Geomantie der Landschaft

von Rainer Söhmisch erschienen in Hagia Chora 11/2001

Die europäische Geomantie beschäftigt sich vorrangig mit der Landschaft oder deren besonderen Orten und ihren Qualitäten. Zunehmend geraten jedoch auch Architektur, Siedlungswesen, Kunst oder Gesundheitsvorsorge in den Fokus dieser Philosophie. Der nachhaltige Umgang mit der Landschaft ist heute Inhalt der Fachbereiche Landschaftsplanung und der Landschaftsökologie. Hier zeigen sich vereinzelt erste Ansätze, Geomantie planerisch als Grundlage der Nachhaltigkeit im Umgang mit den natürlichen Ressourcen anzuerkennen und vorsichtig umzusetzen. Das Interesse unter angehenden Planern ist erfreulich groß, wird jedoch in den Studiengängen der Hochschulen bisher stiefmütterlich behandelt. Zum einen sind es Berührungsängste, andererseits wird immer noch versucht, die Natur in ihrer Komplexität wissenschaftlich in Einzelbereiche zu zerpflücken. Dies betrifft auch die wissenschaftliche Disziplin der aktuellen Landschaftsökologie. Hier werden z.B. energetische Informationsebenen, wie sie der Geomantie geläufig sind (etwa als morphogenetische Felder), weitgehend negiert. Der offizielle wie ehrenamtliche Natur- und Landschaftsschutz ist noch weit von einer ganzheitlichen Sichtweise entfernt. Eine "Ökologie der Sinne und Gefühle" verlässt derzeit auch die Ebene und Akzeptanz der etablierten Wissenschaft.

Leitbild und Vision

Die moderne Geomantie will als ganzheitlich denkende Disziplin einen Beitrag leisten, die Landschaft nicht nur nach wissenschaftlichen Aspekten, Landnutzung oder Ästhetik zu betrachten. Landschaft muss auch nach unsichtbaren Kriterien, wie Gefühlen, kulturellem Erbe und regionaler Eigenart, Religiosität, Symbolik, und unter dem Aspekt der energetischen Qualität gewürdigt und planerisch behandelt werden. Die neue Landschaftsinterpretation will die "Seele" sowie die "geistigen Prinzipien" und deren räumliche Steuerungsvorgänge in die Betrachtungsweise einbeziehen. Nach dieser Vision muss das tradierte Prinzip "Körper - Seele - Geist" auch in der Landschaft, oder sinngemäßer der "Heimat", nachvollziehbar gemacht werden. Für eine solche Sichtweise muss jedoch erst eine Bereitschaft in der Bevölkerung wie bei den Entscheidungsträgern von Planungen geweckt werden. In diesem Sinne möchte ich ein Handlungskonzept für eine Geomantie der Landschaft vorschlagen:
- Gesetzesgrundlage
Im Bundesnaturschutzgesetz wie in den Denkmalschutzgesetzen, aber auch im Umweltverträglichkeitsgesetz (UVP-Gesetz: Schutzgut Kultur) sowie in den Flurbereinigungsgesetzen der Bundesländer gibt es den Begriff der landschaftlichen oder kulturellen "Eigenart". Dieser Begriff stellt eine der effektivsten Möglichkeiten dar, die "besonderen Orte" einer Landschaft nachhaltig ins Bewusstsein zu bringen, um damit gegenüber der Politik und Verwaltung zur Sicherung und Entwicklung zu argumentieren. Möglicherweise bergen auch andere Gesetze Interpretationsmöglichkeiten. Dies ist zu prüfen.
- Begrifflichkeiten
Begriff und Interpretation des Wortes "Geomantie" sind in der Öffentlichkeit wenig bekannt; das Wort führt zu Missverständnissen und Unverständnis und scheint zudem in der Medienlandschaft ein Tabuthema zu sein. Hier ist Aufklärungsarbeit, vielleicht unter anderen Begrifflichkeiten, zu leisten. Der Anspruch der Geomantie als Erfahrungswissenschaft ist etwas unglücklich gewählt, Erfahrungswissen erscheint möglicherweise unverfänglicher. Alternative, tradierte Begriffe oder Kombinationen in der Diskussion der Landschaftsgeomantie sind z.B. Nachhaltigkeit der Tradition; geistige Ebenen der Natur; Elemente der sakralen Landschaft; kulturelle, religiöse und spirituelle Aspekte der Heimat; Seele, Eigenart oder Persönlichkeit der Landschaft; Lebensqualität der Landschaft; assoziative Kulturlandschaft; Kultorte als immaterielle historische Stätten der Kulturlandschaft; unsichtbare Dimensionen der Umwelt; geomantische Kunst; Symbolik der Natur; "Sinnesökölogie"; "Geo-Ökologie" und andere.
- Umsetzung und Begriffsmarketing
Um Geomantie hoffähig zu machen, müssen Strategien entwickelt werden. Dies fällt GeomantInnen schwer, da dies bisher nicht zu ihren vorrangigen Zielen gehört. Vorschläge:
- Geomantie und Fremdenverkehr; z.B. Hervorhebung der Unverwechselbarkeit der Persönlichkeit der Landschaft durch sakrale Landschaftselemente, kulturelles Erbe, Spiritualität der Heimat, Nachhaltigkeit der Tradition,
- Geomantie als Werbeträger für Wirtschaftszweige bzw. Betriebe; z.B. für Wohnungsbaugesellschaften, Hotelgewerbe, Landwirtschaft, Fremdenverkehr,
- Geomantie und Kunst als Werbeträger; Künstler müssen auf Sichtbarmachung bzw. Fühlbarmachen des Unsichtbaren sensibilisiert werden; Kunstobjekte auf geomantischen Standorten mit besonderer Ausstrahlung (Beispiel: Mariensäulen),
- Politiker müssen "Lust" bekommen, sich für Geomantie als Möglichkeit zur persönlichen Profilierung einzusetzen,
- Teilbereiche der Wissenschaften können sich durch neue Messmethoden und Denkmodelle dem Thema nähern; z.B. neue Spektralanalysemethoden zur Messung der Wasserqualität, Modell der morphogenetischen Felder, Qualitätsprüfung von Nahrungsmitteln durch Biophotonenanalyse,
- Geomantie als neue Aufgabe des Naturschutzes; Erstellung einer "Psychotopkartierung" (ähnliche Begriffe können gefunden werden) durch Erfassung von Orten mit besonderen Gefühlsqualitäten, Sagen, Erzählungen, Orten kultureller Eigenart auf biotischer Ebene, historische Kultorte,
- Geomantie als soziale Aufgabe für Ganzheitlichkeitsdenken in Schulen und in der Erwachsenenbildung; z.B. über den Begriff "Sinnesökologie",
- Geomantie und Gesundheit als Bestandteil aktiver Gesundheitsvorsorge und Steigerung der Lebensqualität durch Wahl von richtigem Standort und richtiger Architektur,
- Geomantie und Privatorganisationen als Initiatoren von Maßnahmen; "Demokratie von unten" in diversen Planungsverfahren, Arbeitskreise in Dorf- und Landschaftserneuerungsverfahren, in Siedlungs- und Landschaftsplanung mit möglichen geomantischen Planungsinhalten,
- Geomantie und Kirche; z.B. geistige Ebenen der Natur - geistige Ebenen der Religion als Gegenüberstellung und als Argumentationshilfe durch Interpretation der Darstellungen von Naturwesen und Engelwesen in Kathedralen und alten Kirchen; Maßeinheiten (z.B. Straßburger Elle) von Kathedralen und ihrer Standorte als Respektierung der Persönlichkeit des Ortes und ihr harmonischer Ausdruck durch die Architektur.
- Anwendungsbeispiele und Ergebnisse
Die Medien müssen sich für Geomantie oder deren Synonyme interessieren und Beispiele von "Orten der Kraft" etc. bringen, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Nachvollziehbarkeit kann eine wertvolle Argumentationshilfe sein. Eine Auflistung von Beispielen und deren Akzeptanz in der Bevölkerung oder Medien ist sinnvoll. Eine Verbreitung von erfolgreichen Projekten über Presse und Rundfunk in eigenständigen Artikel- und Sendereihen, z.B. "Geheimnisse der Landschaft" wäre dienlich.

