Instrument der Weisheit

von Helmut Seifert erschienen in Hagia Chora 11/2001

Das Wesen und die möglichen Aufgaben der zeitgenössischen Geomantie leiten sich aus meinem Blickwinkel aus der Bedeutung ab, die unserer Erfahrungswissenschaft seit der Frühgeschichte im religiösen Leben der Kulturen zukam. Die Ehrfurcht vor der Mutter Erde, der Magna mater mit den tausend Namen, wie Kybele oder Rhea, sowie die Furcht vor Dämonen spielten eine bedeutende Rolle für die frühen Menschen auf allen Kontinenten dieser Welt. Am Anfang allen schöpferischen Denkens stand das Numinose, das den Menschen aus dem Dunkel, aus der Nacht entgegenkam: der Himmel mit seinen Sternen, die Sonne, der Mond, die Wolken und Blitze, der Regen und die Stürme. Unter allen Sternen war wohl der Mond Träger der höchsten Macht. Sie war gebunden an eine Göttin - im Babylonischen beispielsweise an die Liebesgöttin Nin-anna, die "Rebe des Himmels" - später Ischtar, "Herrin des Himmels". Die Macht der Götter spiegelte sich in den Himmelslichtern, den Sternen. In der Bilder- und Keilschrift der Sumerer war das Zeichen für Gott gleichzeitig das Symbol für "Stern".1 Der Siegelzylinder eines babylonischen Arztes aus dem 22. Jahrhundert v.Chr. zeigt viermal das Sternsymbol für Gott. Die Priester studierten die himmlischen Sphären, die Rhythmen und Bewegungen am Himmel und auf der Erde. Ihre erstaunlichen Erkenntnisse zeigen sich in ihren Kultbauten, die nach Himmelsrichtungen und Sonnenständen ausgerichtet sind. Die Priester waren gleichermaßen für Astronomie und Astrologie, Sternkunde und Schicksalsdeutung zuständig. Sie versuchten, aus den himmlischen Konstellationen ebenso wie aus Naturerscheinungen die Offenbarung der Götter zu deuten. Mantik ist ein integraler Bestandteil aller Ur-Religionen. Dazu zähle ich neben der Wahrsagung aus Zeichen, Naturerscheinungen und der Weissagung aus der Erde (Geomantik) auch zwei Formen "höherer Mathematik", die Astronomie und Astrologie - rational die eine, magisch die andere.

