Das Loch in der Realität (Teil 2)

von Jochen Kirchhoff erschienen in Hagia Chora 11/2001

Ist es nicht eine alte, sattsam bekannte Geschichte? Du (ja, genau du) erlebst etwas Grundstürzendes, das dir die Seele aufreißt und umpflügt und dich hineinschleudert in ein "anderes Bewusstsein"; der "Anderswelt-Himmel", so glaubst du, ja weißt du in diesem Moment, hat sich aufgetan; du siehst, was keiner sieht, -hörst, was keiner hört,- fühlst, was keiner fühlt und - auch das - denkst, was keiner denkt (wenn es ein Denken ist). Irgendwann (wie lange währte es?) tauchst du wieder auf, obwohl du es eher als Abtauchen empfindest, du kommst, erschöpft vielleicht und erschüttert, auf jeden Fall "als ein Anderer", zurück, findest dich, langsam, langsam, wieder ein in die "Normalität", das kollektive Muster, die Übereinkunft der "Vernünftigen", der "Nüchternen", der Angepassten (oder wie immer du sie nennst, die nun unentrinnbar da sind, wieder da sind). Übervoll, reich beschenkt, vielleicht mit neuen Fragen und neuen Antworten, kannst du "es" nicht für dich behalten, - du willst es auch gar nicht. Und nun redest du; du versuchst mitzuteilen, was dir geschah, was dich, wie du fühlst, verändert hat. Du redest "als ein Anderer" (der du wahrscheinlich immer warst, nur du wusstest nichts davon, und auch die Anderen wussten nichts davon, - sie glaubten dich zu kennen, hatten dich eingeordnet und gleichsam handhabbar gemacht). Und nun beginnt das Drama. Zunächst merkst du, anfangs schwächer, dann stärker: die Sprache ist nicht mitgekommen. Du "triffst" nicht das, was du erlebt hast. Du benutzt Bilder, Vergleiche, angelernte Begriffe, machst Anleihen bei der Mystik oder der Poesie (was du gerade kennst und vielleicht auch diejenigen kennen", zu denen du sprichst), oder "stammelst" einfach, lässt es so kommen, wie es eben kommt. Vielleicht auch gelingt es dir, schließlich hast du kluge Bücher über andere Bewusstseinszustände gelesen, einen "Jargon der Distanzierung" zu finden, der es dir selbst und den Anderen leichter macht, dem zu folgen, wovon zu sprichst. Wobei es sein kann, dass dir selbst nicht wohl wird dabei, weil du diese Distanz, die du vorgibst, gar nicht hast oder aufbringen kannst. Vielleicht merken das auch die Anderen. Natürlich haben auch sie viel gelesen, viel gehört, sich in vieles auch schon hineingefühlt, hineinfantasiert gar, und das alles ist ja anwesend, während sie dir zuhören. "Leer" sind sie nicht, und die Tassen, in die du deinen Tee hineingießen möchtest, sind schon randvoll, ja laufen ohnehin ständig über. Es kann dir geschehen, dass du argwöhnst, es sei ein Fehler gewesen, überhaupt davon zu sprechen, was du erlebt hast. Auch deswegen, weil das Erlebte dein Herz füllt, es dich emotional erfasst, und weil es, wie so häufig bei derlei Erlebnissen, einen sakralen oder numinosen Charakter aufweist. Du sprichst von Dingen, die nicht profan sind, jedenfalls empfindest du es so; die Anderen müssen es nicht so empfinden. Du musst sie quasi erst davon überzeugen. Warum sollen sie dir "einfach so" Glauben schenken? In jedem in irgendeinem Sinne abendländisch "Vorgebildeten" oder auch "Verbildeten" sitzt ein skeptischer Kobold, der erst ausgetrickst oder überwältigt werden muss, ehe sich etwas regt im Bewusstseinsbeton. Glaubensinbrunst und Glaubensbereitschaft an dem Kobold vorbei gibt es nur auf dem Felde der Naturwissenschaften. Wenn die Computersimulation überzeugt und "nachvollziehbar" wirkt, verstummt der Zweifel, und dann kann fast alles in die Köpfe verfrachtet werden, auch das Absurde. Es gibt geradezu eine Glaubensgier nach dem Absurden, gerade in den Naturwissenschaften. "Nirgendwo scheint es schwieriger zu sein, das Absurde als solches zu erkennen als in der Wissenschaft." (So die Physiker G. Galeczki und P. Marquardt in ihrem brillanten Buch "Requiem für die Spezielle Relativität")1 Ansonsten ist der Kobold allzeit wach, immer auf dem Sprung, sich als Entlarver oder Entzauberer zu betätigen. Der Zauber