Wem gehören die heiligen Orte?

Neo-Schamanismus als Herausforderung für die Archäologie

von Robert Wallis erschienen in Hagia Chora 1213/2002

"Alternative" Interpretationen alter Kultstätten, wie sie Geomanten oder Neo-Schamanen versuchen, könnten der Forschung positive Erkenntnisse und der Gesellschaft einen schöpferischen Umgang mit den "heiligen Orten" einbringen. Als Archäologieprofessor und zugleich aktiver Neo-Schamane vermittelt Robert J. Wallis zwischen den Welten. Seine Schilderung konzentriert sich auf Stonehenge in England. Der Vergleich mit der dortigen Auseinandersetzung macht bewusst, dass ähnliche Plätze z.B. in Deutschland ihre Rolle als lebendige kulturelle Ressourcen offenbar schon lange eingebüßt haben.

Die Erhaltung von Kulturerbe, besonders wenn Beschädigung oder Zerstörung alter Stätten droht, ist für Archäologen ein heißes Thema. Meist ist hier vom schädlichen Tourismus und von skrupellosen Farmern die Rede. Mit denjenigen, die als "Druiden", Naturreligiöse, Neo-Schamanen oder unter anderem Namen ein "spirituelles" Interesse an solchen Plätzen haben, setzt man sich kaum auseinander. Die Beschäftigung der Neo-Schamanen mit der Vergangenheit hat aber unmittelbare Auswirkungen auf archäologische Stätten, wie der Archäologe John Barnatt aus Derbyshire feststellt: "Im Frühjahr 1993 wurde der Steinkreis bei Doll Tor (Derbyshire) kurz vor der Tagundnachtgleiche stark beschädigt, als Unbekannte versuchten, ihn wiederherzustellen‘, um dort Rituale abzuhalten. 1994 wurde der Ort nach archäologischen Grabungen so rekonstruiert, wie er in der Frühgeschichte ausgesehen haben mag. Dazu wurden einige neu hinzugefügte, störende Aufbauten beseitigt. Heute ist das Monument seiner frühgeschichtlichen Erscheinung näher als je in geschichtlicher Zeit. Dies wird in Zukunft hoffentlich alle weiteren dilettantischen Restaurierungsversuche verhindern können." Das Ereignis von Doll Tor ist kein Einzelfall: Als ich 1998 die "Zwölf Apostel", einen Steinkreis im Ilkley Moor, besuchte, waren auch hier die Steine umgestellt worden. Neo-Schamanen nutzen Stätten im Moor regelmäßig für ihre Rituale, doch weiß man nicht, wer hier den Versuch einer "Restauration" unternommen hatte. Doll Tor und die Zwölf Apostel sind nur die Spitze des Eisbergs: Archäologische Stätten, insbesondere frühgeschichtliche Monumente rücken zunehmend in den Fokus neo-schamanischen Interesses. Für Denkmalpfleger, Archäologen oder Verwalter solcher Plätze war dies bisher eine Randerscheinung - man erinnere sich an die "Druiden", deren Sonnwendfeiern in Stonehenge als exzentrische Scharlatanerie abgetan wurden. In letzter Zeit jedoch sind solche "alternativen" Annäherungen an archäologische Stätten und die Art der Verwaltung solcher Orte als ernsthaftes Thema in den Fokus gerückt.

Was ist ein "heiliger Ort"?

