Archäologie der Naturplätze

Von Überwelten und Unterwelten

von Richard Bradley erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Welche Bedeutung hatten herausragende Plätze in der Natur für die frühe Bevölkerung? Diese Frage beschäftigte den Archäologen Richard Bradley, seit er die heiligen Orte der Saamen in Finnland besucht hatte: In der langen Geschichte ihrer rituellen Nutzung wurden dort keinerlei Bauten errichtet. Seine "Archäologie der Naturplätze" ist Ergebnis der Auseinandersetzung eines Forschers, der sich normalerweise mit menschengemachten Monumenten befasst, mit dem Heiligen der Natur. Bradleys Ansatz besitzt überraschend viele Aspekte, die mit den neuen Strömungen der Geomantie in Resonanz stehen.

Im Norden Finnlands liegt eine Insel in Gestalt "einer riesigen Schildkröte" - im Jahre 1873 verschlug es einen jungen Archäologie-Studenten der Universität Oxford dorthin, als sein Boot im Sturm auf dem Inari-See abgetrieben wurde. Er begriff erfahrend, dass die Insel Ukonsaari dem Donnergott geweiht war. An einer ihrer steilen Flanken fand der unfreiwillige Besucher eine flache Höhle in Form eines Felsspalts. Offenbar war sie "bei den Lappen (Saamen) als Opferplatz genutzt worden", denn Knochen bedeckten den Boden, und ihre Decke war rußgeschwärzt, so dass er annahm, sie würde noch genutzt. Einige der verbrannten Nahrungsmittel stammten offensichtlich aus jüngster Zeit. Heutzutage undenkbar, doch unser junger Student entschied sich, sofort zu graben. Die Knochen im tieferen Höhlenboden waren älter; er konnte die Überreste von Rentieren, Bären und anderen Tierarten ausmachen. Das war durchaus interessant, aber als er die Höhle wieder verlassen wollte, stieß er auf eine Holzkohleschicht, in der sich ein silbernes Schmuckstück befand, das ihm bronzezeitlich erschien. Genau wie die Knochen war es offensichtlich dem Feuer übergeben worden. Wir wissen von diesen Funden auf Ukonsaari, weil der junge Student die Höhle in einem Brief an seine Stiefmutter beschrieb, die den Beleg in ein Notizbuch kopierte, das bis heute überlebt hat. Als Ehefrau von Sir John Evans, einem der Begründer der britischen Archäologie, war sie mit derartigen Entdeckungen vertraut. Der Besucher der Insel war Arthur Evans, der später einer der bekanntesten Archäologen seiner Zeit werden sollte. In seinen frühen Zwanzigern war er bereits versiert im Umgang mit archäologischen Funden. Die Hinterlassenschaften in der Höhle hatten einen ungewöhnlichen Charakter, beispielsweise fanden sich unter den Tierknochen keine Fischgräten, obwohl der Fischfang eine zentrale Rolle in der regionalen Ökonomie spielte. Noch erstaunlicher war, dass Geweihe ausschließlich außerhalb der Höhle abgelegt worden waren. Dies hatte offenbar besondere Bedeutung, und wie Evans herausfand, legten die Einheimischen die Geweihe zu Ehren von Ukon, dem Gott des Donners, der Winde und Seen, in einer kreisförmigen Anordnung dort ab. Für ihn gab es keinen Zweifel: Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Topographie konnte niemand in dieser Höhle gelebt haben. Was er hier gefunden hatte, konnten demnach nicht Überreste gewöhnlicher Mahlzeiten sein. Zudem war es unwahrscheinlich, dass man den silbernen Ohrring hier zufällig verloren hatte, auch weil er offenbar verbrannt worden war. Evans identifizierte die Höhle also als Opferplatz. - Wie aber würden Archäologen diesen Ort heutzutage verstehen?

