Zum Begriff

von Regina Ulrich erschienen in Hagia Chora 9/2001

Innerhalb der so genannten alternativen Medizin werden auch Methoden verwendet, die sich als "Radionik" oder "Bioresonanztherapie" bezeichnen und der "Energiemedizin" zugerechnet werden. Leider sind viele der verwendeten Begriffe im herkömmlichen naturwissenschaftlichen Begriffsbild missverständlich, und eine genauere Darstellung der Methoden zur Klärung gegenseitigen Verständnisses erscheint sinnvoll. Den Begriff "Energiemedizin" prägten diejenigen Therapeuten, die sich mit schwachen elektromagnetischen Feldern, Kristallen, Magneten, radionischen Prinzipien, Bioresonanz, Homöopathie, Akupunktur u.ä. befassten. Einer der Präger des Begriffes ist Holger Hannemann mit seinem Buch über Magnetfeldtherapien (Hannemann: Energiemedizin, Der Quantensprung zur Selbstheilung, 1995). Zuvor jedoch eine Diskussion des Begriffes "Energie" in herkömmlicher physikalischer sowie medizinischer Metapher. Die Physik versteht darunter das Potenzial, eine mögliche Arbeit ausführen zu können. Spricht man von "Energiemedizin", wird der Begriff der Energieübertragung assoziiert, der nahelegt, dass mittels einer Methode dem Körper eine gewisse Energiemenge zugeführt wird, z.B. während einer Bestrahlung. Physikalisch wird eine Energiemenge zumeist im Wärmeäquivalent Joule bemessen oder in einem der Bestrahlung entsprechenden Prozess bestimmt (Bestrahlungsdosis). Ein wesentlicher Energieübertrag wird demnach erst bei einer gewissen Erwärmung des Körpers geschehen bzw. nach einer wesentlichen Veränderung des Körpers am Bestrahlungsort. Die genannten Therapieformen übertragen jedoch nur unwesentlich Energie auf den Körper. Ihre therapeutische Wirkung müsste nach diesem einfachen Verständis unter Ausschluss von Placebo-Effekten verneint werden. Deshalb missverstehen viele klassisch ausgebildete Mediziner den Begriff und die subsumierten Methoden und reagieren mit Argwohn und Ablehnung. Der Begriff "Energie" kann hier eher im Sinne einer Übersetzung des chinesischen Terminus Qi oder des von Jochen Köhler (Köhler: Bio-Informationstherapien) geprägten Begriffs "Bio-Information" näher verbunden werden. Wolfgang Ludwig spricht von "Informationsmedizin" (Ludwig: Informationsmedizin). Gleichwohl ist der Begriff "Bio-Information" auch problematisch. Nähert man sich dem Begriff "Energiemedizin" als Verhaltensmuster eines so therapierten Menschen an, so könnte man im Sinne einer im Körper beeinflussbaren "Vitalenergie" vielleicht von einer "Vitalenergiemedizin" sprechen. Was aber bezeichnet "Vitalenergie"? Ist es Nahrungsenergie, Stoffwechselfunktionen, Bewegungsenergie, Wärmetransport, Austausch zwischen den Zellen, emotionale Energie, Kundalinienergie, Qi, Orgonenergie (nach W. Reich) …? Einige Mediziner ordnen z.B. die klassische chinesische Akupunktur der sogenannten "Regulativen Medizin" zu. Regulativ heißt in diesem Verständnis, mittels der therapeutischen Wirkung einer Methode z.B. den Blutdruck zu beeinflussen oder bestimmte Stoffwechselfunktionen zu regulieren. Die Diskussion zeigt, dass die oben genannten therapeutischen Methoden mit herkömmlich besetzten naturwissenschaftlichen Begriffen problematisch zu beschreiben sind. Dennoch müssen bekannte Termini verwendet werden, um neue Methoden begreifbar zu erläutern. Dazu ist es sinnvoll, nach einem gemeinsamen therapeutischen Ziel zu suchen. Diese Idee ist in dem Begriff "ganzheitliche Medizin" enthalten, erklärt jedoch nicht mehr die Ziele der einzelnen Methoden.

Wie entstand der Begriff "Energiemedizin"?

