Mutterleib Erde

Die Landschaft als belebter Organismus im chinesischen Feng Shui

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 10/2001

Anlass für diese grundlegende Arbeit war die Frage der Redaktion nach Parallelen zwischen dem Konzept des Qi in der traditionellen chinesischen Medizin und im Feng Shui: Welcher Zusammenhang bestand im chinesischen Altertum zwischen dem Qi der Erde und dem Qi des menschlichen Körpers? Manfred Kubny belegt mit Zitaten aus der chinesischen Philosophie aller Epochen, dass die Grundlage der Auffassung von Natur die Idee der Einheit des Qi ist. Darauf baut eine subtil differenzierte Betrachtung von innerer und äußerer Natur auf. Das Sheng Qi als belebende und befruchtende Kraft entströmt der Erde, die als lebendiger Organismus verstanden wird. Es zeigt sich augenfällig, dass auch die chinesische Geomantie in der Erfahrung der Landschaft als weiblicher Körper wurzelt.
(Die Quellenangaben zu diesem Artikel finden Sie !-URL=http://www.geomantie.net/content/article/id__art_3bd189280a008-TARGET=_self-!hier.!-/URL-!)

Traditionelle chinesische Wissenschaften, und somit auch das Feng Shui, tragen stets eine tiefe Erkenntnis über die Natur in sich. Sie bilden auf allen Betrachtungsebenen Parallelen zwischen dem menschlichen Körper und der ihn umgebenden Natur. Die menschliche Umgebung ist im Weltbild des chinesischen Altertums eine Verschmelzung von Natur und Belebung, ein Wechselspiel von Wildnis, Bergen und dem Rhythmus von Tag und Nacht. Alle Erscheinungen in diesem Weltbild sind Manifestationen von Qi, einer je nach Kontext einmal als materiell, ein anderes Mal als rein animistisch aufzufassenden universellen Kraft - wir können sie getrost als Urstoff oder Lebenskraft auffassen. Doch für das Konzept "Qi" lässt sich kein zusammenfassendes, eindeutiges Wort finden - zu groß ist das Spektrum, das dieser Begriff impliziert. Tatsache ist, dass alle Vorstellungen der alten chinesischen Welt und damit auch deren Wissenschaften auf demselben Konzept des Qi aufbauen. Somit ist Qi das allumfassende verbindende Glied der klassischen chinesischen Weltordnung. Solche Aussagen finden sich schon im Yijing, dem Buch der Wandlungen, (wahrscheinlich Zhou-Zeit 1030-722 v. Chr.), und im grundlegenden klassischen Werk der chinesischen Medizin, dem Huangdi Neijing, "Der innere Klassiker des gelben Kaisers", (ca. 2.-1. Jahrhundert v. Chr.). In allen Epochen herrschte die Auffassung, dass
- der Himmel aus Qi,
- die Erde aus Qi,
- der Mensch aus Qi und
- die 10000 Dinge aus Qi
erzeugt worden sind und alle belebten und unbelebten Dinge sowie die anderen Phänomene der Natur diese gemeinsame Quelle haben. Der durch Qi gegebene prinzipielle Zusammenhang aller Dinge wird in der philosophischen, medizinischen und Feng-Shui-bezogenen Literatur Chinas immer wieder betont. Er ist die bis zur äußersten Konsequenz realisierte Synthese der im frühen chinesischen Altertum gepflegten Auffassung, dass die Erde ein großer belebter Organismus oder Körper sein muss. Diese war Grundlage für das chinesische Verständnis vom Wesen der Welt und beherrschte das Denken aller chinesischen Epochen. Der daoistische Autor Wu Guanzi (4. Jhdt.v.Chr.) fasst seine Erkenntnisse in dem Satz zusammen: "Himmel und Erde werden aus dem ursprünglichen Qi‘ (yuanqi) gebildet." Der berühmte daoistische Philosoph Zhuangzi (369-286 v.Chr.) stellte fest: "Das Leben des Menschen ist eine Zusammenballung von Qi." Der neokonfuzianische Denker Zhang Zai (1020-1077 n.Chr.), der eine noch heute als hochmodern zu bezeichnende Philosophie über Leere und Qi begründete, schrieb: "Alles, was Stärke hat, existiert. Alles, was existiert, hat Gestalt. Alles, was Gestalt hat, ist Qi." Der idealistische Philosoph Cheng Hao (1032-1085), der jeden Tag kleine Fische in einem Wassereimer beobachtete, damit er deren Lebensimpuls erkannte, kam zu der Auffassung: "Himmel und Erde und Wesen sind ein Körper." Der hochdekorierte Ming-zeitliche Gelehrte Wang Tingxiang (1474-1544) äußerte in seinem Werk Shen Yan, "Vorsichtige Worte", sich ebenso: "Der Mensch und der Himmel, Erde, Geister wie auch Dämonen und Wesen sind ein Qi." In diesem Kontext des einheitlichen gemeinsamen Ursprungs im Qi ergaben sich zwangsläufig auch Parallelen bei der Betrachtung des menschlichen Körpers und des ihn umgebenden Raumes. Dabei eröffneten sich zwei Betrachtungsweisen, die in der Analogie zwar dieselbe, hinsichtlich des zu betrachtenden Objekts jedoch vollkommen unterschiedliche Perspektiven einnehmen:
1) Die Betrachtung des menschlichen Körpers als ein Abbild der Natur,
2) Die Betrachtung der Natur als ein Abbild des menschlichen Körpers.