Opferplätze der Saamen

Die Höhle, die Evans damals untersuchte, reiht sich heute ein in eine Serie von Opferplätzen der indigenen Bevölkerung Nordskandinaviens, namentlich der Saamen und benachbarter Gruppen von Jägern und Rentier-Hirten. Manche der Metallobjekte, die dort gefunden wurden, stammen aus entfernteren Bereichen Europas. (Der Silber-Ohrring stammte aus Russland.) Anders als Evans annahm, stammen die Opfergaben aus Metallen nicht aus der Bronzezeit, sondern aus einer Periode zwischen 1000 und 1350 n.Chr. Das wesentliche Merkmal der Opferplätze sind umfangreiche Deponierungen von Tierknochen. Die Saamen sind berühmt für ihre Schamanen-Trommeln aus der Zeit vor der Ankunft der christlichen Missionare. Bereits prähistorische Felsritzungen zeigen Abbildungen dieser Trommeln. Marek Zvelebil (1997) kommt zu dem Schluss, dass sich in Nordeuropa Elemente einer traditionellen Kosmologie zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Gegenden erhalten haben: In Karelien überdauerten sie bis in die Mitte des ersten Jahrtausends hinein, in Nordskandinavien wurden sie von christlichen Missionaren erst im 17. und 18. Jahrhundert zerstört, und in westlichen Teilen Sibiriens existieren sie noch in heutiger Zeit. Angesichts solcher Zeiträume könnte die Periode, in der auf Ukonsaari Silberschmuck geopfert wurde, nur eine Episode in einer weitaus längeren Geschichte der rituellen Nutzung von Naturplätzen darstellen. Mehr als 500 solcher Opferplätze sind archäologisch belegt. In der Regel finden wir sie bei beeindruckenden Naturformationen. Manche von ihnen sind schwer zugänglich, so dass sie nur von denjenigen aufgesucht werden konnten, denen der Zugang bekannt war. Andere wiederum lagen an Routen, auf denen die Stämme durchs Land zogen. Manche Kultorte dienten der ganzen Stammesgesellschaft; möglicherweise wurden sie von Gruppen aufgesucht, die denselben Pfaden folgten, oder in denselben Seen fischten. Jede Familie hatte aber auch ihren eigenen heiligen Berg. Die wesentlichen Naturplätze, denen eine solche Rolle zukam, waren, dem Rang nach absteigend aufgezählt, Hügel und Berge, Seen, Halbinseln, Höhlen, Inseln, Bäche und Quellen.

Unveränderte Naturplätze

Opferplätze sind als Siejddes bekannt. Sie zeichnen sich durch ihre außergewöhnliche Topographie aus und wurden durch die dort praktizierten Aktivitäten praktisch nicht verändert. Die Felsformationen der Siejddes haben manchmal eine gewisse Ähnlichkeit mit Menschen, Tieren oder Vögeln, wurden aber nie von Menschenhand bearbeitet. "[Sie] hatten keinen monumentalen Charakter und drückten daher nicht die Idee aus, dass Menschen in irgendeiner Form der Natur überlegen wären." Die Lappen ließen die Götter selbst ihre Erscheinungsform wählen. An solchen Plätzen findet sich eine Vielzahl von Idolen aus Stein oder Holz. Steine wurden aufgrund ihrer ungewöhnlichen Farbe oder ihrer Form, die an Lebewesen erinnerte, ausgewählt. Die hölzernen Idole waren oft aus den Wurzelballen von Bäumen geschnitzt, aber auch dann war ihre natürliche Form kaum verändert worden. Offenbar nahm man solche Teile, die bereits an Götterfiguren erinnerten. Die Opfer selbst standen in unmittelbarem Zusammenhang mit der jeweiligen Nutzung der umgebenden Landschaft. An manchen Siejddes opferten Jäger und Hirten ihre Tiere, an anderen wurden Fische geopfert. Man besuchte diese Orte, aß das Fleisch - oft von Rentieren - und hinterließ die Knochen, Häute und Geweihe den Göttern, die sie mit neuem Fleisch beleben sollten. Die Opfersteine wurden ebenso wie die Idole mit Blut, Fett, Butter, Milch und zuweilen auch mit Käse eingerieben. Mancherorts begrub man die Knochen eines Rentiers neben einem großen Feldstein, wobei das Geweih oberhalb des Erdbodens blieb. Eine ähnlich hohe Bedeutung wie dem Rentier wurde dem Bären zugeschrieben. Keiner seiner Knochen durfte zerbrochen oder weggeworfen werden, sondern sie wurden sorgfältig gesammelt und aufbewahrt, bis man sie irgendwann bestattete.

