Ganzheitliche Ökologie

von Marko Pogačnik erschienen in Hagia Chora 11/2001

Während ich mich vertieft mit der Frage beschäftigte, was Geomantie heute für mich bedeutet, hat sich die Antwort in sieben Punkten verdichtet. Sie sind nicht als Richtlinien gemeint, sondern eher als Inspirationen zur Weiterentwicklung der Geomantie. Warum gerade sieben Punkte? Weil es nicht angemessen ist, bei den Fragen der Geomantie die Gesetzmäßigkeiten der Geometrie außer Acht zu lassen.
- Moderne Geomantie ist im Grunde ganzheitliche Ökologie.
- Eine lebendige Geomantie ist jeweils diejenige, die auf den Zeitgeist der gegenwärtigen Epoche eingestimmt ist.
- Unmittelbare Wahrnehmung ist die Grundlage einer zukunftweisenden Geomantie.
- Wir brauchen Geomantie, um den Raum zu schaffen und aufrechtzuerhalten.
- Raum- und Erdheilung sind ein zeitbedingter Bestandteil der modernen Geomantie.
- Eine liebende Beziehung zu allen Ebenen des Seins und ein hoher ethischer Anspruch sind Voraussetzungen für die kulturelle und politische Integration der Geomantie in das soziale Gewebe der Gegenwart.
- Geomantie wird heutzutage mit einem Erdenraum konfrontiert, der sich mitten in einem epochalen Wandel befindet.

Moderne Geomantie ist ganzheitliche Ökologie

Jede Kultur hat eine eigene Art der Beziehung zum Raum und zur Mitwelt der Natur entwickelt, eine Beziehung, die man im Westen Geomantie oder neuerdings auch Feng Shui nennt. In der heutigen Epoche des Abendlandes gestaltet sich diese Beziehung aus einer außergewöhnlichen Perspektive. Es gab wohl nie zuvor eine Kultur, die ihr geomantisches Weltbild aufgrund einer tiefgreifenden Trennung zwischen dem Menschen und dem Erdkosmos entwickelt hätte. Es handelt sich gewissermaßen um eine "negative Geomantie", eine Geomantie des Vergessenhabens und der freien Ausbeutung der Erde, des Mitmenschen und der Natur. Die entscheidende Wende ist erst vor etwas mehr als dreißig Jahren durch die weltweite ökologische Bewegung eingetreten, in der man begann, Tiere, Pflanzen und Landschaften in ihrer Eigenart zu schützen. Als eine Wissenschaft des rationalen Paradigmas kann die Ökologie unsere planetare Heimat (griechisch oikos = Heim) nur flach, das heißt eindimensional begreifen. Die so genannte Tiefenökologie hat immerhin durch Einbeziehung philosophischer und seelischer Aspekte eine zweite Stufe der Ökologie entwickelt. Vor diesem Hintergrund kann man die moderne Geomantie als eine dritte Stufe der ökologischen Bewegung verstehen. Sie erweitert das flache Konzept der klassischen Ökologie durch eine mehrdimensionale Sichtweise, bei der auch die unsichtbaren Ebenen der Wirklichkeit ihren Platz finden. In dieser Synopse gewinnt die Ökologie einen holistischen Charakter, und die Geomantie wird mit ihrer historischen Aufgabe in der Gesellschaft wahrgenommen und akzeptiert, nämlich eine ausgewogene Beziehung zu allen Wesenheiten und Dimensionen des Erdraumes zu pflegen und in den kulturellen Aktivitäten umzusetzen.

Lebendige Geomantie wächst aus dem Zeitgeist

Die Trennung zwischen Mensch und Erde, die unsere Epoche kennzeichnet, hat einerseits zu einer schmerzhaften Entfremdung geführt, andererseits aber auch die Entwicklung des hoch individualisierten menschlichen Bewusstseins ermöglicht. Wenn man als moderne(r) Geomant(in) das Wissen vom Raum und von der Mitwelt neu heranbilden möchte, kann man sich nicht mehr ohne weiteres auf das Wissen der vorausgegangenen Kulturen berufen, das dem kollektiven Stammes- oder Kulturbewusstsein entsprang. Wir sind heute aufgefordert, aus der Distanz des erwachten individuellen Bewusstseins - aufgrund der persönlichen Verantwortung und aufgrund der persönlichen Kreativität - eine andersartige Nähe zur Erde, zur Natur und zum Raum zu suchen und zu verwirklichen. Die Anwendung des traditionellen geomantischen Wissens ist folglich nur dann sinnvoll, wenn es entsprechend gewandelt mit der Epoche der Individualisierung in Einklang steht. Sonst sind seine Methoden in unseren Händen Relikte einer Realität, die es nicht mehr gibt. Das gilt gewiss weniger für Kulturen und Stämme, die ihre Integrität bewahrt haben und weiterhin in ihrer Tradition leben. Um Missverständnisse zu vermeiden: meines Erachtens kann man in der Geomantie ohne weiteres eine mittelalterliche, keltische oder Feng-Shui-Sprache verwenden, solange man durch seine persönliche Herzensverantwortung zu einem gewissen Ort oder zur Landschaft als einem Phänomen der Gegenwart in Beziehung steht.