Es gibt nur ein Qi

Sowohl im Huangdi Neijing ("Der innere Klassiker des gelben Kaisers") als auch in bedeutenden daoistischen Werken der Langlebigkeitstechniken wie dem Zhouyi Cantong Qi ("Emblematisches Gegenstück zum Buch der Wandlungen", ca. 2. Jhdt.n. Chr.) werden Analogien zwischen Natur und Mensch gebildet und die Ähnlichkeiten zwischen dem "in der Natur wirkenden Qi und dem im Menschen wirkenden Qi"7 besonders hervorgehoben. Dieses Denken findet sich ebenso in dem wenig bekannten Werk Huangting Jing ("Klassiker der gelben Halle", 3. Jhdt.n.Chr.), das sich in die beiden voneinander unabhängigen Teile Huangting Neijing Jing ("Klassiker der gelben Halle der inneren Szenerie") und Huangting Waijing Jing ("Klassiker der gelben Halle der äußeren Szenerie") unterteilt. Das Huangting Jing wurde stark von Vorstellungen des religiösen Daoismus dominiert und ist somit nicht nur ein rein technisches Werk zur Lebensverlängerung. Der im Titel enthaltene Ausdruck "innere Szenerie" bzw. "äußere Szenerie" deutet an, wie die Körperlichkeit des Menschen gesehen wurde. Die Entstehung des Huangting Jing, nach Henri Maspero8 wahrscheinlich die umfassendste Schrift jener Zeit, fällt in eine Periode, die zunehmend von buddhistischen Weltbildern beeinflusst worden war. Es gehört zu jenen daoistischen Schriften, die akkumulativ während des 3. und 5. Jahrhunderts entstanden sind und von innerer wie äußerer Alchimie, Drogenzubereitungen und neuen Formen der Meditation und vor allem der gedanklichen Selbstmanipulation handeln.