Wem wurde geopfert?

Die Opfer waren den natürlichen Kräften gewidmet, die im Leben der Saamen wichtig waren: Donner, Winde, Wasser und Sonne. Bestimmte Götter standen mit besonderen Riten in Verbindung: Schwarze Tiere opferten sie den Kräften des Todes, und der Sonnengott mag ein weißes Rentier erhalten haben. Zur Entscheidungsfindung befragten die Saamen die Trommel des Schamanen. Ihr Klang sagte ihnen, wo Nahrung gefunden werden konnte, und erlaubte den Blick in Vergangenheit und Zukunft. Kleine "Zeiger" aus Messing waren am Trommelfell angebracht und wiesen auf bestimmte Richtungen hin. Die Trommel gab eine Vielzahl an praktischen Informationen und manchmal auch Hinweise auf die richtige Form des Opfers. Die Opferplätze gehörten zum Bereich der Ahnen; alle trugen eigene Namen und Bedeutungen. Eine bestimmte Bergkette stand mit den Geistern der Vorfahren in Verbindung, während andere Berge die Provinz der Muttergöttin oder des Donnergottes waren. Die Ahnen der Frauen gehörten oft zu bestimmten Seen. An den Opferplätzen finden wir neben den Tierknochen auch eine Vielzahl von Artefakten, wie neben den erwähnten Schmuckstücken eiserne Pfeilspitzen sowie Bruchstücke von Quarz, Feuerstein und Glas. Manchen Metallen wurden besondere Kräfte zugeschrieben. Messing, aus dem die Zeiger der Schamanentrommel gefertigt wurden, war z.B. ein heiliges Metall und eine häufige Grabbeigabe bei der Bestattung von Bären. Warum die Opferungen für die Saamen wichtig waren, leitet sich aus deren täglichem Leben ab. Einer der wesentlichen Gründe war die Sicherung einer zuverlässigen Versorgung mit Nahrung, und so wurden Opfer den göttlichen Meistern der Tiere dargebracht wie auch den überirdischen Herrschern der einzelnen Regionen der Landschaft, um gesunde und fruchtbare Rentiere, Fische und Vögel im Überfluss zu erhalten. Außerdem sollten die Opfer Krankheiten abwenden, von denen man glaubte, dass sie aus dem Unterirdischen, der Domäne der Toten, heraufstiegen. Auch das Wetter war ein wichtiger Aspekt, und man opferte, damit genügend Regen fiel, um das Gras und das Moos zu ernähren, das die Tiere als Nahrung benötigten. Man wollte die Kräfte der Natur für sich günstig stimmen, den Mond, die Sonne und die Winde. Ebenso wichtig waren Opfer für die Toten, weil sie sonst die Lebenden zu früh zu sich holen könnten. Der Zyklus der Rituale stand in enger Verbindung mit dem Prozess der Nahrungsproduktion. Da gab es das große Herbstfestival, wenn Ende November die Rentiere geschlachtet wurden. Andere Opfer fanden im Winter statt, wo die Gaben unterm Schnee begraben wurden, oder auch im Sommer, wobei Blätter und Gras unter heilige Steine gelegt wurden. Der rituelle Kalender der Saamen basierte auf dem Verhalten des Bären. Der Winter begann, wenn der Bär Winterschlaf hielt, und der Sommer, wenn er wieder erwachte. Auch die Übergangszeiten wurden durch Rituale gefeiert. Jeder neue Zyklus wurde durch das Bären-Fest eingeweiht. Der Bär war das heilige Tier, der "Hund der Götter". Ebenso wie dessen Größe und Stärke scheint die Intelligenz des Bären und seine auffallende Ähnlichkeit mit dem Körperbau und der Physiognomie des Menschen für die rituelle Bedeutung wichtig gewesen zu sein. Bären sind Menschen in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich - sie weinen sogar, wenn sie aufgeregt sind.

