Chinesische Medizin

Energetische Konzepte der TCM

von Daniel Stehli-Schär erschienen in Hagia Chora 9/2001

Wer sich mit Feng Shui beschäftigt, kann auch die anderen traditionellen chinesischen Wissenschaften nicht außer Acht lassen. Wie stehen sie zueinander in Beziehung? Wie drückt sich die chinesische Kosmologie im Bereich der Heilkunde aus? Der folgende Beitrag stellt einige grundlegende Konzepte vor.

Zwischen der chinesischen Medizin und der alten Kunst des Feng Shui besteht ein direkter Bezug. Während Feng Shui die Umwelt und das Lebensumfeld energetisch so strukturiert, dass der Mensch sich optimal entfalten kann, schafft die Medizin einen energetischen Ausgleich im Körper. Erst wenn ein ausgeglichener Körper auf ein harmonisches Umfeld trifft, kann ein Höchstmaß an Übereinstimmung und damit an Lebensqualität erreicht werden. Beide Disziplinen arbeiten sich gegenseitig in die Hand. Gutes Feng Shui kann durchaus Bestandteil eines therapeutischen Konzeptes sein. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) blickt auf eine über dreitausendjährige Geschichte zurück. In der Sage geht sie auf die beiden Kaiser Shen nong und Huang di zurück. Ersterer soll die Heilpflanzen den Menschen zugänglich gemacht, der andere die Nadeln in die Medizin eingeführt haben. Zwei der ältesten medizinischen Werke tragen ihre Namen: Das "Shen nong ben cao jing" (der "Arzneiklassiker des Shen nong") und das "Huang di nei jing" (der "Innere Klassiker des gelben Kaisers"). Beide Werke stammen aus den letzten Jahrhunderten vor Christus. Noch heute studieren alle traditionell ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte beide Werke, da sie das Grundgerüst der Chinesischen Medizin enthalten. Beide stammen aus dem daoistischen Umfeld, was mehr oder weniger für die gesamte TCM gilt.

Grundlagen der TCM

Die wichtigsten Grundlagen der Chinesischen Medizin, die im "Nei jing" ausführlich behandelt werden, sind die Lehre von Yin und Yang und den fünf Wandlungsphasen, die Lehre vom Qi, der Lebenskraft oder Energie, für die sich nur schwer ein passender Ausdruck in europäischen Sprachen finden lässt. Die Begriffe Yin und Yang sind scheinbar klar und unmissverständlich. Bei näherem Hinsehen merkt man jedoch, dass ein Großteil der westlichen Autoren und Autorinnen bei diesem Konzept von Gegensatzpaaren ausgeht. Yin und Yang sind aber nicht einander ausschließende, sondern komplementäre Begriffe. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken. Im westlichen Denken wäre hier am ehesten die hegelsche Dialektik als Parallele zu nennen. "Wer Yin und Yang begriffen hat, der hat die ganze Medizin begriffen", heißt es im "Klassiker der inneren Medizin". Für die klinische Praxis bilden Yin und Yang ein erstes Raster, welches das generelle Therapiekonzept festlegt. Es ist grundlegend für die Diagnostik, die weiterführend differenziert, ob es sich um eine oberflächliche (akute) oder tiefe (chronische) Erkrankung, um eine Kältekrankheit (verlangsamter Prozess) oder um eine Hitzekrankheit (beschleunigter Prozess), um einen Fülleprozess (Überbelastung des Systems) oder um einen Leereprozess (Defizienz) handelt. Letztlich ergibt sich bereits daraus die Therapie der Wahl. Leereprozesse sind beispielsweise der Akupunktur nur schwer zugänglich, ihre Domäne sind Füllekrankheiten in jeder Form.

Die fünf Wandlungsphasen

Ein weiteres theoretisches Grundmuster der TCM bilden die fünf Wandlungsphasen, in der westlichen Literatur oft als fünf Elemente bezeichnet. Letzteres vermittelt aber falsche Assoziationen, denn es handelt sich um ein dynamisches oder, wenn man so will, auch ein kybernetisches Modell. Die fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser hängen in Zyklen der Hervorbringung, Steuerung und Überwindung voneinander ab. Nur die Überwindung ist von vornherein als pathologisch anzusehen. Die beiden anderen Zyklen führen zu jeweils spezifischen physiologischen Wirkungen. Im Falle des Exzesses einer Phase kann aber jeder Zyklus pathologisch werden. Dies zu begreifen ist sehr wichtig, denn jede der Wandlungsphasen weist Resonanzen zu allen Bereichen der Existenz auf. Holz resoniert mit dem Wind, dem Grünen, dem Frühling, der Geburt und frühen Jugend, der Leber, der Gallenblase, dem Sauren etc. Bringt man solche Resonanzreihen nach dem Gesetz der fünf Phasen zueinander in Beziehung, erhält man wiederum eine Reihe von klinisch höchst wichtigen Daten. Nicht nur für die Phytotherapie, bei der die Geschmacksarten und das Temperaturverhalten eine besondere Rolle spielen, haben die Wandlungsphasen ihre Bedeutung, sondern auch in der Akupunktur, wo Punktgruppen bestimmten Wandlungsphasen zugeordnet sind.