Innen und Außen

Das Huangting Jing stellt mit dem Zhouyi Cantong Qi nach Aussage neuerer chinesischer Darstellungen der Geschichte des modernen Qigong zwei sich ergänzende Werke dar, die jeweils verschiedene Aspekte der daoistischen lebenserhaltenden Maßnahmen durch Manipulationen am Qi beschreiben. Die Autoren des Zhouyi Cantong Qi erklärten diese mit Hilfe von Analogiebildung zwischen Natur und Mensch. Sie beabsichtigten, mit den beschriebenen Prozeduren rein physiologische Vorgänge auszulösen, deren Struktur man auch in der Natur zu beobachten meinte. Dagegen ist das Huangting Jing stark von der Vorstellung über Gottheiten im menschlichen Körper inspiriert, die sicherlich auch die an Gottheiten reiche Welt des Buddhismus widerspiegelt. Während das Zhouyi Cantong Qi die reine Natur im Menschen wiederfand, ergänzt das Huangting Jing die animierte Natur im Spiegel des menschlichen Körpers. Hier geht es vor allem um visionäre Selbstmanipulation, die zu der Schule der "gedanklichen Vergegenwärtigung" (cunsi) gehört. Beide der hier dargestellten komplementären Werke hatten starken Einfluss auf die daoistische Literatur und damit auch auf alle traditionellen Wissenschaften, die sich im Umfeld des Daoismus entwickelten. Besonders bedeutungsvoll für das Konzept des Feng Shui ist die Erklärung des gemeinsamen Namens der beiden Bände, "Klassiker der gelben Halle der inneren bzw. äußeren Szenerie": " Gelb‘ (huang) ist die Farbe des Zentrums. Halle‘ (ting) ist das, was innerhalb der vier Himmelsrichtungen liegt. Außen‘ (wai) weist auf die Dinge hin, die sich im Himmel, im Menschen und in der Erde befinden. Innen‘ (nei) weist auf die Dinge hin, die sich im Brustraum [des menschlichen Körpers], im Herzen und in der Milz, [welche der Erde und damit dem Zentrum und der Farbe Gelb zugeordnet ist], befinden. Deshalb heißt das [Werk] gelbe Halle‘ (huangting). Innen‘ bezeichnet das Herz. Szene/Geschehen‘ (jing) ist die Gestalt [einer Sache]. Das äußere Abbild‘ bezeichnet Sonne, Mond, Sterne, den Nordstern, Wolken und Regenguß. Das innere Abbild‘ bezeichnet die Gestalt von Blut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Körperspeicher und Palästen. Das Herz wohnt im Inneren des Körpers und ist das verweilende und zu betrachtende Abbild des gesamten Körpers. Deshalb nennt man [dies] innere Szenerie‘ (neijing)." Das Huangting Jing geht demnach auch von analogen Bildern zwischen der Umwelt und dem Körperinneren aus, wobei die innere Szenerie in erster Linie ein mentales Phänomen zu sein scheint, welches sich entsprechend der körperlichen Situation manifestiert. Jedoch ist die Zuteilung der Begriffe vom "Innen" und "Außen" des Körpers innerhalb der Kommentare nicht immer ganz geklärt, was zu erheblichen inhaltlichen Abweichungen in den Aussagen führt. So wird "Innen" stellenweise auch als das bezeichnet, "was im Gehirn ist, was im Herzen ist und was zwischen Leber und Milz ist." Ungeachtet dieser Widersprüchlichkeiten, die sich übrigens in fast jedem chinesischen Klassiker ergeben können, hat zumindest die Vorstellung, dass der Mensch ein Abbild der Natur ist, eine über Jahrhunderte tragende Beständigkeit. So finden wir in einem im Westen eher unbekannten, dafür umso wichtigeren Werk zu den daoistischen Lebensverlängerungstechniken, dem Shang Yangzi Jindan Dayao Tu ("Grafiken zu den großen Anweisungen zum Goldelixier des Meisters Shang Yangzi"), die Abbildung auf dieser Seite. Dieses Werk entstand wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, also rund 800 Jahre nach der vermuteten Entstehung des Huanting Jing. Die Darstellung zeigt die Seitenansicht eines sitzenden Menschen in Form einer Berglandschaft und wird als "Grafik des körperlichen Abbilds des ursprünglichen Qi" (yuanqi tixiang tu) bezeichnet.10 Unten liegt an der Basis des Berges das Gebiet zwischen den Nieren mit dem unteren Dantian (Qi-Zentrum des Körpers). Rechts ist der Eingang ins Innere, von dem aus sich ein Weg nach oben schlängelt. Der Weg passiert alle wichtigen Punkte des Körpers: die gelbe Halle, das mittlere Dantian bis hin zum Gehirn und dem oberen Dantian. Letzteres liegt am Berggipfel, welcher die Passage zum Yang des Himmels darstellt.

