Die Natur des Heiligtums

Auf der Suche nach dem heiligen Ort in der Landschaft

von Paul Devereux erschienen in Hagia Chora 1213/2002

Vor dem Bau eines Tempels existierte an der Stätte in der Regel bereits über lange Zeit ein Naturheiligtum - für die Geomantie nichts Neues. Nun gerät diese Erkenntnis zum Gegenstand archäologischer Forschungen. Paul Devereux zeichnet den faszinierenden Trend nach. Er nennt einige der Protagonisten neuer Richtungen in der Archäologie und führt in ihre Ideen ein. Für uns war dies Anlass, die Hauptakteure um Beiträge zu bitten, und so kommen diese im Anschluss an diesen Text selbst zu Wort.

Landläufig stellt man sich unter einem Archäologen jemanden vor, der geschichtsträchtige Stätten ausgräbt oder sich mit uralten Bauwerken befasst. Tatsächlich jedoch ertappt man heute immer wieder Archäologen dabei, wie sie in der Umgebung einer Fundstätte spazierengehen oder einfach nur die Landschaft betrachten, wobei vielleicht eine entfernte Bergspitze oder ein außergewöhnlicher Felsen vor Ort ihre Aufmerksamkeit erregt. Spielte der Zusammenhang zwischen einem Monument und seiner natürlichen Umgebung bisher eine eher untergeordnete Rolle, legt man heutzutage zunehmend Wert auf derartige Beobachtungen, wobei sich immer mehr Zusammenhänge offenbaren. Dies führt so weit, dass einer der tonangebenden britischen Archäologen, Richard Bradley, sich zu einem Buch über "Die Archäologie der Naturplätze" (siehe folgender Beitrag) inspiriert fühlte. Der Trend verspricht, uns zu den Ursprüngen von Religion zu führen, indem er die Evolution des sakralen Ortes von der natürlichen Topographie hin zu künstlichen, von Menschenhand erbauten Gebäuden und Tempeln sichtbar macht. Er führt uns in die Zeit zurück, in der die Menschheit erstmals begann, ihre Umwelt zu gestalten, um "die Natur zu verbessern" - ein Prozess, der seither erbarmungslos mit immer gravierenderen Auswirkungen fortgesetzt wird.

Software und Hardware der Archäologie

Diese Herangehensweise ist insofern problematisch, als Archäologie normalerweise als Studium der materiellen Überreste der menschlichen Vergangenheit definiert wird - und nicht als Studium von Eigenarten der Natur. Was also muss getan werden, wenn man einen besonderen Ort in der Natur als alte Kultstätte zu erkennen glaubt? Archäologen, die sich Naturplätzen widmen, suchen sowohl nach "Software"-Hinweisen aus ihrer beobachtenden Wahrnehmung als auch nach "Hardware"-Ankern, wie zum Beispiel nach geringen von Menschenhand vorgenommenen Veränderungen an natürlichen Formationen oder dort abgelegten Opfergaben. Ein wichtiger "Software"-Hinweis ist die mit den Augen wahrzunehmende Gestalt eines Ortes. Wir wissen mittlerweile, dass Berge, besondere Felsen und andere Naturformen oft deswegen verehrt wurden, weil sie an das Profil, Gesicht oder die Gestalt von Menschen oder Tieren erinnerten oder anderweitig unverkennbar waren. Die frühen Menschen sahen ihre Mythen in die natürlichen Formen der Landschaft eingraviert. 1991 machte der Ägyptologe V.A. Donohue die aufregende Entdeckung, dass in der Steilklippe hinter dem Hatschepsut-Tempel im Tal der Könige eine, wenn auch stark erodierte, über hundert Meter hohe Felsformation erkennbar ist, die an einen Pharao mit einer Kobra erinnert - eines der Hauptsymbole königlicher Macht im alten Ägypten. Donohue hält es für möglich, dass diese zufälligen Ähnlichkeiten von Menschen kunstvoll und vorsichtig überhöht wurden. Bei der Weiterverfolgung dieser Spur entdeckte er eine Reihe weiterer natürlicher Besonderheiten im Umfeld der Tempel, darunter Gesteinsformationen, die verdächtig an Proto-Sphinxe erinnern. Weil die alten Völker in allem ihre Götter und heiligen Symbole erkannten, fungierte die Landschaft als eine Art ausgelagertes Gedächtnis, aus dem sich ihre Stammesmythen und ihre Geschichte speisten. Werden solche Ethnien von ihrem angestammten Land vertrieben, verlieren sie dieses externe Kulturgedächtnis, was unter Umständen zum vollständigen sozialen Zusammenbruch führen kann. Dies wird von unserer modernen, auf Globalisierung erpichten Kultur ignoriert, wenn sie zur Durchsetzung ihrer Interessen ganze Volksstämme umsiedelt.