Es wäre irreführend, sämtliche Personen und Gruppen mit "alternativem" Interesse an archäologischen Stätten pauschal als Neo-Schamanen zu bezeichnen. Vielmehr existiert eine ganze Bandbreite, angefangen bei Verehrern der Göttin, Druiden, Neuheiden, Wiccas und anderen Naturreligiösen bis hin zu New-Age-Anhängern, Rutengängern, Earth-Mysteries-Begeisterten, modernen Altertumsforschern oder spirituellen Tramps. Doch zwischen all diesen Gruppen bestehen enge Verbindungen, so dass sie im Kontext alternativer Herangehensweise an alte Stätten nicht separat zu betrachten sind. Mein roter Faden, mit dem ich die diversen Richtungen verbinde, ist der Neo-Schamanismus, auch wenn andere gemeinsame Nenner tragfähig wären wie z.B. gegenkulturelle oder die ökologischen Bewegungen. So habe ich Greywolf (Oberhaupt des Britischen Druidenordens), der regelmäßig an alte Stätten pilgert, interviewt, und sein Tun kann klar als neo-schamanistisch bezeichnet werden. Auch auf dem Gebiet der Earth Mysteries und der modernen Altertumsforschung kommen zunehmend schamanistische Themen auf, wie die Arbeiten von Paul Devereux und Julian Cope zeigen. Dennoch gibt es weltweit nur wenige Veröffentlichungen zur Wechselbeziehung von Neo-Schamanen und so genannten "heiligen Orten". Der Begriff "heiliger Ort" verlangt genauere Betrachtung: Die Fachwelt bezeichnet prähistorische Stätten typischerweise als "archäologisch", "ererbt" oder "alt". Diese Begriffe sind nicht unumstritten, auf jeden Fall sind sie wertebeladen und künstlich. "Prähistorisch" und "archäologisch" unterstellt, dass solche Plätze in gewissem Sinne tot sind - vergangen, aufgelassen, höchstens noch sinnvoll als Fenster in die Vorzeit. Ebenso bezeichnet der Begriff "Monument" ein Denkmal, errichtet zur Feier oder in Erinnerung einer Person oder eines früheren Ereignisses. Solche Assoziationen, die eine Trennung zwischen uns und den materiellen Zeugnissen der Vergangenheit implizieren, sind der Grund, dass Anhänger einer Naturreligion diese Terminologie ablehnen und ihr den Begriff "heiliger Ort" entgegensetzen. Sie sprechen von einem "Nach-Hause-Kommen" oder von der Rückkehr zu einem wohlbekannten, geliebten Ort, und nicht von einem "Besuch" als Tourist. Da ich hier sowohl die Einschätzung von Praktikern als auch die archäologischen Interpretationen gleichermaßen untersuche, verwende ich die Begriffe "heiliger Ort" und "archäologische Stätte" abwechselnd, wobei mir bewusst ist, dass "heiliger Ort" weiterer Problematisierung und Diskussion bedarf, und dass außerdem alle diese Begriffe konstruiert und nicht seit alters her gegeben sind. Auf die Frage, warum ihm ein Ort wie Avebury "heilig" sei, antwortete Greywolf: "Viele Druiden halten ihre Rituale besonders gerne in den alten Steinkreisen ab, weil sie das starke Gefühl haben, dort leichter als anderswo mit den Ahnen in Kommunion sein zu können. Wir nehmen auch wahr, dass Rituale an diesen Plätzen sowohl die Stätte selbst, wie auch ihre Umgebung nähren und energetisieren. (.) Mich zieht es nach Avebury, denn dort ist meine Seelenheimat, d.h. der Ort, an dem ich mich spirituell am meisten zu Hause fühle. Als ich vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal nach Avebury kam, fühlte ich, dass ich dort hingehöre, und dieses Gefühl hat mich nie wieder verlassen. Ich arbeite mit Ortsgeistern, das ist ein wichtiger Teil der druidischen Tradition. In Avebury fühle ich den Geist des Ortes am stärksten und am häufigsten."