Natur als Abbild des Körpers

Als Gegenstück zur Vorstellung des Menschen als Abbild der Natur bestand ebenso die Vorstellung, dass die Natur ein Abbild des Menschen ist. Dieser Vergleich wurde bereits in allen Arten der Landschaftsdivination, die dem Feng Shui vorangegangen waren, sowie in der chinesischen Philosophie herangezogen. Die Sichtweise auf den Gesamtzusammenhang, in dem der Mensch in das System Erde eingebettet ist und die Erde als Quelle allen Daseins verstanden wird - woraus sich die gegenseitige Entsprechung beider Systeme Mensch und Erde als Ausdruck desselben Prinzips der Natur ergab -, war umfassend, zwingend und ohne jede weitere Alternative. Alle Darstellungen, welche die Erde als Abbild des menschlichen Körpers zeigen, sprechen von der Erkenntnis, dass Wasser, und zwar als Phänomen und nicht als Wandlungsphase, als dritte Entität zu Himmel und Erde hinzukommen muss, damit es eine belebte Natur gäbe. Die Wertschätzung des Wassers ist ein ur-daoistischer Gedanke. Der Daoismus bediente sich eines Konzepts, das von drei Fundamenten der Welt ausging. Dieses Konzept ist auch in Schulen und Techniken jeder Variante der chinesischen Philosophie beschrieben. Seine Urfassung besagt, dass es Himmel, Erde und den Menschen gebe, und dass in diesem System der Mensch als Wesen mit dem klarsten Qi aller Lebewesen die Schöpfung vertritt. Aus dieser Sicht ergab sich ein polares System, das sich in der übergeordneten Einteilung von Yin und Yang folgendermaßen erklärte: Zwischen den beiden Polen Yin und Yang ergibt sich eine dritte Hegemonie, die nur durch das Vorhandensein beider Pole entstehen kann. Diese Vorstellung wurde "drei Entitäten" (sancai) genannt - je nach Kontext auch übersetzbar als "drei Befähigungen" oder "drei Potenziale". Speziell im Daoismus heißt dasselbe Konzept die "3 Passagen" (sanguan). In der chinesischen Literatur finden sich variantenreiche und detaillierte Erklärungen zu den drei Entitäten. Für verschiedene Perspektiven lassen sich die in der untenstehenden Tabelle aufgezeigten Zuordnungen ausfindig machen. Der Überblick gibt zu erkennen, dass sich die Bedeutung des Begriffs "sancai" je nach Kontext unterschiedlich gestaltet, bis wir im organischen Bereich unversehens bei den Wandlungsphasen Wasser und Feuer landen. Tatsächlich werden aber sämtliche dieser Aufstellungen in der Literatur als "sancai" bezeichnet. Dabei nimmt das Wasser schließlich den Platz ein, der dem Yin und damit der Erde zusteht, während das Feuer für den Himmel reserviert ist. Wenn man zusätzlich berücksichtigt, dass ausgerechnet das Wasser dem Qi in seiner materiellen Ausführung am nächsten steht, wird deutlich, warum das Wasser in den Erklärungen der Erde-Mensch-Komplementarität eine sehr große Rolle spielt. Sinngemäß erklärt der Philosoph Guanzi die Schöpfungskraft der Erde mit dem Wasser: "Die Erde ist die Quelle aller Wesen und die Wurzel allen Lebens . Das Wasser ist das Blut-Qi der Erde und durchdringt sie wie in den [organischen] Gefäßen und Blutbahnen . Die Wesen benötigen es auch, um zu leben." Und: "Der Mensch ist Wasser. Mann und Frau vereinigen Feinststoff und Qi, und das Wasser fließt [darin]. Deshalb entsteht ein Mensch, wenn sich das Wasser verdickt und verklebt.”11 Vor diesem Hintergrund ist das Wasser innerhalb des Feng Shui in jeder Hinsicht sehr wichtig und schlägt sich in markanten klassischen Lehrsätzen nieder, wie es beispielsweise das Bo Shan Pian ("Schrift über die Weite der Berge") ausdrückt: "Wenn man den Drachen untersucht, dann betrachtet man zuerst das Wasser."12 In der Literatur des Feng Shui wird die Sichtweise, dass die Welt durch das Wasser befruchtet wird, ebenso gespiegelt. So erzählt zum Beispiel das Tang-zeitliche Werk Zhai Jing ("Klassiker der Positionierungen", mutmaßlich während der Tang-Zeit 618-907 entstanden): "Mit Formen-Kraft [der Erde] wird der Körper gebildet. Mittels der Wasserquelle entstehen die Blutbahnen."13 Wie sich diese Erkenntnis zu einem größeren und umfassenden Konzept eines lebenden Körpers der Erde im Feng Shui weiterentwickelt hat, zeigt die Fortführung derselben Textpassage im Zhai Jing: "Mittels der Erde entsteht die Haut. Mittels Gräsern und Bäumen entsteht die Behausung. Mittels der Gebäude entsteht die Bekleidung. Mittels Türen und Fenstern entstehen Mütze und Gürtel. Wenn sich alles so verhält, wie es oben beschrieben worden ist, dann ist dies das äußerste Glück.”14 Mit anderen Worten ausgedrückt, ist jede Errungenschaft menschlicher Zivilisation eine Geburt der Erde. Der Vorstellung von einer Geburt der Erde muss logischerweise auch eine Anatomie der Erde vorausgehen, und dieser wiederum die Annahme, dass es sich bei der Erde um eine Art Lebewesen handelt, das gebären kann. Die Diskussion über die Umgebung, Form und Kraft des "Verweilungsortes" (zhai) ist voller Andeutungen auf eine Erde als belebten Organismus. Dass diese Ansicht bereits in sehr früher Zeit bestanden hat, verdeutlicht der im Feng Shui wichtige Begriff des "belebenden [oder auch erzeugenden] Qi" (shengqi). Man hielt das Qi der Erde für etwas Ähnliches wie die Pulsbewegung des Menschen, und das "erzeugende Qi", das sich in Flüssen und Bergen ausdehnt, für Bewegungen, für ein Strecken und Zusammenziehen des Körpers. Es folgt der Berg-Kraft und fließt und streckt sich in alle Richtungen. Das Qi unter der Erde durchdringt diese und gibt der Erde ihr Aussehen. Diese Annahme wird bereits im Yijing in der Aussage "Berge und Sümpfe durchdringen das Qi" dokumentiert.