muss schon stark sein, damit er verstummt. Du hast eine Überwältigung erfahren, die etwas mit "Trunkenheit" zu tun hat (Trunkenheit im poetischen oder mystischen Wortsinn), und du sprichst zu "Nüchternen". Ist deine Trunkenheit machtvoll, kannst du die Nüchternen, und sei es nur für eine kurze Phase, überwältigen und bezwingen, auch wenn sie sich vielleicht hinterher, nüchtern geworden und wie erwachend, die Augen reiben. Deine "Überwältigungskunst" muss eine umso größere sein, je kleiner der Bonus ist, der dir schon im Vorfeld eingeräumt wird. Dem Sektenführer oder Guru jeder Art wird von seinen Adepten ein fast unbegrenzter Vertrauensvorschuss gewährt, der ihn befreit von dem Zwang, sich immer wieder neu beweisen zu müssen. Wer diesen Vertrauensvorschuss nicht hat, muss sich und "seine Sache" gegen einen Grundwiderstand durchsetzen, der ihn dazu verführen kann, "zu weit zu gehen". Stimmt die Form, sprachlich oder auch künstlerisch, ist der Widerstand leichter zu brechen, als wenn es eben hieran mangelt. Wer nur "stammelt", kann dies nur "mit Erfolg", wenn er einen erheblichen Kredit genießt. Den größten "Kredit" hat, wer geliebt wird. "Wenn du einem zweiköpfigen Schwein begegnest, so halt den Mund", heißt ein irisches Sprichwort. Jeder weiß sofort, "was gemeint ist". Und bei allem, was du sagst, musst du gewärtig sein, dass das "zweiköpfige Schwein" dir selbst, das heißt deiner ganz spezifischen Wahrnehmung zugerechnet und keineswegs als Aussage über die "Wirklichkeit der Dinge" gewertet wird. Du sprichst gleichsam ontologisch (also bezogen auf wirklich Existierendes), wirst aber psychologisch verstanden, umso mehr, je ungewöhnlicher das ist, was du sagst - es sei denn, du verzichtest von vornherein auf jeden Versuch, deine Anderswelt (Anderswelt-Erfahrung) ins Allgemeine zu heben. Das macht sie dann einerseits "unangreifbar" (denn wer will dir dein Erlebnis absprechen?), wertet sie aber andererseits ontologisch ab. Wer nur von "seiner" Wirklichkeit kündet und dies auch so ausweist, sieht sich dem Verdacht konfrontiert, mit dem "Nur-Eigenen", das wie bescheiden daherkommt, im Grunde doch auf das "Allgemein-Wirkliche", das Ontologische zu zielen. Nur wenn dieses "Nur-Eigene" substanziell und formal (etwa künstlerisch) so großartig ist, dass es, schon als es selbst, gleichsam "menschheitlich" oder repräsentativ ist für "das Ganze", tritt dieser Verdacht zurück. Was nicht heißt, dass er gänzlich verstummt. Was immer du sagst, wovon immer du kündest, mündlich oder in Textform, du sendest sprachlich gefasste Botschaften aus, die grundsätzlich atmosphärisch (psycho-atmosphärisch) aufgeladen sind und auch auf einen atmosphärisch aufgeladenen oder gestimmten Raum treffen bzw. diesen Raum durchdringen müssen, damit überhaupt Kommunikation stattfindet. Das Atmosphärische ist der non-verbale Anteil, der immer anwesend ist, immer - und meist unbewusst - das Spiel mitbestimmt. Verstärkt gilt dies bei Mitteilungen, die aus dem "normalen Rahmen" herausfallen. Wer von der Anderswelt, "seiner" Anderswelt zunächst einmal spricht, tut gut daran, dies zu bedenken. Hier wirkt jeder atmosphärische Missklang, jede, auch die feinste Verstimmung im Wechselspiel von Sender und Empfänger gegen die "Sache", um die es geht, ja zerstört sie geradezu. Hinzu kommt, dass die Anderswelt-Erfahrung, ihrem Wesen nach, eine atmosphärische Ladung transportiert, die im Prozess des Darüber-Redens oder -Schreibens ja nur noch als Erinnerung präsent ist. Um dem Empfänger dennoch einen atmosphärischen Eindruck des Erlebten zu vermitteln, muss zumindest eine Ahnung davon sprachlich aufscheinen, und das gelingt nur, wenn das Erinnerte wirklich vergegenwärtigt wird, wenn das Ferne naherückt. Und das geht nicht "nüchtern". Der Mitteilende muss, anders geht es nicht, in einen Prozess der atmosphärischen Steigerung (seiner selbst und der Empfänger) hineinkommen, eine Art Induktion, die fast etwas Physikalisches hat; misslingt dies, bleibt das Gesagte tot.