Der heilige Ort als Politikum

Jedes Jahr pilgern mehr und mehr Menschen zu diesen "heiligen Orten"; die Woge erreicht jeweils ihren Höhepunkt zu Zeiten der acht heidnischen Jahresfeste. Das oberste Ziel des Säkularen Druidenordens, geleitet von Tim Sebastion, war nach der "Battle of the Beanfield" (1985; Schlägerei auf dem so genannten Bohnenfeld bei Stonehenge zwischen der Polizei und den Besuchern des Stonehenge-Festivals; nach diesem Eklat wurde Stonehenge für Besucher generell geschlossen; Anm. d. Red), wieder an den Sonnenwenden und anderen Feiertagen Stonehenge betreten zu dürfen. Als zur Sommersonnwende 2001 rund 14500 Menschen wieder in Stonehenge feiern durften, fand Sebastion, man habe sein Ziel erreicht, und es sei womöglich an der Zeit, den Orden aufzulösen. Dass sich im Zusammenhang mit einer politischen Bewegung für Bürgerrechte ein Druidenorden gebildet hatte, zeigt, dass neo-schamanische Ansprüche auf alte Stätten nicht nur eine individuelle Angelegenheit sind. Genauso wenig wie es "den" Neo-Schamanen oder "die" neo-schamanische Praxis an heiligen Orten gibt, ist die Verwendung des Begriffs "heiliger Ort" (sacred place) äußerst vielfältig. Interessant ist, wie dieser Begriff in England die Diskussion über das Kulturerbe erobert hat. Ursprünglich ist er vermutlich von indigenen Völkern im Kampf um ihr Heimatland verwendet und später von den Neo-Schamanen durch ihren Kontakt mit der Literatur über solche Gesellschaften in den Sprachgebrauch integriert worden. Man beachte die Wortwahl eines Angestellten der Organisation English Heritage anlässlich der Öffnung von Stonehenge zur Sommersonnwende 1998 (zitiert in der Zeitschrift "Pagan Dawn"): "[Er] sprach mit einigen Fernseh- und Zeitungsreportern, die ihr Equipment auf den Altarstein (eingebürgerte Bezeichnung für einen liegenden Stein vor den mittleren Trilithonen; Anm. d. Red.) gelegt hatten. Er sagte streng: Bitte zeigen Sie etwas Respekt, diese Steine sind heilig. Das ist ein Altar.‘ Wir waren ziemlich beeindruckt, vor allem als er sagte, das ist ein Altar‘ und nicht das war ein Altar‘." Noch überraschender ist vielleicht die Aussage von David Miles, Chefarchäologe von English Heritage, während einer Diskussion mit Neuheiden bei den Ausgrabungen von Seahenge, er akzeptiere, dass Seahenge ein "heiliger Ort" sei. Man stelle sich vor: Ein führender professioneller Archäologe nimmt ernsthaft einen Terminus der Naturreligiösen in den Mund (fast ein Anachronismus) - wenn auch gewiss mit einem anderen Verständnis davon, worin diese Heiligkeit eigentlich besteht.

Neo-Schamanen an heiligen Orten

Der Großteil der Literatur über alternative Herangehensweisen an heilige Stätten besteht aus persönlichen Berichten. Ein Beispiel stammt von dem keltischen Neo-Schamanen Kaledon Naddair, der darin seine persönliche Perspektive des keltischen und piktischen Schamanismus und der Felskunst Schottlands darstellt (Naddair 1990). Er behauptet, schamanistische Rituale an Schälchensteinen - "sehr wichtig für die Spiritualität meiner Vorfahren" - erleichterten die Kommunikation mit den "Steingeistern", was seiner Meinung nach den eigentlichen Zweck der