Schon der Begriff "Vitalenergie" ist vielschichtig. In der umgangssprachlichen Verwendung des Wortes "Energie" werden im Sinne von "energetisch" u.a. Gefühle wie menschliche Ausstrahlung, menschliche Resonanz (im Sinne von Übereinstimmung), Lebensqualität, Lebendigkeit, in der Mitte Sein (im Sinne von Gleichgewicht) und ähnliche subjektive Empfindungen emotional assoziiert. Erst an zweiter Stelle werden physiologisch-energetische Phänomene assoziiert. So sagt man nicht zu jemanden, der hungrig ist, er solle Energie zu sich nehmen. Offenbar arbeiten die o.g. therapeutischen Methoden sowohl mit nicht messbaren Empfindungen als auch mit physiologischen Effekten. So wurde der Begriff "Energiemedizin" vermutlich eher assoziativ geprägt. Diese Aussage ist keine Bewertung, sondern eine Anäherung an eine Begriffsfindung und obliegt jeglicher Diskussion. Sensitive Menschen sprechen z.B. von extrasensorischen Wahrnehmungen, die andere als Halluzinationen oder Überempfindlichkeit interpretieren würden. Die Frage ist eher, können solche Empfindungen mit "objektiven" Messmethoden erfasst werden? Oder können physikalische Phänomene, die mit den o.g. Methoden verbunden sind, objektiv messbar erfasst und diskutiert werden? Wie kann es entscheidbar sein, ob die Therapie gewirkt hat, oder der Mensch sich selbständig (mental) reguliert oder nur eine Wechselwirkung zwischen Patient und Therapeut stattgefunden hat? Die Schulmedizin antwortet bei dieser Fragestellung mit statistischen Untersuchungen, so genannten Doppelblindstudien. Solange ein symptomatisches und lokalisierbares Konzept von Krankheit und Therapie vorliegt, können solche Untersuchungen teilweise helfen – und viele Mäuseleben kosten. Günstiger ist es, direkte Reaktionen des Patienten zu messen. Werden schnelle Regulationsprozesse angesprochen, z.B. Blutdruck, Atemfrequenz, neuronale Veränderungen in Muskelfasern, Muskeltonus, kapillare Gewebedurchblutung u.ä., können geeignete Mess-Systeme solche Veränderungen sofort verfolgen. Diese Verfahren nennt man auch Bio-Feedback-Messungen. Die weitaus häufigeren langsamen Regulationen des Körpers über 12 Stunden, Tage oder Wochen sind mit derartigen Maßnahmen nicht eindeutig einer Therapieform zuzuschreiben.

Bioresonanztherapie

Jeder Mensch emittiert eine eigene elektromagnetische Strahlung sehr geringer Intensität über einen weiten Frequenzbereich, dessen Spektrum dem thermischen Rauschen ähnelt. Bei der elektromagnetischen "Bioresonanztherapie" wird dieses Signal genutzt. Über eine Handelektrode wird das Rauschsignal vom Körper des Patienten aufgenommen. Das Rauschspektrum wird zumeist auf den Niederfrequenzbereich (einige Hz bis 1 kHz ) begrenzt und vom impedanzangepassten Verstärker als verstärktes Signal auf eine weitere Handelektrode dem Patienten wieder zugeführt. Somit ähnelt diese Therapie der einer Eigenbluttherapie im Sinne eines verstärkten körpereigenen Signals. Bei dem Verfahren wird der Begriff der "Inversion" verwendet. Damit ist eine Phasenumkehr des verstärkten, rückgeführten Signals gemeint. Das ist aus zweierlei Sicht problematisch. Zum Einen ist elektrotechnisch nicht verständlich, wie ein Signal, das aus der Interferenz vieler stochastischer Einzelfrequenzen zusammengesetzt ist, sinnvoll phaseninvertiert werden kann, wenn eine beliebige Phasenlage der Einzelsignale vorliegt. Zum Anderen ist unwahrscheinlich, dass die vom Körper emittierten Wellen eine genügende örtliche und zeitliche Kohärenz aufzeigen und als konstruktiv interferierende Wellen ausgesandt werden könnten. Sollten Körperzellen spezielle elektromagnetische Wellen emittieren, ist es dennoch unwahrscheinlich, dass viele Schwingungen sich konstruktiv überlagern und somit ein spezifisches Spektrum erzeugen. Die Vielfältigkeit unseres komplexen Körperfeldes spricht dagegen. Es wird häufig damit argumentiert, dass sogenannte "Schadsignale" mittels "Inversion" gelöscht würden. Eine destruktive Interferenz von Schwingungen kann nur dann stattfinden, wenn es sich um monochromatische, anteilsmäßig in entgegengesetzter Phase schwingende Wellen handelt. Dies ist jedoch sehr unwahrscheinlich, so dass von einer "Löschung" nicht gesprochen werden kann. Der verwendete Begriff "Resonanz" wird auch hier in verallgemeinerter Bedeutung verstanden. Ein System schwingungsfähiger Teilchen ist in Resonanz mit einer Anregungsfrequenz, wenn es mit überhöhter Amplitude schwingt. Dies geschieht vor allem bei Anregungsfrequenzen, die im Bereich von Eigenfrequenzen des Systems liegen. Je komplexer ein System aufgebaut ist, umso mehr Freiheitsgrade der Bewegung sind vorhanden, und umso mehr Eigenschwingungen sind möglich. Befindet sich das System zudem in Selbsterregung, koppeln Bewegungen vielfach untereinander zu neuen, häufig irregularen Bewegung. Das schwingungsfähige System reagiert zunehmend chaotisch. Eine äußere Anregung kann unter diesen Umständen nicht mehr eindeutig ankoppeln. Auch ein direktes resonantes Mitschwingen wird zunehmend unwahrscheinlich. Nach diesem Verständnis wäre eine simple Resonanz einzelner Bausteine des Systems Mensch eher unwahrscheinlich, vor allem, wenn mit speziellen Anregungsfrequenzen argumentiert wird, die sich selektiv auf einzelne, irgendwo im Körper befindliche Zellen beziehen. Wenn jedoch "Resonanz" im übertragenen Sinne als "sich im Einklang befinden" gedeutet wird, könnte ein Biofeedbacksignal dem spektralen Anteil des elektromagnetischen Körperfeldes sozusagen einen einen "Spiegel vorhalten". "Bioresonanztherapie" wäre somit eine Therapie, die das elektromagnetische Selbstregulationssystem des Körpers stimuliert und dabei die Abwehrlage verbessert. Insofern könnte diese Therapieform in diesem Bild als eine Art Regulationsmedizin verstanden werden.