Unmittelbare Wahrnehmung der Wirklichkeit

Es ist kaum möglich, persönliche Erfahrungen vom Raum und dessen Wesenheiten zu machen, wenn man nicht lernt, geomantische Phänomene unmittelbar wahrzunehmen. Durch die Wahr - nehmung, sei es durch eine Resonanz, die in den persönlichen Kraftfeldern entsteht, durch Körper- oder Gefühlsreaktionen, durch innere Bilder, Intuition etc. entsteht der wahrhaftige Kontakt mit dem lebendigen Gegenüber. Dadurch wird eine Basis geschaffen, welche die Kommunikation und das Zusammenwirken mit den verschiedenen Wesenheiten und Ebenen des Raumes ermöglicht. Zur Verdeutlichung meiner Haltung möchte ich betonen: Radiästhetische und wissenschaftliche Messmethoden stellen eine kostbare Möglichkeit dar, unsere Wahrnehmungen zu präzisieren, zu verstehen oder manchmal auch zu prüfen. Es ist jedoch meiner Einsicht nach einzig durch die unmittelbare geistig-seelische Erfahrung möglich, die Wahrhaftigkeit des Kontaktes mit dem Lebensgewebe jenseits der traditionellen oder persönlichen geomantischen Konzepte sicherzustellen.

Geomantie schafft Raum

Wie die Zeit ist auch der reale Raum nicht etwas Selbstverständliches, sondern eine kulturelle Schöpfung. Es gibt wohl eine Art Ur-Raum, den Raum an sich, der die Mehrdimensionalität als Anlage in sich birgt und aufgrund derer die Realität des jeweils gegenwärtigen Raumes gestaltet wird. Die Art der Geomantie, die eine Kultur hegt und pflegt, entscheidet über die Qualität des Raumes, in dem sich die entsprechende Kultur entfaltet. Wir leben in einer durch den Verstand geprägten Kultur und haben folglich erreicht, dass der Raum nur diejenigen Dimensionen zeigt, die für die - dem Verstand entsprechende - Logik gut nachvollziehbar sind. Parallel zur Verengung unserer Wahrnehmungsfähigkeiten sorgt die Kultur dafür, dass alle anderen Dimensionen und Ebenen des Raumes im unsichtbaren Bereich unterdrückt bleiben. Wenn wir uns als an der Ganzheit des Lebens interessierte Menschen dafür einsetzen möchten, dass ein neuer Raum entsteht, in dem alle Aspekte des Lebens ihren Platz finden, dann müssten wir eine dafür geeignete Geomantie entwickeln. In diesem Sinne ist Geomantie kein passives Wissen, sondern eher ein kulturkreatives Werkzeug. Es ist die Kraft der Imagination, die bewirkt, dass der Raum unter dem Einfluss der menschlichen Aufmerksamkeit so erschaffen wird, wie die betrachtenden und wahrnehmenden Menschen ihn sehen.

Erd- und Raumheilung in der modernen Geomantie

Einstmals waren Orte und Landschaften rein, ausgeglichen und geomantisch gepflegt. In der neuzeitlichen Epoche der Entfremdung wurden und werden sie oft misshandelt, destabilisiert, ausgebeutet und sogar dämonisiert. Es ist nicht mehr möglich, eine ideelle Geomantie zu betreiben, die den Schmerz und das Unglück der Mitwelt einfach übersieht. Jedoch wäre eine Konzentration auf das Negative im Raum falsch. Es geht nicht um eine Bekämpfung des Negativen. Wandlung, Tod und Auflösung sind so wie Regeneration und das Aufblühen ein Teil des Lebenszyklus. Sie gehören zu den Kräften des Lebens, durch die Erneuerungsprozesse innerhalb des Kosmos möglich sind. Es geht vielmehr darum, eine Geomantie des Mitgefühls zu entwickeln, die wie in einem breiten Wasserlauf die herzlosen Handlungen der gegenwärtigen Zivilisation abfließen lässt, die einen heilenden und Frieden unter den Wesenheiten des Erdraumes bringenden Impuls setzt und aufrechterhält. Letztlich geht es auch um den karmischen Ausgleich. Der Erdraum wurde uns Menschen als ein Lern- und Entwicklungsraum angeboten. Wir dürfen auch Fehler machen, darin sehe ich keine Schuld. Wir sind jedoch verpflichtet, einen karmischen Ausgleich zu leisten und damit die Hürden abzuräumen, welche die Selbstheilungskräfte der Natur unterdrücken. Solange der Mensch den ersten Schritt zur Heilung der gestörten Plätze oder Landschaften nicht getan hat, ist die Natur nicht frei, selbst für ihre Harmonisierung zu sorgen.