Stätten offenbart (der Leser erfährt nicht, worin dieser Zweck besteht, aber man darf annehmen, er sei "schamanistisch"). Diese nicht-menschlichen Persönlichkeiten verstärkten angeblich auch Naddairs Fähigkeit, mit den Händen zu muten, so dass er mit einer "mysteriösen Gabe" lange Zeit verborgene Schälchensteine entdecken könne. Solche Aktivitäten sind für die Archäologie auf jeden Fall relevant: Sind die von ihm gefundenen Schälchensteine tatsächlich Neuentdeckungen, oder sind sie bereits früher untersucht und vermessen und dann aus Gründen der Konservierung wieder mit Erde bedeckt worden? Auch MacEowen, ein Amerikaner schottisch-irischer Abstammung, der die alten schamanischen Traditionen seiner "Vorfahren" wiederbeleben möchte, berichtet in seinem Buch "Schamanentrommel" (1998) von schamanistischen Erfahrungen an schottischen Felskunst-Stätten. Zunächst lebte er die Traditionen der Lakota-Indianer nach, bis ihm in einer Vision bei einer Sonnentanz-Zeremonie anstelle von amerikanischen Eingeborenen die "Geister" seiner schottischen Vorfahren als Lehrer erschienen. Dieses Erlebnis führte ihn zur Wiederentdeckung des keltischen "Schamanismus", den er (ebenso wie Naddair) lieber "piktisch" und/oder "gälisch" nennt: "Ich glaube, dass es durch Tiefenerinnerung und Übertragung durch die Ahnengeister möglich ist, bestimmte gälisch-schamanistische Methoden und spirituelle Praktiken wiederzubeleben" (MacEowen 1998). MacEowen argumentiert, dass Akademiker "zwar akzeptieren, dass es im Rahmen von eingeborenen Stammesgesellschaften so etwas wie eine Transmission durch Ahnengeister gibt, doch wird dieselbe Möglichkeit kategorisch abgelehnt, wenn es um ihre eigenen Blutlinien geht, die in den schamanischen Stammeskulturen der Kelten, Germanen und altnordischen Völker wurzeln. (.) Auf meinem Weg habe ich mich mit den Aspekten ursprünglich keltischen Bewusstseins verbunden, die am stärksten mein genetisches Erbe widerspiegeln." Das Thema der "Blutlinien" ist immer mit problematischen rassistischen Untertönen aufgeladen, auch wenn MacEowen dies nicht beabsichtigen mag. Die meisten Neo-Schamanen, die ich kennengelernt habe, halten nichts von einem biologischen Determinismus für spirituelle oder religiöse Fähigkeiten - dennoch ist diese Denkweise durchaus verbreitet und verlangt nach weiterer Forschung. Der Neo-Schamane Gyrus aus Leeds erzählte mir von vielen visionären Erfahrungen, die er an besonderen Steinen im Ilkley Moor (Rombald’s Moor) in West Yorkshire gemacht hatte: "Ich muss die Plätze, mit denen ich mich befasse, erfahren. Ich verbringe dort viel Zeit und tauche richtig in sie ein; ich meditiere, verrichte Rituale, achte auf Träume und Synchronizitäten." Seinen ersten Besuch am Badger-Stein (siehe Titelfoto) beschreibt er: "Ich war schon viel zu nass, um auf den Regen zu achten - ein Zustand, der dem Bewusstsein eine erhöhte Aufnahmefähigkeit verleiht. (.) Spontan fing ich an zu singen und mich um meine Achse zu drehen. (.) Meine intuitive Opfergabe an den Badger-Stein bestand darin, etwas von meinem Trinkvorrat in seine Vertiefungen zu gießen und zuzusehen, wie es in den Furchen hinunterlief." (1998b)

