Kraftorte - arg strapaziert

von Rüdiger Sünner erschienen in Hagia Chora 10/2001

Geomantie" und "Kraftort" sind für mich sowohl anziehende als auch diffuse und mit dem Schatten des Missbrauchs behaftete Begriffe. Durch meine Beschäftigung mit den mythologischen Hintergründen des Nationalsozialismus kenne ich die Möglichkeit übersteigerter Interpretation, aber auch die meisten neueren esoterischen Publikationen zum Thema erfüllen mich eher mit Unbehagen. Dennoch habe ich selbst bewegende Erfahrungen an solchen Orten gemacht, die mich bis heute beschäftigen. Zur Klärung dieser Ambivalenz soll der folgende Beitrag dienen.

Geomantie als "Erlebnis germanischer Gesittungshöhe"

Über Geomantie im Dritten Reich ist bisher etliches geschrieben worden, was eher im Bereich der Vermutungen blieb. Eindeutige Belege findet man z.B. in der SS-Zeitschrift "Germanien" und in den Bundesarchiv-Akten über Karl Maria Wiligut, der sechs Jahre lang zu den esoterischen Beratern von Heinrich Himmler zählte. Einer der Autoren von "Germanien" war der Heimatforscher Wilhelm Teudt, der dort zahlreiche Beiträge zu Kultstättenforschung und "Ortungssystemen" veröffentlichte. Sie sollten das deutsche Volk durch Besinnung auf eine gloriose Vorzeit wieder "zu hohen Idealen und sich lohnenden Zielen" führen. Es ginge darum, so schrieb Teudt bereits 1929, den Irrglauben abzustreifen, als habe der Deutsche nach der "Romanisierung" durch Karl den Großen seinen germanischen Charakter verloren. Man müsse jetzt alle Fremdbestimmung durch "orientalische" Religionen überwinden und wieder zum eigenen Erbe zurückfinden, das sich unter anderem in ausgedehnten prähistorischen Kultanlagen Deutschlands manifestiere.1 Dies war ein bereits vor 1933 weit verbreitetes Argument, dessen Untermauerung jedoch zu überzogenen und teilweise skurrilen Forschungshypothesen führte. Teudt selbst veröffentlichte 1929 das Buch "Germanische Heiligtümer"2 und zahlreiche Zeitschriftenaufsätze, welche die Gegend um die Externsteine im Teutoburger Wald als ausgedehntes germanisches Heiligtum mit Sonnenwarten, Kultstraßen, Gelehrtenschulen und Gerichtsstätten bezeichneten: Wunschvorstellungen, die schon damals wegen ihrer schwärmerischen Übertreibung kritisiert wurden.3 Ein anderer geomantisch interessierter Autor der Zeitschrift "Germanien" war August Meier-Böke, der dort 1937 einen Aufsatz über "Die Ortung von Lemgo in Lippe" verfasste. Wie für andere "Kultstättenforscher" dieser Zeit hing auch für ihn nahezu alles mit allem zusammen und wies auf germanische Vorgeschichte zurück. So sah er zwei mittelalterliche Türme Lemgos durch eine Linie verbunden, die auf den "Teutberg" zulief, der seiner Meinung nach ein frühgeschichtlicher Versammlungsplatz war. Allein diese spekulative Verbindung reichte aus, um die Frage zu stellen, ob diese Türme nicht auch Weiterentwicklungen von "Signalstationen" germanischer Dörfer gewesen sein könnten. Weiterhin verfolgte Meier-Böke die Nordlinie einer Kirche zu einem bronzezeitlichen Steingrab weiter, was für ihn ein Zeichen dafür war, dass die hier ansässigen Völker über Jahrhunderte den Norden als besondere Himmelsrichtung verehrt hätten. Für ihn führte die Linie weiter zum Nordpol, an dem sich die "Weltachse" zum Polarstern erhebe, ein mächtiges germanisches Symbol, das auch in der "Irminsul" angebetet worden sei. Den Sinn solcher "Ortungen" sah Meier-Böke darin, wieder Achtung vor dem geistigen Horizont der Urväter zu gewinnen. Durch das genaue Studium der Messkarten käme man unweigerlich zu einem "Erlebnis germanischer Gesittungshöhe der Vorzeit".4 Ein weiterer geomantischer Autor, Kurt Gerlach, spezialisierte