durch neue Denkweisen und Ansätze klären lassen. Es könnte durchaus sein, dass nach einer Aufarbeitung aller archäologischen Fakten, verbunden mit Ergebnissen der Mythologie und nicht zuletzt der Geomantie, die steinernen Schiffe für die Insel eine völlig neue Bedeutung erhalten werden. Einige Fragen werden sich nur vor Ort unter Zusammenfassung unterschiedlicher Disziplinen und Bezugspunkte lösen lassen. Es würde mich freuen, wenn dieser Artikel Geomanten anregt, sich dieser Herausforderung anzunehmen. In der Folge möchte ich einige Lösungsansätze skizzieren. Dass ein seefahrendes Volk, das die längste Zeit auf Schiffen lebt, diese Umgebung in alle Lebenslagen integriert und auch auf das Land überträgt, ist verständlich. Der mit den Schiffen verbundene Totenkult legt nahe, dass ihre Erbauer an ein Leben nach dem Tode glaubten, wie es im 3. Jahrtausend in Ägypten schon verbreitet war. Was liegt näher, als die Wohnungen der Lebenden und die der Toten ähnlich zu gestalten, vielleicht für die Verstorbenen noch etwas prächtiger? So wurden die natürlichen Höhlen der Form der Schiffe angepasst, damit die Toten in gewohnter Umgebung auf das neue Leben warten können. Was bisher nicht geklärt werden konnte, ist z.B. die Frage, warum die Navetas und Höhlenschiffe kieloben errichtet wurden und die Micro-Navetas in Normallage wie in Bewegung. Wenn die Seefahrer an Land gingen zur Erkundung des Landes oder um dort zu übernachten, haben sie ihre Boote an Land gezogen und zum austrocknen kieloben gelagert. Wahrscheinlich sind sie zum Schutz beim Schlafen unter diese "Überdachung" gekrochen. Kieloben-Architekturen könnten demnach ein Beleg für den Schlaf als Bruder des Todes, für den Ruhezustand sein. Die Navetiformes als Wohnhäuser, meist 10 bis 12 Meter lang, hatten kein festes Dach aus Stein und entsprachen mehr dem offenen Schiffsraum. Diesen Überlegungen stehen die Micro-Navetas gegenüber, die kleine Boote in Normallage darstellen. Interessanterweise hat das ZDF am 10. März 2002 in einer Dokumentationssendung unter dem Titel "Sturm über Europa" die lange Wanderung der Goten von Skandinavien nach Südeuropa nachgezeichnet. In Polen war ein gotisches Grab gefunden worden, das recht genau die Form und Größe der Micro-Navetas zeigte. Die Umstände der Ausgrabung ließen darauf schließen, dass es ein Grab für zwei Körper war, die in Fahrtrichtung - und zwar nach Norden - saßen. Der Bericht kommentierte den Fund mit der Sehnsucht der Menschen nach den Ahnen und dem Land, in dem die Wanderung begonnen hatte. Wenn es auch hier keine Zeitgleiche gibt, so deutet es als spätes Beispiel doch eine Richtung an, in der gedacht werden darf.

Kelten auf Mallorca?

