Globalisierung - eine neue Etappe der Evolution?

von Elisabet Sahtouris erschienen in Hagia Chora 11/2001

Ich möchte Sie gern zu einem Schnellkurs einladen, bei dem ich Ihnen zeige, wie sich ein spirituelles Universum selbst verkörpert - nicht nur in Ihnen oder in mir, sondern im ganzen Planeten Erde und allen seinen Einwohnern. Dabei streifen wir drei wichtige Punkte: Erstens, wir sind Teil eines lebendigen Planeten in einem lebendigen Universum; zweitens, die Muster der planetaren Evolution helfen uns, den gegenwärtigen Menschheitsprozess der Globalisierung zu verstehen; und drittens, wir befinden uns mitten in einer Reifephase unserer Spezies. Wir bewegen uns vom Konkurrenzprinzip hin zur Kooperation, von einer auf Angst basierenden Wirtschaftsform hin zu einer Ökonomie, die auf Liebe gründet.

Leben - einmal anders betrachtet

Fortschritte in Physik, Biologie und Komplexitätstheorie (ein Zweig der Informatik) in den letzten Jahrzehnten haben die Wissenschaft zu einer Weltsicht gedrängt, in der die Natur als Ergebnis selbstorganisierter Energie oder Information begriffen wird. Biologen sagen dazu Autopoiesis (griechisch), was wörtlich "Selbst-Erschaffung" bedeutet und eine neue Definition von Leben darstellt: Alles, was sich fortwährend selbst erhält, ist eine lebende Entität. Maschinen tun dies bekanntlich nicht. Vielen Aspekte der Wissenschaft machen sichtbar, dass das Universum kein gigantisches Uhrwerk darstellt. Autopoiesis sagt auch nichts über Reproduktion oder Größenverhältnisse aus; wenn Sie also keine Kinder haben, ist das o.k., Sie leben dennoch! Man hat uns zwar im Biologieunterricht beigebracht, alle lebenden Systeme müssten sich fortpflanzen; mit dieser neuen Definition von Leben können wir nun beim Anblick des ganzen Universums sagen: "Es lebt!" Wir wissen, das Leben ist kein Ding, sondern ein Prozess. Der Prozess des sich ständig selbst Erschaffens und Erhaltens ist in der Physiologie als Metabolismus (Stoffwechsel) bekannt - ein zweiphasiger Zyklus, der zwischen Anabolismus (Aufbau) und Katabolismus, (Abbau) schwingt. Ähnliches geschieht auf kosmischer Ebene, wenn auch von der Wissenschaft kaum wahrgenommen. Immerhin in der Biologie ist der zweiphasige Prozess des Auf- und Abbaus anerkannt; die Physik allerdings beharrt darauf, das Universum folge einer Einbahnstraße des Zerfalls in Richtung immer größerer Unordnung. Dieser Vorgang ist als Entropie bekannt, oft vereinfachend als "Hitzetod des Universums" umschrieben. Demnach versinkt alles, was existiert, schließlich und endlich in thermodynamischem Mus. Womöglich ist aber Entropie eben nichts anderes als die katabolische Seite eines universalen Kreislaufs. Die andere Seite der Entropie heißt Syntropie: der Aufbau von Ordnung und Leben, eine Art kosmischer Anabolismus. Neuere kosmologische Theorien zeigen, dass es neben den Schwarzen Löchern, welche die Materie in ihrer Umgebung verschlingen, auch noch Weiße Löcher im All gibt, die neu erschaffene Materie und Energie ausspeien. Mit diesem vollständigen Kreislauf von Entropie und Syntropie können wir nun von einem lebenden Universum in des Wortes voller Bedeutung sprechen. Das Hubble-Teleskop funkt uns großartige Bilder von Sternen-Geburten und Sternen-Toden zu, die das große kosmische Recycling von Energie und Information, den universalen Anabolismus und Katabolismus bezeugen. Auf diese Weise trat schließlich auch unser Sonnensystem ins Leben: Eine gewaltige Supernova-Explosion vor rund fünf Milliarden Jahren gebar ein neues Sternensystem - eines, das unsere Erde enthielt, geformt aus den schwereren Elementen, die aus dem Schmelzofen des alten Sterns freigesetzt wurden. Zur Erinnerung: In der (neuen) Definition von Leben spielen Größe und Fortpflanzung keine Rolle mehr. Wir dürfen nun endlich die Erde als autopoietische Einheit begreifen, als selbstorganisierter Sternenstaub mit metabolischen Zyklen. Aus passender Perspektive betrachtet, erkennen wir, dass unser Planet ebenfalls mit metabolischem Recycling beschäftigt ist. Einen der großen Zyklen der Erde bezeichne ich als "Geo-Metabolismus" (Erd-Stoffwechsel): die ständige, sich von innen nach außen vollziehende Umwälzung des Planeten. Beispielsweise steigt fortwährend heißes Magma aus dem tiefen Erdinneren zur Oberfläche, tritt durch Risse auf dem Meeresboden oder durch Vulkane aus und bildet neue Kruste. Inzwischen ist fast kein Urgestein mehr auf der Erdoberfläche verblieben. Eine andere Art von Geo-Metabolismus stellen Klima und Wetter dar. In den großen äquatorialen Systemen - in Indonesien, Afrika, Südamerika - pumpen Regenwälder einen Großteil der Luft hoch in die Atmosphäre und schicken sie zu den Polen, wo die Feuchtigkeit im Niedersteigen als Schnee ausfällt; damit treiben sie die Ozean- und Windströmungen an und halten unser Klima gesund und im Gleichgewicht. Eine weitere, diesmal sehr rasch ablaufende Art von Geo-Metabolismus, den der russische Geologe Vladimir Vernadsky erkannt hat, sind die Heuschreckenplagen. Manchmal entstehen urplötzlich Kubikkilometer von tierischer Materie aus pflanzlicher Materie, die sich wiederum aus Samen und Boden selbst hervorgebracht hat. Dann bricht die Heuschreckenplage so schnell, wie sie entstanden ist, wieder zusammen, weil dem Schwarm die Nahrung ausgeht, und was einmal lebendige tierische Materie war, verwandelt sich wieder zu lebendiger Erde. Ist das nicht ein wunderbares und dramatisches Symbol des Lebens? - Im Lauf der Zeit recycelt sich alles Leben selbst mit Hilfe der Geologie. Da wir ja wissen, dass das Leben "Staub ist und zum Staube wieder zurückkehrt", sollte uns die Erkenntnis, wie hauchdünn die Grenze zwischen Biologie und Geologie ist, nicht sonderlich erstaunen. Das Leben auf der Erde kommt aus der Erde und recycelt sich selbst zurück in das lebendige Gewebe der Planetenmutter.