sich auf den sächsisch-böhmischen Grenzraum, in dem er ebenfalls Liniennetze zwischen Kapellen, Höhlen und Bergen erblickte, die er durch zusätzliche Deutungen von Ortsnamen und "Sinnbildern" zu Belegen für altgermanische Kulturhöhe erklärte.5 Verfolge man solche Linien weiter ? so Gerlach ? gelange man sogar bis nach Skandinavien, Tschechien, Lettland, Österreich oder Italien, was für ihn den Schluss nahelegte, dass alle diese Länder germanischer Siedlungsraum gewesen seien: "Für uns erhellt aus der Tatsache dieser riesenhaften Abmessung und Ausrichtung der Vorzeit, dass es mehr Boden in Mitteleuropa in altem germanisch-deutschem Besitz gibt, als es uns bisher, dem Volk ohne Raum, zugebilligt worden ist."6 Geomantie diente also im Dritten Reich nicht nur der Versicherung angeblich einstiger germanischer Geistesgröße, sondern auch der Rechtfertigung offensiver Eroberungspolitik. Weitere aufschlussreiche Dokumente zu diesem Thema sind die Dienstreisen des SS-Oberführers Karl Maria Wiligut in den Schwarzwald und nach Niedersachsen, die ich in einem über 100 Seiten starken und mit zahlreichen Fotos versehenen Konvolut des Bundesarchivs fand.7 Wiligut, ein ehemaliger Oberst der österreichischen K.u.K. Armee, war von Himmler zum Berater für vorgeschichtliche Fragen ernannt worden und bekam in Berlin eine eigene Forschungsabteilung. Vom 16. bis 24. Juni 1936 reiste er in den Schwarzwald, um in der Nähe von Baden-Baden ein riesiges, angeblich urgermanisches Sakralzentrum auszumachen. Wiligut, der behauptete, durch Familientraditionen und "Erberinnerung" detailliertes Wissen über die Frühgeschichte Deutschlands zu besitzen, fotografierte Felsformationen, Steinköpfe in Kirchen, Megalithreste, Höhlen und unterirdische Gänge, in denen er Relikte einer altheidnischen Urreligion erblickte, die durch Linien zu einer heiligen Topographie miteinander verbunden seien. Überlebende von Atlantis hätten diese "alten Kultstätten der arischen Ur-Menschheit" einst gegründet und damit den anderen Hochkulturen der Erde die entscheidenden geistigen Impulse gegeben. Wiligut empfahl der SS umfangreiche Ausgrabungen, um genauere Indizien für diese These zu bekommen, die Deutschland als "Führer der Kultur des ganzen Erdballs" bestätigen könne. Dessen Aufgabe sei es nun, "nicht nur die Vergangenheit neu zu erschließen, sondern auch die Zukunft kraftvoll zu beherrschen".8 Wiliguts Freund Richard Anders, ebenfalls einer der "geomantischen" Berater Himmlers, definierte solche "Ortungen" darüber hinaus als ein Ordnungsinstrument, mit dem man "Chaos und Niedergang" wirksam bekämpfen könne. Er sah in den zwischen den "Kultstätten" verborgenen Liniensystemen einen Beleg dafür, dass die alten "arisch-germanischen" Völker mehr wussten als wir und im Einklang mit den kosmischen Gesetzen lebten. Durch sie bekomme der Satz, die Welt müsse am deutschen Wesen wieder genesen, neue Gültigkeit.9

"Weißes Licht" und "Weiße Rasse"

Wer glaubt, dass solche Vorstellungen nach 1945 aus Geomantie und Kultsstättenforschung verschwunden seien, der irrt. Bis heute werden ähnliche Gedanken in esoterischen Kreisen weitergepflegt, etwa durch Autoren wie Siegfried Hermerding, Otto Hantl und Walther Machalett. Hermerding, der sich in seinen Schriften auch auf Karl Maria Wiligut bezieht10, hat sich dabei auf den Harz spezialisiert, in dem er eine Jahrtausende alte heilige Landschaft erblickt, die bereits von den "Hyperboreern" gegründet worden sei.11 Diese hätten übermenschliche Fähigkeiten besessen, und wer sich heute zu ihren Kultanlagen hingezogen fühle, trage ihre "Erbanlagen" noch in sich. Mittels "metaphysischer