Die Micro-Navetas von Son Real am Meer stellen etwa die Hälfte der gefundenen Grabtypen dar. Es muss ein Bewusstseinswandel auf Mallorca stattgefunden haben, der sich darin zeigt, dass aus großen Grabstätten, den Navetas, kleinere Schiffe geworden sind, die in einer Totenstadt in größerer Anzahl zu finden sind. Möglicherweise sollten die Menschen darin auf eine Reise geschickt werden, zurück zu den Ahnen, in die Unterwelt oder in die alte Heimat. Nach meiner Einschätzung gibt es eine Erklärung, eine Theorie, die noch nicht viele Freunde hat. Die Entstehung der Micro-Navetas wird von der Wissenschaft auf das 7. bis 4. Jahrhundert v.Chr. ge- schätzt bzw. durch moderne Messmethoden an Menschenknochen nachgewiesen. Wenn wir über den berühmten Tellerrand, oder besser Küstenrand, in die europäische "Kulturlandschaft" schauen, fällt auf, dass dies die hohe Zeit der Kelten ist, die ganz Europa mit ihrer Gesellschaftsform, Religion und Lebensweise abdecken. Für Spanien sind sie belegt und werden dort sogar als Keltiberer geführt. Wesentliches Merkmal der Gesellschaftsform der Kelten ist die Doppelspitze bei den Führungsaufgaben. Es gibt die weltlichen Fürsten und die mächtige Kaste der Druiden, die Rechtsgelehrte, Lehrer und schamanische Priester waren. Beide ankerten vermutlich im Stammeswissen und in der spirituellen Kraft von "weisen Frauen" und schamanischen Sängern (den späteren Barden), deren Wirken sich erst aus den in historischer Zeit überlieferten Epen erschließt. Für Son Real müssen wir nachtragen, dass es dort neben Micro-Navetas auch Rundgräber in Form von Micro-Talayots und quadratische Talayotformen gibt, ein bisher unerklärliches Nebeneinander. Eine mögliche Kelteneinwanderung könnte die Lösung sein: Talayots waren in der frühen Vergangenheit die Behausung der Fürstenfamilien, und diese wurden entsprechend bestattet. Wenn nun eine zweite Hierarchiespitze auftaucht, die sich den Fürsten mindestens ebenbürtig fühlt, kann oder muss sich das im Totenkult niederschlagen. Vielleicht wurden dort auch Druiden bestattet, deren Aufgabe in der Aufrechterhaltung des sozialen Organismus bestand. Dazu gehörte die Verbindung zur "Anderswelt", zu den Geistern und den Ahnen, und mit dem Schiff konnten sie dorthin reisen. Dies könnte das Nebeneinander von statischen und "bewegten" Grabstätten erklären. Für eine keltische Besiedelung sprechen auch viele Ortsnamen auf der Insel, die etymologisch keltische Wurzeln durchklingen lassen. Auch bei einer wichtigen anderen Frage könnten die Micro-Navetas einen ersten Hinweis geben. Da auf relativ engem Raum viele kleine Schiffsgräber gefunden wurden, fiel auf, dass die meisten Monumente mit ihrem Bug in nur eine bzw. zwei Richtungen weisen, und zwar ausnahmslos. Die Boote zeigen mehrheitlich nach NW 315° oder nach NO 45° bis 50°. Der Bereich 340° NW bis 20° NO blieb dabei ausgespart. Die schnelle Erklärung der Mallorquiner, es handle sich um die Wetterseite, ist nicht einleuchtend, denn Tote fürchten das Wetter nicht, besonders wenn sie in Höhlen ruhen, und das Wetter auf Mallorca kommt mehrheitlich aus Südwesten. Nachzutragen ist, dass auch die anderen Schiffstypen auf der Insel die gleiche Ausrichtung haben.

Sternwarte und Omphalos

Wenn die alten Seefahrer aus dem Norden kamen, waren sie mit dem nördlichen Nachthimmel und seiner Sternen-Konstellation vertraut. Der bedeutendste Himmelskörper des Nordens ist der Polarstern. Er wird so benannt, weil er nur 1° vom Nordpol des Himmels entfernt steht und, soviel wir wissen, immer schon den Seefahrern als Orientierung bei der Navigation gedient hat. Die Ausrichtung der Schiffe nach Norden könnte darauf hinweisen, dass die Erbauer sich am Sternbild des Kleinen Bären orientierten und genauer am Polarstern, der zu diesem Sternbild gehört. Dann sollte es auch kein Zufall sein, dass die Nekropole Son Real sich in einer Meeresbucht befindet, die sich nach Norden öffnet. Man müsste durch Standortbestimmungen und genauere Messungen herausfinden, ob und welche Sterne für eine solche Orientierung in Betracht gezogen werden können. Noch eine andere Eigenart der Schiffe von Son Real ist nicht geklärt. An der Heckseite der Boote sind bei einigen Exemplaren drei kleine, schmale Schlitze unterschiedlicher Größe erkennbar. Es dürfte sich kaum, wie teilweise zu lesen, um Öffnungen handeln, durch die Speisen gereicht wurden, dafür sind sie zu klein. Zu klären bliebe, ob diese Öffnungen und ihre Ausrichtung mit einer bestimmten Sonnen- oder Mondkonstellation zusammenhängen, die den Toten eine Botschaft oder Energie übermitteln sollte. Auf mich wirken die Öffnungen wie Fixierfenster einer Sternwarte, durch die an bestimmten Tagen (Sonnenwende, Tagundnachtgleiche) die Lichtstrahlen bestimmter Himmelskörper eindringen können. Derartiges ist in der Steinzeit nicht selten. Bei all diesen Überlegungen ist zu berücksichtigen, dass die Schiffe der ersten Siedler kein Heck hatten, sondern ähnlich den Wikingerbooten einen Vorder- und einen Hinterbug. Der Nekropole Son Real ist die kleine Insel Des Porros vorgelagert. Auf ihr finden sich Reste einer alten Anlage, die aus drei aneinandergeschmiegten Räumen besteht. Diese drei Räume - einer ohne erkennbaren Zugang - sind nicht geradlinig ausgerichtet, sondern bilden einen Bogen, an dem man unschwer erkennen kann, dass er die Form der Küste an dieser Stelle nachahmt und sich an der Nekropole orientiert. Wenn man auf dieser Insel steht und die Küste und die gesamte Bucht von Alcudia betrachtet, glaubt man vor einem gewaltigen Naturkalender zu stehen, der den gesamten Zeitenablauf eines Jahres aufnehmen könnte. Die Insel und ihre Bauten erfüllen nach unserer Meinung durchaus die Funktion eines Omphalos. Beim ersten Besuch auf der Insel hatte ich den Eindruck, dass sie womöglich künstlich angelegt sein könnte. Hier sind gute Messmethoden und Phantasie gefragt, um tieferen Einblick zu erhalten.

