Geomantie und Matriarchat

von Heide Göttner-Abendroth erschienen in Hagia Chora 11/2001

Mein Zugang zur Geomantie ist ein doppelter, ein wissenschaftlicher und ein spiritueller. Über den ersteren lässt sich leichter sprechen, über den letzteren schon schwieriger, denn er ist eine Praxis. Ich bin als Matriarchatsforscherin lange meinen eigenen Weg gegangen, auf dem sich mir eine gewisse kulturelle Ganzheitlichkeit zunächst theoretisch, dann immer mehr auch praktisch-spirituell eröffnet hat. Dabei bin ich gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass meine Arbeit auch mit Geomantie in ihrem tieferen Verständnis zu tun haben könnte, geschweige denn, dass ich mich als "Geomantin" bezeichnen würde. Insofern näherte ich mich der Geomantie sozusagen "von außen" und war/bin dennoch mittendrin. Durch diese Position "von außen" hatte ich die Gelegenheit, die Geomantie über einen längeren Zeitraum zu beobachten und reflektierend zu betrachten. Etwas an ihr zog mich an, etwas anderes stieß mich ab. Ich konnte mir lange keinen Reim darauf machen, ob dies nun eine neue esoterische Modeerscheinung ist (wofür es Anzeichen gab) oder ob dies der Ort für Radiästhesie-Ingenieure als Spezialisten ihrer Geräte ist (wofür es auch Anzeichen gab). Dazwischen klaffte für mich eine beträchtliche Lücke. Ferner nahm ich einen recht frei flottierenden Umgang mit historischen Monumenten wahr, die von steinzeitlichen Megalithbauten bis zu christlichen Domen wie Ersatzstücke benutzt wurden, wobei sie alle quasi in derselben Zeit- und Kulturdimension vorzukommen schienen. Das verschlug der Kulturhistorikerin in mir - die ich in einem nicht-traditionellen Sinne auch bin - des öfteren die Sprache. Diese Anzeichen hielten mich, trotz meiner erheblichen Sympathie für die Sache, geistig auf Distanz. Die gegenwärtige theoretische und zugleich spirituelle Selbstreflexion der heutigen Geomanten und Geomantinnen auf ihr Gebiet, verknüpft mit der Frage nach einer "integralen Kultur", scheint mir jedoch der Weg zu sein, die eben benannte Lücke zu schließen, oder besser gesagt: sie durch ein neues Drittes zu überwinden. Gleichzeitig taucht bei der Frage nach einer "integralen Kultur" und der Rolle der Geomantie in diesem Zusammenhang notwendig die Frage nach der Kulturgeschichte auf, und zwar - zur Freude der Philosophin in mir - selbstredend einer philosophisch verstandenen Kulturgeschichte.

