Wer weiß, was Geomantie ist?

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 10/2001

Nach dem "Oxford English Dictionary" stammt das Wort Geomantie aus dem Spätgriechischen: geo-manteia. Es ist gebildet aus gaia oder gê = Erde und aus mánteia = Divination, Weissagung, Mantik. Seine wörtliche Bedeutung ist also "Wahrsagung aus der Erde oder durch Erde". Bis ins 19. Jahrhundert wurde das Wort Geomantie vorwiegend für die "Punktierkunst", eine im Mittelalter von den Arabern übernommene Orakelmethode, gebraucht und erst um 1870 im hier verwendeten Sinne ins Englische und Deutsche eingeführt. Da das Wort die Bezeichnung für eine der vier alten Divinations- oder Orakelarten ist, wäre es naheliegend, das Wort "Mantik" zu verwenden, so dass es dann "Geomantik" hieße; diese Schreibweise kommt tatsächlich hin und wieder vor, hat sich jedoch nicht eingebürgert.

Die zwei Bedeutungen von "Geomantie"

Wir finden mit anderen Worten, dass Geomantie eigentlich zwei Bedeutungen besitzt:
-Die divinatorische Geomantie
Die divinatorische Geomantie begegnet uns in der Literatur meist in der Form der arabischen Sand-Orakel (Ilm-al-Raml), die später in Gestalt verschiedener afrikanischer Orakelmethoden (z.B. der Ifa-Divination in Nigeria und des Sikidy in Madagaskar), aber auch als "Geomantie" oder "Punktierkunst" im europäischen Mittelalter und der Renaissance weiterlebten. Dabei wurden zunächst die Muster von mit einem Stab in den Sand gestochenen Punkten oder von geworfenen Erdklumpen, Kieselsteinen, Palmnüssen oder Samen gedeutet, später entwickelte sich die Methode zur Interpretation von Linien oder Punkten, die mehr oder weniger zufällig aufs Papier gebracht wurden. Im Mittelalter war sie eine der vier großen, den Elementen zugeordneten europäischen Divinationsmethoden (heute kennen wir Divinationsmethoden vor allem in der Form von Tarot, Yijing und Astrologie); sie wurde z.B. von Gerardus Cremonensis und später von Cornelius Agrippa von Nettesheim beschrieben. Die vier alten, auf die Elemente bezogenen Divinationsklassen waren die Hydromantie (Wasser), die Pyromantie (Feuer), die Geomantie (Erde) und die Aeromantie (Luft). Diese Geomantie kann nach Stephen Skinner definiert werden als "die Kunst, Einsichten in die Gegenwart oder die Zukunft zu gewinnen, indem man die Kombination von Mustern beobachtet, die auf der Erde oder auf Papier von einem Weissager gemacht worden sind, der seiner Intuition oder dem Geist der Erde erlaubt, die Bewegung eines Stabes oder Schreibwerkzeugs zu bestimmen" (Skinner, Terrestrial Astrology, 1980).
- Die tellurische Geomantie
Weil es in den Lexika meist nur in der ersten Bedeutung aufgeführt ist, wird oft behauptet, das Wort Geomantie besitze ausschließlich die Bedeutung von "Punktierkunst", und die Verwendung im Sinne einer zweiten Art von Geomantie, der tellurischen Geomantie, sei eine Erfindung der neuesten Zeit und nicht statthaft. So behauptet z.B. auch Hans Biedermann, sonst als zuverlässiger Experte für die "Geheimkünste" bekannt, in seinem "Handlexikon der magischen Künste" fälschlicherweise, "der in der neueren esoterischen Literatur gebrauchte Sinn des Ausdrucks Geomantie (Beachtung von Kraftfeldern der Erde , die es zu respektieren gilt) hat mit der traditionellen Definition des Begriffes nichts zu tun" (Bd.1, S.180., 3. Aufl., Graz 1986). Dass dem nicht so ist, zeigen bereits eine Reihe von Veröffentlichungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Tellurische Geomantie versus Punktierkunst