Alternative Interpretationen

Derartige Aktivitäten an den Felskunst- und Megalithstätten im Ilkley Moor nehmen konkreten Einfluss auf die Archäologie. Seine Erfahrungen inspirierten Gyrus, interpretative archäologische Arbeiten über die Region zu verfassen. Interessant ist außerdem, dass diese modernen Praktiken einige volkstümlich-traditionelle Rituale wiederbeleben, die anscheinend bis in die jüngste Vergangenheit an den Felskunst-Stätten stattgefunden haben, zumindest bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die neo-schamanischen Erfahrungen sind eine Herausforderung für die konventionelle Denkmalpflege mit ihren passiven und normativen Herangehensweisen. Alternative Interpretationen stützen sich einerseits auf die der Denkmalpflege und Archäologie, geraten aber auch mit ihnen in Konflikt. Die Arbeit von Paul Devereux steht hier an erster Stelle, da sie einerseits von vielen Neo-Schamanen gelesen wird, bemerkenswerterweise aber ebenso in die akademische Archäologie vorgedrungen ist. Seine Theorie, Leylinien seien "Geisterpfade", die Schamanen auf ihren außerkörperlichen Trancereisen benutzen, gewinnt mittlerweile auch unter Akademikern zunehmend Akzeptanz. Devereux hat Neuland betreten, als er seine frühere Ansicht über die Verbindung von Leylinien und Rutengehen fallen ließ und die (in Zeiten des heutigen Drogenkriegs) stark polemisierte Nutzung von bewusstseinserweiternden Methoden in der Frühgeschichte zu erforschen begann. Wenn für die orthodoxe Archäologie Devereuxs Forschungsarbeiten in Teilen bereits zu "alternativ" klingen mögen, wird die Arbeit eines weiteren unabhängigen Forschers als noch "dünner" eingestuft: Michael Dames, der eine Verbindung zwischen Silbury Hill und einer neolithischen Göttinnenreligion herstellt. Im Dialog mit Barbara Bender (1998) meinte der Archäologe Ronald Hutton, dass Dames, der seine Silbury-Studie 1976 veröffentlichte, im Grunde von der traditionellen Archäologie beeinflusst wurde: Die akademische Forschung in den 50er-Jahren postulierte erstmals die Existenz einer neolithischen Göttinnenreligion, die von Marija Gimbutas populär gemacht wurde. Dies war ein viel reizvollerer Zugang, als ihn seinerzeit die verwissenschaftlichte "neue" Archäologie bieten konnte. Dames kombinierte diese Interpretationen mit den Funden der BBC-Ausgrabung von Silbury Hill Ende der 60er-Jahre und postulierte, dass Silbury aus der Luft betrachtet wie eine Göttinnenfigur aussieht. Auf seinen Erfolg mit dem Buch "The Silbury Treasure" setzte Dames 1977 "The Avebury Cycle", worin er die Elemente der frühgeschichtlichen Landschaft von Avebury zu einem rituellen Zyklus zusammenführte, der im Rhythmus des landwirtschaftlichen Jahres die Göttin zelebrierte. Viele ließen sich von dieser Göttin-orientierten Kosmologie inspirieren. Noch einmal Greywolf: "Ich bin nicht der Einzige, der den Geist dieses Ortes als eine Große Mutter erlebt, die alle mit offenen Armen willkommen heißt." Dames hat großen Anteil an der Verbreitung der Idee, das Neolithikum sei eine Periode einer matriarchalen Göttinnenkultur gewesen, die schließlich von der patriarchalisch-kriegerischen Kultur der Bronzezeit zerstört und abgelöst wurde. Seine Interpretationen beruhen zum Teil auf veralteten Deutungsmodellen, besonders was bestimmte Vorstellungen über Kult, materielle Kultur und Göttinnen in der Kulturgeschichte betrifft. Heute verstehen Archäologen "Kulturen" nicht mehr in simplen "kulturhistorischen" Begriffen - nicht mehr als festgefügte Einheiten mit notwendigerweise einheitlichen Glaubenssystemen -, noch verstehen sie Artefakte als direkte Hinweise auf Ethnizität oder eine einzelne "Funktion". Darüber hinaus dürften Konzepte über die Geschlechterrollen in der Vergangenheit mit den modernen westlichen Kategorien einer polaren Gegensätzlichkeit männlich-weiblich kaum etwas zu tun haben. "Göttinnenkultur" ist deshalb ein unglückliches Meta-Wort, das Geschlechtsunterschiede, Zuständigkeiten und Pluralität, die den Artefakten innewohnende Mehrwertigkeit und die Vielfältigkeit prähistorischer Gesellschaften ignoriert. All dem zum Trotz ist der Glaube, Megalithstätten seien mit der Erd-"Göttin" assoziiert, weit verbreitet (wenn wenigstens dabei die Komplexität des Themas anerkannt würde, ohne dabei zu sehr gynozentrisch zu werden .). Auch solcher Themen müssen sich angesprochene Akademiker und andere, z.B. Manager archäologischer Stätten, annehmen.