Liebende Beziehung zu allen Wesenheiten

Es ist kein Geheimniss mehr, dass Geomantie in den letzten Jahrhunderten zu oft als Werkzeug der Machtausübung und Unterdrückung missbraucht wurde. Dafür ist nicht nur die Ära der faschistischen und kommunistischen Regimes verantwortlich, sondern auch die Ära der gewalttätigen Kolonisierung anderer Völker und Kulturen der Erde, die in getarnter Form bis zum heutigen Tag weitergeführt wird. Deswegen ist es nicht zu erwarten, dass das geomantische Wissen in die gesellschaftlichen Strukturen integriert wird, ohne dass es eine grundlegende Wandlung und Neukonstituierung erfährt. Es bedarf einer tiefgreifender Bemühung seitens aller, die an der Wiederentdeckung der Geomantie beteiligt sind, um das geomantische Wissen vollständig zu erneuern und es aus den karmischen Bindungen zu lösen. Und dieses Ziel kann selbstverständlich keinesfalls erreicht werden, wenn wir uns nicht zu ethischen Kriterien bekennen, die eine Wiederholung des Missbrauchs von Geomantie ausschließen. Ethische Kriterien zu starren Normen versteinern zu lassen, kann jedoch nicht die Lösung sein. Wenn Geomantie ein Wissen über die subtilen Gleichgewichte ist, dann lasst uns diese Gleichgewichte als erstes im eigenen Leben verkörpern. Es geht darum, die Gefühls-, ja die Herzensebene durch die zeitgenössische Geomantie einen unmittelbaren Ausdruck finden zu lassen - als Ausgleich zur allgemein herrschenden mentalen Macht.

Der Erdenraum im epochalen Wandel

Der letzte meiner sieben Punkte bezieht sich auf die zukunftsweisende Aufgabe der Geomantie im Zusammenhang mit dem so genannten Wandlungsprozess der Erde und des Menschen. Meiner Wahrnehmung nach - und damit bin ich nicht allein - wurde vor drei, vier Jahren im Erdraum ein Selbstheilungsprozess in Gang gesetzt, der letztlich zu einer Neuorganisierung des planetaren Raumes führt. Die Erde als eine gewaltige Intelligenz hat eine Reihe von Impulsen initiiert, die meiner Einsicht nach der Verengung des Erdraumes auf die logisch nachvollziehbare Ebene entgegenwirken. Dementsprechend erwacht bei immer mehr Menschen ein Gefühl für die Mehrdimensionalität des Raumes, und dies wiederum ermöglicht die Offenbarung der Vielschichtigkeit von Raum und Mensch. Ohne das Wissen über die Möglichkeiten, wie man Erfahrungen von Mehrdimensionalität handhaben kann, so wie sie derzeit in der zeitgenössischen Geomantieentwicklung erforscht werden, könnte der moderne Mensch plötzlich wie ein Blinder in einem Raum erwachen, von dem er keine Ahnung hat, und in dem er auch keine Werkzeuge besitzt, um sich darin zurechtzufinden. Das wäre eine Kulturkatastrophe. Das Wiedererwachen der Geomantie im modernen Bewusstsein kann man als kollektive Intuition verstehen, die dem möglichen Verlust des Raumes entgegenwirkt. Aufgrund dieser Intuition sind weltweit viele Einzelpersonen im Bereich Geomantie - unterschiedlichen Vorgehensweisen folgend - tätig geworden. Vielfältige Zugänge zur Mehrdimensionalität der Erde und ihres Raumes werden entwickelt. Dies eröffnet die Chance, dass künftig jeder Mensch - wenn seine Zeit dazu reif ist - den ihm entsprechenden Zugang zum gewandelten Raum vorbereitet finden kann. Dem Pluralismus der neu entstehenden Kultur entspricht eine pluralistische Geomantie.