Fotografie" könne man die ätherischen Lichtkörper dieser überlegenen Urzeitwesen an den Felsen sichtbar machen und mit ihnen in Kontakt treten. Im Bodetal, wo auch Goethe und Heine von alten Sagen träumten, erblickt Hermerding gleich ein ganzes Arsenal von hyperboreischen Heiligtümern, die jedoch nur erkennen könne, wer mit dem "Kultstättenblick" ausgestattet sei. Dort fänden sich "Gralsgrotten", "Menhire", Darstellungen von "Riesen" und ein Fels in Form eines Kuhkopfes, der die germanische Himmelskuh Audhumla als "Spenderin der weißen Lebensenergie" repräsentiere. Bei Hermerding spielen ? wie übrigens bei vielen Esoterikern ? Strahlen und Lichtströme eine außerordentliche Rolle. Gerne wird zwischen "weißen" und "dunklen" Energien unterschieden, und man staunt nur über die ständig behauptete Fähigkeit des Autors, solche exakt wahrnehmen und bewerten zu können. Durch Aussendung von Vokalen könne man die "weiße Lebensenergie" aus Felsen und Höhlen hervorlocken, in einer so genannten "Brunhildisgrotte" spürt Hermerding sogar die "unbesiegbare Energie der Schwarzen Sonne", die "stärker ist als alle Macht der Erden."12 Auch wenn Hermerding in seinen Schriften auf ideologisch bedenkliche Töne verzichtet, überkommt einen doch allein aufgrund seiner nebulösen Licht- und Strahlenmetaphorik Unbehagen. Nicht nur zeigte gerade die NS-Zeit, wie schnell Dualismen von Hell und Dunkel in unversöhnliche Gegensätze zwischen Lichtwesen ("Arier") und "Dunkelmänner" (Juden, Bolschewisten) umgedeutet werden können, sondern man stellt sich auch ahnungslose Leser vor, an deren "Energien" selbsternannte "Kultstättenexperten" herummanipulieren. Denn Hermerding macht auch "Führungen" und "Therapien" und veröffentlichte eine Schrift über "Alternative Heilmethoden" mit Edelsteinen, Muscheln, Meeresschnecken, Kristallen und Blutstropfen.13 Dass Metaphern von Licht, Strahlung und Energie in modernen Kultplatzführern tatsächlich etwa in antisemitische Polemik umschlagen können, beweist das Buch "Urglaube und Externstein" von Otto Hantl. Nicht nur sieht er in jedem Felsen der Externsteine Gestalten aus der germanischen "Edda", sondern für ihn erhöht dieser Ort auch die "Strahlenfühligkeit" des "weißen Menschen". Dieser sei durch Einflüsse des "alttestamentarischen Hassdenkens" mit dessen "erdverhaftetem und die Erde ausplünderndem Schmarotzergeist"14 degeneriert und müsse an solchen Orten wieder gekräftigt werden. Auch Hantl ist ein Anhänger der "metaphysischen Fotografie" und präsentiert Reflexe auf verwackelten Aufnahmen als "Licht der Waberlohe ? über einer ?wissenden Besuchergruppe".15 Gerade die Externsteine ziehen eine ganze Reihe solcher nebulöser Deutungen an, und in ihrem Umkreis findet sogar alljährlich eine Tagung statt, die sich vorzugsweise mit solchen Themen beschäftigt. Die in Horn zusammenkommenden Anhänger des Walther-Machalett-Kreises sehen in dieser Felsengruppe ebenfalls einen uralten Kultbezirk, der einst von den "Berufenen der abendländischen Welt" errichtet worden sei. Die "Priesterschaft der weißen Rasse" habe hier "hohes kosmisches Wissen" verwaltet, das sich z.B. darin ausdrücke, dass die Externsteine durch ein gewaltiges Vermessungsdreieck mit der ägyptischen Cheopspyramide und der Insel Salvage im Atlantischen Ozean ? ein letzter Rest von Atlantis ? verbunden seien.16 Die Veröffentlichungen des Machalett-Kreises vermeiden direkte weltanschauliche Formulierungen, aber auf den Büchertischen der Horner Tagung finden sich etwa die antisemitischen Thule-Romane des ehemaligen SS-Führers Wilhelm Landig.17

"Magisch Reisen"