Uralter Kalender aus Stein

Vor zwei Jahren gelang Tauchern ein Fund an der Küste Ägyptens: ein Fragment des "Naos der Dekaden" aus dem 4. Jahrhundert v.Chr., dessen erstes Teilstück bereits 1777 gefunden wurde und im Louvre zu sehen ist. Die Gravur gibt astronomisch-astrologische Berechnungen wieder: Das Jahr wurde in 36 Zehn-Tages-Perioden (Dekaden) plus einem Fünf-Tage-Rest geteilt. Jeder Zyklus war durch bestimmte Sternen-Konstellationen charakterisiert. Die Gelehrten teilten die Himmelskugel in zwölf Abschnitte. Lichtstarke Sterne, die auf der Bahn von Sonne, Mond und Planeten liegen, gruppierten sie zu den Sternbildern des Tierkreises. Als Seher brachten sie wiederkehrende himmlische und irdische Ereignisse in Zusammenhang und deuteten diese als gute oder schlechte Vorzeichen. Die Omen-Sammlung Assurpinals (669-626 v.Chr.) enthält 4000 Tontäfelchen mit Vorhersagen. Über die Geodäsie, die Standortbestimmung von Sakralstätten der Ägypter lässt die Archäologie einige Aussagen zu. Ausgangspunkt für alle Orientierungen war der Nullmeridian, der so angelegt war ". dass er ihr Land in der Längsrichtung genau halbierte. Er verlief von Behdet mitten durch eine Insel im Nil unmittelbar nordöstlich von der Großen Pyramide und schnitt den Nil wieder beim zweiten Katarakt. Die Ostgrenze befand sich 1°24’ östlich und die Westgrenze 1°24’ westlich des Nullmeridians. Die Länge vom Scheitelpunkt bis zum nördlichsten Breitengrad war 1°0’ und von dort bis Behdet 0°24’. Das gebräuchlichste Flächenmaß (für ein Netzwerk von Feldern) war die arura, ein Quadrat mit 100 "Königlichen Ellen" Seitenlänge = 1 chet. Memphis, die erste Hauptstadt des vereinigten Ägyptens wurde auf dem Nullmeridian aufgebaut (Tompkins, 1975). Vom Nullmeridian aus war ein Netzwerk von Linien ausgelegt, an denen die Standorte für heilige Bauwerke festgelegt wurden. An jedem ermittelten Punkt, der sich an Sternbildern orientierte, wurde ein Omphalos oder steinerner Nabel errichtet, der manchmal wie eine Sonnenuhr gebaut war, eingebettet in den Zodiak. Der geodätische Punkt beispielsweise, der die Lage von Memphis bestimmte, wurde nach dem Gott der Orientierung Sokar genannt. Im Louvre steht eine 4000 Jahre alte Götterstatuette, welche mit beiden Händen eine Tiara hält, einen spitzen Keil, von dem man annimmt, dass er beim Gründungsritus für ein heiliges Bauwerk am berechneten Mittelpunkt zur Orientierung in die Erde gepflanzt wurde. Aus Rom sind erstmalig Abwägungen zwischen einer rationalen und - in heutigem Terminus - transrationalen Sicht auf mantische Traditionen überliefert. Der Philosoph Seneca schreibt beispielsweise über den etruskischen Glauben: "Der Unterschied zwischen uns und den Etruskern . ist folgender: Während wir glauben, dass Blitze durch den Zusammenprall von Wolken entstehen, glauben sie, dass Wolken zusammenprallen, um Blitze zu erzeugen. Da sie nämlich alles der Gottheit zuschreiben, glauben sie nicht, dass Dinge insofern eine Bedeutung haben, als sie geschehen, sondern dass sie geschehen, weil sie eine Bedeutung haben müssen." Die etruskischen Wahrsager nannten sich Netsvis (Deutung der Leber von Opfertieren) oder Trutnvt frontac (Deutung von Donner und Blitz), lateinisch Haruspices und Fulguriatores.2

Heiliges Wasser

Zwei Jahrtausende früher errichteten die Sumerer in Mesopotamien ihre Tempel und Zikkurate neben mit Tonringen gefassten Brunnen mit heiligem und, wie ich annehme, rechtsdrehendem Wasser. Der menschenfreundliche Gott Ea, der Gott der Wassertiefe und der Weisheit, wurde von den Ärzten als Ahnherr angesehen, da sie Wasser als Heilmittel anwendeten. Auf vielen Keilschrifttafeln sind entsprechende Ärzteberichte belegt. Die Sumerer nannten ihre Heilkundigen Azu, "Wassersachverständige". Wasser spielte mit seinen besonderen Eigenschaften in allen Kulturen eine wichtige Rolle - heilige Quellen, "Wasser des Lebens", Wasser zur Taufe etc.3 In vielen römischen Stadtanlagen, z.B. in Vindonessa in der Schweiz, lassen sich noch intakte Fernwasserleitungen besichtigen, die Wasser aus mehreren Quellfassungen beziehen. Hierbei ist anscheinend durch eine besondere Technik nur rechtsdrehendes, "heiliges" Wasser ausgesucht worden. Die mantischen Künste bzw. Wissenschaften waren hoch angesehen und geheim, weshalb nur sehr wenig überliefert wurde. Erhaltene Fragmente sind oft in symbolischer Form verfasst, so dass heutige Interpretationen - insbesondere wenn rein philologisch gearbeitet wird - sehr fragwürdig sind.3 Auch im Altertum wurden radiästhetische Werkzeuge bei der Beschaffung von trinkbarem Wasser verwendet. Gesetze über die Verwendung von Wasseranlagen und Brunnen wurden erlassen, z.B. das Gesetz von Salon in Griechenland um 560 v.Chr. Von den Meistern der Augural-Wissenschaften, den Etruskern, ist bekannt, dass sie eine eigene Kaste der Auquilices besaßen, die verantwortlich für das Aufspüren von Quellen und Brunnenanlagen waren. Sie unterschieden zwischen den Zünften der Wasserspürer (Aquilices) und den Erbauern von Brunnen, Brücken und Aquädukten (Pontifices). Der bei den Etruskern bekannte Lituus als Werkzeug zur Auffindung von Quellen findet sich ebenso als Cambutta bei den Kelten und später auch bei den iro-schottischen Missionaren.3