Eine Lichterfahrung höherer Art

Nehmen wir an, du (noch einmal: gerade du!) hast eine Lichterfahrung der ganz eigenen Art gemacht, hast ein Licht "geschaut", das kein "irdisches" sein konnte; es war ein "Anderswelt-Licht", um es einmal so zu nennen. Gleißend, zugleich sanft und seltsam präzise, dich sphärenartig umschließend, "dich meinend", dir zusprechend (welche Botschaft?), dich wie eine Klanghaut umhüllend, von unbestimmter Ausdehnung oder Raumerfüllung, aber doch nicht gänzlich jenseits des Räumlichen der sinnlichen Erfahrung . Dies, so nehmen wir weiter an, geschah nicht irgendwo, sondern an einem ganz bestimmten, einem ganz besonderen Ort, von mir aus: einem "Kraftort". Und als dies geschah, wusstest du sofort, dass die Licht-Schauung nur hier möglich war, dass der Kraftort induzierend wirkte. Möglicherweisewar es auch eine "besondere Stunde", eine in ihrer Art singuläre Zeitqualität, die sich vielleicht astrologisch bestimmen ließe (wenn du so etwas für möglich oder nötig hältst). Also: An diesem besonderen Ort, zu dieser besonderen Zeit, widerfuhr dir, gerade dir (vielleicht ahnst du, warum), dieses Licht-Erlebnis, diese Erfahrung eines anderen und höheren Lichtes der geschilderten Form. Wir setzen voraus, dass diese Erfahrung einen rundum überwältigenden, ja dich erschütternden Charakter hatte und dich lange noch bewegte und der du auch, in der Folge, Einsichten und Erkenntnisse verdankst, die dich selbst, diesen Ort und diesen Zeitpunkt und mehr noch betreffen. Natürlich ist von diesem schlichten "mehr noch" viel abhängig, aber das soll uns jetzt nicht bekümmern. Was machst du nun damit? Du kannst das Ganze für dich behalten, es schlicht verschweigen. In dir selbst kann es dann weiter wirken, ohne dass du genötigt bist, von diesem Prozess Rechenschaft abzulegen, Du machst das mir dir alleine ab. Du bleibst in dir. Wenn keine Mitteilung erfolgt, gibt es auch keinen Dialog, keine direkte Wechselwirkung mit Anderen. Ein innerer Dialog mag und wird stattfinden, aber nach außen tust du, als sei nichts geschehen. Mag sein, dass dich das Erlebnis vor dir selbst aufwertet, ja überhöht, im Extremfall hältst du dich für erleuchtet, oder bescheidener, "quasi-erleuchtet". (Es gibt sehr viele solche "Quasi-Erleuchtete" in den einschlägigen Szenen, wie man mit Erstaunen feststellen kann.)