Ein anderer Begriff von Geschichte

Nach dieser Vorrede möchte ich die Frage "Was ist Geomantie?" umformen zu der Frage, "Was ist die Kulturgeschichte der Geomantie?" Denn ich bin der Ansicht, dass sich die Geomantie nicht angemessen selbst erkennen kann, wenn sie ihre eigene Geschichte nicht vollständig kennt. Die neue Selbstbestimmung würde ohne diese Kenntnis notwendig zu abstrakt geraten, wie es abstrakte Utopien eben an sich haben. Dabei geht die Kulturgeschichte der Geomantie weit über das hinaus, was man heutzutage an linguistischen und historischen Erklärungsmustern in den diversen Lexika findet, die in ihrem Geschichtsverständnis nicht weiter zurückreichen als bis zum klassischen Griechenland mit seiner ausgeprägt "abendländischen" Kultur. In dieser kulturgeschichtlich relativ späten Epoche haben wir nur noch die Splitter von dem in der Hand, was Geomantie einmal war, eingebettet in die enorm langen Zeiträume von Kulturschöpfungen der Menschheit davor. Jene Zeiträume heißen bei den Historikern "Prähistorie", ein Begriff, den ich aus zwei Gründen zurückweise: Erstens ist alles, was Menschen sozial und kulturell geschaffen haben, schon immer Geschichte, eben die Kulturgeschichte der Menschheit. Der abwertende Begriff "Prähistorie" grenzt hier aus und verweist alle Kulturen vor der offiziell zugelassenen "Geschichte" in den Bereich des Vorläufigen und Primitiven. Damit wird den kulturellen Schöpfungen der Menschen in der Altsteinzeit, Jungsteinzeit, Bronzezeit genauso Unrecht getan, wie wir dies aus dem herrschenden Eurozentrismus der westlichen Welt gegenüber jenen Kulturen, die nicht zu seiner Sphäre gehören, kennen. Die umgekehrte Haltung, nämlich die "prähistorischen" und "exotischen" Kulturen schwärmerisch zu verherrlichen, ist nur die andere Seite der Medaille und hebt unseren falschen Geschichtsbegriff noch längst nicht auf. Ein derartiger Begriff von "Geschichte" erweist sich also als zu eng. Zweitens ist er obendrein ideologisch besetzt. Denn bei den Historikern beginnt "Geschichte" immer erst dann, wenn sich jene Muster etabliert haben, welche ich als klassisch patriarchal bezeichne: territoriale Staatsbildungen, feudale Reiche mit Adelsherrschaft, hierarchische Gesellschaftsstrukturen, inferiore Rolle der Frau. Solche Strukturen werden als größte geistige Leistungen gerühmt, denen gegenüber alles andere das Etikett "Prä." erhält. Das zeigt, dass dieser Begriff von "Geschichte" in höchstem Maß tendenziös ist, nämlich von patriarchaler Herrschafts-Ideologie geprägt, die sich dabei in schönem Zirkelschluss selbst bestätigt. Patriarchale Herrschaftsmuster werden dabei stets positiv normiert und dauerhaft zementiert. Auch das Unterscheidungskriterium der Schriftlichkeit hilft da nicht weiter, nach welchem die eigentliche "Geschichte" mit der Erfindung der Schrift begonnen haben soll. Die neuere Forschung zeigt deutlich, dass Schrift nicht erst mit den Gesetzestafeln des Herrschers Hammurabi von Babylon begann, sondern dass die Menschen von Anfang ihrer Geschichte an geschrieben haben, nur anders, nämlich mit symbolischen Hologrammen, die religiöse Bedeutung hatten (vgl. dazu Marie König: "Am Anfang der Kultur", Frankfurt-Berlin-Wien 1981; und Marija Gimbutas: "Die Sprache der Göttin", Frankfurt 1995). Außerdem haben Wissenschaften wie die Archäologie und die Ethnologie/Anthropologie mit ihrer Erforschung von so genannten schriftlosen Kulturen derart viele Informationen über diese frühen Epochen ans Licht befördert, dass wir nicht mehr so tun können, als beginne die Kulturgeschichte erst mit den antiken Griechen und Römern. Wenn ich also die Frage nach der Kulturgeschichte der Geomantie stelle, dann werden hier alle Zeiträume der menschlichen Kulturgeschichte einbezogen. Der Reichtum an Erkenntnissen aus der neueren Entwicklung der Kulturwissenschaften erlaubt es, sich ein viel besseres Bild von diesen frühen Kulturformen machen zu können, als es die "abendländische" Geschichtsschreibung gestattet hat. Allerdings setzt das voraus, dass man die dafür relevanten Kulturwissenschaften interdisziplinär und methodisch-systematisch kombiniert und sie ebenfalls ideologiekritisch hinterfragt. Denn auch hier wird offen oder subtil patriarchale Ideologie transportiert, und zwar insofern, als man patriarchale Muster nun seit Beginn der Menschheitsentwicklung gegeben sieht. Dafür sprechen die ans Tageslicht beförderten kulturellen Relikte jedoch in keiner Hinsicht.