Qi in Erde und Mensch

Während der Tang- und Song-Zeit erhielt die Theorie von der Erde als belebter Organismus, der wie der Mensch über Leitbahnen und Netzleitbahnen verfügt, einen starken Entwicklungsschub. Ceng Wenzhuan (Tang-Zeit) vergleicht im Qing Nian Zheng Yi ("Berichtigte Meinungen eines Jugendlichen") die Ein- und Ausatmung des menschlichen Körpers und die Bewegungen des Blutes in den Gefäßen mit dem "Qi des Ausgleichs des Wassers" (shuiheqi) in der Natur: "Die Pulsbewegungen sind das Ein- und Ausatmen des Qi. Das, was alle Körper im Fluß miteinander verbindet, ist das Blut. Die Blutgefäße sind miteinander verbunden, und wie das Wasser verstreuen sie das Qi nicht." Fang Yizhi (Ming-Zeit, 1368-1644 n. Chr.) hebt in seinem Werk Wuli Xiaozhi ("Kleine Aufzeichnungen zu der Struktur der Wesen") die Bedeutung des Wassers hervor: "Die Körperflüssigkeiten der Menschen, die Säfte der Pflanzen sind alle Wasser. Es ist durch ein Qi erzeugt worden. Die fortgesetzte Erzeugung wird durch das Wasser bewirkt und hängt von den Feinststoffen ab." Yang Xuan (Jin-Zeit, 936-947) schreibt im Wuli Lun ("Über die Beschaffenheit der Wesen"): "Die Feinststoffe der Erde sind die Steine. Die Steine sind die Kerne des Qi. Dass das Qi Steine erzeugt, gleicht den Sehnen und Gelenken des Menschen und dem Erzeugen von Nägeln und Zähnen." Der Song-zeitliche Cha Xiutang unterteilt im Fa Wei Lun ("Über die Animation des Subtilen"): "Wasser, Feuer, Erde und Steine der Erde entsprechen Blut, Qi, Knochen und Fleisch im menschlichen Körper." Im gleichen Werk schreibt er: "Das Wasser ist [wie] das Blut des menschlichen Körpers. Das Feuer ist [wie] das Qi des menschlichen Körpers. Die Erde ist [wie] das Fleisch des menschlichen Körpers. Die Steine sind [wie] die Knochen des menschlichen Körpers." Und ebenso: "Wenn man Wasser, Feuer, Erde und Steine zusammenfasst, ergibt dies die Erde, genauso wie Blut, Qi, Fleisch zusammengefasst den Menschen ergeben." Während der Yuan-Zeit (1271-1368) schreibt Si Ma Tou Da im Tianyuan Yiqi Lixing Lun ("Darüber, dass in den Formen nur ein Qi des Himmelsursprungs residiert"): "Das Qi bewegt sich in den Bergen und findet im Wasser seine Entsprechung. Es hat den Antrieb, auf- und abzusteigen und sich zu wandeln. Das, was ungleich erscheint, ist keinesfalls ungleich. Deshalb hat das, was fließt, eine Gestalt. Das Qi folgt dem, was die Natur der Struktur‘ (li) ist."