Als nämlich in den 1870er-Jahren das chinesische Feng Shui erstmals in Europa bekannt wurde, übersetzte man den chinesische Begriff mangels einer besseren Entsprechung mit "Geomantie". Dies geschah nach dem "Oxford Dictionary" im Englischen erstmals 1878 in J.H. Grays Buch "China"; in die deutsche Sprache eingeführt wurde der Begriff aber bereits 1864 durch den China-Missionar F. Genähr von der Rheinischen Missionsgesellschaft in Barmen in einem Aufsatz mit dem Titel "Über chinesische Geomantie" und dann durch seinen Missionarskollegen Hubrig, der am 18. Januar 1879 in der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte einen Vortrag über "Fung schui oder die chinesische Geomantie" hielt. Dass sich dieser Gebrauch auch später hielt und anerkannt ist, sehen wir z.B. in James Hastings’ "Encyclopedia of Religion and Ethics" (1908-1926), wo Feng Shui als ein "eigenartiges geomantisches System" bezeichnet wird, und auch in der neueren Fachliteratur, wie z.B. in Joseph Needhams monumentalem Werk "Science and Civilisation in China" (1956 und 1962), bei dem englischen Anthropologen Maurice Freedman (1968-1970) und in Mircea Eliades "Encyclopedia of Religions" (1987), wo der Begriff Geomantie für Feng Shui verwendet wird. Darüber hinaus kann man zeigen, dass Geomantie - trotz vieler gegenteiliger Meinungen - auch schon viel früher außer für die Punktierkunst im zweiten und möglicherweise sogar älteren Sinne einer tellurischen Geomantie verwendet wurde. Bereits der römische Naturforscher Plinius soll den Begriff in dieser Weise verwendet haben. Allerdings wurde diese Bedeutung, wie die literarischen Zeugnisse aus dem Spätmittelalter und der Renaissance zeigen, schon früh nicht mehr verstanden. Diese Zeugnisse zeigen nur noch eine undeutliche Ahnung der alten Bedeutung, meinen jedoch klar etwas anderes als die Punktierkunst. So versteht z.B. Berthold von Regensburg (13. Jahrhundert) unter Geomantie allerlei Künste, bei denen etwas aus der Erde ausgegraben oder in der Erde vergraben wird ("pathomas et radices fodere, urticas ymagines et nigros pullos in terram fodere"). Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535) kennt in seinen "Magischen Werken" (1510) zwei Arten der Geomantie; er nennt die tellurische sogar als erste und definiert sie mit den folgenden Worten: "Die Geomantie deutet aus den Bewegungen, dem Geräusche, dem Anschwellen, dem Zittern, den Rissen, Öffnungen, Ausdünstungen und den übrigen derartigen Erscheinungen bei der Erde die Zukunft". Die - bei ihm - zweite Art, die divinatorische Geomantie (Punktierkunst), behandelt Agrippa gesondert unter den Formen der Loswahrsagung und schreibt darüber: "Es gibt aber noch eine andere Art von Geomantie, die aus Punkten, welche man auf den Erdboden macht, wahrsagt". Georg Pictorius (*1500), Stadtarzt im elsässischen Ensisheim, erklärt die Geomantie in wörtlicher Anlehnung an Agrippa im ersten Sinne als Kunst der Weissagung aus den Erdbeben, dem Dröhnen, Schwellen, Bersten, Zittern, Einsinken und den Ausdünstungen der Erde usw. Der Theologe Petrus Binsfeld bezeichnet in seinem "Tractat von Bekanntnus der Zauberer und Hexen" (1591) die Geomantie als "Wahrsagerkunst aus dem Erdreich". Im Sinne der Sanddivination wurde das Wort erstmals von Hugo von St.Victor im 12. Jahrhundert verwendet, der über Bräuche des arabischen Raumes berichtete. Bis dahin bezeichnete es wohl andere, mit Erde und auf der Erde ausgeübte, aber in der alten Literatur schlecht dokumentierte divinatorische Methoden, die auf die antiken Erdorakel (wie z.B. im griechischen Delphi, Olympia und Dodona) und Praktiken wie die Inkubation (Tempelschlaf) zurückgingen, deren Weiterleben in christlicher Form bis weit ins Mittelalter bezeugt ist. Die schlechte Quellenlage der tellurischen Geomantie hängt wohl auch damit zusammen, dass die divinatorische Geomantie als Punktierkunst zusammen mit den anderen Divinationen nach den Elementen von der Kirche verdammt und verboten wurden. Dass dieses Verbot sie allerdings nicht so scharf traf wie andere magische Künste und sie deshalb besser überlebte, hing damit