Die Kosmologie der Saamen

Die heiligen Orte in der Natur spielten bei den Saamen auch eine wichtige Rolle in ihrem Verständnis von der Erschaffung der Welt und dem Platz, den der Mensch für sich findet. Traditionelle Gesellschaften im arktischen Europa machen eine wesentliche Unterscheidung zwischen der alltäglichen Welt, der Unterwelt und dem Himmel - auch auf der Schamanentrommel der Saamen wird offenbar diese Kosmologie abgebildet. Besondere Naturplätze waren gerade deshalb von herausgehobener Wichtigkeit, weil sie die Kommunikation zwischen den verschiedenen Welten ermöglichten. Dabei war auch die Bedeutung der Himmelsrichtungen wesentlich. Wie Tim Yates (1987) gezeigt hat, wirkte das kosmologische Konzept bis in den profanen Bereich der Organisation der Saamen-Zelte hinein. Für seine Bewohner war es das rituelle Zentrum des Kosmos, das mit ihnen wanderte, wo immer sie das Zelt neu aufbauten. Das wichtigste Kennzeichne dieser Weltsicht ist die Dreiteilung. Die Welt sei in drei horizontalen Schichten erschaffen worden: Himmel, Erde und Unterwelt, jede mit ihren eigenen Göttern, Göttinnen und Ahnengeistern. Der höchste Punkt in diesem System war der Polarstern. Die drei Sphären korrespondieren mit der Luft, dem Land und dem Wasser bzw. mit dem Wald, der Tundra und der See oder, in der Tierwelt, mit Vögeln, Rentieren und Fischen, wobei die Fische manchmal durch Wölfe ersetzt wurden und Vögel durch Bären. Die drei Welten verbindet ein kosmischer Fluss, der manchmal auch als Baum dargestellt werden kann. Auf der Saamen-Trommel wird er offenbar durch eine Säule oder eine Darstellung der Sonne repräsentiert. Flussmündungen in die See scheinen Plätze gewesen sein, an denen den Menschen der Zugang zur Unterwelt erlaubt war. Vielleicht zeichnete sich ein solcher Ort durch Stromschnellen aus, oder es gab dort eine Insel, die von den Schamanen aufgesucht wurde. Auf Fels- oder Berggipfeln wiederum konnte sich die Erde mit dem Himmel verbinden. So verstanden, sind die heiligen Plätze der Saamen Elemente einer mythischen Landschaft, die sich wesentlich von dem unterscheidet, was heutigen Archäologen begegnet. Die Arbeit von Arthur Evans über Ukonsaari hatte einige für die Archäologie Westeuropas ungewöhnliche Aspekte. Die Höhle in Unkonsaari übernimmt in gewisser Hinsicht eine Rolle, die in anderen Teilen des Kontinents monumentalen Bauwerken zukommt. Es ist wichtig, zu verstehen, dass Monumente in der Landschaft der Saamen nur eine geringe Bedeutung hatten. Im Gegensatz zu den formal konstituierten Kultbauten anderer prähistorischer Landschaften Europas, beschäftigt sich die arktische Archäologie mit der Bedeutung unveränderter Plätze. Nur im arktischen Kulturkreis haben wir die Chance, europäische Ethnographie mit den Belegen der prähistorischen und frühen historischen Archäologie zu vergleichen und so zu einer Integration von traditionellem Wissen und Glauben über die Landschaft und den Resultaten der praktischen Archäologie zu gelangen. Dies sollte uns als lebendige Ermahnung an das dienen, was wir verlieren könnten, wenn wir uns als Archäologen ausschließlich auf die Bedeutung von Bauwerken beschränken.