Das erste World Wide Web

Ich wende mich nun den Eigenschaften eines Evolutionszyklus zu, der überall und quer durch Zeit und Raum, in der winzigsten Nische der Biologie ebenso wie im größten kosmischen Prozess stattfindet. Er beginnt immer mit der Einheit, aus der sich Individuen lösen - genau wie die uralte vedische Schöpfungsgeschichte, in der sich aus der ruhigen See eine kleine Elementarwelle formt und von da an hin- und hergerissen ist zwischen der Verliebtheit in die eigene Individualität und dem Verlangen, wieder im Einen zu verschmelzen. Diese universale Spannung zwischen dem Teil und dem Ganzen sowie zwischen den einzelnen Teilen treibt die Evolution an. Individuation führt immer zu einer gewissen Spannung und zum Konflikt. Und wenn die einzelnen Teile sich nicht gegenseitig umbringen, so beginnen sie zu verhandeln. Verhandlungen können die Spannung lösen, indem sie vom Konflikt zur Kooperation und dann zu einer neuen Stufe von Einheit führen.
Man hat ein gutes Beispiel für diesen Ablauf gefunden: Junge Spezies legen extrem kompetitive Eigenschaften an den Tag legen: Sie beanspruchen alle verfügbaren Ressourcen, raffen Territorium an sich und vermehren sich wie wild. Klingt das nicht irgendwie bekannt? Viele Arten aber haben es geschafft, erwachsen zu werden, Güter und Territorien zu teilen, zu kooperieren. Das ist es, was sie am Leben erhält. In ökologischen, symbiotischen Beziehungsformen wird das, was eine Art der anderen geben kann, zu einer Art Lebensversicherung. So sieht die kooperative Variante der Evolution aus, und die gibt es schon seit Anbeginn des Lebens. In der Genesis nach wissenschaftlicher Lesart diversifizierte sich die Erdkruste zunächst in Bakterien. Mit unermüdlichem Erfindungsreichtum entwickelten die Bakterien viele, viele Lebensstile und Technologien. Ob man es glaubt oder nicht, sie erfanden sogar Elektromotoren, Atommeiler und Polyester (in ihrem Fall ist alles selbstverständlich zu 100% biologisch abbaubar). Ihre wichtigste Erfindung war jedoch das erste World Wide Web. Über Milliarden von Jahren hinweg trieben die Bakterien untereinander Handel mit genetischer Information, und das tun sie auch heute noch. (Man stelle sich ein globales Netzwerk unterschiedlicher Bakterienstämme vor, die ohne jede zentrale Kontrolle permanent DNA-Botschaften austauschen, und man hat eine Art biologisches Internet). Selbstverständlich mussten die Bakterien einiges an Spannungen und Verhandlungen bewältigen, bevor die dicken Einzeller mit Zellkernen - die Art, aus der wir konstruiert sind - entstehen konnten. Die Bakterien durchliefen ihre kompetitive Phase, um allmählich die kooperative Phase zu konsolidieren, deren Nutznießer wir heute sind. Mehrzellige Geschöpfe tauchten erst im letzten Viertel der Erdgeschichte auf. Der große Biologe Lewis Thomas witzelte, dass wir wahrscheinlich so etwas wie Taxis seien, die von den Bakterien erfunden wurden, damit sie problemlos umherreisen können. Vielleicht lag er nur knapp daneben: Ich denke, wir sind Konferenz-Zentren auf zwei Beinen! Das "Human Genome Project" zeigt das ganz deutlich. Wenn Biologen sich wundern, wie es sein kann, dass uralte Bakterien in unserem Genom eingeschlossen sind, juckt es mich zu sagen, "Sie haben wohl noch nie etwas vom alten World Wide Web gehört?"