zusammen, dass sie von der Kirche als "Divination ohne ausdrückliche Beschwörung von Dämonen" eingestuft wurde, wie es bei Thomas von Aquin heißt. Jedoch nicht alle folgten dieser Beurteilung, wie die Aussage Agrippas zeigt, wonach man die Punkte mit dem bloßen Finger machen und zuvor gewisse Zaubersprüche aussprechen solle, damit die Erdgeister die Hand des Divinators führten. Die tellurische Geomantie hingegen wurde wohl als klare Dämonenbeschwörung bewertet, was auch ihre gelegentliche Gleichsetzung mit der Nekromantie (Beschwörung von Totengeistern) zeigt. Es besteht kein Zweifel, dass beide Arten der Geomantie ihren Ursprung in der Divination haben. Bei genauerer Untersuchung wird überhaupt der zunächst einleuchtende Gegensatz zwischen den beiden Varianten hinfällig. Das bestätigt auch die britische Anthropologin Mary Danielli, die ebenfalls den Begriff Geomantie in beiden Bedeutungen verwendet und in ihrem Aufsatz "Geomancers in China" (1952) schreibt, dass "sich das geomantische System in China wie in Madagaskar in zwei separate Teile teilt, die aber trotzdem miteinander verwandt sind; das eine ist eine typische Form von Divinations-Geomantie und ist bekannt als die vierundsechzig Hexagramme (Yijing) . Der andere, weniger bekannte Teil betrifft das Platzieren von Häusern und Gräbern, wofür auch chinesische Gelehrte den Begriff Geomantie verwenden". Ein tieferes Verständnis der Divination einerseits und der tellurischen Geomantie andererseits zeigt, dass beide Methoden untrennbar verbunden sind mit dem Aufsuchen eines "veränderten Bewusstseinszustandes", in dem alle Phänomene als bedeutungsvoll und aufeinander verweisend erlebt werden. Das Wort "Mantik", verwandt mit "Manie" und "Mänaden", ist abgeleitet von griechisch mainesqai (maínesthai = wüten, rasen, wahnsinnig sein), verweist also auf die schamanische Ekstase, das Außersichsein als den für das Wahrsagen wie auch für die Geomantie notwendigen Zustand. Dieser veränderte Bewusstseinszustand bringt jenen unbewussten und unkontrollierbaren Anteil des Ichs an die Herrschaft, den die Römer Genius und die Griechen Daimon nennen und der den Menschen untrennbar mit dem Chthonischen, Unterirdischen verbindet, wo er auch bei Vorherrschen des rationalen Ichs verwurzelt bleibt, und wo auch Lebenskraft und übersinnliche Inspiration entspringen. So bleibt die Geomantie ihrem Wesen nach auch in einer modernen Form Divination. Wie die Aeromantie, die Divination des Luftelementes, z.B. eine Deutung von Wolkenmustern, dem Rauschen des Windes und des Vogelfluges beinhaltet, die Hydromantie diejenige der Muster von Wasserströmungen oder dem Brausen eines Wasserfalls oder die Pyromantie die Interpretation des Flammenspiels, so besteht die divinatorische Geomantie als eine der vier elementaren Divinationsklassen aus einer Deutung natürlicher Muster in Erde und Landschaft. Die Landschaftsmuster werden dabei wie die Äußerungen der anderen Elemente als Ausdruck einer der materiellen, sinnlich wahrnehmbaren Realität zugrundeliegenden nichtmateriellen Realität ("Äther" als fünftes Element) aufgefasst. Somit besteht kein grundsätzlicher Unterschied zwischen ihr und der tellurischen Geomantie. Letztere, mit der wir uns hier befassen, könnte man deshalb versuchsweise in Anlehnung an die divinatorische Geomantie wie folgt definieren: Deutung von Erde und Landschaft und ihrer sichtbaren wie unsichtbaren Strukturen, Formen und Muster in ihrem Bezug auf Kosmos und Mensch; inbesondere auch diejenige eines bestimmten Ortes. Damit auch als Bestimmung der richtigen Beziehung zur Umgebung, des richtigen Standortes für Handlungen ganz allgemein, sowie speziell für die Errichtung von Bauwerken wie Tempeln, Kirchen, Mauern, Türmen, Wohnhäusern, Grabstätten.

"Alte Wissenschaft" oder neu entstehendes Gebiet?