Qi, Xue und die Säfte

Eine besondere Rolle spielen in der Chinesischen Medizin die Konzepte Qi und Xue. Qi, ebenfalls oft irreführend mit "Energie" übersetzt, im Rahmen eines so kurzen Beitrags deuten zu wollen, erscheint müßig. Begnügen wir uns mit der Feststellung, dass es sich um eine dynamische Komponente handelt, die im Körper als eine Art Lebenskraft zirkuliert. Es gibt zwar nur ein Qi, doch äußert es sich in vielen Formen: Himmlisches Qi, das wir über die Atmung aufnehmen, Nahrungs-Qi, ursprüngliches Qi, das uns als Erbsubstanz und Talent mitgegeben ist, etc. Für die Chinesen ist Qi aber nichts Esoterisches, sondern etwas für jeden Erfahrbares, das in den Übungen des Qigong, im Taijiquan und in anderen Kampfkunstarten gelenkt und kultiviert wird. Die Praxis lehrt hier mehr als jede Theorie. Xue ist der Yin-Anteil des energetischen Konzeptes. Verkürzt wird es mit "Blut" übersetzt; es ist aber mehr. Tritt Qi in substanzieller Form auf, heißt es Xue. Selbstverständlich hat auch die TCM festgestellt, dass der Säftehaushalt des Körpers eine komplexe Angelegenheit ist, weshalb neben Xue noch eine Reihe weiterer Körperflüssigkeiten differenziert werden. Dabei handelt es sich aber letztlich nur um eine von der Funktion diktierte, genauere Charakterisierung der Begriffe Qi und Xue.

Funktionskreise und Leitbahnen

Rückgreifend auf die fünf Wandlungsphasen beschreibt die TCM fünf Funktionskreise, die mit den Namen der inneren Organe verbunden werden: Lunge, Milz, Niere, Herz und Leber. Mit den stofflichen Organen selbst haben sie aber kaum zu tun. Sie bezeichnen funktionelle Einheiten, welche die energetische Physiologie des Körpers ausmachen. Gerade diese Vorstellung bereitet dem in westlichen Denkstrukturen Aufgewachsenen immer wieder Probleme. Die Milz z.B. hat in der chinesischen Medizin die Aufgabe der Transformation und des Transportes. Deshalb wird sie behandelt, wenn die Aufschließung der Nahrungsmittel nicht ordnungsgemäß funktioniert. Der Magen als Yang-Anteil des Funktionskreises der Milz hat zwar in der westlichen Medizin auch diese Aufgabe, und insofern sind hier Parallelen zu sehen. Aber auch das Unterscheidungsvermögen zwischen Wichtigem und Unwichtigem im Bereich der Informationsaufnahme ist Aufgabe der Milz. Wer also die Umwelteinflüsse aus Werbung, Medien etc. nicht mehr zu strukturieren vermag, ist nach chinesischer Vorstellung am Funktionskreis der Milz erkrankt. Zu jedem Funktionskreis gehört ein System von Leitbahnen mit entsprechenden Öffnungen, über die jener durch Akupunktur erreicht werden kann. Bekannt sind über tausend solcher Punkte, von denen sich auch viele außerhalb der Leitbahnen, z.B. im Ohr, befinden. In der Praxis finden aber nur rund 250 Punkte regelmäßig Anwendung.

