Vaastu

Das klassische indische Fundament von Architektur und Städtebau

von Wolf-Dieter Blank erschienen in Hagia Chora 9/2001

Die klassische indische Geomantie wird von einigen als die erste systematische Lehre von den Kräften der Erde und des Kosmos angesehen. ›feng shui spezial‹ hebt mit Wolf-Dieter Blanks Beitrag über das Vastu den Blick über den Tellerrand: In loser Folge werden wir an dieser Stelle auch andere, dem Feng Shui verwandte traditionelle Lehren über das richtige Bauen und Wohnen aus der ganzen Welt darstellen.

Die indische Kultur hat nach Zeugnis ihrer alten Schriften und Ausgrabungen große Zeiten der gesellschaftlichen und technischen Hochblüte erlebt, die auf einer tiefen Kenntnis sowohl materieller als auch spiritueller Werte und Gesetze basierten. Dies zeigen uns beispielsweise die wiederentdeckten Stadtanlagen von Mohenjodaro oder Harappa. Heute noch vermitteln uns dieses umfangreiche Wissen die so genannten vedischen Schriften, deren Entstehung zwischen 4000 und 1000 v.Chr. angesetzt wird. Veda, das bedeutet "Wissen" - gemeint ist dabei ein Wissen, welches das gesamte Leben in seinen verschiedenen Manifestationen und Erscheinungen vom feinsten bis zum gröbsten Aspekt umfasst, von theoretisch-philosophischen Abhandlungen bis zur detaillierten praktischen Anleitung für das tägliche Handeln. Überliefert sind unter anderem vier Haupt-Veden, die sowohl als geschriebener Text als auch als Rezitationen in speziellen Gelehrten-Familien (Pandits) weitergegeben werden. Es handelt sich im Einzelnen um den Rik-Veda, den Sama-Veda, den Yajur-Veda und den Atharva-Veda. Im Rahmen unserer Betrachtung spielt überwiegend der Atharva-Veda eine Rolle. Hinzu kommen Schriften der Brahmanas, Upanishads und Puranas, die sich auch mit der Wissenschaft der Architektur, dem Städtebau und der Handwerkskunst im weitesten Sinne beschäftigen.

Die Wissenschaft der Baukunst

Der für die Baukunst im weitesten Sinne eingeführte Namen ist der so genannte Stapathya-Veda. Stapathi ist die Bezeichnung für den Architekten und leitet sich ab von stha - "das was geformt ist" - und pathi - "Herr" oder "Meister". Seine besondere Qualifikation bestand neben einem makellosen Charakter in fundierten Kenntnissen der Arithmetik, Geometrie, Skulptur und Astrologie. Darüber hinaus beschäftigen sich mit der Architektur auch die Shilpa Shastras (silpa = handwerkliche Kunst, shastra = Wissenschaft) wie Vaastu Shilpa, Vaastu Vidya Vaastu Shastra oder oftmals schlicht Vaastu (Vastu) genannt. Das Wort Vaastu bedeutet: "der Platz, wo Menschen (und Devas - feinstoffliche Wesenheiten) wohnen"; die Wurzel vas steht für "wohnen". Dabei kann es sich sowohl um Boden oder Land als auch um ein Gebäude handeln. Die verschiedenen Texte beinhalten unterschiedliche Angaben zu Haustypen, Säulenformen, Maßsystemen - beginnend beim Atom über Gebäudegrößen bis zu unvorstellbaren Dimensionen kosmischer Art -, Anlage von Gärten, Forts, Brücken, Straßen, Schiffen, aber auch zu Skulpturen und Ornamentik. Das Grundlagenwissen über die vollendete Baukunst wurde in diesen Texten oft von diversen "göttlichen Experten", auch Rishis genannt, auf die Erde gebracht, wie z.B. Maya, Brigu, Vasishta, Vishwakarma, Manasara usw. So spricht die Mythologie in unterschiedlichen Abwandlungen davon, dass aus den vier Gesichtern von Brahma Vishwakarman, Maya, Tvashtar und Manu hervortraten, deren vier Söhne die Bezeichnung Stapathi (Architekt), Sutragrahi (Vermesser), Vardachi (Tischler) und Tacshaca (Zimmermann) trugen. Die Architektur besitzt außerdem eine starke inhaltliche Verbindung zur altindischen Astrologie (Jyotisch), denn neben den technischen Aspekten geht es auch um Wohlstand, Glück und Lebensqualität der Bewohner. Insofern wurden günstige Konstellationen für Gründungsritual, Baubeginn, Einbau bestimmter Gebäudeteile und Einzug etc. nach astronomischen Ereignissen festgelegt. Das tiefe Wissen über die Sonnen- und Planeteneinflüsse, die Naturgesetzmäßigkeiten und Auswirkungen auf den Menschen, das Wissen über das Dasein in seiner Mannigfaltigkeit und der ihr zugrunde liegenden Einheit ist seit jeher ein Fundament der indischen Kultur und deshalb auch ein Teil der Baukunst. Wir finden es sowohl in der Musik als Gandharva-Veda, der viele Parallelen zur Architektur aufzeigt, oder in der Medizin, dem bereits länger bekannten Ayurveda zur Harmonisierung des Menschen und seiner Kräfte. Allerdings wurde der Architektur-Veda zu früheren Zeiten überwiegend für religiöse Bauwerke, z.B. bei der Anlage und Formbildung von Tempeln und Skulpturen - die verschiedenen Aspekten und Formen der Gottheit entsprechen - in Anwendung gebracht oder zur Planung von Städten oder Festungsanlagen genutzt. Wohngebäude hingegen orientierten sich an den irdischen Naturgesetzen, die für das Wachstum, die Blüte und den Zerfall des Lebens als Basis für einen neuen Zyklus Zeugnis geben, wie z.B. in zu beachtenden Qualitäten von Sonnenumlaufbahn, Himmelsrichtungen und Erdmagnetfeld.