Stonehenge, der Tempel der Nation

Die gewiss "heiligste" und berühmteste all dieser Stätten, "der Tempel der Nation", der die Debatte über alternative Zugangsweisen zu frühgeschichtlichen Denkmälern auslöste, ist Stonehenge. Die Interpretation von Stonehenge, sei es in physischer, intellektueller oder spiritueller Hinsicht, führt heute wie möglicherweise auch schon in der Frühgeschichte zu erheblichen Spannungen. Auf der einen Seite stehen die Kuratoren des Denkmals, English Heritage, die den Ort als Touristenziel vermarkten, das aus der Entfernung bewundert werden soll: Die Vergangenheit ist abgezäunt, in der Zeit eingefroren, als "Kulturerbe" definiert, das wie ein Schnappschuss aus der Frühgeschichte erhalten (oder zumindest konserviert) werden muss. Auf der anderen Seite verstehen viele Neo-Schamanen den Ort als in gewissem Sinn "lebendig" und möchten direkt mit ihm in Beziehung treten, statt ihn lediglich zu "besuchen". Der heiß umstrittene "Stonehenge Masterplan" (siehe www.stonehengemasterplan.org), der u.a. den freien Zugang zu den Steinen verbessern soll, "legt sein Hauptgewicht auf die Erhaltung, Präsentation und Vermarktung für Touristen. Doch wie steht es um den intellektuellen und spirituellen Zugang zu Stonehenge? Alternative Interessensgruppen - Druiden, spirituelle Reisende, Festivalbesucher - werden wieder einmal ausgeschlossen" (Bender 1993). Während über Möglichkeiten des physischen Zutritts noch verhandelt wird und ein entsprechender Passus vielleicht in den Masterplan aufgenommen wird, bleibt das Problem der verschiedenen Interpretationen der Stätte. Die mobile Ausstellung "Stonehenge gehört dir und mir", die von Barbara Bender vom University College London und Mitgliedern der Stonehenge Campaign organisiert wurde, ist einzigartig auf diesem Gebiet: hier hat sich eine Akademikerin mit Druiden, spirituellen Tramps und anderen zusammengefunden, um eine alternative (Re-)Präsentation von Stonehenge vorzustellen, die eine ganze Reihe von nicht mit English Heritage kompatiblen Sichtweisen aufzeigt. Seit dem von der Staatsgewalt beendeten "Peoples Free Festival" zur Sommersonnwende 1985, das in der blutigen "Battle of the Beanfield" (Schlägerei am Bohnenfeld) zwischen der Polizei und den Festival-Besuchern eskalierte, ist eine hitzige Debatte entbrannt. (Einen guten Einstieg in die Szene bietet die Internetseite der Stonehenge Campaign www.geocities.com/SoHo/9000/stonecam.htm; Anm. d. Red.) Im folgenden Jahr kam es erneut zu gewalttätigen Zwischenfällen, ebenso wie 1995, als Demonstranten am 10. Jahrestag des "Beanfield" bis ins Zentrum des Seinkreises vorzudringen versuchten. English Heritage begründet das Zutrittsverbot damit, dass die Hippies und Neuheiden das Monument ernsthaft beschädigt hätten. Laut Aussage einiger Archäologen soll das Ausmaß an Vandalismus jedoch sehr gering gewesen sein. Die Neo-Schamanen, besonders einige Druiden, sind der Meinung, ein Monument, das "der Nation" gehört, solle frei zugänglich sein, besonders an sozio-spirituell wichtigen Ereignissen wie den Sonnenwenden. Es ist eine Menschenrechtsfrage: Bis vor kurzem wurden genau diejenigen Gruppen mit der stärksten spirituellen Verbindung zu Stonehenge an den Rand gedrängt und zu den Jahresfesten ausgesperrt. Niemand verlangt hingegen von den Gottesdienstbesuchern der Kathedrale von Winchester Eintritt und schließt sie zu Weihnachten oder Ostern mit der Begründung aus, das denkmalgeschützte Gebäude könne Schaden nehmen. In Stonehenge machte man einige Zugeständnisse: Die Verwaltung gewährt interessierten Gruppen nun Ausnahmebewilligungen zum Betreten der Anlage zu einem Preis, der um einiges höher liegt, als der reguläre Eintrittspreis. Druiden und Neuheiden sind ob dieser Regelung geteilter Meinung: manche wollen prinzipiell nicht zahlen und hoffen, dass ihre Weigerung zu einer zukünftigen Öffnung beiträgt (z.B. der Säkulare Druidenorden); andere zahlen mehr oder weniger resigniert (z.B. der Britische Druidenorden), was einerseits angesichts der jahrelangen Wartezeiten verständlich ist und sie andererseits mit den Verwaltern auf gutem Fuß stehen wollen.