Man erlebt nur, was man weiß

Eventuell suchst du auch den indirekten Dialog oder Austausch über Bücher. Du machst dich "sachkundig", wenn du es nicht schon bist oder zu sein glaubst. Du liest Texte, die dir verständlich machen können (und wollen), was du erlebt hast. Und es kann sein, dass sich dein Erlebnis mit fortschreitender Lektüre verschiebt, dass du dich zunehmend anders erinnerst, an Anderes erinnerst. Du vergleichst Merkmale deiner Erfahrung mit dem, was du aus dem Schrifttum erfährst. Du ordnest deine Schauung ein, du integrierst sie in einen allgemeineren, einen größeren Kontext, der philosophisch, religiös, spirituell oder auch (leider auch das!) rein ideologisch sein kann. Viele dieser Kontexte in schriftlicher Form erklären dir, was möglich und was unmöglich, was wahrscheinlich und was weniger wahrscheinlich ist und wie das Erlebte/zu Erlebende überhaupt bewertet werden kann, auch im moralischen Sinn (das muss keine enge Moral sein, - jedes spirituelle System hat seine ganz spezifische Moral, auch wenn das Wort gar nicht auftaucht). Neigst du einem bestimmten Kontext zu, den du für überzeugend hältst, und gibt dir dieser Kontext Bestätigung und Erklärung zugleich, wirst du weiter in diesem Kontext denken und - erleben! Bis zu einem gewissen Grade gilt: Man erlebt nur, was man weiß. Es gilt nicht absolut oder uneingeschränkt, aber stärker und häufiger, als viele annehmen. Möglich ist auch, dass du von Ebenen und Stufen des Bewusstseins, von denen in vielen Systemen gesprochen wird, gelesen hast und nun bemüht bist, die entsprechende Ebene oder Stufe deiner Erfahrung und damit deiner selbst - ausfindig zu machen. War es "nur" eine naturmystische Erfahrung (nach Ken Wilber eine eher niedrige Stufe transpersonaler Erfahrung)? Oder schon mehr, schon höher angesiedelt? Hast du das Licht geschaut, von dem im Bardo Thödol, im tibetischen Totenbuch, gesprochen wird, das eine, große, primordiale Licht, das dich auffordert, dich ganz in es hineinzubegeben, dich in ihm aufzulösen, es zu werden? Oder war es eine jener Lichtwahrnehmungen in Todesnähe? Hast du also eine so genannte Nah-Todeserfahrung durchlaufen? Oder war es eine Engelwesenheit, die du "sahst", die sich dir offenbarte (und so musst du es dann nennen)? War es eine astralische Wesenheit, die nur an diesem Ort zu kontaktieren ist? Das würde voraussetzen, dass du zu diesem Ort zurückkehren musst, um das Erlebnis zu wiederholen, - wenn Wiederholung denn überhaupt möglich und wünschenswert ist hierbei. Wenn sich der ganz spezifische Ort dir, dich umhüllend, dich kontaktierend, als Lichtgestalt manifestiert, ja offenbart hat, dann hast du eine genuin geomantische Erfahrung gemacht. Was du erlebt hast, mag nicht darin aufgehen, sich darin erschöpfen, aber ein starkes geomantisches Element ist nicht abzuweisen, wenn die Lichtschau ortsspezifisch war oder so gedeutet werden kann. Was sich immer nun in deinem Bewusstsein als Gestalt formt, gebildet aus der Gesamtheit deiner Erinnerung und der deutenden Einordnung, schon als Darüber-Nachdenkender bist du in einem dialogischen Prozess, auch wenn du nach außen hin schweigst. Du spricht mit Texten, die dir Antwort geben (können), wenn du sie befragst. Das "Du" zu Beginn ist kein anonymer Jemand, der nicht schweigen kann oder will, den es zur sprachlichen Mitteilung drängt, nachdem ihm die (unspezifisch belassene) Anderswelt-Erfahrung zuteil geworden ist. Jeder/jede kann es sein. Du bist es - vielleicht. Das zweite "Du", zunächst ein Anderer, geht fließend in das erste über. Die Erfahrung hat einen genauer umreißbaren und auch umrissenen Charakter. Sie nicht den Anderen mitzuteilen, wird zunächst als Möglichkeit erwogen. Auch hier gilt: Jeder/jede kann es sein. Du bist es - vielleicht. Wichtige Frage: Wird das Erlebte stärker im Bewusstsein, wenn man nicht darüber redet, es also verschlossen hält im hermetischen Kreis der eigenen Seele? Oder wird es gerade stärker, wenn man es mitteilt, es ausgießt und verströmt, es in lebendige Wechselwirkung treten lässt? Das lässt sich gewiss nicht pauschal klären, obwohl zu vermuten ist, dass das Erlebnis wächst, wenn man es teilt und mitteilt. Dies ganz zu verweigern kann autistische Züge annehmen, kann aber auch, jedenfalls für eine gewisse Zeit, steigernd wirken. Irgendwann jedenfalls wird der Zeitpunkt der Teilung/Mitteilung kommen, auf den auch das Menschliche überhaupt angelegt ist. Wir sind keine Inselwesen. Schon die eigene Leiberfahrung lebt und webt in der "Einleibung" mit Anderen (um einen wunderbaren Begriff des Philosophen Hermann Schmitz zu verwenden) und ist in sich dialogisch. Den isolierten Leib (Leib ist nicht einfach "Körper") gibt es genau so wenig wie die isolierte Seele. Wirkliches Selbst-Sein heißt immer und grundsätzlich Verbunden-Sein. Der Rest ist abstrakter Wahn. Und wenn dies so ist, dann ist es die Erfahrung selbst, die sich gleichsam dagegen wehrt, in Quarantäne gehalten zu werden.