Radionische Verfahren

"Radionische" Heil- oder Messverfahren verwenden das Prinzip des mentalen "Auspendelns" (mittels Biotensor) durch den Therapeuten, während ohmsche Widerstände im radionischen Gerät auf bestimmte Art eingestellt sind. Der Kern des Gerätes besteht aus besonders geschalteten Widerstandskaskaden. Der Einstellung der Widerstände entsprechen beim radionischen Prinzip Frequenzen, denen spezielle Krankheiten zugeordnet werden. Der Begriff Frequenz wird auch hierbei missverständlich verwendet. Ein schwingungsfähiges System wird durch seine Eigenfrequenz charakterisiert. Um welche Eigenfrequenz sollte es sich bei der Einstellung von Widerstandskaskaden handeln, wenn es keinen vollständigen elektromagnetischen Schwingkreis gibt? Eine Erklärungsmöglichkeit wäre folgende: Das radionische Verfahren sei mit einem Sender(Therapeut)-Empfänger(Patient)-Prinzip vereinbar, wobei die Antenne (radionisches Gerät) des Senders vom Therapeuten selbst abgestimmt wird. Das Gerät kann als Antenne "frequenzabhängig" verstimmt werden und dabei ein anderes Impendanz- und Resonanzverhalten erhalten, vergleichbar mit abstimmbaren breitbandigen Hochfrequenzantennen. Dabei bleibt unverständlich, dass es sich nicht um eine sichtbare Dipolantenne handelt, sondern nur um Widerstandskaskaden. Der "Sender" wäre das elektromagnetische Körperfeld des Therapeuten in Verbindung mit der abgestimmten Widerstandskaskade. Damit könnte der elektromagnetische "Sender" des Therapeuten auf den Patienten "umgestimmt" sein, wobei nicht klärbar ist, ob es sich um eine mentale Einstellung handelt oder ob wirklich eine elektromagnetische Feldänderung stattfindet. Selbst die hier genannten Erklärungshilfen sind "Krücken", um verbesserte Erkenntnis für nur teilweise physikalisch verständliche Phänomene zu finden. Eigentlich ist es der Mensch selbst mit seinen sensitiven Wahrnehmungen und Reaktionen, der die Effektivität und Qualität eines Verfahrens bewertet. So kann eine Therapie vollständig von den Fähigkeiten eines Therapeuten abhängig sein, und die Geräte stellen nur Hilfsmittel zur Kontrolle der Wirkung dar. Ferner sind Therapieverfahren von der Akzeptanz des Patienten abhängig. So wäre es auch denkbar, dass die (telepathische) Kommunikation beim Verfahren der Radionik zwischen Patient und Therapeut verbessert werden und somit das heilende Feld des Therapeuten besser wirken kann. Im modernen Jargon der Musik würde die hier angesprochene Diskussion über Energiemedizin als ein Crossover von sensitiven Wahrnehmungen, Technik und analytischem Denken von Subjekt und Objekt in Medizin, Naturwissenschaften, Kunst, Philosophie und Musik benannt werden. Es zeigt uns, dass es nichts Komplexeres und nichts Wesentlicheres gibt, als den Weg der Erkenntnis zu vervollkommnen. So besteht die Schönheit von Musik in der Unkenntnis der wirklichen Klangerzeugung. Es ist gerade nicht die Perfektion einer Sinusschwingung, die den Inhalt von Musik darstellt. Ebenso entsteht in der Spannung von Widersprüchen, vor allem in der Medizin, die Realisation von Leben und Wirken.