Ein anderer Inhalt von Geschichte

Wenn der Inhalt der Geschichte auch lange, nicht-patriarchal geprägte Zeiträume umfasst, die ich mit gutem Grund als "matriarchal" bezeichne, dann tauchen - kaum ist dies ausgesprochen - hier in der Regel zwei berechtigte Fragen auf. Die eine richtet sich darauf, wie wir aus der Geschichte überhaupt etwas Sicheres über die matriarchale Gesellschaftsform wissen können. Die andere richtet sich auf den Inhalt dessen, was hier "matriarchal" heißen soll, es ist die Frage nach einer genauen Definition. Ich möchte beide Fragen beantworten, denn sie beziehen sich gleichermaßen auf die Geschichte der Geomantie, die keineswegs immer - und schon gar nicht die längste Zeit! - in patriarchalen Gesellschaftsmustern gewirkt hat. Das wird uns einen Schlüssel für ihr tieferes Verständnis geben. Zur ersten Frage: Wie kann man etwas Sicheres übers Matriarchat wissen, das doch als Thema derart an den Rand gedrängt und mit Bergen von Vorurteilen zugeschüttet wurde, heute außerdem für diverse absurde Ideen und alberne Moden herhalten muss? Das ist umso bedauerlicher, weil die seriöse Matriarchatsforschung im deutschsprachigen Raum bereits eine lange Tradition besitzt. Sie begann vor hundertvierzig Jahren mit dem berühmten Werk "Das Mutterrecht" von Johann Jakob Bachofen, das 1861 publiziert wurde. Über ein Jahrhundert setzte sich diese Diskussion zu "Mutterrecht" und "Matriarchat" fort, und dabei wurde dieses Thema unter den verschiedensten Gesichtspunkten von philosophischen Schulen und politischen Strömungen gebraucht und mißbraucht (vgl. dazu mein Buch: "Das Matriarchat I. Geschichte seiner Erforschung", 3. Aufl. Stuttgart 1998). Was mich jedoch bereits an Bachofens Werk wie auch an den verschiedenen ernsthaften Rezeptionen seines Werkes verwunderte, war - trotz guter Materialsammlung - der Mangel an einer klaren Definition und einer wissenschaftlichen Begründung dieses Gegenstandsbereiches. Das öffnete Tür und Tor für Emotionen und Ideologien, mit denen diese Diskussion von Anfang an beladen war. Immer spielen dabei gängige Klischees vom "Wesen der Frau" eine Rolle, die lediglich zeigen, dass die patriarchatskritische Selbstreflexion beim Umgang mit diesem Thema nicht geleistet wurde. So finden wir patriarchale Denkmuster zum Beispiel massiv in Erich Neumanns Studie zur "Großen Mutter", ebenso ist auch Jean Gebsers Auffassung vom Matriarchat nicht frei von Klischees und Rückprojektionen in die Geschichte. Der erste Grund, warum hier nicht genauer hingeschaut wird, ist einfach: Wenn Bachofens Funde und alles, was danach ans Licht kam, ernst genommen worden wären, hätte das den Zusammenbruch der patriarchalen Ideologie und des patriarchalen Weltbildes bedeutet. Denn die Matriarchatsforschung kennzeichnet den Beginn eines neuen Paradigmas in der Erkenntnis der Menschheitsgeschichte, was tiefgreifenden Einfluss auf unser Weltverständnis haben wird. Nachdem ich diesen Zusammenhang erkannt hatte, entschloss ich mich - auf dem Boden meines philosophischen Instrumentariums - der Matriarchatsforschung eine wissenschafts-theoretische Begründung und moderne Methodologie zu geben. Denn ich halte dieses neue Wissen für viel zu wichtig, als dass es in dieser Hinsicht vernachlässigt werden dürfte. Im Verlauf meiner dreißigjährigen Arbeit zum Thema bin ich auf diesem Wege zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung geworden.

Ethnologie als wichtige Ergänzung

Ich stellte bei meiner Arbeit daran sehr bald fest, dass es noch einen zweiten triftigen Grund für die Unklarheiten und Vorurteile in der bisherigen Matriarchatsdiskussion und -forschung gibt: Denn aus der Kulturgeschichte allein, auf die sich solche Autoren wie Bachofen, Neumann, Gebser und viele andere beziehen, können wir in der Tat nichts Sicheres über die matriarchale Gesellschaftsform wissen. Denn wir haben es in der Kulturgeschichte nur noch mit Resten und Fragmenten vergangener Gesellschaften zu tun, die kein Gesamtbild mehr ergeben. Wir können nicht durch historische Forschung allein wissen, wie matriarchale Menschen gedacht und gefühlt haben, wie sie ihre sozialen Muster und politischen Vorgänge organisierten, das heißt: wie ihre Gesellschaft insgesamt ausgesehen hat. Um dieses Wissen und, als Konsequenz davon, die vollständige Definition von "Matriarchat" zu gewinnen, müssen wir die noch lebenden Beispiele dieser Gesellschaftsform erforschen, die glücklicherweise in allen Kontinenten - mit Ausnahme von Europa - noch existieren. Das hat mich folgerichtig zur Ethnologie/Anthropologie geführt, einer Wissenschaft, die seit ihren Anfängen vor ca. 200 Jahren so etwas wie die Augenzeugin der letzten, noch lebenden matriarchalen Gesellschaften geworden ist. Es ist kein Zufall, dass der "Vater der Ethnologie", Henry Lewis Morgan, bei seinen tiefgreifenden Studien zur Gesellschaft der Irokesen in Nordamerika ausgerechnet ein damals noch lebendes, klassisches Matriarchat beschrieben hat und das auch wusste. Nach ihm hat sich das fortgesetzt, auch wenn es aus Karrieregründen gegenüber den Fachkollegen nicht mehr so offen bekannt wurde. Doch hat auf diese Weise die matriarchale Gesellschaftsform in der Ethnologie/Anthropologie ihren Niederschlag gefunden. Es war mir deshalb möglich, anhand umfangreicher ethnologisch/anthropologischer Literaturstudien und eigener Reisen die letzten, noch lebenden Matriarchate der Gegenwart in allen Kontinenten außer Europa ausfindig zu machen und zu beschreiben (vgl. "Das Matriarchat II 1. Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien", und "Das Matriarchat II 2. Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika", beide Stuttgart 1999 und 2000). Dabei habe ich von diesen Völkern und Ethnien viel gelernt und konnte anhand meiner Studien Schritt für Schritt die vollständige und genaue Definition von "Matriarchat" entwickeln.

