Zeitreise ins 9. Jahrhundert

Das Wissen der Vorfahren wiederentdecken

von Ieva Pigozne-Brinkmane erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Experimentelle Archäologie hat einen schweren Stand - die Ergebnisse hätten zu wenig Objektivität, meint der akademische Mainstream. Doch darum geht es der lettischen Gruppe um Ieva Pigozne-Brinkmane nicht. Sie verbinden theoretisches Quellenstudium mit der Suche nach einer persönlichen Lernerfahrung, in der sie Resonanz zum Lebensgefühl ihrer Vorfahren suchen.

Lettland hat, wie die anderen baltischen Länder, in mancher Hinsicht eine Sonderstellung in Europa. Das Christentum verbreitete sich hier erst verhältnismäßig spät; es wird noch darüber diskutiert, ob schon im 13. Jahrhundert mit dem Eintreffen der Kreuzritter oder erst viel später. Bis zum 12. Jahrhundert war Lettland jedoch mit Sicherheit ein heidnisches Land. Heutige Kulturhistoriker gewinnen daher in Lettland tiefe Einblicke in die vorchristliche Epoche, da das Kulturerbe jener Zeit hier verhältnismäßig gut erhalten ist. Dank der Folklore, der Archäologie, der Ethnographie etc. haben viele Anschauungen, Gebräuche und Symbole bis heute überlebt. Früher habe ich mit großem Interesse anthropologische und kulturhistorische Forschungsberichte über die vorchristliche Zeit und das damalige mythische Denken gelesen. Ich wollte dieser Zeit näher kommen, sie verstehen und sogar selbst ausprobieren, ob ich etwas davon in meinem heutigen Leben realisieren kann. Doch wie soll das für eine Stadtbewohnerin des 21. Jahrhunderts möglich sein? Ich wollte die Lebensweise unserer Ahnen verstehen, um die Welt so zu erblicken, wie sie zu deren Zeit gesehen wurde. Mein Weg dorthin war, mich der geistigen Welt durch die materielle anzunähern - durch Gegenstände, Kleidung, Behausung, das Essen und die Lebensbedingungen. Mir wurde bald deutlich, dass ich dies nicht alleine erreichen konnte, ich brauchte Verbündete. Zusammen mit Freunden formierte sich aus diesem Impuls heraus eine Interessengemeinschaft, die wir die "Werkstatt des Altertums" nannten.

Werkstatt des Altertums

Die Werkstatt des Altertums ist eine Gruppe junger Leute, die mit Hilfe der experimentellen Archäologie das Leben der frühen Balten erforschen, angefangen bei der Herstellung von Kleidung und Gebrauchsgegenständen bis zum Musizieren und dem Studium der damalige Lebensphilosophie. Zu den öffentlichen Aktivitäten der Werkstatt gehören die Organisation und die Teilnahme an kulturgeschichtlichen Veranstaltungen, um "lebendige Bilder der Geschichte" zu vermitteln. Ihr Schwerpunkt ist jedoch das Erforschen, Nachvollziehen und Erleben. Dies geschieht einerseits bei den Teilnehmern zuhause sowie in Sommerlagern, die nicht öffentlich sind. Letzten Sommer fand bereits das vierte experimentelle Archäologielager statt, in dem wir zwei Wochen Tag und Nacht diese Zeitreise realisierten und unsere Behausungen, Werkzeug, Waffen, Lebensmittel, Geschirr und Kleidung selbst herstellten. Anfangs wohnten wir in einem einfachen Pfostenbau, doch mittlerweile gibt es ein Holzblockhaus. Unter uns sind fünf professionelle Schmuckschmiede, die Metall- und Gießereiarbeiten ausführen können. Die Herstellung von Werkzeug, Kleidung und Gebrauchsgegenständen ist ein ziemlich langwieriger und arbeitsintensiver Prozess. Die meisten Frauen der Werkstatt beteiligen sich am Nähen der Kleider; zwei von uns sind diplomierte Handarbeiterinnen. Alle Kleidungsstücke werden mit der Hand genäht. Wir schneidern nur Gewänder, die von den Menschen des 9. Jahrhunderts tatsächlich getragen wurden. Im Unterschied zum Schmiedewerkzeug und Schmuck, die Repliken von Ausgrabungsstücken sind, werden die Kleider nicht bestimmten archäologischen Funden nachgearbeitet, sondern wir beachten generell die Prinzipien der Web- und Schneiderkunst, die anhand archäologischer Funde rekonstruiert wurden. Fußbekleidung wird aus Leder, Geschirr aus Holz und Lehm hergestellt, weitere Gegenstände werden aus Knochen gefertigt. Den gesamten Bedarf des täglichen Lebens können wir aus natürlichen Materialien erzeugen - Leinen, Wolle, Leder, Holz, Bronze und Eisen. Die Hauptnahrungsmittel sind Milch, Getreide, Fleisch, Honig - alles, was man damals selbst anbauen, züchten, erbeuten oder im Wald sammeln konnte. Kleidung und Geschirr werden mit Asche und Sand eingerieben und gewaschen. Die Männer hacken Holz, verrichten Bauarbeiten oder schmieden Schmuck und Werkzeug. All dies ist für uns jedoch kein "Rollenspiel" oder reine Wissenschaft. Es ist eine Annäherung an die Lebens- und Denkweisen unserer Vorfahren. Dabei ist für uns moderne Menschen das Schwierigste, den Einklang mit der Natur, die uns umgibt, wiederzufinden. Wir müssen lernen, der Umwelt und dem Wetter mit gleichem Respekt und gleicher Achtung zu begegnen wie seinerzeit unsere Ahnen.

