Ein Platz in unserer Kultur

von Michael Gotthardt-Bartsch erschienen in Hagia Chora 11/2001

Eine Standortbestimmung von Geomantie ist aus verschiedenen Blickwinkeln möglich. So lässt sich beispielsweise von außerhalb der Geomantie-Szene einiges über uns GeomantInnen und unser Tun in Erfahrung bringen. In der Zusammenschau mit unseren eigenen An- und Einsichten ergibt sich dann ein recht komplexes Bild von Geomantie als Teil unserer heutigen Kultur. Ob anhand dieses Bildes dann Rückschlüsse auf die Entwicklung einer "integralen Kultur" (nach den Vorgaben von Paul H. Ray) zulässig sind, ist noch zu klären. Die wichtigere Frage in diesem Zusammenhang scheint mir zu sein, ob Geomanten sich diesen Schuh anziehen mögen. Schließlich spricht Ray in seinem Aufsatz (Hagia Chora Nr. 9) davon, daß die "Evolution der integralen Kultur" amerikanischer Mainstream sei. So sehr ich es begrüße, wenn viele Menschen sich erweiterten Weltsichten öffnen, so habe ich doch Sorge, dass die von Ray beschriebenen Phänomene in der US-amerikanischen Gesellschaft zu einer Vereinnahmung von Geomantie für wirtschaftliche Interessen führen könnte. Mit dem Mainstream geht eben ein großes Marktpotential einher. Sind nicht schon viel zu viele wertvolle Ansätze der alternativen Szene auf dem Markt bis zur Unkenntlichkeit verzerrt worden? Haben wir nicht in den letzten Jahrzehnten schon öfter von einer "Morgendämmerung eines neuen Zeitalters" gehört, um dann lediglich einen Marketingfeldzug zu erleben? Rays Begriffe sind schwammig, unscharf. Nach kulturwissenschaftlicher Lehre ist Kultur im überregionalen Zusammenhang immer aus sich selbst heraus integral. Das deckt sich auch mit den Erkenntnissen der Sozialpsychologie. So genannte kulturell Kreative gab es dem Wesen nach auch schon seit mehr als hundert Jahren, sie sind also kein Indikator für den Aufbruch in die "transmoderne Kultur".

Geomantie von außen betrachtet

Was die Betrachtung der Geomantie von außen angeht, stelle ich hier ein paar Fragen vor, die von Nicht-Geomanten gestellt wurden. Sie verdeutlichen schlaglichtartig die Kommunikationsprobleme in Bezug auf Geomantie. Eine Frage lautete: "Warum kann der Elektrosmog meiner Geräte immer noch gemessen werden, obwohl ich die Anweisungen meines Feng-Shui-Beraters befolgt habe? Er sagte doch, dass die Energien bei mir zuhause gut sind, wenn ich erst mal die Spiegel und das andere Glitzerding aufgehängt habe." Ein Einwohner meines Urlaubsortes erzählte von einem Geomanten, der im Park "Steine aufgestellt hat, damit da jetzt alles positiv und harmonisch ist. Das sieht ja auch ganz gut aus, aber die Frauen werden in dem Park immer noch belästigt." Die Frage nach der richtigen Ausrichtung des Schlafplatzes sorgt immer wieder für Verwirrung: "Ihr wisst ja selbst nicht, was ihr wollt!" meinte jemand zu mir, denn: "Erst hörte ich, der Kopf soll nach Norden liegen. Das wurde mir auch begründet. Aber der zweite sagt mit fast gleicher Begündung, der Kopf solle nach Süden zeigen. Und ein dritter will sich lieber erst gar nicht festlegen, da dies angeblich individuell bestimmt werden muss. Also nee, dann mach ich lieber, was mir gefällt. Dabei komme ich ja auch noch billiger weg." Die letzte Bemerkung deutet auf ein weiteres Problem geomantischer Praxis. Die Preisgestaltung ist ein schwieriges Thema, insbesondere dann, wenn dem Kunden die Inhalte der Dienstleistung nicht recht vermittelt werden können. Außerdem ist geomantische Arbeit als solche im Rahmen architektonischer Maßnahmen noch immer nicht über die HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) für Archtikten abrechenbar.

Geomantische Hausaufgaben

Diese wenigen Beispiele zeigen meines Erachtens deutlich, dass wir noch so manche Hausarbeit zu erledigen haben. Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen, haben ein Recht auf eindeutige und klare Sprache und wahrhaftiges Tun. Geomantie kann anscheinend außer als Fachgebiet auch als Haltung bzw. Lebenseinstellung begriffen werden. Wo findet Geomantie in mir statt (nur im Kopf?), und wie zeigt sich das nach außen, im Tun? Welche Auswirkungen auf das alltägliche Leben ergeben sich? Lassen sich aus Geomantie als Lebenseinstellung ethische Maximen herleiten? Ich versuche, diesen Fragen mit einigen fragmentarischen Gedanken nachzugehen. Mir ist die Achtung der Schöpfung wichtiger als die Klärung der Frage nach der Lebendigkeit eines Sandkorns. Denn die Antwort auf diese Frage ändert doch nicht meine Achtung, die ja nicht diversifizierbar ist. Hat aber die Frage nach der Lebendigkeit und ihrer möglichen Grenze Bedeutung für mein geomantisches Tun? Ich meine (vorläufig), nein. Materie ist ein Bestandteil des lebendigen Seins und somit transformierbar. Das ist für meinen lebenspraktischen Alltag mehr als ausreichend. Die Achtung der Schöpfung zieht Konsequenzen nach sich, auch in geomantischer Hinsicht. So verbieten sich von vornherein gewisse Praktiken der "Wirtschaftsgeomantie", mit denen das Wohl einer Firma oder Person auf Kosten anderer erreicht werden soll. Richtig und vertretbar ist, die positiven Einflüsse auf den Kunden zu verstärken, ohne die schädlichen bei anderen zu erhöhen. Dies gilt auch im Bereich der "politischen Geomantie". Geomantie nimmt auf Realitäten Bezug, die jenseits der fünf Sinne erfahrbar sind. Anderswelterfahrungen haben eine individuelle Ausprägung. Sind aber meine Erfahrungen und Wahrnehmungen letztlich wirklich so sehr von denen anderer verschieden? Gibt es vielleicht hinter der individuellen Ausprägung ein wirksames, einheitliches Ganzes? Ich glaube, ja. Denn dieses okkult anmutende Ganze ist es wohl, das die spirituelle Dimension von Geomantie ausmacht. Ich bin aber skeptisch, ob wir dies sprachlich als Einheit darstellen können, solange verschiedene (Geomantie-)Schulen, um sich voneinander abzugrenzen, lieber eigene Terminologien verwenden. "Lebensenergie" ist ein Beispiel für einen Begriff schillerndster Facettierung. Selbst in Fachkreisen muss vor der Diskussion erst festgelegt werden, welcher Aspekt dieses Begriffes denn Diskussionsgegenstand ist.