Naturheiligtümer Griechenlands

Einundzwanzig Jahre nach seinem Besuch in Finnland war Arthur Evans wieder auf Reisen. Er war mittlerweile Direktor eines Universitäts-Museums geworden und plante archäologische Feldarbeit in Kreta. Als er um die Insel reiste, schien sich die Geschichte zu wiederholen, denn seine Aufmerksamkeit wurde erneut von Höhlen, Felsunterständen und Berggipfeln angezogen, die ungewöhnliche Artefakte, insbesondere Figurinen, enthielten. So kam er erneut mit dem Thema in Berührung, das ich heute die "Archäologie von Naturplätzen" nenne. In einer heiligen Höhle oberhalb von Psychro, die als Geburtsort des Zeus galt, fand er z.B. eine Reihe von menschen- und tiergestaltigen Statuen. Als er im Jahr 1900 schließlich mit Ausgrabungen in Kreta begann, legte Evans die Grundlagen für die moderne Erforschung von Höhlen- und Gipfel-Heiligtümern von Kreta. Das Eigenartige an der Parallele zwischen seinen Arbeiten in Finnland und Griechenland ist, dass die heiligen Orte von zwei vollständig unterschiedlichen Gesellschaften geschaffen worden sind: In Finnland war die Höhle auf Ukonsaari von Jägern und Rentier-Hirten genutzt worden, während die deutlich auf eine rituelle Nutzung hinweisenden Funde in den kretischen Höhlen aus einer Periode der frühen Entwicklung eines Staates datierten. Die von Evans untersuchten prähistorischen Höhlen-Heiligtümer in Kreta sind Teil eines allgemeinen Musters in der mittelmeerischen Archäologie. Höhlen, Felsunterständen und Berggipfeln wird in vielen Gegenden Griechenlands und Italiens bis in so westliche Gebiete wie Spanien hinein eine vergleichbare Bedeutung zugeordnet. Ihre Interpretation stellt uns vor gewisse Schwierigkeiten, da die Quellen über religiöse Praktiken dieser Zeit wenig über die Topographie des altertümlichen Glaubens aussagen. Zum Glück existiert ein Dokument, auf dessen Grundlage wir Archäologie und Ethnographie doch zusammenbringen können, nämlich das Werk von Pausanias. Der griechische Arzt Pausanias verfasste im 2. Jahrhundert n.Chr. die "Perihegesis" oder "Beschreibungen Griechenlands". Er gehörte zu einem Kreis "beinahe professioneller Altertumsforscher" und war in gewisser Hinsicht sowohl Religionshistoriker als auch der erste Feld-Archäologe, der die Orte der klassischen griechischen Antike beschrieb, als sie noch weitgehend intakt waren. Allerdings ging es ihm nicht um eine exakte Dokumentation, sondern um die Bewahrung der Werte der griechischen Kultur unter römischer Herrschaft - und er schrieb einen Reiseführer. Es ist auch nicht immer deutlich, ob er Naturplätze beschreibt, die sich zu Monumenten entwickelt hatten, oder vollständig naturbelassene Orte. Trotzdem sind seine Belege für eine