Die Entwicklung seit 1998

1998 versprach eine Presseerklärung von English Heritage, dass man trotz eines weiträumigen polizeilichen Schutzgürtels um Stonehenge einhundert Menschen zur Sommersonnenwende den kostenlosen Zutritt in den Steinkreis gewähren wolle. Diese Gruppe - die erste, die nach 14 Jahren offiziell Zutritt erhielt - sollte aus Mitgliedern von English Heritage und dem National Trust, einzelnen Interessierten, Archäologen, Pressevertretern, Druiden bestehen. Das Ereignis verlief friedlich, doch die Berichte mancher Druiden lassen nicht gerade auf eine sonderlich spirituelle Angelegenheit schließen: Die Presse sei derart aufdringlich gewesen, dass man die Sonnenwende nicht ungestört genießen konnte. Im folgenden Jahr verdoppelte English Heritage das Kartenkontingent für den Zutritt zu den Steinen auf 200. Die ersten Besucher erschienen bereits am Vorabend des Sonnwendmorgens. Um zwei Uhr morgens riss eine Gruppe den Sicherheitszaun an einer Stelle nieder und drang zu den Steinen vor, manche kletterten sogar auf die Trilithone. Bis zum Morgengrauen konnte ich noch viele weitere dabei beobachten, wie sie über den Zaun sprangen. Ein halbes Dutzend blieb auf den Steinen, während sich innerhalb des Kreises vielleicht vier- bis fünfhundert Leute "illegal" aufhielten. Wo das angeblich hohe Polizeiaufkommen war, ist nicht ganz klar, jedenfalls taten sie wenig, um die Leute beim Eindringen zu hindern. Viele der außerhalb des Zaunes Gebliebenen feierten den Sonnenaufgang auf der Straße oder auf dem Feld der Stonehenge Avenue. Einige Druiden, darunter die des Säkularen Ordens, versuchten, so weit möglich ihre Rituale durchzuführen, doch ließ sich die spannungsgeladene Stimmung ringsum kaum ignorieren. Die ganze Nacht und den Morgen hindurch kreiste ein Polizei- oder Pressehubschrauber über unseren Köpfen, doch ging sein Lärm zuweilen im Stimmengewirr und den Schreien und Rufen der Menge fast unter. Auf der Straße herrschte Karnevalsstimmung, die Leute spielten auf Trommeln, sangen, tanzten und schwatzten. Fernsehen und Radio zeichneten ein finsteres Bild der Szene, sprachen von "Smellies" (Stinkern), Hippies und Ravern und behaupteten, die Sonnenwende habe mehr mit Anarchie als mit Spiritualität zu tun gehabt, aber die Freudenschreie, mit denen man die Sonne willkommen hieß, bewiesen doch, dass es ein Fest war. So gut wie jeder hatte sich über die Eindringlinge geärgert, da sie nichts zur Förderung guter Beziehungen zwischen den Interessensgruppen und einen freieren Zugang beigetragen hatten. Vielleicht aber war der Zwischenfall auch durch English Heritage programmiert, da nur bestimmte Leute zu den Steinen geladen waren, wobei die glücklichen Kartenbesitzer nur eine Aussicht auf eine riesige, verärgerte Menschenmenge außerhalb des Zaunes gehabt hätten. Glücklicherweise bedeuteten die Ereignisse des Jahres 1999 trotz aller Befürchtungen nur eine kleine Zäsur, und 2000 sprang English Heritage endlich über den eigenen Schatten, indem allen freier Zutritt gewährt wurde. Der Erfolg des Vorjahres zog zur Sommersonnenwende 2001 rund 14500 Personen der verschiedensten Beweggründe an - und alles verlief friedlich. Sehr wohl kann also ein riesiges Publikum in Stonehenge unterkommen, ohne nennenswerten Schaden zu verursachen. Auf den ersten Blick verheißt das für die Zukunft sicherlich verbesserte Beziehungen zwischen den Interessensgruppen, auch wenn die Situation insgesamt noch lange nicht gelöst ist.

Die Wintersonnenwende 2001

2001 wünschten einige Neuheiden, auch zur Wintersonnenwende den Sonnenaufgang in Stonehenge zu feiern. Für manche war dies der Morgen des 21. Dezember, und eine Gruppe von Druiden (darunter Tim Sebastion vom Säkularen Druidenorden) und andere planten, an diesem Tag in Stonehenge zu sein. Nun sind die Daten der heidnischen Festtage relativ frei interpretierbar, so dass meistens am jeweils nächstliegenden und/oder günstigsten Tag gefeiert wird. Sebastion und andere wollten also am 21. Dezember zusammenkommen, "so wie wir es immer getan haben", während andere Druiden bei English Heritage bereits den Zutritt für den darauf folgenden Morgen, den 22. Dezember ausgehandelt hatten. Auf Grundlage dieser Gespräche gab die Verwaltungsvorsitzende Clews Everard bekannt, dass Stonehenge ausschließlich am Morgen des 22. geöffnet sein würde. Tim Sebastion und seine Genossen machten klar, dass neben ihnen noch eine ganze Reihe anderer Leute am Morgen des 21. kommen würden, aber English Heritage lehnte eine Öffnung kategorisch ab, weil sie noch mit Vorbereitungen beschäftigt seien. Einer der Beteiligten beschrieb die folgende Auseinandersetzung: "Ohne Erlaubnis von Clews Everard war English Heritage zu nichts zu bewegen und bestand darauf, dass wir am falschen Tag‘ kommen wollten. So viel zur Religionsfreiheit!" Die Leute standen also am 21. Dezember vor verschlossenen Toren. Ich beobachtete die erhitzte Diskussion zwischen Wärtern und einigen Fahrenden, die an diesem besonderen Tag die Asche eines verstorbenen Kindes auf dem heiligen Platz verstreuen wollten. Niemand hatte mit einem derartigen Andrang gerechnet, und die Wärter wie die wenigen Polizeibeamten waren ratlos. Dann deutete einer der Wärter an, dass sie niemanden davon abhalten würden, über den Zaun zu klettern, und sofort wurde von dem Angebot Gebrauch gemacht. Daraufhin veranlassten die Polizisten die Wärter, das Tor zu öffnen, da sie aufgrund der großen Menschenmenge auf der angrenzenden Straße Unfälle befürchteten. Jetzt konnten auch diejenigen von uns, die eigentlich keinen Hausfriedensbruch begehen wollten, eintreten. Alles Weitere verlief nach meinen Beobachtungen friedlich.