Die Magie der Götterstäbe

Frühe geomantische Werkzeuge waren so genannte Götterstäbe, Stöcke, die mit den Köpfen bestimmter Gottheiten (oder ihrer heiligen Tiere) geschmückt sind. Die im Allerheiligsten aufbewahrten und bei Prozessionen mitgeführte Stäbe galten nicht nur als Attribut, sondern auch als Offenbarungsträger ihrer Gottheit. Allen Götterstäben kann man aufgrund von Materialart, Form, Maß und Antennenresonanz nach heutiger Sicht bestimmte radiästhetische Wirkungen zuschreiben.4
Die so genannte Geißel (njechech) der Ägypter bestand aus einem kurzen Stab und drei herabhängenden Streifen oder Perlenketten. Der Djed-Pfeiler ist das Symbol des Osiris und der Auseinandersetzung mit den großen Aufgaben, mit den Rätseln des Daseins. Heute wissen wir, dass der Djed-Pfeiler die Wirkung eines Kondensators hat, der je nach Positionierung Energie speichert und Feldveränderungen ermöglicht. Der Krummstab (ägyptisch heka) ist ein Szepter, das von Göttern, Königen und hohen Beamten getragen wurde. Die ältere Form war ursprünglich ein Hirtenstab. Bei den Etruskern taucht der Krummstab als Lituus, mit magischen Kräften behaftet, wieder auf. Die iro-schottischen Missionare bringen den Krummstab nach Mitteleuropa, der heute als Bischofsstab bei kirchlichen Zeremonien und rituellen Handlungen verwendet wird. Der am oberen Ende zur Spirale gebogene Stab hat Antennenwirkung mit energetischen Einflüssen. Der Uas oder Zam war ein Stabfetisch, in dem man die Heilkräfte eines hunde- oder fuchsähnlichen Schutzdämons eingeschlossen wähnte. In den Händen der Götter wurde er zu einem Symbol für Heil und Glück. Bis ins Mittlere Reich hinein gab man dem Toten hölzerne Uas-Szepter ins Grab, um ihn in den Genuss göttlichen Wohlergehens zu versetzen. Ägyptische Feldvermesser benutzten den Stab bei der Arbeit. Das Uzat-Auge ("das Heile") ist Sinnbild der Kraft des Lichtgottes und daher ein beliebtes Amulett. Der "Codex Hammurabi" zeigt auf einer Stele, wie König Hammurabi die Gesetze aus den Händen eines Gottes, vermutlich Sonnengott Schamasch, empfängt. Ihn krönt eine gehörnte Tiara, und von seinen Schultern gehen Strahlen aus. In der linken Hand (Empfänger-Hand) hält er ein spindelförmiges Szepter. In der rechten Hand (gebende Hand) hält er einen Stab und einen Ring. Der Codex wurde mündlich weitergegeben und auf der Stele festgeschrieben. Ich gehe davon aus, dass es sich bei Ring, Stab und Szepter um radiästhetische Werkzeuge gehandelt hat.5 Auch das Alte Testament enthält entsprechende Hinweise. Die biblischen Erzähler berichten von mehreren Gesprächen, die Gott mit Moses geführt hat, und in denen dieser kultische Anordnungen erhielt: "Macht mir ein Heiligtum, damit ich in der Mitte wohne!" Das Baumaterial und die Maße für das Zelt wurden vom Herrn vorgegeben. Moses erhielt auch den Auftrag, einen Kasten mit bestimmten Maßen aus Akazienholz und verschiedenen Ornamenten für die Bundeslade zu bauen, in der die Gesetzestafeln und heilige Gegenstände für bestimmte Riten aufbewahrt werden sollten. Ebenso sind mehrere Stellen bekannt, wo über den Einsatz von "Stäben" zum Auffinden von Wasser berichtet wird, z.B. Moses Ex. Kap. 17.6: Moses: ". und der Stab schlug ihm zweimal über den Felsen, und sie fanden viel Wasser ."6 oder Moses Numeri, Kap. 20: "Der Herr sprach zu Mose: Nimm deinen Stab; dann versammelt die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und sagt vor ihren Augen zu dem Felsen, er solle sein Wasser fließen lassen! Mose holte den Stab, wie der Herr ihm befohlen hatte . und Mose sagte zu ihnen: Hört, ihr Meuterer, können wir euch wohl aus diesem Felsen Wasser fließen lassen? Dann hob er seine Hand hoch und schlug mit seinem Stab zweimal auf den Felsen. Da strömte Wasser heraus."7