Höhlen, Wasser und Bäume

Oft finden Archäologen an Naturplätzen sowohl Software- als auch Hardware-Hinweise, wie z.B. in Höhlen. Letztere wurden von praktisch allen Völkern auf allen Kontinenten als bevorzugte Orte natürlicher Heiligkeit verehrt; sie waren nicht nur Wohnorte oder Schutzräume, sondern so etwas wie die ersten Kathedralen. Auch wir Heutigen können uns ihrer unheimlichen Kraft kaum entziehen, so dass nachvollziehbar wird, warum paläolithische Schamanen und Zauberer hier ihre Rituale abhielten und Malereien an den Wänden hinterließen. Die alten Mayas empfanden die Höhlen als Eingänge zur Unterwelt. Auf der Suche nach "jungfräulichem Wasser" wagten sie sich tief in das Höhlensystem von Yucatan hinein, weniger, um es zu trinken, als es für rituelle Zwecke zu nutzen. Sie verehrten auch Stalagmiten und Stalagtiten; unter letzteren stellten sie spezielle Steintröge auf, um Tropfen des heiligen Wassers zu gewinnen. In einigen Fällen bearbeiteten Mayapriester Stalagtiten, um die in ihren Falten und Windungen versteckten Gesichter und Formen zutage treten zu lassen. Ähnliches ist von den Minoern auf Kreta bekannt. Als im Jahre 1900 erstmals Archäologen zum legendären Geburtsort des Zeus in die Psychro-Höhle im Dikti-Massiv vordrangen, fanden sie bronzene und getöpferte Votivobjekte, mit denen jeder Winkel und jede Nische um die eindrucksvollsten Stalagtiten herum vollgestellt waren. Bäume waren in alten Zeiten ebenso Fokusorte von Heiligkeit wie Höhlen und Berge. Im heidnisch-keltischen Irland nannte man heilige Bäume bile, und die Druiden hielten Zeremonien in heiligen Hainen ab. Die Verehrung von Bäumen geht mit Sicherheit weit in die europäische Frühgeschichte zurück, doch der natürliche Verrottungsprozess ließ die Baum-Heiligtümer vergehen, anders als die Steinkreise. Die zeitgenössische Archäologie vor allem in England konnte jedoch zeigen, dass die Menschen der Steinzeit auch und vor allem "Holzzeit"-Menschen waren, die nicht nur Megalith-Anlagen, sondern auch riesige Tempel aus zum Teil ebenso gewaltigen Baumstämmen errichteten. Bis heute wurden die Standorte von über 50 solcher Holzbauten auf den britischen Inseln entdeckt. Witzigerweise beweist gerade der bekannteste aller Steinkreise, Stonehenge, die Verwendung von Holz in der Steinzeit, denn beim Zusammenfügen der Steine wurden Zimmermannstechniken angewendet: Die riesigen steinernen Stürze wurden durch herausgemeißelte Zapfen und Löcher auf den gigantischen aufrecht stehenden Steinen gesichert. An einigen Steinen lässt sich noch deutlich eine Nut-und-Feder-Verbindung erkennen. Dies deutet auf eine lange Nutzung von (gezimmerten) Holzbalken als das bevorzugte Baumaterial für Kultplätze hin, doch gab es zunächst keinen direkten Beweis für die Vermutung, dass Bäume an sich als heilig galten. 