In neueren Kultplatzführern, von denen es inzwischen etliche gibt, findet man solche ideologischen Implikationen nicht mehr, aber die reinigenden Kräfte von "Licht" und "Strahlung" werden nach wie vor gerne beschworen. Auch viele dieser Publikationen kümmern sich nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, um dem Geheimnis ihrer Lieblingsplätze näherzukommen. So spinnt etwa das Buch "Magisch Reisen: Deutschland" von David Luczyn unbeirrt den Mythos der Externsteine als germanischem "Zentralheiligtum" bzw. "Sternwarte" weiter, obwohl die Archäologie bisher keine Belege dafür fand.18 Unkritisch werden auch die Schriften von Walther Machalett zitiert, als seien sie ernst zu nehmende Forschungsergebnisse zu diesem Thema. Luczyn empfiehlt dem Leser als vorbereitende Maßnahmen für eine Kultstättenerfahrung Atem- und Meditationsübungen, auch solle er seine Wirbelsäule geradehalten, um mit dem "Mittelpunkt der Erde" in Kontakt zu treten. Dann sei zu erleben, wie eine "weiße Lichtsäule" aus dem Kosmos herunterkomme, alle Zellen durchströme und den Körper reinige und harmonisiere.19 Gerade in der Nähe der Externsteine könne man besonders gut in "telepathischen Kontakt mit den Erdgeistern" treten, in Höhlen und unter "uralten Eichen" befänden sich "heilkräftige Stellen" und das "Steingrab" ermögliche "Visionen", "außerkörperliche Erfahrungen" und "sphärische Töne".20 Aber auch an anderen Plätzen in Deutschland spürt Luczyn das Weben von geheimnisvollen Kräften: Als Beweis für "energetische Ströme" im Paderborner Dom sieht er die Wellenmuster eines Teppichs an und ein Birkenhain im Elbsandsteingebirge macht ihn "leicht und redefreudig", weshalb dieser Ort sicher einst "zu Versammlungs- und Lehrzwecken verwendet wurde."21 Über schalenartige Vertiefungen auf Felsen der Sächsischen Schweiz berichtet er, dass diese Mulden laut "medialer Befragung" der umherstehenden Bäume "wie Nervenenden ? mit dem Innern der Erde verbunden sind."22 An diesen heiligen Stellen nehme die Erde alles wahr, was man ausdrücke, und manchmal gäben die hier wohnenden "Geister" sogar eine "Lehrstunde": Einem Freund hätten diese beim Aufstieg das durch ein Loch in der Hose herabfallende Portemonnaie so ausgeleert, "dass Papiere und Geldscheine oben liegenblieben und das Portemonnaie samt Kleingeld den Abgrund heruntersauste."23 Was fällt einem als Gemeinsamkeit all dieser "Kraftort-Forschungen" auf? Wir erwähnten bereits die Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Untersuchungen, genau genommen die eigene willkürliche Deutung von dem, was "wissenschaftlich" sei oder nicht. So hält mancher moderne Esoteriker auch Dinge wie Rutengang etc. für Wissenschaft. Dazu kommt eine Verklärung der Vorfahren zu hyperintelligenten Wesen, die in engem Kontakt mit dem Kosmos standen und angeblich Dinge wahrnehmen konnten, für die wir schon zu degeneriert sind. Dies wird nicht bewiesen oder irgendwie plausibel gemacht, sondern meist nur behauptet. Es herrscht ein raunender Ton vor, der gerne mit Silben wie "Ur" spielt ("uralt", "Urerfahrungen", "Urkultur", "Urzeit", "urgermanisch" etc.) und das Nachvollziehbare durch einen nebulösen Klang- und Assoziationsraum ersetzt, in dem halt andere Gesetze gelten. Sprache wird eher als Überrumpelungsmanöver verwendet denn als klares, beschreibendes oder auch literarisch überzeugendes Mittel. Wir erwähnten bereits die Harz-Wanderer Goethe und Heine, die ? wie viele Romantiker ? durchaus auch an den mythologischen Aspekten einer Landschaft interessiert waren. Aber sie sprachen nie von "weißem Licht", "Telepathie", "kosmischem Einklang" oder "Erdstrahlungen", benutzten nicht einmal Worte wie "magisch" oder "Kultstätte", sondern