Sind Partys in Stonehenge spirituell?

Es gibt ganz klar unterschiedliche Meinungen über das richtige Verhalten in Stonehenge. Everard sagte zu mir, dass dies nicht der richtige Ort für eine "Party" oder "betrunkenes Benehmen" sei, und dass sie dieses Thema besonders bei zukünftigen Öffnungen von Stonehenge berücksichtigen würde. Offenbar glaubt English Heritage, dass Partys und derartige Ausschweifungen nicht mit einer Ethik zur Erhaltung des Denkmals vereinbar seien. Heiligkeit ist für sie dasselbe, was man in der nahen Kathedrale von Salisbury bei Touristen und Gottesdienstbesuchern als passive, demütige, ruhige und protestantische Frömmigkeit beobachten kann. Doch "heilig" kann auch etwas völlig anderes bedeuten, wie ein Druide während der Sommersonnwende verdeutlichte: "Dies ist ein Feiertag, ein heiliger und ein besonderer Tag. Ich denke, dass die Leute hier spüren, dass er besonders ist, und ich glaube auch, dass sich der Platz freut, wenn wir hier sind. Stonehenge wurde nicht als Museum erbaut, sondern als Ort, zu dem Menschen kommen, Andacht halten . Ich habe immer das Gefühl, dies ist wie Silvester, Weihnachten und Geburtstag in einem. Eine Menge Leute feiern ein Fest. Daran ist nichts verkehrt, auch das ist ein spiritueller Ausdruck, oder kann es zumindest sein" (interviewt von Jenny Blain für das Sacred Sites Project, www.sacredsites.org.uk). Wenn also das, was die Autoritäten als weltlich ansehen, bei anderen spirituelle Praxis bedeutet, lohnt sich nochmals die Analogie mit der Kathedrale von Salisbury, diesmal aus dem vorreformatorischen Mittelalter. Damals war jener "heilige Ort", ganz im Gegensatz zu seiner heutigen passiven Nutzung, nicht nur Schauplatz des geschäftigen Treibens mittelalterlicher Märkte - Pferdemärkte fanden auf dem Kirchplatz und sogar in der Kathedrale statt -, Kirchengebäude galten auch durchaus als angemessener Ort um "Kirchenbier" zu trinken, für Tanz, Spiel und andere "weltliche" Ereignisse. Nach den Ereignissen zur Wintersonnenwende 2001 meinte einer der Beteiligten: "Was sie [English Heritage] wollen, sind zahme Druiden", womit er auf diejenigen anspielte, die den Zeitplan von English Heritage und ihr Konzept von Heiligkeit und Ethik zur Bewahrung von Kulturerbe akzeptierten. Die Party-feiernden Druiden passen eher zum Volkskarneval in mittelalterlichen Kirchen, der die Grenzen der durkheimschen Definition zwischen Sakralem und Profanem verwischt. Ich halte es für essenziell, dass bei zukünftigen Round-Table-Gesprächen nicht nur ewig der Zutritt diskutiert wird, sondern auch, wie sich Heiligkeit eigentlich definiert, wie und nach wessen Regeln die unterschiedlichen Auffassungen über "heiliges" Verhalten in Stonehenge und anderen heiligen Orten zusammenfinden können. Alle Seiten werden zum Kompromiss bereit sein müssen.