1998 wurde jedoch das kleine Heiligtum Sea-Henge entdeckt, überspült von den Gezeiten an der erodierenden Küste Norfolks. Mittelpunkt dieses prähistorischen Kreises aus hölzernen Pfosten war ein einzelner Baumstamm, der umgekehrt im Boden steckte, so dass sein in die Luft ragender Wurzelstumpf an ein bizarres, unbearbeitetes Idol erinnerte, genau so, wie man es von den frühen Saamen in Lappland kennt. Die Radiokarbondatierung in Verbindung mit der Auswertung der Jahresringe ergaben ziemlich exakt das Jahr 2050 v.Chr. als Fälldatum. Auch das Wasser wurde in alter Zeit verehrt, wie man dies auch heute noch von der christlichen Taufe oder den heiligen Waschungen der Hindus kennt. Es gab praktisch kein Volk, das nicht Seen, Tümpel, Flüsse, Quellen oder Wasserfälle verehrt hätte. Die alten Mayas meinten, dass ihre Zenoten - tiefe Wasserbassins, die sich in Kalkstein-Einbrüchen bilden - von Gottheiten bewohnt seien und deshalb als Orakel befragt werden konnten. Besonders der heilige Zenote von Chichen Itza wurde jahrhundertelang als wichtigster Wallfahrtsort der Opferstätte besucht und noch genutzt, als die Spanier landeten. Mitunter wurden außer Objekten auch Menschen als Opfer in die Zenoten geworfen. Der Fund von Opfergaben an einem Naturplatz bringt den Archäologen selbstverständlich auf eine heiße Spur. In England z.B. wurden an den Ufern mancher Flüsse wie der Themse oder in Sümpfen umfangreiche Deponierungen steinzeitlicher Beilklingen oder Waffen aus der Bronzezeit gefunden. Inzwischen ist anerkannt, dass diese Objekte nicht einfach "verloren" gingen oder einen vergrabenen Schatz darstellen, sondern über lange Zeiten hinweg von vielen Menschen den Wassergottheiten als Opfer dargebracht wurden. Heute mag uns eine Flussbiegung oder der Rand eines Moores nicht mehr unbedingt verehrungswürdig erscheinen, aber für unsere entfernten Vorfahren war das durchaus der Fall. Eine abgewandelte Herangehensweise ist das Studium der Herkunft der Materialien, aus denen die Votivgegenstände angefertigt wurden. Zum Beispiel identifizierte man die Langdale Pikes (eine Gruppe von drei Berggipfeln) im mittelenglischen Cumbrien als den Ursprungsort von Steinbeilen, die im weit entfernten Irland gefunden wurden. Solche Objekte waren nicht nur Werkzeuge, vielmehr dienten spezielle Axtklingen bevorzugt religiösen Zwecken - die Axt ist ein weit verbreitetes sakrales Symbol der Frühgeschichte. Es mag keinen besonderen Grund dafür geben, weshalb ausgerechnet in den Langdale Peaks Steinklingen hergestellt wurden, wenn es nicht, wie Richard Bradley postuliert, eben heilige Berge waren. Er meint, Opfergaben an Naturplätzen seien eine Art "stückchenweiser" Transfer von Kultplätzen in eine andere Gegend gewesen - Reliquien, nicht von einer heiligen Person wie im mittelalterlichen Christentum, sondern von heiligen Orten. Diese Überlegung beeinflusst auch die Debatte, auf welche Weise die so genannten Bluestones (Granitsteine) aus den Preseli Hills im südwestlichen Wales an den Standort von Stonehenge gelangt sind. Die eigentliche Frage lautet nämlich: warum? Der Preseli-Rücken muss für die Erbauer von Stonehenge von sakraler Bedeutung gewesen sein. Offenbar war in den von dort stammenden Felsen die spezielle mystische Qualität jenes Ortes verkörpert.