umschrieben die Aura von Orten präziser. Ein weiteres Merkmal, das wir bereits erwähnten, ist die suggestive Lichtmetaphorik, die in sich immer bedenkliche Dualismen von hell und dunkel, gut und böse, rein und unrein birgt. Dass diese zu Auserwähltheitsdünkel, Ausgrenzung und auch Gewalt führen können, beweisen nicht nur der Rechtsradikalismus, sondern auch dubiose Sekten aller Art, die mittels solcher Begriffe vielen verunsicherten Menschen "Erleuchtung" anbieten. Kritisch auch die übertriebene Verklärung von Begriffen wie "Eingebundenheit" oder "Einssein" mit dem Kosmos, das man innerhalb von Kultstätten oder geomantischen Netzwerken erleben könne. Ignoriert wird, dass z.B. die Aufklärung und neuzeitliche Rationalität das Ich des Menschen stärkten, gerade, um aus der Einbindung in mythisch verabsolutierte Zusammenhänge von Kosmos, Natur und Sippe ausbrechen zu können. Die individuelle Freiheit, die moderne Kultstättenpilger wie selbstverständlich für sich reklamieren, gab es in den von ihnen herbeigesehnten Zeiten noch nicht. Auch wäre die Frage zu stellen, ob sie genug Mut und Kraft besäßen, auch die blutigen Tier- und teilweise sogar Menschenopfer zu ertragen, die an vielen "heiligen Orten" zur Religionsausübung dazugehörten.

Kritik der Archäoastronomie

Doch es gibt auch andere Ansätze, sich "Kraftorten" zu nähern, ohne dass Intuition und Rationalität, spirituelle Sehnsucht und gesunde Skepsis allzuweit auseinanderlaufen. Ein Beispiel dafür ist etwa das Buch "Astronomie und Glaubensvorstellungen in der Megalithkultur" von Volker Bialas, das sich zwar als "Kritik der Archäoastronomie" versteht, aber gleichwohl auch die religiöse Bedeutung solcher Stätten zu ergründen versucht.24 Durch eigene Messungen kam Bialas zu entscheidenden Korrekturen in der bisherigen Deutung von Megalithbauten, etwa bezüglich des angeblichen "megalithischen Einheitsmaßes" oder der pauschalen Rede von "Sonnen- und Mondbeobachtungsstätten". In Stonehenge fand er z.B. heraus, dass die angeblichen "Visurlinien" für Mondumläufe aus Bodenerhebungen bestanden, die erst im Ersten Weltkrieg als Übungsfelder für die Armee entstanden waren. Andere stammen aus der Eisenzeit und liegen immer noch viel später als die Entstehungsphasen dieses Steinkreises.25 Die tatsächlich existierende Achse in Richtung Sonnenaufgang bei der Sommersonnenwende rechtfertigt für Bialas noch nicht die Rede von hochentwickelten astronomischen Kenntnissen seiner Erbauer. Dennoch sieht er in Stonehenge einen herausragenden Ort, der seiner Meinung nach aber eher mit einer ganzheitlichen Natursicht und einem ausgeprägten Totenkult zusammenhängt. Sensationsheischende Formulierungen wie "neolithischer Computer"26 seien zu vermeiden, da sie unsere wissenschaftlichen Anschauungen auf das völlig andere Denken der Vorzeit projizierten. Bialas weist demgegenüber auf die damalige Bevölkerung hin, die Ackerbau und Viehzucht betrieb und sich wie selbstverständlich am Kreislauf der Vegetation orientieren musste. Dabei übertrugen sie wohl das Kommen und Gehen von Vegetation und Jahreszeiten auf das eigene Leben und Sterben und dachten in eher zyklischen als linearen Abläufen. Wie das Getreide, so kehrte für die Erbauer von Stonehenge auch der Mensch in den Schoß der Erde zurück: ein Zusammendenken von Natur- und Lebensrhythmen, die über hundert Grabhügel in der Umgebung des Steinkreises sowie kremierte Totenreste in seinem Innern zu belegen scheinen. Bialas lässt sich durchaus auch von einem archaischen Denken berühren, für das Leben und Tod, Geist und Natur noch keine so großen Gegensätze waren wie für uns. Aber indem er seine Imagination von