Unsichtbare Botschaften

Intuition als Schlüssel zum Verständnis von Mensch und Landschaft

von Ana Pogačnik erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Dass Ana Pogacnik als geomantisch und medial Tätige auch Archäologin ist, wissen wohl nur wenige. Hier schreibt sie über ihre Schwierigkeiten mit der konventionellen Archäologie und der Aufgabe, die sie für die Archäologie sieht: Sie soll den Menschen helfen, sich für die Erinnerungsebene der Landschaft zu öffnen.

Als ich mich entschloss, an der Universität von Ljubljana in Slowenien Archäologie zu studieren, waren mir die unsichtbaren Dimensionen des Menschen und der Landschaft bereits vertraut. Obwohl ich mich darauf eingestellt hatte, dass ich in der konventionellen Wissenschaft eher mit dem "unbeseelten" Bereich der Archäologie konfrontiert sein würde, war es für mich nicht immer einfach, mich innerhalb der engen Grenzen zu bewegen. Ich hörte, sprach und las von Fundstücken, Siedlungen und Entwicklungsprozessen unterschiedlicher Kulturen, die aus Sicht der offiziellen Archäologie tote Objekte sind, über die wir Theorien entwickeln. Ich nahm an Ausgrabungen von Siedlungen teil, ohne dass dabei gefragt wurde, wer die ehemaligen Bewohner waren, wie sie wirklich gelebt, gedacht oder gebetet haben. Wir öffneten leere Gräber, ohne zu fragen, wohin diese Menschen gegangen sind und wie wir diesen Übergriff auf die Unversehrtheit und Freiheit einer Persönlichkeit rechtfertigen können. Ich könnte noch viele Beispiele aufzählen, aber das ist selbstverständlich nicht der Sinn dieses Artikels. All dies war mir nur möglich, weil ich von Anfang an überzeugt war, dass irgendwo ein "lebendiger" Teil der Archäologie existiert, eine "neue" oder alternative Archäologie, ähnlich wie es die alternative Medizin parallel zur klassischen Medizin gibt. Während meines Studiums konnte ich - oder, besser gesagt, wollte ich - nicht mit meinen Kollegen und Professoren über solche Aspekte sprechen, vor allem, weil mir bald eine ablehnende Haltung gegenüber meinem Vater Marko Pogaÿcnik begegnete. (In seine Arbeiten sind oft archäologische Elemente und Theorien eingeflochten). Also führte ich ein Doppelleben, indem ich meine archäologische Ausbildung vollständig von meiner damals sehr intensiven geomantischen Arbeit trennte. Nur ein paar Tage nach der offiziellen Präsentation meiner Diplomarbeit bemerkte ich jedoch, dass ich nicht als einzige dieses "So-tun-als-ob"-Spiel spielte. Einige der Professoren erzählten mir nämlich (selbstverständlich nur unter vier Augen), dass sie von meiner Arbeit wussten, und fragten interessiert, wie dies in die Archäologie einfließen könnte.

Die Ebene der Erinnerung

Gegenwärtig führt mich mein Lebensweg mit vielen Reisen und Seminaren fort von der "reinen" Archäologie, aber ich bin fest überzeugt, dass dieses Kapitel in meinem Leben noch lange nicht abgeschlossen ist. Mir ist das große Potenzial der Archäologie bewusst, die in der Tat wesentliche Informationen zu Tage fördern kann, die nicht nur für eine Handvoll Wissenschaftler von Belang sind. In meiner Arbeit komme ich immer wieder mir der Archäologie in Berührung, denn es ist unmöglich, sich mit Landschaften und Menschen zu beschäftigen, ohne deren Erinnerungen zu begegnen. Über die Jahre hinweg habe ich eine Form der Kommunikation mit einer Seinsebene entwickelt, die ich "Engelsozean" (angelic ocean) nenne. Sie ermöglicht mir den Zugang zu einem höheren Bewusstsein, einer Quelle unbegrenzter Information über die unsichtbaren Aspekte von Landschaft, Menschen etc. Überall in der Landschaft sind, ähnlich wie in unserem Körper, Informationen, Energien und Erinnerungen an bestimmten Orten gespeichert. Alles, was uns widerfährt, ist als Energie-Impuls unserem Körper eingeschrieben, unserem persönlichen Energiemuster, das ich Lebensmandala nenne. Dieses individuelle Informationsarchiv wirkt auch auf das Energiefeld unseres Körpers und dadurch auf unsere Art, zu leben. Entsprechend wird auch der Energiekörper eines Ortes geprägt. Auch die Landschaft besitzt ein Lebensmandala, in dem die gesamte Information der Vergangenheit eines Ortes präsent ist. So verstanden, können wir unbegrenzte Informationen über einen archäoloisch interessanten Ort in Erfahrung bringen, über die Menschen, ihre Kultur, ihre Glaubenssysteme, ihre verborgenen Lebensweisheiten und ihre Art, die Natur zu kultivieren. Indem wir Muster erkennen, die sich einem bestimmten Ort über dessen gesamte Lebenszeit hinweg aufgeprägt haben, verstehen wir die Muster der Gegenwart. Der Schlüssel zu dieser Tür in die Vergangenheit, der numerische Code für den Safe, ist die Übersetzung des "Energie-Eintrags" der Geschichte. Wenn wir nicht nur Tonscherben zählen, Typen von Bronzespangen bestimmen oder Häuserstrukturen verschiedener Siedlungen miteinander vergleichen, sondern die gespeicherten Energie-Impulse lesen, liegt die Vergangenheit vor uns wie ein offenes Buch. Jedes noch so kleine Fundstück enthält Informationen, die in den natürlichen und organischen Materialien, sei es Ton, Bronze oder Holz, gespeichert sind. Ich persönlich habe ganze Geschichten aus der Vergangenheit erfahren, große Zusammenhänge ebenso wie präzise Details - Informationen über das Leben, die Philosophie der Menschen, ihren Glauben, ihre Rituale oder den Verlauf ihrer Zeremonien. Wir sitzen in einer Bibliothek interessanter Bücher, aber weil wir so von den Buchdeckeln fasziniert sind, denken wir nie an die Möglichkeit, sie zu öffnen. Verleitet uns nicht oft der Titel eines Buchs oder Films zu einem falschen Urteil? Die Botschaften über vergangene Zivilisationen, ihr Wissen über heilige Geometrie, heilige Plätze und Pflanzen liegen überall um uns herum in der Landschaft und in den Glasvitrinen der Museen. Oft fahren wir auf der Autobahn darüber hinweg oder wohnen sogar über einem solchen Archiv der Vergangenheit, ohne es zu merken.