Diagnostische Besonderheiten

Wer diagnostizieren möchte, muss wissen, wonach er suchen soll. Die TCM reduziert die krank machenden Faktoren auf einige wenige innere, äußere und neutrale Faktoren. Äußere Faktoren sind z.B. Wind, Hitze und Kälte etc. Die inneren Faktoren - Trauer, Freude, Wut, Grübeln, Angst - sind von besonderer Bedeutung, denn damit wird der Bogen zur Psychotherapie geschlagen. In einem ganzheitlichen System wie der TCM ist der Einbezug psychischer Faktoren eine Selbstverständlichkeit. Neben diesen pathogenen Ursachen können selbstverständlich auch Unfälle, Diätprobleme (Nahrungsmittelvergiftungen, falsche Ernährung) und sexueller Exzess pathogen wirken. Indem in der Diagnostik die pathogenen Faktoren mit dem System der Funktionskreise in Beziehung gesetzt werden, erschließt sich der Ansatzpunkt für die Therapie. Die Fallaufnahme erfolgt in einer traditionellen chinesischen Praxis nicht wesentlich anders als in einer westlichen. Was allerdings in der chinesischen Diagnostik fehlt, sind die bildgebenden Verfahren und die chemische Analyse. Heute wird man sie aus Gründen der Vorsicht einbeziehen, da sie prognostisch von Bedeutung sein können. Besonderes Augenmerk richten die traditionellen Ärzte und Ärztinnen auf die Zunge und den Puls. Die Zunge wird nach Erscheinungsbild, Farbe des Zungenkörpers und Art und Weise des Belags beurteilt. Dies allein gibt schon einen recht klaren Hinweis auf die die Krankheit verursachenden Faktoren. Bei der Pulsdiagnose werden 28 Qualitäten unterschieden. Diese Technik erfordert langjährige Übung. Es wird allerdings keiner traditionellen Ärztin einfallen, nur auf Grund von Zungen- und Pulsbefund eine Therapie zu verordnen. Gesichtsfarbe, Temperaturempfinden, Schmerzen und Schmerzqualitäten, Störungen der Miktion etc. runden das Bild im Verlauf der Anamnese erst ab. Welchem Faktor die Hauptbedeutung zugesprochen wird, hängt auch bei der chinesischen Ärztin von Können und Neigung ab. Mit etwas Glück trifft man in China noch auf Pulsdiagnostiker von traumwandlerischer Sicherheit. Solche sind und waren jedoch immer eine Seltenheit.

Die Therapiemethoden

Die bedeutendste Therapieform ist die Pharmakologie. Über 2800 Substanzen sind in der chinesischen Arzneimittellehre vereinigt und bilden einen hochwirksamen Schatz, der, nach Maos Wort, gehoben werden sollte. Viele der Heilsubstanzen finden sich mit tendenziell ähnlicher Verwendung auch im Westen, als Beispiele etwa die Rhabarberwurzel, Engelwurz, Zimt, Wegerich etc. Manches aber ist allein in China heimisch. Ob es sinnvoll und in großem Rahmen erfolgreich sein wird, sie aus ihrem kulturellen Kontext heraus im Westen verfügbar zu machen, bleibt der Zukunft überlassen. Die Akupunktur ist im Westen schon seit dem 17. Jahrhundert bekannt, jedoch wird sie erst seit rund zwei Jahrzehnten entsprechend dem chinesischen Standard vermittelt und angewendet. Hierbei werden Nadeln in die Punkte der Leitbahnen eingeführt, um den Qi-Fluss zu regulieren. Da es sich um eine einfache, kostengünstige und dabei hochwirksame Methode handelt, empfiehlt sie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für etwa 80 Indikationen als Therapie der Wahl. Nicht zu trennen von der Akupunktur sind die Moxibustion, eine Erwärmung der Punkte durch Verbrennen von Artemisia (Beifuß), und die Massage der Leitbahnen und Punkte (An mo). Die im Westen so genannte Akupressur ist nur in Teilen mit der chinesischen Massage identisch. Die Akupunktur wird durch das Schröpfen ergänzt, das in der westlichen Naturheilkunde eine direkte Entsprechung hat. Während im Westen die körperliche Ertüchtigung als präventive Maßnahme kaum 200 Jahre Tradition besitzt, sind solche Übungen seit mehreren tausend Jahren integraler Bestandteil der chinesischen Kultur. Auch hier fällt es schwer, eine kurze Definition zu geben, da Atemübungen, Gymnastik, Meditationstechniken etc. unter einem Begriff subsumiert werden. Wenig bekannt im Westen ist die Tatsache, dass mit Qi auch äußerlich gearbeitet werden kann. Dabei sendet der Heiler Qi aus und überträgt es auf die Patientin. Ein weiterer im Westen relativ unbekannter Themenkreis ist das hochdifferenzierte System der chinesischen Diätetik. Da der chinesische Arzt in erster Linie vorbeugt, kommt der Diätetik eine enorme Bedeutung zu. Auch in China beherrschen nur wenige außergewöhnliche Persönlichkeiten die ganze Breite der therapeutischen Methoden. Aber die Spezialisierung war und ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass man sich auf einen einzigen Bereich beschränken würde. Wer sich im Westen mit chinesischer Medizin beschäftigen will, tut gut daran, sich einen möglichst breiten Einblick zu verschaffen, um dann nach Neigung und Begabung ein Hauptgewicht zu legen. Als TherapeutIn sollte man aber immer in der Lage sein, Alternativen innerhalb des Systems anzubieten. Grundsätzlich ist die Traditionelle Chinesische Medizin ein ganzheitliches System, das die TherapeutInnen als Ganze fordert.