Felskunst als Schlüssel

Die prähistorische Felskunst gibt uns weitere Schlüssel zu Antworten auf die Frage in die Hand, weshalb bestimmte Orte in der Natur als heilig empfunden wurden. Dieser Forschungsbereich ist zu einem Brennpunkt der archäologischen Forschung geworden und fördert erstaunliche Einsichten zutage. Mittlerweile glaubt man, dass die geometrischen, abstrakten Muster, die überall und immer wieder in der Felskunst auftauchen, auf die in rituellen Trancezuständen durch das Gehirn erzeugten Strukturen zurückgehen. Die ersten, die diese Schlussfolgerung anhand der Felskunst der Buschmänner zogen, waren David Lewis-Wiliams, Thomas Dowson und andere Archäologen an der Johannesburger Witwatersrand-Universität. Ähnliches legt auch die Felskunst der indigenen Völker Amerikas nahe. In einer computergestützten Analyse brachte der Archäologe Jeremy Dronfield aus Cambridge die Gravuren an irischen Megalithbauten mit inneren Bildern, die durch halluzinogene Pilze ausgelöst werden, und sogar mit Gehirnstörungen wie Migräne in Zusammenhang. Für manche drücken sich in den wiederkehrenden Motiven auf den Steinen Visionen oder versunkene religiöse Inhalte aus. Richard Bradley hat vor kurzem bronzezeitliche Steinritzungen an skandinavischen Felsaufschlüssen studiert, insbesondere die repetitiven Motive von Schiffen und lebensgroßen Fußabdrücken. Er folgerte aus der Überlieferung der nordischen Tradition, dass es sich zumindest bei einigen der Schiffe um Symbole für das Reich der Schatten handelt. Die Fußabdrücke stehen für die Wege der Toten, die von den bronzezeitlichen Grabstätten in Richtung der See führten - sie markieren die sakralen Geisterpfade in der Landschaft. Die Fußspuren wurden zum Teil beschuht dargestellt, was Bradley auf die sogenannten Hel-Schuhe zurückgeführt, übernatürliches Schuhwerk, das der norwegischen Tradition zufolge von den Geistern der gerade Verstorbenen getragen wurde.

Nachahmung von Naturheiligtümern

Der innovativste Ansatz bei der Untersuchung von Naturplätzen liegt jedoch im Studium der historischen Bauwerke und Tempelanlagen selbst. Setzen wir voraus, dass die künstlichen Strukturen geschaffen wurden, weil ein Gelände schon vorher als heilig galt, lässt sich aus der umliegenden Topographie folgern, was ursprünglich die Heiligkeit des Ortes ausgemacht haben könnte. Ein klassisches Beispiel sind die minoischen Palasttempel. Seit der Steinzeit wurden auf Kreta Berge mit Felsspalten oder Doppelspitzen verehrt, und in der Bronzezeit errichteten die Minoer dort ihre Schreine. Auf dem zerklüfteten Gipfel des Juktas über dem Palast von Knossos kann man noch immer die Ruinen des Heiligtums erkennen, das auf einer natürlichen Felsspalte stand, in welche die Opfergaben geworfen wurden. Andere minoische Palasttempel, wie Phaistos, sind auf auffällige Berge mit Doppelspitzen ausgerichtet. Der Yale-Professor Vincent Scully ist überzeugt, dass die einzigartige Form einer Doppelspitze die heilige Ikonographie der Minoer mitbestimmte. Sichtbar wird dies in Artefakten wie den heiligen Hörnern, der allgegenwärtigen Doppelaxt, labrys genannt, ebenso wie in den grüßend erhobenen Armen bei unzähligen minoischen Figuren. Solcherart architektonische Resonanz auf einen heiligen Berg ist ein weltweites Phänomen. Die Olmeken in La Venta am Golf von Mexiko errichteten ein riesiges Tonmodell des beeindruckenden Vulkans San Martin Pajapan, und dieses wiederum war ein Vorläufer der späteren Stufenpyramiden der Mayas und Azteken, die ebenfalls nichts anderes sind als Modelle heiliger Berge. Auf ähnliche Weise erbauten die Andenbewohner Tiwanacus vor 2000 Jahren die große Akapana-Pyramide. Sie war von einem Wassergraben umgeben, um die heilige Sonneninsel im nahen Titicacasee nachzuahmen, die im Schöpfungsmythos als der "ursprüngliche Ort" galt. Die Pyramide ist aus dem Material der umliegenden Berge erbaut und verfügt über ein Drainagesystem, das die natürlichen Wasserwege durchs Gebirge nachempfindet. Konfrontiert mit schwieriger einschätzbaren Funden, versuchten Archäologen wie Christopher Tilley vom University College London (siehe übernächster Beitrag) zu verstehen, in welcher Beziehung die zeremonialen Strukturen der prähistorischen Menschen zu der sie umgebenden Natur standen. Ihre Methode war, die steinzeitlichen Landschaften Englands und anderer Länder intensiv zu durchwandern. In Preseli entdeckte Tilley anhand von Ansammlungen von Feuersteinsplittern, einfachen Perlen und Tierknochen, dass die neolithischen Monumente in denselben Gebieten errichtet wurden, die auch von den nomadischen Jäger- und Sammlergruppen des Mesolithikums vor 7000 Jahren bevorzugt worden waren. Alle Monumente standen in Beziehung zu charakteristischen Landschaftsmerkmalen in der Nähe. Schon lange, bevor sie erbaut wurden, müsse die Orte bereits als heilig angesehen worden sein. Auch im Bodmin Moor in Devon beobachtete Tilley, dass jeder der sechzehn Steinkreise dort in Sichtweite oder zumindest in der Nachbarschaft von freistehenden Felstürmen liegen, die offensichtlich auch schon im Mesolithikum aufgesucht worden sind. In einigen Fällen hätte schon eine geringfügige Verschiebung des Bauwerks um knapp zehn Meter den Blick auf den jeweiligen Steinturm verhindert.