Ein geomantischer Kanon

Geomantisches Handeln greift gestaltend in die Mitwelt ein. Da offenkundig die Individualität dieses Prozesses ein wichtiger Faktor ist, andererseits die Belange der Mitwelt zu berücksichtigen sind und das Geschaffene zumindest von anderen Geomanten verstanden werden sollte, ist vielleicht eine Besinnung auf Tugenden der alten Bauhütte hilfreich. Den alten Baumeistern war die Wechselwirkung von Beobachter und Beobachtetem sowie die Individualität dieses Vorganges bewusst. Sie hatten deshalb einen Kanon von verbindlichen Regeln, die jenseits der Individualität für jeden Eingeweihten im Werk wiedererkennbar waren. Ist es sinnvoll, wenn wir mit unserem heutigen Wissen und Erfahrung, wieder einen solchen Kanon aufstellen, der von den unterschiedlichen Schulen akzeptiert wird und eine verlässliche Basis, auch nach außen, bietet? Die Individualität geomantischen Tuns müsste darunter nicht notwendigerweise leiden.
Geomantie im öffentlichen Raum ist immer politisches Handeln, ob uns das nun recht ist oder nicht. Nimmt ein Geomant beispielsweise mit Achtung vor der Schöpfung an einer Stadtplanung teil, muss er sich mit der politischen Struktur und den Wegen der Macht auseinander setzen. Es ist von höchster Wichtigkeit zu wissen, wann, wo und auf welche Weise Geomantie für politische Zwecke instrumentalisiert werden soll. Die Anforderungen an Geomanten im politischen Raum sind groß, die Verlockungen auch. Die Verknüpfungen politischer Dimensionen und Strukturen mit allgemeinen geomantischen Erscheinungen können uns gerade am Beispiel der extrem grausamen Ereignisse in New York und Washington deutlich werden. Überall dort, wo Menschen gewaltsam die Seele entrissen wird (also auch bei tödlichen Verkehrsunfällen!) - so meine Wahrnehmung und die vieler anderer - entstehen neben den verwirrten Seelen der getöteten Menschen negative Entitäten, die im Astralleib der Erde chaotisch umherirren. Dies ist nun bei den abscheulichen Terroranschlägen tausendfach geschehen. Die geomantischen Eigenschaften der Orte dieses Geschehens wirken wie Katalysatoren für Folgeereignisse. Manhattan liegt auf einem hochenergetischen Erdpunkt, dessen Strahlung durch die Wolkenkratzer potenziert in den Äther geschickt wird. Für das Pentagon gilt Ähnliches, wobei die räumliche Struktur des Energiefeldes geomantische Besonderheiten aufweist. Die Information dieses Feldes ist vor allem militärischer und machtpolitischer Natur. Durch die Terrorakte sind nun diese beiden Energiefelder mit sehr starken Todesinformation, wie oben geschildert, erschüttert und verknüpft worden. Wie können wir mit diesem neu entstandenen Feld umgehen? Ich nehme an, dass es sich nach den Regeln der morphischen Resonanz Erdpunkte suchen wird, die resonanzfähig sind, um sich dort zu entladen oder zu materialisieren. Aufgabe der Geomantie kann nun sein, jene Punkte zu lokalisieren, um dann dort die womöglich katastrophalen Auswirkungen dieser Entladungen zumindest zu mildern. Die Frage ist, ob es genügend versierte GeomantInnen gibt, die sich einer solchen Aufgabe stellen können. Es könnte sich erweisen, dass die im deutschsprachigen Raum verbreitete Scheu der geomantischen Szene vor der Auseinandersetzung mit der politischen Dimension ein Hindernis ist, das in der gebotenen Eile nur schwer beseitigt werden kann. Diese fragmentarischen Gedanken lege ich hier zur Diskussion und Prüfung vor. Mir liegt sehr an einer offenen und ehrlichen Standortbestimmung der Geomantie, um ihr einen guten und festen Platz in unserer Kultur zu geben und die Kultur weiterzuentwickeln. Ich denke, es ist noch Einiges zu tun. In einem Punkt bin ich mir jedoch recht sicher: Nur eine aus dem Herzen heraus gelebte geomantische Haltung kann unserem Tun die Kraft geben, im wahrhaft guten Sinne die Mitwelt zu gestalten.