Je mehr man in das Gebiet der Geomantie mit seinen vielfältigen Zusammenhängen und verschiedenen Bedeutungsebenen eindringt, umso schwieriger wird es, eine Definition der Geomantie festzulegen. Geomantie ist nichts Fertiges, eher ein Projekt, eine Vision, eine Möglichkeit. Niemand kann heute behaupten, genau zu wissen, was Geomantie ist. Deshalb kann man, etwas zugespitzt, sagen, dass eine Geomantie eigentlich noch gar nicht existiert. Denn erstens gibt es in unserer eigenen Kultur keine eigene, auch nur annähernd intakte, bis in die Gegenwart hinein ungebrochene geomantische Tradition, die praktisch anwendbar wäre. Zweitens halte ich auch die Radiästhesie, die manchmal den Anspruch erhebt, Geomantie zu sein, für keine vollwertige Geomantie. Sie hat gewiss das Verdienst, die alte Vorstellung in unsere Zeit hinübergerettet zu haben, dass es unsichtbare, nichtmaterielle Feldstrukturen in unserer Umgebung bzw. unsichtbare Ortsqualitäten oder "Standorteinflüsse" gibt, die unser Leben beeinflussen können. Sie ist aber nach meiner Auffassung nur das unvollständige, verzerrte Relikt eines einmal vorhanden gewesenen alten Wissens über diese unsichtbaren Raumqualitäten und ist zusätzlich dadurch kompromittiert, dass sie - aus einem verständlichen Bedürfnis nach Anerkennung heraus - sich in ihren Vorstellungen und Methoden zu sehr an die Physik angebiedert und dadurch ihren Ursprung und ihr Wesen aus den Augen verloren hat. Drittens glaube ich auch nicht, dass es sinnvoll ist, bestehende Geomantiekonzepte und -praktiken fremder Kulturen, wie z.B. das chinesische Feng Shui, tel quel zu übernehmen und hier zu praktizieren. Alle diese - als solche für uns durchaus brauchbaren - Elemente ergeben für sich allein noch keine vollständige und angemessene Geomantie, wie sie nach meiner Meinung aussehen sollte, sondern nur einseitige, verzerrte, oberflächliche, ja sogar schädliche Pseudo-Geomantien, wie wir sie heute leider bereits zur Genüge antreffen. Was wir heute über die Geomantie wissen, setzt sich hauptsächlich zusammen aus Nachrichten über die einzige gut bekannte, noch ungebrochene Tradition des chinesischen Feng Shui, aus der radiästhetischen Tradition und vielen weiteren bruchstückhaften und verstreuten Hinweisen darauf, dass es so etwas in anderen, außereuropäischen Kulturen und in unserer eigenen westlichen Kultur noch gibt oder einmal gegeben haben könnte. Wer heute in unserer Kultur Geomantie betreiben will, muss sich nach meiner Auffassung bewusst sein, dass es keine lebendige Tradition mehr gibt, auf der man aufbauen kann, und dass man Geomantie nur als eine Neuschöpfung im Projektstadium begreifen sollte, mit all den Verwirrungen, Unsicherheiten, Problemen und Gefahren, die sich aus dieser Situation ergeben. Eine Geomantie existiert noch nicht und muss erst geschaffen werden. Klar ist, dass es sich bei der neuen Geomantie um ein Gebiet handeln wird, das irgendwo zwischen Kunst und Wissenschaft, Rationalität und Irrationalität angesiedelt ist, viel zu tun hat mit "esoterischen" Überlieferungen im guten Sinne (die ich lieber "traditionelle Wissenschaft" nenne) und wegen dieser Nähe stets Gefahr läuft, von der Esoterik- und New-Age-Welle im schlechten Sinne vereinnahmt zu werden. Es ist bzw. wird ein Gebiet sein, das in höchstem Maße interdisziplinär angelegt sein muss und sich synthetisch des Wissens und der Werkzeuge einer ganzen Reihe von Wissenschaftsdisziplinen, sowohl geistes- wie auch naturwissenschaftlicher Richtung, bedienen muss. In Wirklichkeit ist diese neue Geomantie selbstverständlich bereits im Entstehen begriffen. Sie wird in diesem Moment geschaffen von den vielen, die sich bemühen, ihre Wahrnehmungen zu verdeutlichen und zu verstehen, sie in Beziehung zu alten Lehren und neuer Wissenschaft zu bringen und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, um sich untereinander darüber austauschen zu können und so die den unterschiedlichen Wahrnehmungen zugrundeliegenden, gemeinsamen Gesetzmäßigkeiten herausarbeiten zu können. Obwohl diese neu entstehende Geomantie nicht auf ein fertiges und