Archäologie der Naturplätze äußerst informativ, wie die folgenden Beispiele zeigen: "Auf den Bergen der Athener sind ebenfalls Götterbilder anzutreffen: Auf dem Pentelikon eine Athena, auf dem Hymettos die Statue des Zeus Hymettios, ferner Altäre des Zeus Ombrios [Regenbringer] und des Apollon Proopsios [Vorherseher]. Auf dem Parnes steht steht ein Zeus Parnethios aus Bronze und ein Altar des Zeus Semalethios [Zeichengeber]. Auf einem weiteren Altar auf dem Parnes opfern sie, indem sie Zeus bald als Ombrios, bald als Apemios [Schützer vor Unheil] anrufen. Ferner gibt es einen nicht allzu hohen Berg, der Anchesmos heißt, und darauf eine Statue des Zeus Anchesmios." (Pausanias, Buch 1, 32.2) Hier wird deutlich, dass herausragende Plätze in der Landschaft mit Skulpturen ausgeschmückt worden sind, aber es gibt keine Hinweise, dass dort Bauwerke errichtet wurden. Außer den Berggipfeln beschreibt Pausanias noch andere heilige Orte, insbesondere Quellen, Höhlen und Haine sowie auch einzelne Bäume. Wie können wir uns deren rituelle Nutzung vorstellen? Die archäologischen Funde umfassen eine Reihe von Opfergaben, wie sie schon von Arthur Evans in Kreta identifiziert wurden. Darüber hinaus enthalten sie Waffen, exotische Materialien und insbesondere eine Vielzahl an kunstvollen, den Göttern gewidmeten Artefakten. Es lohnt sich, diese Funde mit den Praktiken zu vergleichen, die Pausanias an mehreren vollständig naturbelassenen Plätzen Griechenlands beschreibt. Ich zitiere hier zwei Beispiele: "Wenn die Platatier nun in diesen [Eichen-]Wald hineingehen, legen sie Stücke von gekochtem Fleisch hin. Um alle übrigen Vögel kümmern sie sich überhaupt nicht, während sie die Raben - denn sie gehen an die Fleischstücke - genau beobachten und darauf achtgeben, auf welchen Baum sich der Rabe setzt, der das Fleisch geraubt hat. Den Baum . fällen sie und machen daraus das daidalon - denn so nennen sie das Holzbild selbst. . Sie bringen die Statue zu Asopos, stellen sie mitsamt einer Frau als Brautführerin auf einen Wagen. . Dann führen sie die Wagen vom Fluss auf die Höhe des Kithairon. Auf dem Gipfel des Bergs haben sie einen Altar vorbereitet ." (Pausanias, Buch 9, 3.4) Dieses Beispiel verbindet zwei der am meisten verbreiteten Elemente: die rituelle Bedeutung von Bäumen und prominenten Berggipfeln. Eine weitere Passage beschreibt wässrige Orte: ". kommt man zum so genannten Wasser der Ino‘. In dieses Wasser werfen sie zum Fest der Ino Kuchen und Gerstenmehl. Für den Hineinwerfenden gilt es als ein glückverheißendes Zeichen, wenn das Wasser die Kuchen aufnimmt und behält: lässt es sie wieder auftauchen, so wird dies für ein schlechtes Zeichen gehalten ." (Pausanias, Buch 3, 23.8)