Die Risiken der "Anderswelt-Mitteilung"

Jeder, der auch nur elementare Erlebnisse hat, die in die Anderswelt hineinreichen oder von dort gespeist werden, weiß um die Wahnhaftigkeit des monadenhaft-blind vorgestellten Selbst, weiß und erfährt sein Nicht-Getrenntsein, und dies umso stärker, "je höher er steigt". (Was einmal mehr das Problem der Hierarchien berührt, von dem schon im ersten Teil die Rede war.) Er weiß aber auch, dass wirkliche Mitteilung andersweltlicher Beeindruckungen niemals ohne Risiken abläuft: das Risiko, nicht verstanden zu werden; das Risiko, dem eigenen Erlebnis, sprachlich oder gedanklich, nicht gerecht zu werden, ihm gleichsam nicht gewachsen zu sein; das Risiko, dass das Gesagte "verpufft" oder wie hinweggeweht wird, weil es keinen Kairos (richtigen Zeitpunkt) dafür gab oder keine Ohren überhaupt, die offen genug waren; das Risiko auch, das Hohe herabzuziehen in die Niederungen und es zu profanieren, auch wenn man dies zu vermeiden sucht. Und das Risiko schließlich, wohl das gefährlichste von allen, das Erfahrene zu missbrauchen, etwa indem man aus dem "höheren" Wissen und Erlebten Herrschaftsansprüche ableitet und (auch unbewusst) Abhängigkeiten Anderer produziert, die das eigene Selbst füttern sollen. Schon deswegen ist es geboten, sich die eigene Motivation bewusst zu machen, obwohl gerade dies oft eine Überforderung darstellt. Erwächst eine Anderswelt-Erfahrung aus einer langen Vorbereitungs- und Schulungsphase, ist sie in der Regel eingebettet in eine vergleichsweise stabile und konsistente Bewusstseinsstufe. Schwieriger wird es, wenn es sich um eine spontane Überwältigung handelt, die vorbereitungslos dasteht und der höheren Integration ermangelt. Erfahrungen mit dem Katalysator psychoaktiver Substanzen haben häufig diesen Charakter. Oft kommt das Bewusstsein "nicht mehr hinterher", und auch die wunderbarste Aufgipfelung ist dann eher ekstatischer Kick als integrierte oder auch nur integrierbare Schauung. Ein kritischer Punkt ist immer dann gegeben, wenn der verständliche oder naheliegende Versuch unternommen wird, das Erlebte nicht nur sprachlich zu kommunizieren, sondern ihm Normcharakter aufzuprägen, es quasi verbindlich zu machen, und zwar unter Einschluss des gesamten Kontextes, innerhalb dessen es erfahren wurde. Jeder große spirituelle Lehrer hat genau dies gemacht, sicherlich oft, aber keineswegs immer zum Guten derjenigen, die er damit in seinen Bann und seine Bahn hineinzog. So entstehen nicht nur Abhängigkeiten, die in moderater Form kaum vermeidbar sind im Lehrer-Schüler-Verhältnis, sondern auch starre Prägungen und Wertungen, die alles Selbst-Erleben der Adepten durchsetzen, ja, im extremsten Falle, vorstanzen. Man fühlt und erlebt dann plötzlich "wie der Meister", als sei es immer so gewesen. Man benutzt dessen Sprache, ver-. wendet dessen (notwendig wertende und schon starke Deutungen enthaltende) Begriffe. Vielleicht ist auch das gar nicht vermeidbar und in Grenzen durchaus legitim, nur sollte man sich dieser Grenzen bewusst sein. Das ist schwierig, zumal dann, wenn der Meister oder Guru wirkliche Autorität ausstrahlt, die fraglos und von innen angenommen und als rundum überlegene Seinsqualität anerkannt und verehrt wird. Das Problem des Guruismus ist beim gesamten Thema der Anderswelt-Erfahrungen präsent. Es gibt größere und kleinere, subtilere oder weniger subtile Gurus. Fast immer müssen Selbst und Eigensinn an der Eingangspforte abgegeben werden. Dass es auch im akademischen und wissenschaftlichen Bereich Symptome des Guruismus gibt, und zwar in hohem Maße, soll hier nur angedeutet werden.

