Geomantie ist Bewegung

von Claudia Straßmann erschienen in Hagia Chora 11/2001

Geomantie ist für mich eine Bewegung. Ein Paradoxon, wenn ich das auf dem Papier festhalten will. Eine Bewegung, die alles einschließt, was ich als solche verstehe - ein physikalisches Phänomen, eine emotionale Erfahrung, eine geistige Strömung, eine soziale Ausrichtung, ein politisches Tun. Geomantie ist eine Frage eines bestimmten Standpunktes oder gar Standortes. Geomantie ist eine immer wieder neue und andere Schau, und deshalb sprechen wir von dem ständigen Wandlungsprozess. Wir anerkennen, dass alle Elemente sich bewegen in ihrer inneren Dynamik, abhängig von den Umständen der Zeit und des Raumes etc. Genauso werden auch wir bewegt. Wir machen unseren Atem nicht selbst, wir werden geatmet. Wir brauchen nur die inneren Augen geöffnet zu halten, dann wird uns gezeigt, was wir mit dem Herzen sehen. Diese innere Schau - das ist es, was Mutter Erde uns zeigt und was wir als Teil im Ganzen von ihr lernen können. Unsere persönliche Entscheidung dabei ist, unser Zeitmaß, unsere innere Dynamik zu bestimmen. Da wir Teilchen des Ganzen sind, werden wir so oder so weiterbewegt. Versuchen wir, anzuhalten oder zu langsam zu werden, fallen wir aus dem System heraus. Das verstehe ich nicht nur als biologischen Prozess, sondern als den geistigen Weg an sich. Es erübrigt sich für mich, nach einer integralen Kultur zu fragen. Wenn wir uns als Teil dieser Bewegung verstehen, sind wir integriert. Die Liebe und die Umarmung der Erde dürfen wir genießen und uns hineingeben in den Schoß. Mehr ist es nicht - Fallenlassen, Ja und Amen sagen. Unser Tun würde sich dann nach dem ausrichten, was wir von Mutter Erde erfahren. Das setzt Vertrauen voraus, uns in den kosmischen Tanz hineinzufügen. Das viele Getue um immer "bessere" und neuere philosophische Entwürfe ist Mindfuck - so nenne ich das inzwischen. Warum? Weil ich in tiefen Prozesserfahrungen mich den Dingen hingeben musste, unterwerfen, Ja sagen. Solange wir dieses Getue an den Tag legen, müssen wir kämpfen. Manchmal meinen wir, einen Kampf zu gewinnen, aber kosmisch gesehen, ist das eine Illusion, können wir solche Kämpfe nur verlieren, weil es uns nicht gelingt, dabei zu hören, zu spüren, was alles schon in uns integriert ist. Wir müssen es ja gar nicht tun - es ist. Da stellt sich die Frage, ob ich überhaupt noch geomantisch arbeiten kann und muss und wie das dann aussieht? Als ich vor kurzen zu einer Hausuntersuchung gerufen wurde, stellte sich bald die Qualität des Ortes vor. Sie sprang mich an, traf zuerst den Magen, und dann musste ich auf bestimmte Weise mit den Augen blicken. Die Auftraggeber sagten, sie könnten all das nicht sehen und glauben. (Vorsicht, meist sind das die besonders sensiblen Zeitgenossen!) Selbst wenn zwei GeomantInnen das Gleiche beobachten sollten, aber der Bewohner selbst sagt, er könne nichts wahrnehmen, dann wäre es ein Übergriff, das Problem zu lösen. Der Bewohner hat nämlich im Augenblick der Entscheidung, an solch einem Platz zu wohnen, die Verantwortung übernommen - für den Ort oder für sich, das ist Eins. Er ist, ob er es weiß oder nicht, in Resonanz mit sich (seinem Spiegelbild) getreten. Heilen in dem Fall hieße, den Menschen vor Ort die Chance und Möglichkeit zu nehmen, sich zu entwickeln. Als GeomantInnen sollten wir allen Respekt vor solchen Chancen haben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Balance, die Harmonisierung eines Ortes und der Menschen erst nach einem solchen Transformationsprozess gehalten werden kann. Der Ort, die Erde zeigt uns den Weg. Eine rasche Abhilfe zu schaffen, wäre wie eine Vergewaltigung, eine Inbesitznahme. Ich kann mit den Wesenheiten oder den unerlösten Seelen des Ortes reden, mich selbst schützen und sie um Geduld bitten. Immerhin wissen sie dann, dass sie gesehen wurden. Die Kunst besteht für mich als Geomantin darin, es sein zu lassen, wie es ist, und die Zeit erwarten zu können. Ständig Licht und Liebe zu senden, kann auch Ausdruck von Angst vor Dunkelheit und Tod sein. Gönnen wir doch einem Ort, den Menschen, das heißt uns selbst diese Dunkelheit. Das wäre vielleicht der größere Reinigungsprozess. Ich plädiere für mehr Erfahrung in eigenen Sterbeprozessen, in Dunkelheit, Abgeschiedenheit und Stille. Die Erde kann das wunderbar lehren.