Die mythologische Landschaft

Die Schriften von Pausanias sind deshalb so wichtig, weil sie die Bedeutung von Naturplätzen sogar zu einer Epoche beleuchten, in welcher monumentale Architektur bereits eine wesentliche Rolle gespielt hat. Offenbar geht es hier nach wie vor um Plätze, an denen der Kontakt zum Himmel oder zur Unterwelt hergestellt werden konnte. Dem Zeus wird insbesondere auf Berggipfeln geopfert, während Äneas durch eine Höhle zum Totenreich gelangt. Es dürfte kein Zufall sein, dass sowohl in der griechischen Mythologie als auch im Glauben der Saamen die Grenze zwischen den Lebenden und Toten von einem Fluss repräsentiert wird. Ethnographische Studien wie die bisher zitierten führen uns zu der Schlussfolgerung, dass die Elemente einer Landschaft für traditionelle Gesellschaften besondere Kräfte besaßen. Ganze Bereiche einer Landschaft galten als heilig. Ebenso mag aber auch die alltägliche Landschaft, die ihren Bewohnern Nahrung und Schutz bietet, eine Rolle in ihrer Deutung der Welt gespielt haben.

Kosmos und Chaos

Wie sind diese Themengebiete bislang erforscht worden? Einen Weg bietet die Literatur der vergleichenden Religionswissenschaft, insbesondere das oft zitierte Werk des rumänischen Gelehrten Mircea Eliade. Eliade geht davon aus, dass alle Religionen zwei miteinander in Wettstreit stehende Prinzipien vereinen: Kosmos und Chaos. Der Kosmos ist der Bereich der menschlichen Ordnung und, als Erweiterung, des Heiligen, während Chaos für das Gegenteil, das Profane steht. Beide Elemente stehen in Spannung zueinander, und das Prinzip der Ordnung muss sich immer wieder neu behaupten. Religiöse Praktiken vermitteln zwischen diesen Extremen. Folglich ist Kommunikation das Allerwichtigste: Sie muss an besonderen Orten stattfinden, wo sich die heilige Welt enthüllt. Eliade nennt sie "Hierophanien" - Orte, an denen sich das Heilige zeigt. Sein Beispiel erscheint auf eigentümliche Weise zutreffend für eine Archäologie der Naturplätze: "Der Gegenstand erscheint als Gefäß einer außer ihm selbst liegenden Kraft, die ihn von seiner Umgebung unterscheidet und ihm Sinn und Wert verleiht. Diese Kraft kann in der Substanz oder der Gestalt des Gegenstandes wohnen; ein Fels offenbart sich als heilig, weil seine Existenz selbst eine Hierophanie ist: in seiner Unverwundbarkeit und Unerschütterlichkeit ist er, was der Mensch nicht ist. Er widersteht der Zeit. Auch ein ganz gewöhnlicher Stein kann wertvoll‘ werden, das heißt durchtränkt sein von einer magischen oder religiösen Kraft, und zwar allein schon wegen seiner symbolischen Form oder seiner Herkunft: der Donnerkeil‘ (Blitzstein), der vom Himmel herabgefallen sein soll; die Perle, die vom Grund des Ozeans stammt." (Eliade, Kosmos und Geschichte, Insel Verlag 1984) Die Auswahl eines Steins aufgrund seiner ausgeprägten Form bringt uns sofort die Opferplätze der Saamen in Erinnerung, während der Bezug zu Felsen, die mit der Erde und der See in Verbinung gebracht werden, einen weiteren grundlegenden Aspekt von Eliades Schema einführt. Das heilige Zentrum ist dort, wo die verschiedenen kosmischen Ebenen miteinander in Kontakt kommen: die Erde, der Himmel und die Unterwelt. Der "heilige Berg" zum Beispiel befindet sich im Zentrum der Welt. Die Verbindung geschieht durch die Axis mundi, welche die Kommunikation zwischen den Ebenen ermöglicht. Das Leben der Menschen findet zwischen den beiden anderen Welten statt, mit Eliades Worten in Himmel und Hölle, sowie an den Plätzen, an denen sich heilige Kräfte manifestieren. Dort ist die Landschaft so gestaltet, dass sich alle drei Welten am nächsten kommen. Eliades Modell ist außerordentlich vereinheitlichend, seine Rekonstruktionen sind aus Elementen vieler verschiedener Kulturen und Glaubenssysteme aufgebaut. Indem er sich einem einzigen kraftvollen Modell verpflichtet, geht er über Details von lokalen Bräuchen und Glaubenssystemen hinweg. Ich denke hingegen, dass es gerade die Aufgabe der Archäologie sein könnte, auch diese Details im Besonderen zu berücksichtigen.