Das große Ja hinter allen Neins

Wie kommen wir hier weiter, und was ist das Ja hinter allen Neins, dem ja im letzten alle Neins dienen, auf das alle Neins zusteuern? Der große Dirigent Sergiu Celibidache, bekannt für seine schroffe Kritik an Kollegen, die ihm viel Feindschaft zugezogen hat, hat einmal in einem Interview betont, warum er immer und immer wieder, auch bei Orchesterproben, nein gesagt habe: um durch die vielen Neins hindurch das eine Ja herauszuarbeiten, um das es in der Musik geht. Der Grundgedanke ist richtig. Verneint man die vielen Neins in diesem Sinne, landet man im Sumpf der Beliebigkeit und der Willkür, der unreflektierten Behauptungen und der undurchschauten Anmaßung. Das Ja, um das es hier gehen soll, ist nicht plakativ-griffig zu vermitteln, zu postulieren schon gar nicht. Im Kern dieses Jas steht eine Phänomenologie der Anderswelt-Erfahrungen, die sich einer sowohl präzisen als auch geschmeidigen Sprache bedient, die das Phänomen nicht "wegerklärt" oder "klein macht", aber auch nicht unsinnig überhöht oder aufbläht, vielmehr als es selbst stehen lässt, was auch mit Würde und Authentizität zu tun hat. Hinzu kommt eine Fähigkeit, die der stetigen Schulung bedarf, die Fähigkeit nämlich, behutsam und zugleich genau zu beobachten und das Beobachtete in eine Sprache zu bringen, die kommunizierbar ist, ohne dass das in Frage stehende Bewusstseinsphänomen dabei Schaden nimmt, das heißt seine Würde einbüßt. Wissenschaft, wie sie gemeinhin betrieben wird, kennt keine Eigenwürde dessen, was sie analysiert und klassifiziert. So kann und darf sich die phänomenologische Anderswelt-Forschung an dieser Art Wissenschaft nicht ausrichten, wenn sie sich nicht selbst aufgeben will. (Siehe Teil 1 dieses Essays).

Sprache und Interpretation

Auch wenn sie geschmeidig und von hoher Plastizität ist, ist die Sprache nicht abzutrennen von Deutung, von Interpretation, ja sie ist in sich selbst schon Weltdeutung/Weltinterpretation. Ob wir nur soweit erleben und denken bzw. denkend verarbeiten können, wie die Sprache reicht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen (einiges spricht dafür), ist aber ein entscheidender Punkt. Schon Nietzsche hat darauf verwiesen, dass die Grammatik einer Sprache das Denken prägt und in seiner Reichweite begrenzt. Das gilt auch für die verwendeten Wörter und ihre oft subtil verzweigten Bedeutungen, die immer auch Atmosphärisches bergen (und entbergen). Die Sprache der Mathematik braucht keine Atmosphäre und transportiert auch keine Atmosphäre, eben weil sie abstrakt und lebensfern ist. Deswegen gerade ist sie so eminent erfolgreich; sie ersetzt häufig genug das vertieftere Denken, die differenziertere Sprache ist nicht vonnöten, sie stört geradezu. Wer rechnet, denkt nicht. Wer denkt, rechnet nicht. Sprache selbst ist schon Interpretation. Dazu kommt die Interpretation, die sich des Werkzeugs dieser Sprache (dieser Interpretation erster Ordnung) bedient, also die Interpretation zweiter Ordnung, wenn man es so nennen will. Auf die letztere bezieht sich Ken Wilber in der folgenden Passage aus seinem Buch "Eine kurze Geschichte des Kosmos": "Es gibt heute viele Menschen, die solche Formen einer spirituellen oder transmentalen Erfahrung haben, eine Erfahrung der höheren oder tieferen Stufen der Bewusstseinsentwicklung. Aber sie wissen nicht, wie sie sie interpretieren sollen. Sie haben diese außergewöhnlichen Intuitionen, aber sie deuten die Intuitionen in einer ganz unangemessenen Weise. Diese unangemessenen Interpretationen untergraben und sabotieren jede weitere Transformation."2 Ob Ken Wilber selbst plausibel machen kann, was das ist, eine "angemessene Interpretation", kann man auf sich beruhen lassen. Was ihm auf jeden Fall abgeht, ist die Farbigkeit und Lebendigkeit in der Darstellung anderer oder höherer Bewusstseinszustände. Meist bleibt er entweder abstrakt-theoretisch, einordnend und bewertend, oder er flüchtet in poetische Formeln. Eine phänomenologische Erschließung von Bewusstseinsformen subtilerer Art tritt nur ganz vereinzelt zutage. Ich sage das in allem Respekt vor der Denkleistung Wilbers, der ich viele wichtige Anregungen verdanke und die ich nicht missen möchte. Gleichwohl: Es fehlt etwas. Und gerade dieses Fehlende ist mir zentral wichtig. Die sprachlich geschmeidige und damit auch farbige Phänomenologie von Anderswelt-Erfahrungen macht das, worum es geht, lebendig und damit erst wirklich kommunizierbar. Das ist keine Poesie und keine Literatur (obwohl man da von den Poeten und Literaten viel lernen kann) sondern schlichte Vorgangs- oder Zustandsbeschreibung, nur eben auf dem Feld des Bewusstseins, der eigenleiblichen und seelischen sowie geistigen Erfahrungen. Am schwersten fast scheint es zu sein, das Eigenleibliche sprachlich zu erschließen und phänomenologisch fruchtbar zu machen. Der große Samuel Hahnemann, der Gründervater der Homöopathie, war ein Meister der sprachlich-phänomenologischen Erschließung eigenleiblicher Zustände, und er hat diesen Impuls weitergegeben an die vielen, die nach ihm kamen und in seinem Sinne zu wirken bemüht waren. Die Arzneimittelprüfung "am eigenen Leibe", die jedem Homöopathen in größeren Zeitabständen abverlangt wird, ist nur zu leisten, wenn die eigenleibliche Phänomenologie sprachlich präzise und zugleich biegsam und plastisch vermittelt wird. Derjenige, der bemüht ist, Anderswelt-Erfahrungen in Sprache zu bringen, sei er nun Geomant oder Bewusstseinsforscher im weitgefassten Sinn, kann gerade hier viel lernen. Er kann lernen, das Vage und Unbestimmte zu meiden und sich nicht zu früh und ohne Not auf das "Unsagbare" zurückzuziehen, das es sicher gibt und dem eine eigene Würde zukommt, das aber häufig zu früh ins Spiel gebracht wird. Menschen haben einen seltsamen Unwillen, sich dem Medium der Sprache wirklich anzuvertrauen, wenn es um die Anderswelt geht. Und manche scheinen fast froh zu sein, wenn sie sich in Zonen flüchten können, wo es etwas zu messen und zu rechnen gibt, obwohl alles Messen und Rechnen gerade auf dem Feld der Anderswelt eher blockiert als fördert, wenn es überhaupt möglich ist. "Objektivierbarkeit" lässt sich auch über sprachliche Phänomenologie herstellen, wenn auch nur in Anführungszeichen, nicht im technischen und materiellen Verständnis, nicht "grobstofflich". Insofern kann es nur um Annäherungen gehen.