Eine Lektion in Globalisierung

Evolution findet statt, wenn Stress auf einen Organismus einwirkt; die DNA des Organismus "antwortet" auf diesen Stress, indem sie sich neu organisiert. Barbara McClintock leistete wichtige Pionierarbeit bei der Erforschung dieses Phänomens. Der Nachweis für angepasste, "intelligente" Reaktionen der DNA wurde von verschiedenen Seiten im Lauf des letzten halben Jahrhunderts geführt, und doch wird diese Tatsache bis heute nicht allseits akzeptiert. Die Mehrheit der Wissenschaftler lehnt die Vorstellung nach wie vor ab, dass bei der Evolution eine sub-mikroskopische Intelligenz am Werk sein könnte. Ich halte jedoch das Leben für viel zu intelligent, als das es mit Hilfe des Zufalles voranschreiten würde - und diese Überzeugung macht mich zur post-darwinistischen Evolutionsbiologin. Ich habe einmal eine Karikatur gezeichnet, auf der ein paar Tiere sagen: "Unsere DNA weiß, was sie tut. Wissen eure Gentechniker das auch?" Obwohl sich die Evolutionstheorie bewegt, gibt es von uns Post-Darwinisten noch nicht allzu viele. Doch unsere Denkweise ist im Kommen. Wir wenden uns von der Idee eines zufälligen Zusammenbaus, von einer Evolution nach dem Lottoprinzip ab, hin zu einer Evolutionstheorie, in der alles Leben in intelligenter Selbstorganisation auf Krisen und Stress reagiert. Dies im Hintergrund, können wir fragen: "Als Spezies haben wir selbst ein paar größere Krisen und Ursachen für Stress in unserer Umwelt erzeugt. Können wir uns nun in Reaktion auf den selbstkreierten Stress auch weiterentwickeln?" Leben ist immer eingebettet in andere lebende Systeme - in Holarchien, wie Arthur Koestler sie genannt hat, wobei jede lebende Entität ein Holon ist. Eine Holarchie ist zum Beispiel eine Zelle, die innerhalb eines mehrzelligen Geschöpfs lebt, das selbst innerhalb eines lokalen Ökosystems existiert, welches wiederum Teil eines größeren Ökosystems ist. Dasselbe gilt für einen Sturm: er lebt auf einem Planeten, und der Planet lebt in einer Galaxie. Betrachten wir nun den Evolutionszyklus, der seinen Ausdruck in der Dynamik aus Eigeninteresse und Kooperation findet. Auf jeder Stufe einer Holarchie treibt das Eigeninteresse ständig Zyklen von Verhandlung, Kompromiss und Kooperation an. (Dies geschieht genau in diesem Augenblick auch so in Ihrem Körper.) Eigeninteresse ist an sich nichts Schlechtes, solange es sich nicht aus dem Gemeinschaftsinteresse ablöst. Wenn wir begreifen wollen, dass wir in einer kooperativen Welt leben, müssen wir Holarchien studieren und erkennen, dass Menschen in Familien, Gemeinden, Nationen, in die ganze Welt eingebettet sind. Könnte sich die menschliche Bevölkerung doch wenigstens einen Teil der uralten Verhandlungstricks aneignen und zu Nutze machen, über welche die Bakterien schon seit Äonen vefügen! Lewis Thomas hat darauf hingewiesen, dass unser Planet mehr einer Zelle gleicht als irgendetwas anderem. Einzeller, die sich in jeder denkbaren Beziehungsform gruppiert haben, sind die eigentliche Grundlage des Lebens auf unserem Planeten. Es ist wohl auch für uns an der Zeit, zu einem ähnlich kooperativen Unternehmen zusammenzufinden. Ich bin davon überzeugt, dass Globalisierung ein natürlicher evolutionärer Vorgang ist, und dass kooperative biologische und ökologische Unternehmungen möglich sind. Globale Zusammenarbeit findet ja bereits auf verschiedenste Weise statt: in der Kunst, beim Reisen und beim Transport, in unserer Kommunikation, im internationalen Geldverkehr, in der Weltraumforschung, in der Arbeit der Vereinten Nationen, in der Wissenschaft und in der Spiritualität. Auf allen diesen Ebenen hat die Menschheit bereits begonnen zu zeigen, dass sie zu globaler Zusammenarbeit fähig ist. Es gibt jedoch ein Problem mit unserer Art des Wirtschaftens: Stellen Sie sich vor, die "nördlichen Industrie"-Organe ihres Körpers hätten die Möglichkeit, das Mark aller Knochen im ganzen Körper für ihren Rohstoffbedarf an Blutzellen auszubeuten. Diese Blutzellen werden in das Herz-Lungen-System verbracht, wo das Blut gereinigt und mit Sauerstoff angereichert wird. Stellen Sie sich weiter vor, dass das Logistikzentrum (in diesem Fall Ihr Herz) einen Preis für das Blut verlangen würde, den einige Organe schlechterdings nicht bezahlen könnten. Würde Ihr Körper in einem solchen System gesund bleiben? Analog hierzu müsste die Welt die Botschaft der Kooperation annehmen, die unser Körper doch so gut kennt. Was wir brauchen, ist verhandeltes Eigeninteresse auf allen Ebenen - die Ebene der internationalen Wirtschaft inbegriffen. So wird zum Beispiel die Welthandelsorganisation (WTO) nur dann erfolgreich sein, wenn sie erkennt, dass sie lokale Wirtschaftskreisläufe unterstützen muss. Die Demonstrationen gegen die WTO sind der Kampf lokaler Ökonomien; die Menschen versuchen, ihrem Eigeninteresse Gehör zu verschaffen. Das ist eine sehr gesunde Reaktion.