Navetiformes zum Wohnen

Die Navetiformes sind die größte Gruppe der erhaltenen Monumente. Sie sind 10 bis 20 Meter lang und konnten 15 bis 30 Personen aufnehmen. Bei manchen war im vorderen Drittel ein Zwischengeschoß eingebaut, und es ist zu vermuten, dass während des Winters im unteren Teil die Tiere untergebracht waren, um Wärme in die oberen Stockwerke hin auszustrahlen. Es ist nicht auszuschließen, dass einige der großen Bauten dieses Typs (z.B. Alemany) auch als Versammlungsraum für eine Gemeinschaft gebaut und genutzt wurde. Auch diese Navetiformes sind meist nach Nordwesten ausgerichtet. Viele Objekte dieser Art sind bis heute kaum oder noch gar nicht bekannt. In der Nähe von Felanitx wurde kürzlich eine recht gut erhaltene Navetiforme (Can Roig Nou) gefunden, die nach Auskunft des Grundbesitzers nicht mehr betreten wurde, seit man zuletzt dort Steine für den Hausbau abgetragen hat. Bliebe noch zu erwähnen, dass es auch Tempelanlagen gibt, die einen schiffsähnlichen Grundriss haben. Sie unterscheiden sich zum einen dadurch, dass sie ein wenig breiter ausfallen und im Innenraum sechs oder acht paralell stehende Säulen aufweisen, die ein steinernes Dach getragen haben. Ausrichtung und Bauweise ähneln den anderen Navetiformes. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass man auch bei christlichen Kultbauten von Kirchenschiffen spricht, was im Licht dieses Artikels nachvollziehbar ist.

Abschließende Betrachtungen

Die schiffsförmigen Monumente stellen nur einen Teil der mallorquinischen Frühzeit dar, aber einen sehr wichtigen, der nach Aufmerksamkeit verlangt. Energiemessungen sollten vorgenommen werden, und es ist zu untersuchen, ob die Auswahl der Kultplätze nach bestimmten Kriterien vor sich ging. Die mir bekannten Kultplätze haben zu verschiedenen Zeiten eine unterschiedliche Ausstrahlung, die so heftig sein kann, dass Menschen von einem leichten Schwindel befallen werden können. Ich habe selbst erlebt, dass eine Person in Son Real das Gleichgewicht verlor und ohne erkennbaren Grund in eines der Gräber fiel. Auch in den Höhlen empfindet man ein körperliches Gefühl wie einen leichten Lufthauch, der von unten nach oben am Körper hochsteigt. Frühe Nekropolen und Begräbnisstätten liegen vornehmlich in Buchten, jedenfalls aber in Meeresnähe. Welches sind die Gemeinsamkeiten? Wenn wir den Gedanken an die Kelten noch einmal aufnehmen, dann kann man für diese Zeit davon ausgehen, dass die Barden die Bauplätze aussuchten und energetische Orte wählten. Selbstverständlich haben sie dabei wohl auch auf bereits bestehende Kraftplätze zurückgegriffen.