Der Avebury-Komplex

Ein beeindruckend präzises Beispiel für die bewusste Verbindung der Bauten der frühen Menschen mit charakteristischen Landschaftsformen ist der Avebury-Komplex. Neben anderen Monumenten finden wir dort die Henge-Anlage mit dem weltgrößten Steinkreis, lange Steinreihen (Avenues), die Reste eines Henge-artigen Ahnentempels (Sanctuary), Langgräber und Europas höchste frühgeschichtliche Erdpyramide, den Silbury Hill. Besucher halten für gewöhnlich das Henge-Areal für den Mittelpunkt der Anlage, da dort Geschäfte, Pubs und Museen zu finden sind, doch tatsächlich bildet der Silbury Hill die Nabe dieses Rades von Kultstätten. Silbury ist ein kegelförmiger Hügel von 39,6 Metern Höhe mit abgeflachter Spitze. Abgesehen von einer erodierten Schulter, die etwa 5 Meter unterhalb der Gipfelfläche verläuft, erinnert er mit seinen glatten Seitenflächen an einen gigantischen Weihnachtspudding. Bei Ausgrabungen wurde keine Kammer entdeckt, doch fanden sich Grassoden im Inneren des Hügels, die nach fast fünf Jahrtausenden noch immer grün waren. Sie enthielten Reste fliegender Ameisen, was den Beginn der Arbeit an Silbury auf Ende Juli oder Anfang August eines längst vergangenen Sommers datiert - Maria Himmelfahrt im christlichen Kalender, Lughnasad im keltischen. 1991 entdeckte man, dass, gleich von welcher der umgebenden Kultstätten man auf Silbury Hill blickt, die dahinter liegende Horizontlinie stets den oberen Abschnitt zwischen der Schulter und der Gipfelfläche schneidet. Steht man zudem am Ort des einst größten Steins des Avebury-Rings, ist die Gipfelfläche des Hügels genau zwischen einer vorgelagerten Bodenerhebung und der Horizontlinie sichtbar. In der Zeit kurz vor der Getreideernte, jener Zeit, in der mit dem Bau von Silbury Hill begonnen wurde, ist diese präzise Sichtlinie durch stehendes Getreide auf dem Feld verdeckt - sie scheint auf die Ernte bezogen zu sein.