Die matriarchale Gesellschaftsform

Ich fasse hier in Kürze die Charakteristika zusammen, die ein stichwortartiges Bild der matriarchalen Gesellschaftsform ergeben. Dabei definiere ich "Matriarchat" auf den Ebenen der ökonomischen, sozialen, politischen und religiös-kulturellen Muster, denn diese gehören zusammen, um eine Gesellschaftsform als Ganzes zu erfassen. Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate meistens, aber nicht ausschließlich, Ackerbaugesellschaften. Die Technologien des Ackerbaus reichen vom einfachen Gartenbau (Beginn in Ostasien schon in der Mittleren Altsteinzeit) zu voll entwickeltem Ackerbau mit dem Pflug (Beginn mit der Jungsteinzeit, 10000 v.u.Z.) und schließlich zu den komplizierten Bewässerungssystemen der frühesten Stadtkulturen weltweit. Die Entstehung des Matriarchats ist direkt mit der Erfindung dieser neuen Technologien verbunden. Es wird Subsistenzwirtschaft mit lokaler oder regionaler Autarkie praktiziert. Land und Häuser sind Eigentum des Clans im Sinne von Nutzungsrecht; Privatbesitz und territoriale Ansprüche sind unbekannt. Die Frauen haben die Kontrolle über die wesentlichen Lebensgüter: Felder, Häuser, Nahrungsmittel, dabei ist die Sippenmutter die Verwalterin des Clanschatzes. Die Güter sind in lebhaftem Austausch, der den Verwandtschaftslinien und Heiratsregeln folgt. Dieses System des Austauschs verhindert, dass Güter bei einem Clan oder bei einer Person akkumulieren. Das Ideal ist Verteilung und nicht Akkumulation. Vorteile und Nachteile beim Erwerb von Gütern werden durch soziale Regeln ausgeglichen, z.B. sind wohlhabende Clans bei den zahlreichen, gemeinschaftlichen Festen verpflichtet, das ganze Dorf einzuladen, was den Reichtum dieser Clans drastisch vermindert. Dafür haben sie "Ehre", das heißt soziales Ansehen, gewonnen, was sie in Zeiten der Not schützt. Denn dann sind andere wohlhabende Clans verpflichtet, sich für die Gemeinschaft zu verausgaben, nach dem Prinzip: Wer hat, der gibt. Patriarchate sind im Gegensatz dazu Akkumulationsgesellschaften, bei denen die Güter aller in den Händen von Wenigen landen, nach dem Prinzip: Wer hat, der bekommt noch mehr. Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate gekennzeichnet von perfekter Gegenseitigkeit, ich definiere sie daher als Ausgleichsgesellschaften.