Heilige Geometrie

Pythagoras, der 583 v.Chr. zu Samos geborene Zeitgenosse Buddhas, der große Weltweise, Magier und Mathematiker, dessen Lehrsatz von den Größenverhältnissen der Quadrate heute zum selbstverständlichen Wissensgut gehört, erwarb sein geomantisches Wissen auf vielen Reisen nach Unteritalien, Ägypten, nach Griechenland und wahrscheinlich auch nach Indien, wo er einige Zeit gelebt haben soll. Er verbreitete seine spirituelle Geomantie als Geheimlehre in den Hauptstätten seines Wirkens, Kroton und Metapont, Unteritalien. Sie wurde als Akusmata, mündlich überlieferte Lebensregeln in Sprüchen, weitergegeben. Den Kern der pythagoräischen Lehre enthüllte Aristoteles mit dem Satz, "Der ganze Himmel ist ihnen Harmonie und Zahl". Das von Pythagoras gefundene Urphänomen der Akustik beruhte auf Verhältnissen kleiner ganzer Zahlen, die, in Saitenlängen übersetzt, den wohlklingenden Intervallen entsprechen. Die pythagoräische Harmonik verband die Erlebnisbereiche des griechischen Kosmos bzw. eines geordneten Weltganzen und zeigt die schönen Beziehungen zwischen Musik, Geometrie, Architektur und Kristallographie. Ohne diese elementaren Erkenntnisse wäre die heutige Geomantie nicht denkbar.8 Vielleicht hat Pythagoras seinen Lehrsatz bei seinem Besuch in Ägypten entdeckt. Dort wurden die Ackerflächen der Bauern nach der Nilüberschwemmung mit einem Seil vermessen, das zwölfmal in gleichen Abständen geknotet war. Der dritte, vierte und fünfte Knoten, jeweils vom vorherigen Knoten neu gezählt, war rot gefärbt. Knickte der "Seilspanner" das Seil an diesen Stellen, ergab sich ein rechtwinkliges Dreieck. Man kann heute noch mit Erstaunen prüfen, mit welcher Genauigkeit das "Maß" der sakralen Bauwerke mit einfachsten geometrischen Hilfsmitteln festgelegt wurde. Die kultische Bedeutung der Gilde der Harpedonapten (Seilspanner) ist auf vielen Bildern dargestellt. Ihre Leistungen zeigen sich an der Cheopspyramide, deren Winkelabweichung zu den exakten Himmelsrichungen bei nur 3’3" liegt. Einer der Winkel ist auf 2" genau, das heißt, die Abweichung beträgt nur den 1800sten Teil eines Winkelgrades.9 An der geomantischen Handlung des Bauabschnürens beteiligte sich sogar der König. Die Richtung wiesen die Gestirne, wie aus einem Urtext Sethos I. bei der Weihe eines Tempels um 1300 v.Chr. hervorgeht: "Der König spricht: Ich habe gefasst den Holzpflock und den Stiel des Schlegels, ich halte den Strick gemeinsam mit der Göttin Safech. Mein Blick folgt dem Gang der Gestirne. Wenn mein Auge an dem Sternbild des Großen Bären angekommen ist, der mir bestimmte Zeitabschnitt der Zahl der Uhr erfüllt ist, so stelle ich die Eckpunkte Deines Gotteshauses gemäß den vier Stützen des Himmels auf."4 Auch das Abstecken der Grundrisse der gotischen Dome war eine geomantische Handlung. Die Hauptsache eines Domes war die "Orientierung" des Chors zum Orient. So richtete man symbolisch den Blick der Gemeinde in Richtung des Landes, wo der Erlöser lebte und starb. Zur Tagundnachtgleiche, wenn die Sonne genau im Osten aufsteigt, erfolgte die Bauabschnürung, die Ortung oder Orientierung des Domes, oder es wurde zur Mittagsstunde der Schattenwurf des Senkels zur Orientierung verwendet.