Das befruchtende Qi

Alle diese Zitate aus der klassischen Literatur basieren auf der Annahme, dass die Natur von den Bergen bis in die Niederungen und auch die menschlichen Behausungen mit Qi ausgefüllt sind. Angesichts einer im Jahreszyklus wiederkehrenden, wachsenden und vergehenden Natur erhält das "erzeugende Qi" die kolossal wichtige Rolle eines stetig befruchtenden Wirkstoffes, der sich in vielen Phänomenen der Natur niederschlägt. Im Qing-zeitlichen Shan Fa Quan Shu ("Gesamtwerk zu den Berg-Methoden") steht dazu: "Dort, wo das erzeugende Qi (shengqi) ist, sind auch Formen, Farben, Erde, Steine sichtbar. Seine Gestalt erzeugt Bewegungen, und [es] ist nicht versiegend und sterbend. Seine Farben sind leuchtend und bunt und nicht dunkel und matt. Und die Erde ist feucht und satt und nicht erodierend und streuend. Seine Steine sind fein und feucht und nicht trocken. Die Erde ist das Fleisch des Drachen. Die Steine sind die Knochen des Drachen. Die Gräser sind die Haare des Drachen."20 Aus Zitaten wie "Berge und Sümpfe sind von Qi durchdrungen" wird eine Auffasung erkennbar, in der die Erde von "erzeugendem Qi" ausgefüllt und gesättigt ist. Qi wird darin zum Ausdruck für einen lebenden Organismus, der die Fülle der belebten Natur repräsentiert. Dieses Qi wird als der Glückbringer schlechthin angesehen. Jeder Autor des Feng Shui hält das "belebende Qi" für äußerst wichtig. Der Begriff "erzeugendes Qi" ist daher auch der vorteilhafte Ort innerhalb des Systems der "8 Positionierungen" (bazhai). Die Untersuchungsmethoden des Feng Shui betonen daher immer die Anzeichen für das "erzeugende Qi" als maßgebende Anzeichen für die Raumanalyse und suchen in ihren Erfassungsmethoden stets nach Signalen für dessen Entwicklung. Die Theorie des "erzeugenden Qi der Erde" entspricht der Theorie, dass die Erde ein belebter Organismus ist.