Schamanische Kosmologie

Nichtsdestoweniger sind gewisse für unseren Zusammenhang bedeutsame Praktiken transkulturell weltweit verbreitet. Viele der rituellen Bräuche, die wir bis jetzt betrachtet haben, sind gemeinsame Elemente ekstatischer Religionen. Für unsere Untersuchung geht es dabei insbesondere um die Art, in der bestimmte Personen in ein Stadium der Besessenheit oder der Trance geraten können, in dem sie dann zu anderen Plätzen oder Zeiten reisen. Was die Person dabei erfährt, ist das Gefühl zu schwimmen, zu fliegen, in die Erde einzudringen oder in die Luft aufzusteigen. Wir können regelrecht von einer schamanischen Kosmologie sprechen, die dem entspricht, wie die Welt in veränderten Bewusstseinszuständen wahrgenommen wird. Eliade hält dies für fundamentale religiöse Erfahrungen: "Die schamanische Technik par excellence besteht im Übergang von einer kosmischen Region zur anderen: von der Erde zum Himmel oder von der Erde zur Unterwelt. Der Schamane kennt das Geheimnis des Durchbrechens der Ebenen. Dieser Verkehr zwischen den kosmischen Zonen ist durch die Struktur des Universums möglich gemacht. Dieses wird, wie wir sogleich sehen werden, im Großen aus drei Stockwerken - Himmel, Erde und Unterwelt - bestehend gedacht, die untereinander durch eine Mittelachse verbunden sind. . Und diese Achse gilt als Öffnung‘, als Loch‘; durch dieses Loch steigen die Götter auf die Erde herab und die Toten in die unterirdischen Gefilde, durch dieses Loch vermag die Seele des in Ekstase befindlichen Schamanen aufzufliegen oder abzusteigen, wie er es bei seinen Himmels- oder Unterweltreisen bedarf." (Eliade, Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Suhrkamp 1974) Die "Löcher" oder "Öffnungen", von denen Eliade schreibt, sind eine angemessene Beschreibung der Höhlen und Felsspalten, die eine so wichtige Rolle in der heiligen Geographie sowohl der Arktis als auch des klassischen Hellas spielen. Es geht hier nicht um exakte Parallelen zwischen diesen Kulturen, aber wir müssen akzeptieren, dass in sehr unterschiedlichen Gesellschaften ekstatische Erfahrungen mit bestimmten Merkmalen der Landschaft assoziiert werden. Eliade diskutiert die Körperwahrnehmung des Fliegens, die natürlich mit Bäumen und Bergen, die in den Himmel reichen, ebenso wie mit den Vögeln, die dort wohnen, in Verbindung steht. Auch das Schwimmen unter Wasser ist eine häufige schamanische Erfahrung, und dies erklärt offensichtlich, warum Flüsse, Quellen, Seen und das Meer als Orte des Übergangs in eine andere Dimension gelten.

Verbindungen schaffen

Bei meinem Versuch zu erklären, was ich mit einer "Archäologie der Naturplätze" meine, habe ich eine Folge markanter Phänomene angeführt, z.B. die unverkennbaren archäologischen Funde an Plätzen wie der Höhle von Ukonsaari oder den minoischen Berggipfel-Heiligtümern. Wenn vielen der Artefakte, die an natürlichen Orten abgelegt wurden, besondere Bedeutung durch ihre rituelle Verwendung zukam, hatten vermutlich auch diejenigen Orte, an denen sie hergestellt wurden, eine besonderen Rang inne. Im Zusammenhang mit der Untersuchung von Naturplätzen ist auch die Herangehensweise zu nennen, die Christopher Tilley (1994; siehe folgender Beitrag) in seinen Studien der britischen Landschaft gewählt hat, indem er gut dokumentierte Fälle von Naturplätzen mit einer vor langer Zeit etablierten Bedeutung untersuchte, die erst zu einem späteren Zeitpunkt mit Monumenten überhöht worden sind. Der Bau von Tempeln auf den minoischen Bergheiligtümern ist ein gutes Beispiel für diesen Prozess. Die beschriebenen Phänomene sind seit langer Zeit bekannt. Das Paradoxe dabei ist, dass sie alle unabhängig voneinander untersucht wurden und die Forscher praktisch keinen Zusammenhang mit dem Studium der frühen Landschaften gesehen haben. Ihre gemeinsame Quelle in einer Archäologie der Naturplätze muss jetzt anerkannt werden.