wissenschaftlich Belegbarem anregen und korrigieren lässt, bleibt er in einem behutsam befragenden Verhältnis zu den Kultstätten und verfällt ihnen nicht in entrückter Hörigkeit. Zur weiteren Klärung der Frage, welche Rituale denn genau an diesen Plätzen stattgefunden haben, verweist Bialas auf einen interessanten Aufsatz von Robert Heine-Geldern, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine noch existierende Megalithkultur in Südostasien (Assam, Westbirma, Celebes) erforscht hatte.27 Dort wurden die großen Steine etwa als "Seelensitze" oder "Ersatzleiber" bezeichnet, an denen man Tänze, Rinderopfer und Erinnerungsfeiern für die Ahnen zelebrierte. Heine-Geldern berichtete z.B. über einen vermutlich schon im 16. Jahrhundert errichteten Steinkreis, der aus 32 bis zu vier Meter hohen Menhiren bestand. Beim alljährlichen Totenfest hätten die Junggesellen des Dorfes Tänze und Ringkämpfe innerhalb der Anlage aufgeführt, die für diesen Moment die Taten der Vorfahren wieder lebendig machte und als Sinngeber für die Gegenwart diente.28 Heine-Geldern teilte diese Erkenntnisse 1928 in einem Vortrag der Wiener Anthropologischen Gesellschaft mit: Interessant wäre, ob solche Orte und Praktiken auch heute noch in Südostasien existieren. Dass Volker Bialas, der als Kepler-Forscher und Professor an der TU-München arbeitet, mehr ist als ein kühler Kultstätten-"Entzauberer", zeigen auch seine Anmerkungen zum jetzigen Zustand vieler Megalithtempel: "Morbihan und Stonehenge sind wie die franko-kantabrischen Höhlen Plätze des modernen Massentourismus geworden. Von einer religiösen Weihe dieser Orte empfinden die ahnungslosen Touristen nichts. Es wäre wohl auch eine Aufgabe der Kultusminister und der zuständigen Institutionen der betreffenden Länder, über die archäologische Konservierung der Monumente hinaus für die Wiederherstellung der Würde dieser Stätten Sorge zu tragen. Was würden die Christen sagen, wenn morgen in ähnlich touristischer Weise mit ihren Domen und Kathedralen umgegangen wird?"29

Eigene Erfahrungen

Trotz meiner Skepsis gegenüber den oben genannten Kuriositäten habe auch ich Orte und Landschaften kennengelernt, die mich auf unerklärliche Weise berührten und die ich zum Teil wiederholt aufsuchte, um solche Eindrücke näher zu bestimmen. Ihre Atmosphäre ging über das hinaus, was man als Naturschönheit bezeichnet, und erzeugte Gefühle der Begeisterung, des Erstaunens und der kreativen Unruhe in mir. Dies waren Kirchen, Höhlen, Burgen und Tempel, am nachdrücklichsten jedoch Steinkreise in Schottland, etwa Callanish auf den Hebriden oder der Ring of Brodgar auf den Orkneyinseln.30 Als ich diese unberührten und eindrucksvollen Orte das erste Mal aufsuchte, wusste ich noch nichts von der Megalithkultur, die diese Monumente vor ca. 5000 Jahren errichtet hatte, und war ganz meinen "unbefangenen" Sinneseindrücken ausgesetzt. Vielleicht ist dies das beste Mittel, um den oben beschriebenen Übersteigerungen zu entgehen: den eigenen Augen trauen und sich über die Eindrücke genau klarwerden, die von einem solchen Platz ausgehen. Dazu brauche ich keinen Nachweis von magnetischen oder sonstigen Strahlungen, der für mich auch immer materialistische Verflachung von Spiritualität bedeutet, weil er wieder auf Messbares rekurriert. Auch ist zunächst einmal kein Netzwerk von anderen Plätzen oder "Leylines" nötig, um ihre Kraft zu verstehen und sich davon berühren zu lassen. Der reine Augenschein und die Stille der umgebenden Landschaft sind schon viel: meterhohe Steine in Kreisform, ohne Schmuck und Ornament, die etwas markieren, umstellen, quasi aus der Natur herausschneiden. Wie sich