Techniken des Raumklärens

Fest mit der alten indischen Kultur verbunden sind auch manche Techniken des so genannten Raumklärens oder der Raumharmonisierung, wie sie heute wieder im Rahmen der Geomantie oder schamanischer Techniken bei uns Eingang gefunden haben. Sie waren traditionell durch das Wissen über Schwingungen (Mantra), Töne und Tonsequenzen (Shruti), Musik (Gandharva-Veda), Tänze (Bharat Natyam), (Opfer-)Rituale oder Feuerzeremonien (Puja, unter Verwendung von Räucherstäbchen, Kräutern, Wasser, Reis etc.) oder als Symbole der heiligen Geometrie bzw., modern ausgedrückt, als "Hologramme" bekannt und sind in ihrer täglichen Anwendung bis heute in vielen indischen Haushalten lebendig geblieben. Derartige Techniken besitzen eine große Wirkung im Rahmen dessen, was wir heute modern Feldveränderungen nennen. Sie führen zur Herstellung von Balance, Harmonie zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Raum, Mensch oder Gebäude und Erde, allgemein zwischen feinenergetischen Kräften und Elementen, und dienen in letzter Konsequenz einer Bewusstseinsentwicklung. Der Mensch versteht sich hierbei als Teil des Ganzen - so wie das Kleine im Großen enthalten ist und das Große im Kleinen und wie alles sich gegenseitig beeinflusst und weiter entwickelt. 

Das Zentrum der Stille

Die indische Kultur hat sich niemals derart von der Natur isoliert wie die westliche; das Individuum lebte aufgrund seiner religiös-philosophischen Einstellung immer in Verbindung und Harmonie von Stein, Pflanze, Tier und Mensch. Jene waren für den Menschen Existenzformen, die er selbst zu durchlaufen hatte bzw. die ihm neu begegnen konnten, in denen der gleiche göttliche Aspekt des Brahman lebendig war wie in ihm selbst. "Im gelehrten und hochedlen Priester, in Kuh und Elefant, im Hunde und im Hundeschlächter sieht der Kundige dasselbe Sein!" (Mahabharata). So ist denn Brahma überall gegenwärtig als alles durchdringende Kraft, die nur unmittelbar erkannt werden kann: in der Süße des Honigs, im Glück des Anblicks der Berge, in der Harmonie der unendlichen Kraft der Stille. Diese Kraft hat auch in der Baukunst ihre besondere Ausprägung gefunden als Brahmasthan, dem Zentrum des Hauses: unbebaut, unmöbliert, energetisch offen . Kein Platz ist bedeutender als dieser zentrale Ort in einem Gebäude, und seine Überbauung ist für die Bewohner mit großen Problemen verbunden! Das konstante Zentrum der Stille, aus der die mannigfaltige Energie Shakti entspringt, wird spirituell Shivam genannt. Shivam steht für das formlose Göttliche Sein, mit Shakti kombiniert, erwachsen hieraus alle Formen. In seiner kosmischen Form wird das Göttliche Sein zu Purusha - alle Manifestationen, die daraus entstehen, sind Pakriti - die vielen Formen der Natur.