Was ist zu tun?

Abschließend will ich einige Punkte stichwortartig aufführen, die mir für die Entwicklung der Geomantie wichtig erscheinen:
- mittelfristig Zusammenführung von Ökologie, Ökonomie, Mensch, Kultur und Geomantie als Vision einer neuen Ethik in der Landschafts- und Siedlungsplanung;
- Erstellung von Planungsinhalten einer neuen Siedlungsökologie mit Kriterien wie Plätze der Begegnung, energetische "Krafttankstellen", Orte zum Träumen und Meditieren, Psychotope, Orte zur Erdung oder Entscheidungsfindung, aggressionsarme Zonen für kreatives Spielen;
- Erstellung von Kartengrundlagen mit bisher bekannten geomantisch bedeutsamen Elementen, wie z.B. heilige Quellen, Bäume und Steine, Elemente der sakralen Landschaft, kulturelle Besonderheiten, auch bereits zerstörte heilige Plätze; Ergänzung durch Erfassung geomantisch bedeutsamer Linien und Orte; ständige Fortschreibung der Informationen bzw. Kartenpflege;
- Erstellung eines flexiblen Kriterienkatalogs von geomantischen Erhebungsmethoden und Erfassungsobjekten, Erstellung von Erfassungsbögen bzw. Systematik als Aufgabe der diversen Schulen für Geomantie;
- "Betreuung", Harmonisierung, Initiierung von Ritualen, bei Bedarf "energetische Säuberung" von Störfaktoren, Energetisierungsmaßnahmen von geomantisch bedeutsamen Orten;
- Dokumentation von Aktionen zur Harmonisierung gestörter Plätze und Landschaften, langfristige Überprüfung der Ergebnisse, gegebenenfalls "Nachbehandlungen"; auch Dokumentation von Zerstörungen;
- Einbringen der Geomantie vor allem in die Pädagogik, z.B. über die neue Bewegung der "Sinnesökologie";
- Bildung von Arbeitskreisen oder Vereinsstrukturen mit Zielen, Leitbildern, Visionen (siehe Beispiele "Freundeskreis Geomantie" e.V. oder Hagia Chora Verein zur Förderung der Geomantie);
- Anwendung der Geomantie zur Steigerung der Lebensqualität und als ganzheitlicher Lebensweg;
- Beachtung der "Philosophie der kleinen Schritte";
- "Plane und setze geomantische Ziele um, und sprich Gutes darüber", auch in den Medien;
- weitere Ideen?
Noch sind die Geomanten meist Visionäre und arbeiten bevorzugt im Hintergrund. Da die Beschäftigung mit Geomantie mit einer persönlichen Entwicklung einhergeht, scheuen sich die meisten Menschen, diesen Weg zu beschreiten. Im Sinne der diskutierten integralen Kultur scheint es eine Frage der Zeit zu sein, wann eine kritische Masse erreicht ist, die den Prozess unterstützt, Geomantie hoffähig zu machen.