Geomantische Tradition im Christentum

Zur Zeit der Geburt Christi erwarteten die Astrologen aufgrund der besonderen Planeten- und Sternenkonstellation ein außergewöhnliches Ereignis. An die Stelle des Sternbildes Widder war der Sohn Gottes getreten. Über die historische Figur des Jesus gibt es viele, einander durchaus widersprechende Aussagen in der Literatur. Dem Essener-Forscher Edmond Szèkely zufolge wurde Jesus nicht in Bethlehem, sondern in Qumran, im Gebiet der Essener, geboren. Ein in Pali geschriebenes Dokument, das sich im Kaschmir-Kloster Hemis in Leh befindet, erklärt: "Als Jesus (Ismu = heiliges Wasser) sein Heimatland verließ, begab er sich zunächst nach Ägypten, um zwei Jahre lang die alte Osiris-Religion zu studieren." Von Ägypten aus soll er Indien bereist und sich in einem Himalaya-Kloster aufgehalten haben. Nach Rückkehr in seine Heimat folgten fünf Jahre Verkündigung seiner Lehre, die er schon dem König von Kaschmir so erklärt hatte: "Sie lehrt die Menschen, dem einen wahren Gott zu dienen, der im Zentrum der Sonne sitzt und die Elemente bewegt .". Eine Passage scheint mir besonders eindrucksvolle Hinweise auf die geomantische Bildung des historischen Jesus zu geben. Seine Schüler fragten ihn: "Meister, welches sind die Gesetze des Lebens?", und Jesus sagte: ". keiner kann glücklich werden, es sei denn, er erfülle das Gesetz. Sucht das Gesetz nicht in euren heiligen Schriften, denn das Leben ist das Gesetz, die Schrift jedoch ist tot. Moses empfing seine Gesetze von Gott nicht schriftlich, sondern durch das lebende Wort. Das Gesetz ist lebendiges Wort des lebendigen Gottes an lebendige Propheten für lebendige Menschen. In allem, was da lebt, steht das Gesetz geschrieben. Ihr findet es im Gras, im Baum, im Fluss, in den Bergen, in den Vögeln des Himmels, in den Fischen des Meeres; doch vor allem sucht es in euch selber. Gott schrieb die Gesetze nicht in die Seiten der Bücher, sondern in euer Herz und in euren Geist. Sie sind in eurem Atem, eurem Blut, euren Knochen, in eurem Fleisch, euren Eingeweiden, euren Augen, euren Ohren, und in jedem winzigen Teilchen eures Leibes. . Sucht die frische Luft des Waldes und der Felder, und dort im Freien werdet ihr den Luftengel finden. Nach dem Luftengel sucht den Wasserengel. . Denkt nicht, es genüge, wenn der Wasserengel euch nur von außen umarme . eure innere Unsauberkeit ist viel größer als eure äußere. . Lasst den Wasserengel euch auch innerlich taufen (= reinigen), damit er euch von euren Sünden (falsche Ernährung) der Vergangenheit befreien kann und damit auch im Inneren der Leib so rein werde wie die Gischt des Baches, der im Sonnenlicht spielt. Bleiben danach immer noch Spuren eurer vergangenen Sünden und Unsauberkeiten in euch, so sucht den Sonnenengel. Zieht eure Schuhe und Kleider aus und gestattet dem Sonnenengel, euren ganzen Leib zu umarmen."10 Aus solchen Texten ziehe ich persönlich den Schluss, dass Jesus nicht nur ein außergewöhnlicher Heilkundiger war, sondern auch ein hervorragender Radiästhet, dem die Natur, reine Luft, gesunde Ernährung, göttliche Sonne und lebendiges Wasser heilig waren. Hat Jesus Wasser in Wein verwandelt? Ich nehme an, er hat es durch seine Berührung zu "lebendigem Wasser" energetisiert und mit den Schwingungen seiner Botschaft angereichert. Der Orden der "Templer des Salomo", gegründet 1120 in Jerusalem, brachte bei der Rückkehr ins Abendland das Wissen von König Salomo für den späteren Bau der gotischen Kathedralen mit nach Europa. Die Ordensritter übernahmen Geheimwissen von islamischen Gelehrten und untersuchten selbst die Reste des Tempels von Jerusalem. Die Schriften über die "arabische Punktierkunst" kamen auf diese Weise nach Europa und wurden wahrscheinlich im 12. Jahrhundert auch von den Benediktinern übersetzt und niedergeschrieben.11 