Das Prinzip der Matrilinearität

Auf der sozialen Ebene beruhen matriarchale Gesellschaften auf dem Clan. Matriarchale Menschen leben in großen Sippen zusammen, die nach dem Prinzip der Matrilinearität, der Verwandtschaft in der Mutterlinie, aufgebaut sind. Der Clanname, alle sozialen Würden und politischen Titel werden in der mütterlichen Linie vererbt. Ein solcher Matri-Clan besteht aus mindestens drei Generationen von Frauen: die Clanmutter und ihre Schwestern, deren Töchter und Enkelinnen; hinzu kommen die direkt verwandten Männer: die Brüder der Clanmutter, die Söhne und Enkel. Ein Matri-Clan lebt im großen Clanhaus zusammen, das 10 bis 100 Personen je nach Größe und architektonischem Stil umfassen kann. Die Frauen leben permanent hier, denn Töchter und Enkelinnen verlassen niemals das mütterliche Clanhaus, wenn sie heiraten. Man nennt dies Matrilokalität. Der Clan ist eine autarke Wirtschaftseinheit. Um zu erreichen, dass diese autarken Gruppen ein gesellschaftliches Gefüge mit den anderen Clans des Dorfes oder der Stadt bilden, wurden komplexe Heiratsregeln entwickelt, z.B. die Regel der wechselseitigen Heirat zwischen je zwei Clans. Dazu gehören noch Regeln der freien Wahl mit den anderen Clans, mit der beabsichtigten Wirkung, dass alle Mitglieder des Dorfes oder der Stadt näher oder ferner miteinander verwandt sind. Diese Verwandtschaft stellt ein gegenseitiges Hilfssystem nach festen Regeln dar. Auf diese Weise wird eine nicht-hierarchisch organisierte, horizontale und egalitäre Gesellschaft erzeugt, die sich als erweiterter Clan mit allen wechselseitigen Hilfsverpflichtungen versteht. Matriarchate definiere ich auf der sozialen Ebene daher als Verwandtschaftsgesellschaften. Patriarchale Gesellschaften bestehen demgegenüber aus untereinander Fremden, die Interessengruppen, Vereine, Lobbies, Parteien bilden, die als große oder kleine Ego-Gruppen gegeneinander antreten. Das gesellschaftliche Gleichgewicht bleibt dabei immer prekär. Zur Rolle des Mannes im Matriarchat wäre zu sagen, dass junge Männer, die das Mutterhaus nach der Heirat verlassen, nicht allzu weit gehen müssen, um ihre Geliebte oder Gattin zu treffen. Sie gehen zum benachbarten Clanhaus, das mit ihrem Clanhaus in Heiratsrelation steht, dort wohnen ihre Gattinnen. Und sie bleiben nicht lange fort, nur von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen. Diese Form der Ehe wird Besuchsehe genannt, sie ist eine sehr offene Form und auf die Nacht begrenzt. Das heißt, matriarchale Männer leben nicht bei ihren Gattinnen oder Liebespartnerinnen, in deren Clanhaus sind sie nur Gast. Ihr Zuhause ist das mütterliche Haus, in dem sie Pflichten und Rechte eines vollen Clanmitglieds haben, denn hier leben und arbeiten sie. Die Kinder der Gattinnen und Liebespartnerinnen gehören zu deren Clanhaus, denn sie tragen den Clannamen der Mutter. Männer betrachten diese Kinder nie als "ihre Kinder", da sie nicht denselben Clannamen tragen wie sie. Hingegen haben die Schwesterkinder denselben Clannamen, daher betrachten Männer ihre Nichten und Neffen als "ihre Kinder", denen sie Fürsorglichkeit und Mitverantwortung zuwenden. Die biologische Vaterschaft in unserem Sinne ist unbekannt oder spielt, selbst wenn sie bekannt ist, als sozialer Faktor keine Rolle. Männer üben bei den Schwesterkindern eine Art sozialer Vaterschaft aus. Sowohl die beiden Geschlechter wie die verschiedenen Generationen haben ihre je eigene Würde, die sehr geachtet wird. Beide Geschlechter besitzen ihre je eigene "Machtsphäre", die jeweils aufeinander bezogen und im Gleichgewicht gehalten werden. Das Balance-Prinzip ist auf jeder Ebene ein Grundprinzip in matriarchalen Gesellschaften.

Politische Prozesse

Auf der politischen Ebene sind die Basis jeder Entscheidungsfindung die einzelnen Clanhäuser. Angelegenheiten, die das Clanhaus betreffen, werden von den Frauen und Männern in einem Prozeß der Konsensfindung entschieden. Kein Haushaltsmitglied darf mit seiner Stimme ausgeschlossen werden, Kinder sind ab 13 Jahren Clanmitglieder mit vollem Stimmrecht. Dasselbe gilt für Entscheidungen, die das ganze Dorf betreffen: Nach dem Rat im Clanhaus treffen sich Delegierte der einzelnen Clanhäuser im Dorfrat, in manchen Gesellschaften die Clanmütter selbst, in anderen die gewählten Mutterbrüder, die ihren Clan nach außen vertreten. Im Dorfrat treffen sich keine Entscheidungsträger, sondern nur Delegierte, die miteinander austauschen, was die einzelnen Clanhäuser beschlossen haben. Sie halten das Kommunikationssystem im Dorf aufrecht und gehen so lange zwischen Clanrat und Dorfrat hin und her, bis alle Clanhäuser auf Dorfebene den Konsens gefunden haben. Dasselbe gilt auch auf regionaler Ebene: Hier werden die Entscheidungen der Dörfer und Städte ebenfalls von Delegierten, in der Regel den angesehenen Männern, durch Information koordiniert. Auch hier finden alle Clanhäuser aller Dörfer ihre Entscheidung im Konsens. Es ist klar, dass sich in einer solchen Gesellschaft weder Hierarchien noch Machtgefälle zwischen den Geschlechtern oder den Generationen bilden können. Auf der politischen Ebene definiere ich Matriarchate daher als egalitäre Konsensgesellschaften. Patriarchate sind demgegenüber grundsätzlich Herrschaftsgesellschaften. Dabei wird die Herrschaft entweder monarchisch (durch Einen) oder oligarchisch (durch Wenige) ausgeübt oder in den formalen Demokratien durch die Bildung von Lobbies und Parteien, welche den politischen Willen der absolut meisten Menschen auf das "Kreuzmachen" (Wahl) reduzieren.