Der richtige Ort für die Siedlung

Unsere Sommerlager haben an verschiedenen Orten stattgefunden. Da wir das Gelände der ersten Siedlung nicht erwerben konnten, mussten wir diesen Platz räumen. Die zweite Siedlung, nicht weit vom ersten Standort entfernt, war schon ziemlich weit aufgebaut, doch sie wurde mehrmals von ansässigen Jugendlichen und Anglern demoliert, so dass wir auch diesen Platz wieder verlassen mussten. Da eine unserer Teilnehmerinnen ein großes Stück Land besitzt, bauten wir vor einem Jahr die dritte Siedlung erstmals auf Privatland. Wir besuchten den Ort, noch bevor der Schnee geschmolzen war, und sahen uns das Land einige Stunden lang an, um uns vorzustellen, wie die Siedlung an dem einen oder anderen Platz aussehen würde. Der Standort musste vielen Ansprüchen gerecht werden - praktischen ebenso wie theoretischen, entsprechend den Erkenntnissen von Archäologie und Mythologie. Außerdem sollte er über das Gefühl für alle annehmbar sein. Von mehreren Hektar Waldrand und teilweise mit Gebüsch zugewachsenen Weiden wählten wir schließlich eine kleine Wiese, die von allen Standorten der Umgebung fast am höchsten gelegen ist. An der einen Seite der Wiese befindet sich ein Fluss mit bewaldeten Ufern, einer etwa zehn Meter hohen Uferböschung und einer Trinkwasserquelle. Von der anderen Seite wird sie von Gebüsch, Weideflächen und Wald begrenzt. Da unsere Siedlung nur für eine begrenzte Zahl von Menschen gedacht ist, grenzten wir das Territorium von Beginn an mit einem geflochtenen Zaun ein. Dazu zogen wir - nachdem wir einen Punkt ausgewählt hatten, der unserem Gefühl nach der Mittelpunkt sein musste - mit Hilfe eines Pfahls einen Radius von zwanzig Metern. Das größere Tor des Zauns zeigt gen Süden (von dieser Seite nähern wir uns der Siedlung), und das kleinere gen Norden, wo sich der Fluss und die Quelle befinden. Die Häuser wurden entlang des Zaunes in einem Kreis errichtet, wobei beachtet wurde, welche Bauten zum Wohnen und welche als Wirtschaftsräume verwendet werden sollten. Von der vorigen Siedlung brachten wir das angefangene Blockhaus mit - die gekennzeichneten Balken ließen sich einfach wieder zusammensetzen. So entstand eine Blockhütte als Sommerküche, an deren Wand entlang Schlafstätten für vier Menschen eingerichtet wurden. Im Zentrum der Küche befindet sich der Herdplatz. Den zweiten Feuerplatz richteten wir draußen unweit des Hauses ein, da es tagsüber bei gutem Wetter einfacher ist, das Essen dort auf dem großen Lagerfeuer zu bereiten. Wie konnten wir wissen, dass wir den richtigen Ort gewählt und ihn angemessen hergerichtet hatten? Sicherlich kann die Arbeit der Werkstatt des Altertums, genau wie andere Rekonstruktionen, Interpretationen und Imitationen historischer Objekte oder Lebensweisen, nicht als objektiv angesehen werden. Vieles wird von den subjektiven Ansichten, Gefühlen, Wünschen und Vorstellungen der TeilnehmerInnen bestimmt. Doch unser Ort entspricht mehreren Kriterien. Erstens wurden Siedlungen im 9. Jahrhundert auf lettischem Territorium meist an Fluss- oder Seeufern in der Nähe von Trinkwasser und Fischplätzen eingerichtet. Es ist auch bekannt, dass sie meist auf Anhöhen und in einer runden oder ovalen Form angelegt wurden, von einem Zaun umgeben waren, und dass sich die Bauten entweder in einem Kreis oder in Reihen ordneten. Die Häuser waren meist eingeschoßige Blockhütten mit einem Durchmesser von etwa 3 ¥ 4 Metern, in denen sich ein Feuerplatz oder ein aus Steinen aufgeschichteter Herd befand. Bemerkenswert ist auch, dass jeder Clan, der ein größeres oder kleineres Territorium bewohnte, dort ein klar definiertes Zentrum in der Natur einrichtete.