In Europa entwickelte sich der Orden der Templer zur mächtigsten und reichsten Organisation des Mittelalters. Am 13. Oktober 1307 veranlasste der geldgierige französische König Philipp IV. und sein päpstlicher Gefangener Clemens V. die Verhaftung aller Tempelritter - viele fanden nach dubiosen Gerichtsurteilen ihr Ende auf dem Scheiterhaufen; viele Dokumente auch geomantischen Inhalts wurden verbrannt. Einige Templer konnten sich nach Portugal retten und unter dem Schutz von König Alfonso kostbare Schätze und Reliquien aus Jerusalem in Sicherheit bringen. Heute kann man noch viele gut erhaltene Bauwerke mit wunderbaren Verzierungen bezogen auf die Geschichte der Templer in Tomar, Alcobaca, Coimbra, Lissabon, Castro Marim, Batalha etc. besuchen. Forschungen von Mönchen auf dem Gebiet der Geomantie waren innerhalb des Benediktiner-, Zisterzienser- und Templer-Ordens geduldet. Jedoch war außerhalb der Kirche jegliches geomantisches Gedankengut von der Inquisition verboten und wurde als das Werk des Teufels angeprangert. In vielen Schriften und Bauwerken der Romanik und Gotik wurden die Werte der Geomantie von den Baumeistern verschlüsselt niedergelegt, so dass wir sie heute auf uns allein gestellt für eine sinnvolle Lebensweise neu entdecken müssen. Die Wesensgleichheit des spirituellen Prinzips im menschlichen Dasein mit dem spirituellen Prinzip des gesamten Universums (Mikrokosmos - Makrokosmos) besagt, dass der Mensch alle Elemente, alle Energien und alle Prozesse des Kosmos chemisch-physikalisch und im göttlichen Sinn in sich trägt. Dies zeigt die geistige Einheit aller Wesen. Sie verdeutlicht, dass das Göttliche in allem und durch alles wirkt, zu jeder Zeit, im kleinsten Teil des Universums. Der Mensch ist in seiner physischen Gestalt eine Manifestation aus dem Bereich der undifferenzierten, grenzen- und zeitlosen göttlichen Einheit, die sich in zyklischen Abschnitten in verschiedenen Existenzformen materialisiert. Das eigentliche und ursprüngliche Sein ist ewig unveränderlich, dagegen ist die Natur - oder das Universum - ein ständig sich veränderndes Werden. Somit wäre die Seele - oder der Geist - des Menschen in seinem Bewusstsein unvergänglich und in ihrem ständigen Kommen und Gehen (Reinkarnation) einer ununterbrochenen Folge von Ursachen und Wirkungen ausgesetzt. Geomantie ist und bleibt eine zu allen Zeiten wertgeschätzte Weisheitslehre, die lediglich von der heutigen Wissenschaft nicht anerkannt wird. Wo liegt aber die Grenze zwischen Weisheit und Wissenschaft? Ist der Geomant ein Weiser oder ein Wissenschaftler? Es ist jedem überlassen, in welche Rubrik er sich einordnen möchte. Der "weise" Geomant erlangt sein Wissen Kraft seiner radiästhetischen Fähigkeiten und empirischen Erfahrung. Wirkliches Wissen der Geomantie kann man nur leben, spüren, erfühlen. Der "Wissenschaftler" kennt deduktive Beweise; der "weise" Geomant wirkt unmittelbar durch seine Person - der "Wissenschaftler" schreibt Berichte und Bücher über seine gewonnenen Erkenntnisse; die "weise" Geomantin spürt geomantische Felder - der "Wissenschaftler" misst Entfernungen in Metern; der "weise Geomant" deutet bioenergetische Felder - der "Wissenschaftler" berechnet elektro-magnetische Schwingungen; die "weise" Geomantin nimmt spirituelle Phänomene wahr und deutet sie - der "Wissenschaftler" kann damit nichts anfangen. Der "Wissenschaftler" rationalisiert mit der linken Gehirnhälfte, der "weise" Geomant fühlt mit der rechten Gehirnhälfte und denkt mit der linken Gehirnhälfte. Letzten Endes sollten die GeomantInnen der Gegenwart ihre Arbeit unter beiden Aspekten, der Weisheit und der Wissenschaft ausüben. Die hervorragende Aufgabe der heutigen GeomantInnen ist, so meine ich, den vielen Suchenden die Leitprinzipien einer "spirituellen Geomantie" zu übermitteln.