Spirituelle Gesellschaften

Auf der weltanschaulich-religiösen Ebene können matriarchale Gesellschaften nicht mit solchen Begriffen wie "Naturreligion", "Animismus" und "Fruchtbarkeitskult" charakterisiert werden, diese Zuschreibungen sind nicht nur abwertend, sondern auch falsch. Denn dabei wird nicht deutlich, dass es um komplexe religiöse Systeme geht. Eine grundlegende Vorstellung vom Leben und vom Kosmos ist der matriarchale Wiedergeburtsglaube, der nicht als verblasene "Seelenwanderung", sondern sehr konkret verstanden wird: Jedes Mitglied eines Clans ist davon überzeugt, dass es nach dem Tod durch die jungen Frauen des Clans wiedergeboren wird. In diesem Sinne gelten die Kinder als die wiedergeborenen Ahninnen und Ahnen der Sippe und sind heilig. Frauen werden nicht nur dafür geehrt, dass sie die Lebensschöpferinnen und Ernährerinnen sind, sondern besonders dafür, dass sie die Wiedergebärerinnen sind, Tod also in Leben umwandeln können. Leben und Tod werden dabei zyklisch aufgefasst, als sich ständig abwechselnde Prozess. So wird auch die Natur gesehen mit dem Wachsen, Reifen und Vergehen alles Lebendigen, das nach einem vollendeten Zyklus wiederkehrt. Die Erde als die Große Mutter garantiert die Wiedergeburt und Ernährung allen Lebens. Sie ist die eine Urgöttin, die andere Urgöttin ist die kosmische Göttin als Schöpferin des Universums. Auch hier beobachteten die Menschen den zyklischen Prozeß der Zeit und des Seins anhand der Phasen des Mondes und des Auf- und Untergangs der Gestirne. Der Makrokosmos gilt in diesem Sinne als gleichartig wie der Mikrokosmos, egal in welchen Relationen das Makrokosmos-Mikrokosmos-Prinzip auftaucht: Universum und Erde, Erde und Gesellschaft, Gesellschaft und einzelner Mensch. Das Denken ist grundsätzlich integrierend, es gibt kein dualistisches Denken in solchen Gegensätzen wie "Mensch" versus "Natur", "Geist" versus "Natur", "Gesellschaft" versus "Natur". Dieses Denkmuster ist patriarchaler Herkunft und folgt der Logik von Abwertung und Abspaltung. Es dient prinzipiell der Ausbeutung der Natur als bloßer "Ressource" und der Ausnutzung von allem, was willkürlich als "Natur" definiert wird, z. B. die Frau als "Naturwesen" versus dem Manne als "Geistwesen" (Sexismus), oder die "Naturvölker" versus den "zivilisierten Völkern" (Rassismus und Kolonialismus). Das matriarchale Weltbild kennt auch keine religiöse Transzendenz mit einem unsichtbaren, ungreifbaren, unbegreifbaren, aber allmächtigen Gott, demgegenüber die "Welt" abgewertet wird. Der fatale und falsche Begriff von der "toten Materie" stammt letztlich von dort. Der matriarchale Begriff von Göttlichkeit ist immanent, denn die gesamte Welt wird als göttlich betrachtet, und zwar als weiblich göttlich. Dies belegen die alten Vorstellungen von der Göttin als Universum, die Schöpferin ist, z.B. die ägyptische Nut, und die Mutter Erde, die alles Lebendige hervorbringt. Deshalb besitzt alles Göttlichkeit, der kleinste Stein und der größte Stern, jede Frau und jeder Mann, jeder Grashalm und jeder Berg. In einer solchen Kultur ist alles religiös oder spirituell. In ihren Festen, die dem Jahreszeitenzyklus folgen, wird auch alles gefeiert, sowohl die Natur mit ihren Erscheinungen, die verschiedenen Clans mit ihren Fähigkeiten und Aufgaben, die verschiedenen Geschlechter und die verschiedenen Generationen, nach dem Prinzip: Vielfalt ist der Reichtum in allem. Es gibt keine Trennung zwischen dem Sakralen und dem Profanen, deshalb ist auch im alltäglichen Leben jede Handlung, wie z.B. Säen, Ernten, Kochen, Weben, zugleich ein bedeutungsvolles Ritual. Auf der religiösen Ebene definiere ich Matriarchate daher als sakrale Gesellschaften und Göttinkulturen. Diese vollständige und umfassende strukturelle Definition von "Matriarchat", die sich nicht aus der Kulturgeschichte gewinnen ließ, kann nun aber dazu dienen, auf die Kulturgeschichte angewandt zu werden. In ihrem Lichte können die Reste, Indizien und Spuren aus der Kulturgeschichte neu gelesen werden. Sie wird, so hoffe ich, manches "Rätsel" und manche Fehlinterpretation auflösen helfen, und vor allem führt sie die monopolistische patriarchale Interpretation der Geschichte ad absurdum.