Sonnengeheimnisse der Göttinnen-Berge

Die Positionierung von Silbury Hill in der Landschaft scheint mit größter Sorgfalt vorgenommen worden zu sein - aber warum? Weshalb wurde ein derart majestätischer Hügel direkt neben den natürlichen Kamm von Waden Hill gesetzt, der praktisch genau gleich hoch ist? Weitere Untersuchungen zeigten: Im späten Juli bis frühen August sowie im frühen Mai (Beltane in der keltischen Tradition), wenn die Sonne jeweils im selben Horizontabschnitt aufgeht, sieht ein Beobachter sie vom Gipfel von Silbury Hill zunächst über der fernen Horizontlinie aufsteigen. Geht er dann hinunter bis zum Ansatz der Schulter, sieht er sie ein zweites Mal über dem Kamm von Waden Hill aufgehen. Silbury wurde also in genau der richtigen Höhe, an genau dem richtigen Platz erbaut, um die beiden östlichen Horizonte (den nahen und den fernen) optisch zu trennen, was zu bestimmten Schlüsselzeiten des alten zeremoniellen und landwirtschaftlichen Jahreszyklus einen festlichen doppelten Sonnenaufgang inszenierte. Und es existiert noch ein weiterer dramatischer Effekt: Während des Sonnenaufgangs leuchtet für kurze Zeit ein goldener Schimmer um die Spitze des langen Schattens, den der Hügel nach Westen wirft. Diese so genannte Aureole ist ein optisches Phänomen, das von den Myriaden kleiner Tautropfen-Prismen in den Gräsern und Ähren des Feldes hervorgerufen wird. Es sieht aus, als würde der große Hügel das Land segnen. Die steinzeitlichen Zeremonienmeister waren eindeutig heilige "Showmaster", das zeigt sich auch in Südwest-Schottland. Einer der drei stehenden Steine von Ballochroy an der westlichen Küste der Halbinsel Kintyre deutet mit seiner breitesten und flachsten Seite in Richtung des Mittsommer-Sonnenuntergangs über der nahen Insel Jura. Die Sonne scheint an diesem Tag zwischen den Paps of Jura, den "Brüsten der Jura", zu versinken, einem Höhenzug auf der inneren Hebrideninsel. Die Form der beiden markantesten Gipfel ist derart bezeichnend und der astronomische Effekt so eindrucksvoll, dass beides zum Bestandteil eines Erdmutter-Konzepts der megalithischen Menschen wurde. Diese Vision der schottischen Frühgeschichte lässt sich sogar durch eine Art mythische Triangulation nachweisen. Direkt im Süden von Jura liegt die Insel Isley mit Loch Finlaggan, an dessen Ufern mesolithische, neolithische und mittelalterliche Überreste gefunden wurden - auch die Lairds, die Gutsherren der Inseln, hatten dort ihren Stammsitz. Dass dieser See als heilig gegolten haben muss, ist unschwer zu erkennen: Wie das Titelbild zu diesem Artikel zeigt, sieht man von dort die beiden "Paps" mächtig als einzelne Bergkuppen vor dem Horizont stehen. Während einer geophysikalischen Expedition des Fernsehsenders Channel Four entdeckte man die Fundamente einer ehemaligen Steinreihe, die auf den letzten noch erhaltenen Megalithen zuläuft und somit direkt auf diese beeindruckende Aussicht weist. Zusätzlich zu ihrer Suche nach Verbindungen von Kultstätten und naturgegebenen Formen wenden sich manche Forscher ganzen Landschaften zu, die durch Erdwerke, Anordnungen von Feldsteinen, Einschnitte in den Boden usw. als "heiliges Land" gekennzeichnet sind. Am deutlichsten zeigt sich eine solche in großem Maßstab angelegte Erdsymbolik in Nord- und Südamerika. Sie äußert sich in den verschiedensten Ausformungen von geometrischen und figürlichen Abbildungen, verrückt-abstrakten Mustern bis hin zu schnurgeraden Linien. Die bekannteste derartige Landschaft ist die Nazca-Hochebene in Peru mit ihren vielfältigen Linienmustern. Leider wurde hier allzulange über "steinzeitliche Astronauten" spekuliert. Der gegenwärtige Stand der Forschung deutet darauf hin, dass diese Bodenmarkierungen tatsächlich spirituelle Geographien skizzieren, die mit den den visionären Erfahrungen und religiösen Glaubensinhalten von Stammeskulturen und schamanischen Völkern zusammenhängen. Offenbar haben wir es hier mit einer gigantisch vergrößerten Version von Felskunst-Symbolik zu tun - ein Vermächtnis früher menschlicher Erfahrung, nicht von außerirdischen Besuchern. All diese Versuche einer Annäherung an eine Archäologie der Naturplätze führen die WisenschaftlerInnen zu einem zunehmend integrierten Verständnis der Wahrnehmungsweise unserer Vorfahren und einzelner Kultstätten. Auch wenn sich uns die alten Gottheiten heute nicht mehr zeigen, können wir doch im spirituellen wie im ökologischen Sinn viel davon lernen, wie die Menschen der Frühzeit die Landschaft als etwas Heiliges erfahren haben - eine wichtige Lektion für unsere leichtfertige, globalisierte Gesellschaft, in der wir die Beziehung zum Sinn und Geist eines Ortes immer mehr verlieren.