beim Maler das weiße Papier verändert, wenn er einen Kreis darauf zieht, so verändert sich die Landschaft um ein solches Monument herum. Es entstehen Bezüge, man schaut anders auf eine ferne Hügelspitze, die untergehende Sonne oder den aufgehenden Abendstern. Meeresrauschen, zirpende Grillen, Windgeräusche und Stille finden im Verhältnis zur Stätte statt, als ob diese ein Focus wäre, der die Sinne schärft und Zusammenhänge erzeugt. Ein mit Säulen und Skulpturen versehener griechischer oder ägyptischer Tempel bewirkt Anderes. Er lenkt die Aufmerksamkeit eher auf sich selbst oder die mythologischen Darstellungen in ihm. Der Steinkreis führt einen hin zur äußeren Natur, gerade weil er in asketischer Schmucklosigkeit verharrt. Dies ist zweifelsohne ein "Kraftort", aber ich persönlich brauche keine großen Begriffe wie "feinstoffliche Energie", "Erdchakra", "metaphysische Aura" oder "kosmische Einweihungsstätte". Ich bleibe bei meinen wachen Sinnen, den Empfindungen, die sie schrittweise in mir auslösen und verschmähe auch die Erkenntnisse moderner Archäologie nicht, die beispielsweise durch Gräberfunde wichtige Details mitteilen. Dienten nämlich diese Stätten auch zur Beerdigung, so kommt der Tod mit ins Spiel, der bei den alten Völkern nicht als Endstation, sondern als Übergang verstanden wurde. Davon kann ich mich inspirieren lassen, auch wenn ich keine schlüssigen Belege für Seelenwanderung oder Reinkarnation habe.

Das Angebot der "Kraftorte"

Es ergibt sich ein reizvolles Paradox: Obwohl der Steinkreis seit Jahrtausenden unberührt dasteht, ist er mit einem Denken in Bewegungen und Übergängen verbunden. Hat er eine ähnliche Funktion wie der starre Zeiger einer Sonnenuhr, der erst die Bewegung des Gestirns sichtbar macht? Wer in einer Großstadt lebt, bekommt die Zyklen der Natur nur bedingt mit. Selten wird einem im Detail bewusst, wie die Jahreszeiten wechseln, und nur in den Parks erblickt man das langsame Gelbwerden der Blätter oder die Kraft der im März aufsprießenden Krokusse: anrührende Empfindungen, die aber eine Stunde später schon wieder der Alltagsroutine zum Opfer fallen können. Eine einsame Landschaft lässt dies stärker hervortreten, "sakrale" Markierungen in ihr vertiefen dies noch einmal. Ich stellte mir vor, die Steinkreise zu verschiedenen Jahreszeiten aufzusuchen: erwärmt von der Sommerhitze, schneebedeckt, von Regen triefend, während eines Gewitters oder in einer sternklaren Frühlingsnacht. Die Vorstellung ihrer Standhaftigkeit erinnerte mich an meine Meditations-Studien in einem französischen Zen-Kloster, wo der Leiter einmal ein japanisches Gedicht zitierte, nach dem ein Berg der gleiche bleibt, egal ob eine Kuhherde über ihn zieht oder ein zarter Windhauch. Eine weitere Zen-Maxime lautete "Weder flüchten noch folgen" und umschrieb ein Lebensgefühl der Gelassenheit, das trotz des Wissens um die ständige Veränderung der Dinge ruhig bleibt. Die Megalithtempel im Norden Schottlands lösten ähnliche Empfindungen in mir aus: keine Preisgabe des eigenen Ichs zugunsten ewiger und unerschütterlicher kosmischer Gesetze, aber die Erinnerung daran, dass das Leben ein immer wieder neu zu gestaltender Balanceakt zwischen Geist und Natur, Denken und Glauben, Willensfreiheit und Demut ist. Dies sind in der Tat Erlebnisse von "Kraftorten" jenseits von esoterischer Abgehobenheit oder nationaler Besonderheit. Eher Impulse, gelegentlich Empfindungen aus abgesunkenen Tiefen heraufzuholen, die durch Alltagsstress und rationale Beschäftigung oft verdrängt werden, obwohl sie für unser Leben von großer Wichtigkeit sind. In Deutschland gibt es solche Plätze kaum. Kirchen können