Zur Kulturgeschichte der Geomantie

Nach den neuesten Forschungen müssen wir davon ausgehen, dass die matriarchale Gesellschaftsform nicht nur eine kurzfristige oder exotische Nebenerscheinung in der menschlichen Kulturgeschichte gewesen ist, sondern dass sie mindestens die acht Jahrtausende der jungsteinzeitlichen Epoche, einschließlich Bronzezeit (ca. 10000 bis 2000 v.u.Z.) umfasst hat. Diese waren gekennzeichnet von der ökonomischen Revolution der Erfindung des Ackerbaus, Hausbaus und den damit verbundenen Künsten, wesentlichen Erfindungen insbesondere von Frauen, mit denen die Entwicklung des klassischen Matriarchats einherging. Mit der Ausbreitung des Ackerbaus um den ganzen Erdball hat sich auch die matriarchale Gesellschaftsform weltweit ausgebreitet. Neueste Forschungen zur Altsteinzeit (vgl. Meillassoux, König, Gimbutas) zeigen obendrein, dass schon in dieser Kultur (ab 100000 v.u.Z.) die Frauen wahrscheinlich der soziale und kultische Mittelpunkt der Gesellschaft waren, bereits teilsesshaft in den Wohn- und Kulthöhlen, während die Männer als Jäger eher das wandernde und periphere Element darstellten. Die patriarchale Gesellschaftsform entsteht demgegenüber relativ spät, nämlich erst um 3000 bis 2000 v.u.Z. und in manchen Weltgegenden noch erheblich später; sie ist also eine junge und - nach allem, was geschichtlich davon zu sehen war und ist - sehr instabile Gesellschaftsform. Denn permanent ist sie von Krisen geschüttelt wie Kriegen, entstehenden und zerfallenden Weltreichen, Druck von oben und Aufständen und Revolutionen von unten, von dem millionenfachen, äußeren und inneren Elend der davon betroffenen Menschen einmal ganz zu schweigen. Wenn wir von dieser veränderten Perspektive auf die Kulturgeschichte der Menschheit ausgehen, dann können wir für sämtliche kulturellen Erscheinungen sagen, dass sie über einen weitaus längeren Zeitraum in einem matriarchalen Zusammenhang gestanden haben als in einem patriarchalen. Das gilt auch für die kulturelle Erscheinung der Geomantie, so dass die Frage entsteht: Was war denn Geomantie in der matriarchalen Gesellschaftsform, und was ist aus ihr im patriarchalen Rahmen geworden? Diese Frage erübrigt jene nach einer "weiblichen" Geomantie, denn um diese beantworten zu können, müßten wir in der Lage sein, unabhängig von Zeit, Raum und Kultur zu bestimmen, was denn das "Weibliche" bzw. das "Männliche" ist. Notwendigerweise landen wir mit einer solchen Fragestellung bei einer Wesensdefinition (das "Wesen" der Frau, des Mannes, des "Negers", des "Juden" usw.), einer durch und durch patriarchalen Denkfigur. Denn damit wird für die Ewigkeit festgelegt, wie der/die/das Andere ist oder zu sein hat, was der Diskriminierung und noch schlimmeren Erscheinungen Tür und Tor geöffnet hat. Es kann daher nur von Männern und Frauen und Leuten im Rahmen einer bestimmten Kultur, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten geschichtlichen Zeit die Rede sein, wenn wir nicht in die Falle der Wesensdefinition geraten wollen. Wenn ich hier die Frage nach der Geomantie im Matriarchat bzw. einer "matriarchal" geprägten Geomantie gegenüber einer "patriarchal" geprägten stelle, so sind wir auf einem anderen Weg. Denn bei diesen Formulierungen werden Ort, Kultur und geschichtliche Zeit immer mitgedacht.