Heilige Stätten

Über die Wahl der sakralen Orte ist leider in den historischen Quellen wenig überliefert. Es ist lediglich bekannt, dass in der Naturreligion Lettlands die heiligen Stätten unweit von den Wohnorten gelegen waren, und dass ganze Wälder oder einzelne Bäume, Steine, Berge, Quellen sowie verschiedene Flüsse oder Seen als heilig angesehen wurden. In unserer vorigen Siedlung hatten wir eine entferntere Flussbiegung als heiligen Ort bestimmt, an dem wir eine Holzfigur eingruben. Solche Figuren oder Skulpturen sollen zur damaligen Zeit außerhalb des bewohnten Territoriums aufgestellt worden sein. In unserer neuen Siedlung ist es anders. Etwa fünf Minuten entfernt, zwischen kleineren Bäumen, befindet sich eine alte, große Eiche - Eichen werden in Lettland noch heute als mächtigste und heiligste Bäume angesehen, und so wollten wir sie als unseren heiligen Ort annehmen. In der Naturreligion wurden unter heiligen Eichen Nahrungsmittel geopfert sowie in deren Geäst gewebte Bänder und farbige Wollfäden gebunden, um Glück und Gesundheit zu erwirken. Vermutlich wurden im 9. Jahrhundert ebenso wie heutzutage zwischen sakralen und profanen Orten unterschieden. In der heutigen christlichen Welt ist die Kirche der heiligste Ort und von der Außenwelt mit dicken Mauern abgetrennt. In den europäischen Naturreligionen befanden sich die heiligen Orte direkt in der Natur, doch sind auch sie durchaus als "Kirchen" zu verstehen. Beim Bau beider Siedlungen waren die heiligen Orte nicht die ersten Punkte, die wir auswählten und einrichteten, anfangs waren sie nicht einmal geplant. Die Idee dazu kam erst ein halbes Jahr, nachdem wir an beiden Orten den Wohnort geplant und mit dem Siedlungsbau begonnen hatten, auf. Mit der Zeit entstand bei allen TeilnehmerInnen des Experiments das Bedürfnis nach einem sakralen Ort in der Nähe der Wohnstätte, der diese auf seine Art beschützen könnte, ganz aus sich selbst heraus. Ohne diesen Ort würde etwas Wichtiges fehlen. Für uns als Stadtbewohner des 21. Jahrhunderts bedeutet die zeitweise Abgrenzung von der modernen Zivilisation, um in bescheidenen Verhältnissen inmitten der Natur zu leben, eine große Veränderung. Doch wie es mit allen Veränderungen ist, kann man sich schnell daran gewöhnen. Wenn das Lager beginnt und alle in der Siedlung ankommen, bemerkt man den Wechsel zwischen den Welten besonders stark: Die Menschen sind noch ziemlich laut, unruhig und versuchen sich so zu benehmen, wie es ihren Vorstellungen nach für einen Menschen des 9. Jahrhunderts "richtig" ist. Doch während der ersten drei Tage verschwindet der Stress, die Leute werden ruhiger, leiser und befreien sich. Das gleiche gilt auch für den Tagesablauf. Während am ersten Abend noch alle bis spät in die Nacht am Lagerfeuer sitzen und am Morgen lange schlafen, richtet man sich mit der Zeit im Tagesablauf mehr nach dem Sonnenlicht. Nachdem man eine längere Zeit in der Siedlung gewohnt hat, könnte man anfangen zu analysieren, wie sich das eigene Verhältnis zur Umgebung, zum Tagesablauf und zum Wetter ändert. Doch wer sich erst einmal in der Siedlung einlebt und den Geist zur Ruhe kommen lässt, hat kein Bedürfnis mehr zu analysieren und zu forschen. Das Reflektieren muss auf die Zeit nach dem Lager verlegt werden, wenn alle in die Stadt zurückgekehrt sind. Doch auch dann ist es schwierig, seine Empfindungen in der Siedlung zu formulieren. Es bleibt nur ein allgemein gutes und angenehmes Gefühl und das Verlangen, zurückzukehren. Selbstverständlich wird während des Lebens in der Siedlung viel Zeit und Energie auf das Lösen von Alltagsproblemen verwendet, und somit treten viele Fragestellungen nicht-materiellen Charakters in den Hintergrund oder werden sogar völlig vergessen.