Die richtige Übersetzung

In der Geomantie lernen wir, Energien zu spüren und die unsichtbaren Strukturen der Erde zu erkennen. Auf demselben Weg können wir auch lernen, die Erinnerungsebene der Landschaft zu lesen. Dazu haben wir Menschen ein großes Potenzial. Unser Körper ist ein perfekter Resonator für die verschiedenen Energien, ohne dass wir aktiv viel dazu beitragen müssten. Der Erinnerungsebene der Landschaft können wir uns mit den Methoden der Geomantie annähern, aber zur Übersetzung brauchen wir einen anderen Schlüssel, der uns ermöglicht, zur Essenz, zur reinen Schwingung eines physischen Subjekts oder Ortes zu gelangen. Damit können wir zwischen der wahren, ursprünglichen Information und Ballast unterscheiden, der ebenfalls über lange Zeiträume hinweg einem Gegenstand anhaften kann. Zuallererst sollten wir jedoch lernen, die Schönheit der Vergangenheit zu genießen, die zugleich auch Gegenwart ist, und dies nicht mit dem Intellekt zu kontrollieren, denn solche Bereiche entziehen sich der Ratio. Informationen sind nichts Ewiges, womit wir verfahren können, wie wir wollen. Der Druck unserer Zivilisation, die Zerstörung archäologischer Denkmäler oder der massive Tourismus an heiligen Orten löscht zunehmend die Daten dieser Erinnerungsebenen aus und zerstört unser eigenes Archiv. Dabei bräuchten wir heute, am Wendepunkt unserer Situation, so dringend die Informationen von Kulturen, die noch in Kontakt mit der Natur waren. Wäre uns das bewusst, würden wir nicht als Touristen über heilige Orte rennen, wie es heute überall geschieht, bei den Pyramiden, einem prähistorischen Begräbnisplatz oder einem griechischen Tempel. Die Zerstörung des Landschaftsarchivs wirkt auch zurück auf unseren eigenen Körper, in dem die Informationen aus anderen Inkarnationen ankern. Sie bleiben bruchstückhaft oder vollständig passiv, bis wir als Zivilisation reif genug sind, sie zu erkennen - auch in der uns umgebenden Landschaft. Den Teufelskreis der Zivilisation können wir nur durchbrechen, wenn wir die Saat aufgehen lassen, die wir aus dem Schatz der vergangenen Kulturen bergen können. Die unsichtbaren Botschaften der Vergangenheit zu entdecken, zu lesen und zu verstehen, könnte die Aufgabe einer alternativen, neuen Archäologie sein. Sie würde materielle und immaterielle Aspekte verbinden, denn nur so erhalten wir ein vollständiges Bild. Vollständig bedeutet, so viel wir eben mit unserem Wissen und unserer inneren Offenheit am jeweiligen Punkt unserer Entwicklung erfassen können. Wer weiß, was kommende Generationen aus demselben Archiv lesen werden? Hier ist eine Botschaft, die als unsichtbarer Eintrag in einer kleinen Keramikvase einer alten mexikanischen Kultur gespeichert ist: Ich bin Asche, und zu Asche kehre ich zurück. Ich bin die Erde, und zur Erde kehre ich zurück. Ich bin ein Mensch, und als Mensch kehre ich zurück. Wir tragen eine Botschaft in uns, die uns durch das Leben führt. Ungeachtet der jeweiligen Lebensituation wirkt ein altes "Urmuster", das in uns eingeprägt ist, auf dessen Basis wir entscheiden und reagieren. Wir kehren immer wieder zurück in dieses Urmuster, das wir als Seele, als Energie, als Erscheinung sind. Es ist das Leben selbst, das wir mit unserem Sein verkörpern und verwirklichen. Wir müssen immer wieder in diese Urform einkehren, um uns zu reinigen und zu erneuern, als ob man immer wieder erneut einen überfüllten Sack ausleeren müsste. Im Leben sammeln wir auch eine Menge Ballast, wickeln uns in lauter Hüllen, die aus der Sicht des ursprünglichen Zustands leer und wertlos sind. Deshalb müssen wir zu dieser Urquelle zurückkehren, denn nur so kommen wir wieder mit ihr in Resonanz. Die kleine mexikanische Vase wurde bei Bestattungsritualen verwendet, oder - besser gesagt - bei der Rückkehr in das Urmuster. Sie sollte dabei unterstützen, die Seele eines Toten mit seiner Ur-Essenz in Berührung zu bringen, alle Fesseln zu lösen, die sich während seines Lebens gebildet hatten, um sich dem Ur-Leben vollständig hingeben zu können.