Geomantie in der matriarchalen Gesellschaftsform

Was also war die Geomantie in der matriarchalen Gesellschaftsform? Diese Frage ist, vor dem Hintergrund des matriarchalen Weltbildes, das ich oben skizzierte, nicht mehr allzu schwer zu beantworten. Sie war gewiß auch eine wissenschaftliche Technik, und gleichzeitig war sie eine religiöse oder spirituelle Handlung. Man wandte sich mit ihr nämlich der Erde als der einen Urgöttin zu. Genauso war die Astronomie/Astrologie im matriarchalen Zusammenhang gleichzeitig wissenschaftliche Technik und religiöse Handlung, denn man wandte sich damit der anderen Urgöttin, dem Kosmos, zu. Die Menschen versuchten, sowohl die eine wie die andere dabei zu erkennen, ihre Erscheinungen tiefer zu verstehen und die eigenen kulturellen Schöpfungen nach ihrem Bild zu formen, gemäß dem genuin matriarchalen Makrokosmos-Mikrokosmos-Prinzip. Ich will es an kurzgefassten Beispielen erläutern: Da die Erde eine große, nicht zu überschauende Göttin ist, nahmen die Menschen ihre begrenzteren Erscheinungen wie einen Berg, ein Tal, einen See, einen Stein als Pars pro toto, als Teil für das Ganze, den sie verehren und sich darauf bewegen, auch darin oder daneben wohnen konnten. Bevorzugt wurden dabei Teile der Erde mit ausgeprägt weiblichen Zügen, das heißt mit Formen, die symbolisch als weiblich gelesen werden konnten. Hier zeigte sich die Erde für die Menschen dann sinnfällig als Große Frau und Mutter, solche Plätze und Landschaften galten als heilig, sie wurden Kultorte oder besonders begehrte, sakrale Wohnplätze. In tausend Formen konnte die Göttin Erde den Menschen auf diese Weise erscheinen: als Tal in Form eines weiblichen Schoßes (z.B. das Schoßtal Oberhalbstein/Surses in der Schweiz), als zwei gleichförmige Berge wie Brüste (z.B. die Zwillingshügel "Paps of Anu" in Irland), als Bergkette in Gestalt einer liegenden Frau (z.B. die "Alte von den Mooren" auf den Hebriden in Schottland, das Lattengebirge in Österreich, das die Leute "Schlafende Hexe" nennen, wobei "Hexe" eine Dämonisierung der ehemaligen Göttin ist), als kreis- oder halbkreisförmige Schlucht, in der eine oder mehrere Quellen als das heilige Schoßwasser entspringen (z.B. das christlich überbaute Einsiedeln in der Schweiz, das eine Schwarze Madonna beherbergt, was auf eine alte Erdmutter-Verehrung hinweist), als mächtiger Findlingsstein oder schoßartiger Quellstein in der Landschaft (z.B. die "Muma Veglia"-Steine in der Schweiz; das Wort bedeutet "Alte Mutter"). Diese Beispiele stammen aus Europa, lassen sich jedoch weltweit beliebig vermehren, was ein Blick nach Indien oder China beweist. Trotz der Vielfalt dieser Erscheinungen wusste man, dass es sich nur um eine Göttin handelt, um "die Eine mit den tausend Gesichtern". Da die frühesten matriarchal geprägten Ackerbaukulturen sich als erste seßhaft niederließen, waren sie auch die ersten, die solche Landschaften bewohnten und formten. Davor wurde Landschaft nicht umgeformt. Wenn eine Landschaft mit Berg, Hügeln oder Schlucht in irgendeiner Form die Weiblichkeit und Mütterlichkeit der Göttin Erde manifestierte, wurde sie zur konkreten Landschaftsgöttin mit einem konkreten Namen. Die frühesten Siedler richteten ihre Häuser und besonders ihre Kultbauten nach ihr aus, sie konnten wörtlich "im Schoß der Erde" oder "am Busen der Natur" ruhen. Dabei formten sie durch Megalithbauten oder großräumige Erdbilder die Landschaft nach, womit sie einen bestimmten, weiblichen Zug der Erdgöttin, der sich am jeweiligen Ort zeigte, verstärkten. Außerdem wurden die Kultplätze durch Linien verbunden. Diese waren entweder schnurgerade Kultlinien, die zugleich als Sichtlinien dienten, oder sie waren gebogene Linien, die durch ihre Verbindung der Kultplätze ein großes Landschaftbild ergaben, das wiederum ein Nachbild der Göttin war. Auf diese Weise entstanden die sakralen Landschaften, die "Landschaftstempel", die immer Tempel der Urgöttin Erde waren (vgl. dazu auch das chinesische Feng Shui, dessen Prinzipien aus dem vorpatriarchalen China stammen. Anm. d. Re