"Glokalisierung" - eine neue Erkenntnis

Eine Stammesälteste sagte mir einmal, "jeder, der weiß, wie man einen Haushalt führt, weiß, wie man eine ganze Welt führt." - Weil sie holarchisch denkt, weiß sie, wie die unterschiedlichen Ebenen verbunden sind und wie man verhandelt. Ein ähnliches Verständnis ist für die westliche Geschäfts-Kultur dringend nötig. Um als Gattung zu einer gereiften Humanität zu gelangen, müssen wir unsere Wirtschaftsweise in die richtige Spur lenken. Wir müssen beginnen, in Businessangelegenheiten in holarchischen Begriffen zu denken, und zwar im Bewusstsein, dass wir vier fundamentalen Aspekten Rechenschaft schulden: eben nicht nur dem Profit, sondern auch dem Planeten, den Menschen und den seelisch-geistigen Lebensbereichen. Erinnern wir uns: Alle Spezies entwickeln sich gemeinsam und zur gleichen Zeit, keine kann ihre Entfaltung auf eigene Faust vorantreiben. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns fragen: "Zu welcher Verpflichtung sind wir gegenüber unseren Mit-Lebensformen, die uns überhaupt möglich gemacht haben, bereit?" Sind wir bereit, eine gereifte Spezies zu werden? Werden wir die schlanken Technologien (light-footprint technologies) des "natürlichen Kapitalismus" entwickeln, die Paul Hawken und Amory und Hunter Lovis in ihrem bewegenden Buch vorschlugen? Werden wir lernen, alles zu recyceln, so wie es uns der Rest der Natur vormacht? Werden wir lernen, die Ressourcen der Erde fair mit all den anderen Spezies zu teilen und unseren zukünftigen Generationen das natürliche Kapital zu sichern? Wir haben die Wahl: Entweder wir folgen weiterhin dem Weg des Konkurrenzprinzips und der Gier, oder wir erschaffen eine gleichberechtigte, partizipatorische, gesunde, glückliche, liebevolle und glokalisierte Menschheit. Ich finde, wir sollten das Wort "Globalisierung" in Glokalisierung umwandeln. So würde es uns immer daran erinnern, dass wir global aufeinander angewiesen und verbunden sind, während wir zugleich unsere Wurzeln in der lokalen Gemeinschaft haben.