Der Körper der Erde ist weiblich

Neuere chinesische Untersuchungen gehen davon aus, dass in der sagenumwobenen Xia-Dynastie (vor dem 16. Jahrhundert v.Chr.) vorwiegend matriarchale Kulte praktiziert wurden - die Verehrung der Weiblichkeit und des mit ihr untrennbar verbundenen Vorgangs des Gebärens. Die Kräfte der Natur und deren Ausgleich sowie die Einflüsse der Natur waren im Abbild der Frau symbolisiert. Insofern stehen matriarchale Kulte in der spirituellen und religiösen Tradition der Naturverehrung. Weil das Fortbestehen der Menschen ganz offensichtlich von der Schwangerschaft und dem Gebären der Frau abhing, stellte sich die Fortpflanzung durch die Frau als absolutes Gesetz der Natur dar und als große mythische Kraft. Die Gebärorgane der Frau wurden kultisch verehrt und als Ausdruck der Himmels- und der Erdkraft angesehen. In der frühen chinesischen Kulturgeschichte verfügte man wohl über die zunächst verschwommene Kenntnis der menschlichen Fortpflanzung als ein Ergebnis der Vermischung zweier Geschlechter, jedoch nahm die Frau darin die weit bedeutendere Stellung ein. Schon 4000 Jahre vor Christus wurde während der Liao-Kultur in der Liaoming-Provinz für die Gebährfähigkeit der Frau ein besonderes Zeichen verehrt: das Delta : als Sinnbild der weiblichen Scham, als das Symbol, aus dem Leben entsteht. Gleichzeitig war die Schlange seit dem frühen Altertum Chinas ebenso ein Symbol der Fortpflanzungskraft, des weiblichen Geschlechtsorgans und des Yin-Komplexes, weshalb sie in chinesischen Mythologien in enge Verbindung mit der Weiblichkeit gebracht wurde. So ist in den Mythen des frühen chinesischen Altertums die Urmutter der Welt gleichzeitig der Körper einer Drachenschlange. Alle Geschlechtsorgane der Frau wurden zu Devotionalien des matriarchalen Kultes. Das Zeichen für Mutter (mu) ist auf das Piktogramm zurückzuführen, das eine schwangere Frau darstellt. Die Vorstellung von Wasser als die Feinststoffe des Yin und die Wurzel des Blutes ist eine Erweiterung der Auffassung von der Erde als Organismus und als Gebärmutter, in der alle Dinge verwurzelt sind. Von diesem archaischen Denken und der himmelsbezogenen Ausrichtung ausgehend sahen die Menschen die Schwangerschaft vollständig im Mysterium der Erde begründet. Wie die Früchte und Pflanzen zu Beginn eines Jahres in der Erde verborgen schienen, war auch das Kind bis zur Niederkunft im mütterlichen Leib verborgen. Die Fähigkeit der Frau, Kinder zu gebären, ging parallel mit der Fähigkeit der Erde, die Wesen (Pflanzen) und damit in der Verlängerung der Nahrungskette auch den Menschen hervorzubringen. Laozi nannte dies "das Tor der mysteriösen Weiblichkeit" (xuanbi zhi men) und sah das Universum als eine gigantische Gebärmutter an, welche die Wurzel des Hervorbringens von Himmel und Erde ist. Die Verehrung der Erde als Mutter war dasselbe wie die Verehrung von Mutterschaft an sich. Auch das Yijing sah die Trigramme Qian und Kun als Vater und Mutter an. Kun übernahm dabei die Symbolik der Urmutter. Der Kommentator Cheng Xuan (127-200) schreibt im Werk Hong Fan ("Der breite Maßstab") im Kapitel Wuxing Chuan ("Überlieferungen zu den fünf Wandlungsphasen"): "Die Schlange ist eine Art Drache." Huainanzi († 122 v.Chr.) schreibt im Buch Huainanzi, Kapitel Tianwen Xun ("Anweisungen zum Himmelsbild"): "Der Drache ist ein Wasser-Wesen. Das Wasser gehört zur Yin-Wesenheit, deshalb ist der Drache mit Sicherheit ein weibliches Tier." Wang Tingxiang schreibt in Zhen Yan ("Vorsichtige Worte") über den "Körper des Dao" (daoti): "Berge, Sümpfe, Wasser, Erde werden von Qi durchdrungen und erhalten Gestalt. Gemeinsam bilden sie einen großen Verweilungsort‘ (dazhai)". Das He Tu Gua Di Xiang ("Das Erscheinungsbild der Erde in der Fluß-Grafik‘ (hetu)": "Dornen-Berge sind Erd-Männliches. Gebirgszüge (Gebirgspassagen) sind die Brüste der Erde. Gebirgsschluchten sind das Brunnennetz." Im Han Shu ("Geschichtschronik der Han-Dynastie", von 202 v.Chr. bis 265 n.Chr.) steht: "Das, was hinter der Erde steht, ist der Reichtum der Urmutter . Wenn es im Meer still ist, dann ist das die Kraft der Trächtigkeit." Auch hinsichtlich der so genannten "Wasser-Methode" (shuifa)25 heißt es: "Obwohl der Xue am Berg liegt, befindet sich das Glück beim Wasser. Deshalb liegt die Methode der Fixierung des Wassers darin, dass das Wasser dort stillsteht. Der Berg ist wie die Frau und das Wasser ist wie der Mann. Die Frau folgt der Wertschätzung des Mannes." In den Kommentierungen zum Yijing (bekannt als Yizhuan oder die "10 Flügel") steht: "Die beiden Qi resonieren miteinander und ergänzen sich gegenseitig. Wenn Himmel und Erde miteinander resonieren, dann bilden sie die 10000 Dinge. Die Üppigkeit des Lebens von Himmel und Erde ist die Wandlung und Vergärung der Dinge. Der Austausch von Feinststoffen von Mann und Frau ist das Wandeln und Erzeugen von allen Dingen." Im Zilin ("Zeichenwald" = Enzyklopädie) steht: "Der befruchtende Dunst ist das ausgeglichene Qi von Yin und Yang. Die Vereinigung von Himmel und Erde gleicht der Vermischung der Feinststoffe von Mann und Frau." Die Entwicklung einer Erzeugung und das darauf folgenden Leben vollzieht sich nach den Darstellungen der klassischen chinesischen Literatur in diesen Schritten:
1. Verstecktes Wachsen
2. Hervorbringen bzw. Gebären
3. Versorgen
4. Reife
5. Stillstand