sicheres Wissen irgendwelcher Traditionen zurückgreifen kann, wird für sie die Bemühung von ganz wesentlicher Bedeutung sein, diese Traditionen zu studieren und im Kontext ihrer Kulturen und der historischen Situation zu verstehen. Dieses Verständnis muss aber in die Tiefe gehen und zu jenen universellen, allgemein menschlichen Grundlagen vorstoßen, die allen unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen von Geomantie zugrundeliegen, und so die Grundprinzipien geomantischen Wahrnehmens und Handelns zu erfassen versuchen. Das geschieht am besten durch die Methode der "kognitiven Archäologie", indem wir uns nämlich den besonderen Geisteszustand und die daraus entstehende Wahrnehmungsweise und das Weltbild des archaischen Menschen erschließen. Dort liegt nach meiner Auffassung sowohl der historische Ursprung der Geomantie wie auch die notwendige Wurzel und Grundlage für jede heutige Geomantie. Diese archaische Bewusstseinsverfassung und Art und Weise, die Realität wahrzunehmen, sind von unserer heutigen radikal verschieden. Gleichzeitig aber bilden sie eine noch heute auf verborgene Weise in uns selbst aktive, tiefe Bewusstseinsschicht, die, von uns meist unbemerkt, unter unserem alltäglichen Bewusstseinszustand liegt und jederzeit bewusst gemacht und aktiv eingesetzt werden kann. Der Umgang damit muss nach meiner Auffassung die Grundlage jeder geomantischen Tätigkeit bilden, und ihr Verständnis bildet die Grundlage für das Verständnis geomantischer Symbolik und Denkweise. Aufgrund dieses Ursprungs wird die neue Geomantie ihrem Wesen nach immer eher zur "traditionellen Wissenschaft" als zur modernen Wissenschaft (in ihrer heutigen Form) gehören. Die Grundprinzipien der traditionellen Wissenschaft sind damit auch diejenigen der Geomantie und müssen ein wichtiges Element des geomantischen Wissens bilden. Als Teil der traditionellen Wissenschaft wäre die Geomantie dann als jener Zweig zu definieren, der sich mit diesen Grundprinzipien unter dem Ortsaspekt beschäftigt, wobei alle Geomantien immer gleichzeitig den Zeitaspekt (Astrologie) mitberücksichtigt haben. Andererseits ist die traditionelle Wissenschaft grundsätzlich nur in den Formen gültig und praktizierbar, die der jeweiligen Kultur und dem betreffenden historischen Zeitpunkt und der lokalen Situation angemessen sind, so dass eine heute entstehende Geomantie sich notwendigerweise genauso mit der kulturprägenden modernen Wissenschaft auseinandersetzen muss und auch deren Erkenntnisse und Methoden nicht verschmähen wird, soweit sie für ihre Fragestellungen relevant sind. Allerdings wird sie das nicht von dem üblichen Standpunkt aus tun, der die mental-rationale Bewusstseinsverfassung unserer Epoche verabsolutiert und die sich daraus ergebende Weltsicht zur allgemeingültigen erklärt, sondern von einem integralen Standpunkt aus, der von seiner Wurzel im archaischen Bewusstsein bis zum modernen mentalen Funktionsmodus alle Schichten menschlicher Bewusstseinsmöglickeiten als Spielmöglichkeiten zu integrieren versucht, um einen Meta-Standpunkt zu erringen, der für alle diese Möglichkeiten offen und transparent bleibt. In ihrem Verhältnis zur modernen Wissenschaft wird die neue Geomantie deshalb wohl der sich heute neu entwickelnden "Neuen Wissenschaft" nahe stehen, welche die gegenwärtig an den Hochschulen gelehrte Wissenschaft zu erweitern und auf ein neues Fundament zu stellen versucht. Ja, sie wird sich vielleicht sogar als Teil dieser neuen Auffassung von Wissenschaft verstehen, die ganzheitlich ist und deshalb z.B. dem Bewusstsein einen aktiven Platz im physikalischen Universum einzuräumen und sich für eine positive Neubewertung des Subjektiven zu öffnen beginnt. Diese Erweiterung basiert in manchen Punkten auch auf einer Auseinandersetzung und Neubewertung von Vorstellungen, wie sie in asiatischen Religionen oder europäischen vorwissenschaftlichen Philosophien, wie z.B. dem Hermetismus, vorkommen. Sie kommt damit einer Wiederintegration bzw. bewussten Wiederannahme eines in den letzten Jahrhunderten verdrängten bzw. abgelehnten Erbes unser Kultur gleich.