eine starke Aura haben und einen in Stimmungen von Andacht und Meditation versetzen. Aber der sinnliche Bezug zur Natur wird durch verschlossene und bemalte Fenster, Orgelspiel, Weihrauch und die Worte der Predigt ersetzt. Die meisten vorchristlichen Kultstätten, an denen dies anders ist, wurden hierzulande durch Christianisierung und Industrialisierung zerstört, und um die Übriggebliebenen gibt es nicht die Landschaften, die ich in Schottland, Irland, Lappland, Ägypten oder den Pyrenäen vorfand. Die wenigen Menhire und Dolmen, die hier noch stehen, sind meist durch hässliche Mülleimer und uninspirierte Hinweistafeln verunstaltet. Die touristisch überlaufenen Externsteine wirken wie eine Pappkulisse aus Bad Segeberg, und der Regenstein im Harz ist durch unzählige Gitter, Treppen und Geländer verschandelt, die eher an deutsches Sicherheitsdenken als an Religionen der Vorzeit gemahnen. Zudem dominiert an vielen solchen Plätzen das Hintergrundgeräusch von Autobahnen, die Silhouetten ferner Banken und Einkaufscenter sowie betont nüchtern gehaltene Informationen. All das macht einem unmissverständlich klar, dass dieses Land zu anderen Werten strebt als zu Erinnerungen an vorchristliche Spiritualität oder mythologisch inspirierte Naturerfahrung. Was mir diesbezüglich blieb, waren Wanderungen im Harz oder im Elbsandsteingebirge, bei denen mich oft der schöne Satz von Caspar David Friedrich begleitete: "Ich muss mich vereinigen mit meinen Wolken und Felsen, um das zu sein, was ich bin." Auch Wald und Natur als Ganzes können eine "Kultstättenerfahrung" sein. Dabei bewunderte ich manch eindrucksvollen Baum, der mir sofort plausibel machte, warum dieses Gewächs für Kelten und Germanen ein lebendiger und "heiliger" Organismus war. Manchmal wurde die Landschaft auch durch bestimmte Namen beseelt. In der Sächsischen Schweiz kam ich etwa an einem "Wotanskegel" oder "Heidenstein" vorbei, wanderte durch den "Thorwald" und vorbei an "Opfereichen", "Heiligen Stiegen" und "Ida-Grotten". Im Harz hießen die dementsprechenden Orte "Teufelsmauer", "Hexentanzplatz" oder "Questenstein". Aber welche Indizien hatte ich dafür, wie alt diese Bezeichnungen waren und was sie tatsächlich meinten? Übrig blieb meist nur meine Phantasie, die sich aus archäologischen Informationen, Sagen und Naturerfahrungen ein eigenes Gewebe zusammensponn, in dem ich einen Hauch vorzeitlicher Mythenwelt zu erkennen glaubte. Interessant war für mich die Entdeckung, wie Dichter und Maler der Romantik mit diesem Thema umgegangen waren. Auch sie hatten ein heidnisch-spirituelles Erbe in Deutschland gesucht und in ihren Gedichten und Gemälden "Rauschende Haine", "Waldestempel", "Hünengräber", "Toteninseln", "Walpurgisnächte" und "Elementargeister" besungen. Doch anders als mancher Esoteriker oder völkische Heimatforscher verloren etwa Goethe, Heine, Eichendorff, Friedrich oder Droste-Hülshoff dabei nie eine gewisse poetische Luftigkeit, was sie vor Abstürzen in ideologischen Fanatismus oder metaphysischen Unsinn bewahrte.31 Sie blieben mit ihren Phantasien und Deutungen im Bereich der Kunst, einem spielerischen Raum, der nicht in direkte Konkurrenz zu Wissenschaft und Empirie tritt bzw. diesen eine geistig-seelische Welt gegenüberstellt. Ich denke, auch davon kann man lernen. Besonders Esoteriker, die zu schnell vom Sinnlichen ins Übersinnliche, vom Experiment zur ewigen Wahrheit springen und damit vielleicht den "Kraftorten" ihr für uns heute verbliebenes Angebot rauben: sich über Imaginationen und Gedankenspiele vorübergehend in entlegene Zeiten zu versetzen, um die eigene auch einmal mit anderen Augen ansehen zu können.