Fünf Elemente des Vaastu

Alle Substanzen bestehen dabei aus den fünf Elementen Pamcamahabhuta: Wasser, Feuer, Erde, Raum und Äther; der ganze Kosmos ist aus diesen fünf Grundeinheiten geformt. Sie dominieren in jeweils spezifischen Himmelsrichtungen, die beim Vaastu eine besondere Rolle spielen. Mit diesem Thema werden wir uns in späteren Folgen dieses Artikels genauer auseinander setzen. Wasser ist dem Nordwesten zugeordnet, Feuer dem Südosten, Erde dem Südwesten, Luft dem Nordwesten und Äther dem Zentrum, der Mitte. Aus den fünf Elementen regenerieren sich nun die sogenannten drei Doshas (Stützen): Erde (Prithivi) und Wasser (Apa) werden zu Kapha, Feuer (Agni) und Wasser (Apa) zu Pitta, Luft (Vayu) und Äther und Raum (Akasha) zu Vata. Diese Doshas sind in jedem Menschen in unterschiedlichem Verhältnis vorhanden und machen seine Konstitution aus; die Harmonie dieser Elemente bedeutet nach dem Ayurveda Gesundheit. Die drei Grundeigenschaften jeder Existenz sind die Trigunas: Tamas steht für Passivität, negative Empfindungen, Pessimismus, agressive Energie. Rajas für Leidenschaft, Ehrgeiz, Motivation und Handeln; Sattwa für Harmonie, Lichtvolles, feine Wahrnehmungsfähigkeit, Intelligenz. Diese kosmisch orientierte Lebensanschauung ist in ihrer energetischen Komponente unmittelbar auch in jedem Bauwerk manifest. Es ist eine große Kraft, die das Wohlergehen, die spirituelle Entwicklung des Menschen und sein Glück prägen kann oder auch für unangenehme Ereignisse mitverantwortlich zeichnet, weil das Leben aufgrund baulich-planerischer Fehler nicht so geführt werden kann, wie es eigentlich optimal wäre.

Ein anderes Denken

Derartiges Denken ist uns heutzutage im Westen absolut fremd: ein Haus dient zum Schlafen, Wohnen, Arbeiten, zur Kapitalanlage; es sollte kostengünstig sein, Energie sparen durch gute Dämmung oder Berücksichtigung der Solarenergie und Nutzung des Regenwassers, sowie selbstverständlich den restriktiven Bebauungsplanvorschriften genügen. Wenn es etwas Besonderes ist, sollte das Haus noch biologisch wertvolle Baustoffe besitzen und eine Sauna! Geistige Zusammenhänge zwischen Bewohner und Haus, Schicksal und Gebäudeform, Landfleck und Mensch, Grundrissgestaltung und Orientierung scheinen uns unwichtig und wissenschaftlich überwiegend nicht nachvollziehbar. Jedes Haus schafft in der Regel Dualität, es besitzt bestimmte Schwingungen: wir gehen hinein, erfahren seine besondere Eigenheit, gehen wieder hinaus und trennen uns wieder davon. Inneres und Äußeres unterscheiden sich entsprechend der Dvaita-Philosophie. Die Kunst der alten vedischen Baumeister bestand darin, den Raum und den Menschen verschmelzen zu lassen. Innerer Raum und äußerer Raum, Mensch und Raum werden zu einer Einheit (Advaita-Philosophie). Auch dieses vermag Vaastu heute in Wohnhäusern zu erreichen. Ebenso wie Feng Shui ist Vaastu praktisch ausgerichtet, nicht an Land oder Nation gebunden, da es auf Naturgesetzen basiert. Vaastu gibt klare Handlungsanweisungen: angefangen bei der Wahl des Grundstücks über die Beachtung seiner Formen und Orientierung, der Straßenlage und Zuwegung bis hin zu Anforderungen an den Baukörper mit Grundriss, Türposition und Lage der einzelnen Räume entsprechend den darin stattfindenden Aktivitäten, um nur einige Beispiele zu nennen.