Der ideale Verweilungsort

Schwangerschaft, Weiblichkeit und Naturkraft sind die Ziele des matriarchalen Kultes, für den die Erde eine schwangere Frau ist. Alle Gedichte des sehr frühen Klassikers Shi Jing ("Buch der Lieder") vergleichen die Weiblichkeit mit Bergen und Hügeln. Die Dunstbildung zum Abend hin wurde mit den Haaren der Frau und die Bäche in den Tälern mit der Vagina verglichen. Das Feng Shui kann daher in der Tat als eine sublimierte und in sich spezialisierte Form eines frühen matriarchalen Kultes angesehen werden, der sich zu einer Wissenschaft entwickelte. Diese Erkenntnis wird auch in der aktuellen chinesischen Fachliteratur gestützt, welche die Beschaffenheit des "Xue" (zu übersetzen als "Austrittspunkt", aber auch gleichnamig mit einem Akupunkturpunkt) innerhalb der klassischen Feng-Shui-Literatur untersuchte und Vergleiche mit historischen Abbildungen zog. Es zeigt sich, dass die traditionelle chinesische Feng-Shui-Literatur den idealen "Verweilungsort" in einer Landschaft wiederfand, welche der weiblichen Vagina entspricht. Die anatomisch korrekten und daher deutlich identifizierbaren Abbildungen enthalten alle Begrifflichkeiten des klassischen Feng Shui, wie auf der unteren der beiden Abbildungen dieser Seite anhand der Übersetzungen zu ersehen ist. Eine andere zeitgenössische Untersuchung (links nebenstehend) zeigt den direkten Vergleich der idealen geomantischen Formation mit der Vagina. Die Bezeichnungen beschreiben die chinesischen Termini technici des Feng Shui und die Anatomie der Vagina. Es gibt noch eine Reihe weiterer solcher Illustrationen, z.B. die "Grafik zur umgarnenden Verbindung des Wassers" (Hejin Shui Tu) aus der berühmten chinesischen Feng-Shui-Enzyklopädie der Ming-Zeit, dem Dili Renzi Xuzhi ("Was die Menschen persönlich über Feng Shui wissen müssen"), welche die Abbildungen hier bestätigen, jedoch aus Platzgründen nicht abgedruckt werden können.31

Feng Shui als matriarchaler Kult

Die bisherigen Ausführungen zeigen, dass sich das Feng Shui tatsächlich als Technik verstehen lässt, deren tiefste kulturelle Grundlage die Verehrung der Gebärfähigkeit der Frau ist. Hinter dieser natürlichen Erscheinung vermutete man ein derart gewaltiges Prinzip, dass man, wie bei Laozi, darin die gesamte Natur des Universums zu erkennen glaubte. Dies ist insofern nicht ungewöhnlich, da wir entsprechende Bilder auch aus dem europäischen Kulturkreis kennen. So kommen zum Beispiel Analysen der Symbolik der Megalithbauten zu ähnlichen Ergebnissen. Der Unterschied zur chinesischen Kultur liegt aber darin, dass die Vorstellungen über die Erotik und Sexualität der Frau trotz sich verändernder Gesellschaftsformen als Ausdruck eines kollektiven Unterbewusstseins in den klassischen chinesischen Techniken der Landschaftsdivination überlebten. Wie weit die nach außen getragene Prüderie der konfuzianischen Gesellschaftsordnungen diesen Sublimationsvorgang im Inneren, zum Beispiel in der Philosophie oder eben in den Divinationstechniken wie dem Feng Shui, begünstigten, ist bis heute nicht untersucht worden, lädt aber zu einigen Spekulationen ein. In Anbetracht dieser Zusammenhänge sind jedenfalls politisierte Matriarchatsdiskussionen, die in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Feng Shui immer wieder aufkamen, insofern fragwürdig, weil bereits die Ausführung einer Feng-Shui-Tätigkeit in ihrem Kern und aufgrund ihrer archaischen Wurzeln die (vielleicht) unwissentliche Ausübung eines matriarchalen Kultus per se ist.