Nietzsches Inspirationserlebnis

Ich will ein in meiner Einschätzung rundum gelungenes Beispiel der sprachlichen Phänomenologie einer Anderswelt-Erfahrung bringen, die gar nicht als solche ausgewiesen und von den meisten Lesern auch eher metaphorisch-poetisch aufgefasst wird (in gewisser Weise auch von dem Autor selbst). In seinem Spätwerk "Ecce homo" von 1888 beschreibt Friedrich Nietzsche das Inspirationserlebnis zum "Zarathustra": "Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der Tat die Vorstellung, bloss Inkarnation, bloss Mundstück, bloss Medium übermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn, dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, etwas sichtbar, hörbar wird, etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Tatbestand. Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwendigkeit, in der Form ohne Zögern, - ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Tränenstrom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommenes Ausser-sich-Sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fußzehen; eine Glückstiefe, in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern als notwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt - die Länge, das Bedürfnis nach einem weitgespannten Rhythmus, ist beinahe das Maß für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen deren Druck und Spannung . Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit ."3 Das kann man Punkt für Punkt "durchbuchstabieren", und man wird, vielleicht überrascht, feststellen, dass die Schilderung, und zwar trotz der ekstatischen Aufgeladenheit, phänomenologisch präzise ist. Wobei es unwesentlich ist, dass Nietzsche selbst, als Antimetaphysiker, jeden Anderswelt-Bezug mit Spott von sich gewiesen hätte. Die Sätze Nietzsches sind farbig, "trunken" und zugleich von beispielhafter Treffsicherheit. Den Geomanten mag es fernliegen, sich so zu äußern, auch mag es auf ganzer Linie "unzeitgemäß" sein, der Text hat dennoch exemplarischen Charakter, und ganz billig wäre es, ihn als Überhöhung und Selbststilisierung abzuwerten.