Der Sinn des Experiments

Im ersten Moment könnte man denken, dass wir unser ursprüngliches Ziel - das Denken und die Beziehung unserer Vorfahren zu ihrer Umgebung und den Mitmenschen zu erfassen - nicht erreichen, da wir während des Lagers zu keinen konkreten und umfassenden Antworten gelangen. Doch dies ist nur ein oberflächlicher Eindruck. Wir können sicher behaupten, dass jedes Jahr, in dem das Lager stattfindet, unser allgemeines Wissen und das Verständnis für diese vergangene Zeit wächst. Wenn wir nun geschichtliche Literatur lesen, sehen wir jetzt hinter den wissenschaftlichen Beschreibungen lebendige Menschen und deren Umgebung. Viele verschiedene kleine Details und persönlich Erlebtes summieren sich, was das Verständnis für das Gesamtbild fördert. Einer der wichtigsten Werte, die wir aus den Traditionen unserer Vorfahren gewinnen können - und das haben wir mit unserem Interesse für die Kultur und die Lebensweise unserer Ahnen erreicht - ist das Gefühl der Zugehörigkeit und der Sicherheit. Wir spüren eine stetig wachsende geistige Verbindung mit mindestens vierzig Generationen unserer Ahnen, die auf demselben Boden gelebt haben, auf dem wir jetzt leben. Wir haben viele ihrer Lebensweisheiten begriffen, sei es im täglichen Umgang mit den Mitmenschen und der Natur oder in Bezug auf die Weltordnung im allgemeinen. Dies engt uns auf keinen Fall ein, ganz im Gegenteil, es gibt uns die Überzeugung, dass wir uns zumindest in diesen Dingen nicht irren, da es über die Jahrhunderte hinweg überprüfte Wahrheiten sind. All dies vermittelt uns ein Gefühl der Zugehörigkeit zu diesem Land, zu dieser Kultur und zu dieser Welt. Es sind die geistigen Werte, die dem Menschen psychologische Stabilität und Lebensfreude verleihen, und die gelten zu jeder Zeit - das 21. Jahrhundert macht dabei keine Ausnahme.