Zur Wirklichkeit der Wirklichkeit

Auf dem Hagia-Chora-Pfingstsymposium 2001 ("Wie wirklich ist die Wirklichkeit?") habe ich in meinem Vortrag zwei Anderswelt-Erfahrungen aus meiner eigenen Biographie dargestellt. Es waren zwei Erlebnisse vom Sommer 1995, die beide im weiten Sinne mit dem zu tun hatten, was C.G. Jung als "psychische Relativität" von Raum und Zeit bezeichnet. Ich hatte damals, in einem Grenzzustand des Bewusstseins, eine Art Astralreise nach Bombay vollzogen. Ich geriet, spontan und eigentlich ohne hinführende Schritte, in den Herbst des Jahres 1990 hinein, als ich für eine Woche als Gast des Goethe-Institutes in Bombay weilte. Ich erlebte eine "Dislokation" meines Bewusstseins; plötzlich schien ich tatsächlich in Bombay zu sein, alles war, wie ich es erlebt und erfahren hatte, bis ins sinnliche Detail hinein, bis hinein in Tastempfindungen, Gerüche, Geräusche usw. Ich zweifelte nicht bzw. war felsenfest davon überzeugt, wirklich nunmehr in Bombay zu sein, und zwar im Herbst 1990. Zu der Dislokation im Räumlichen gesellte sich eine Quasi-Zeitreise. Alles war wie knapp fünf Jahr vorher, wobei es sich schwer entscheiden ließ, was hier Ursache und was Wirkung war und auch, ob es eher eine Bewusstseinsreise in der Zeit war (von 1995 zurück in das Jahr 1990), die sich als Dislokation äußerte, oder umgekehrt: eher eine räumliche "Versetzung", der eine ihr entsprechende Zeitverschiebung nachfolgte. Vielleicht ist es auch müßig, hier solcherart Kausalverbindungen aufzuweisen. In meinem Buch "Die Anderswelt", das im Frühjahr 2002 erscheint (Edition Hagia Chora), habe ich diese Erfahrung ausführlich und streng phänomenologisch geschildert. Verblüffend an der spontanen Bewusstseinsreise nach Bombay war ihr erschütternd "konkreter" Charakter. Ich hatte das Gefühl, buchstäblich mit Haut und Haar hier (meine Berliner Wohnung) herausgenommen und dort (Bombay) abgesetzt worden zu sein, verbunden mit der genannten Zeitverschiebung. Die zweite Erfahrung, von der oben die Rede war, war ähnlicher Natur: Obwohl ich eigentlich in meinem Hotelzimmer in Südkreta war, fand ich mich jäh und zu meiner größten Verblüffung, ja zu meinem Entsetzen (wenn man das so nennen will), an meinem Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer in Berlin wieder. Ich träumte nicht, in Berlin zu sein, sondern ich wurde, erneut buchstäblich und wie mit Haut und Haar, hineingeschleudert in mein Arbeitszimmer; das geschah im Morgengrauen, ich lag wach und kann mich nicht erinnern, gerade geträumt zu haben. Dass ich, wie naheliegend, die Möglichkeit eines besonders intensiven und auch luziden Traums erwog, liegt auf der Hand, beruhigte mich aber nicht. Meine Erfahrung war eine andere, ich betone, dass hierbei keine psychoaktive Substanz im Spiel war. An meinem Schreibtisch sitzend glaubte ich vorübergehend, die Reise nach Kreta gar nicht wirklich angetreten zu haben. Ich weiß noch,wie ich ungläubig und seltsam erheitert und wohl auch neugierig dem Druck nachspürte, den das Schreibtischholz in meinen tastenden Fingern auslöste. Während meine Beschreibungen auf dem Symposium eine "Tür öffnen" konnten, hin zu einer Auseinandersetzung über wirklich relevante Bewusstseinsphänomene, die mit der Grundfrage nach der Wirklichkeit der Wirklichkeit zu tun haben, wurde zugleich die Grundschwierigkeit deutlich, die immer zutage tritt, wenn derlei Grenzphänomene authentisch-phänomenologisch zur Sprache kommen: Wenn sich die erste Verblüffung legt, kommt die Stunde der Deutung. Angeboten wurde mir beispielsweise eine Erklärung des Phänomens mit Johannes von Buttlar (als "Zeitriss") und mit dem Seth-Material (als Hineingeratensein in eine stets vorhandende Parallelwelt). Ob diese Deutungen nun tragfähig sind oder nicht, ist vielleicht unwichtig. Wichtiger erscheint mir, dass das Bewusstseinsphänomen in seiner eigentlichen Qualität und Würde erhalten bleibt. Und schon das ist schwierig. Und natürlich dachte auch ich damals, ob es nicht besser gewesen wäre, die skizzierten Anderswelt-Erfahrungen nicht zur Rede zu bringen, also das bewusste "Schwein mit zwei Köpfen" für mich zu behalten. Ich kam schnell zu der Überzeugung, dass es richtig war, diese Tür geöffnet zu haben. Und der weitere Fortgang der Konferenz schien mir auch rechtzugeben. Nun ging es gener