Mensch und Kosmos

Eine radikale Annäherung an das Wagnis, irgendetwas zu verstehen. Teil 1

von Attila Grandpierre erschienen in Hagia Chora 9/2001

Das unbegreifliche Universum ist sein Lebensmittelpunkt: Der ungarische Astrophysiker Attila Grandpierre, dessen Theorien über die Sonne Aufsehen erregt haben, gibt erstmals in deutscher Sprache Einblick in eine Weltsicht, die heftig an unserem an Raum und Zeit gewöhnten Denken rüttelt.

Welchen Sinn mag es haben, sich mit etwas so Ungreifbarem wie dem Universum zu beschäftigen? Ganz besonders heute, da die postmoderne Welt den Menschen in immensem Ausmaß von sich selbst entfernt, ihn auslaugt und an seine Alltagssorgen fesselt? Aber gerade diese immer stärkere Bindung an den Alltag mit seinem engen Horizont macht schließlich die Klärung der letztendlichen Fragen zunehmend dringend. Unser Lebensganzes gründet im Universum, und die Bezogenheit auf das Universum bestimmt unser Denken und unsere Lebensführung. Das Universum ist der Schlüssel, wenn wir verstehen wollen, weshalb uns die Natur ins Leben gerufen hat, wenn wir begreifen wollen, wie wir leben und denken und wie die anderen denken. Für ein humanes Antlitz der Welt und der Gesellschaft müssen wir das Wesen des Universums kennen. Daraus erst kann eine Weltsicht erwachsen, die sich am Rahmen, am Beziehungsgefüge und an den Grundlagen des Denkens entzündet. Jedes Denken schöpft Kraft und Tiefe aus einer geregelten Beziehung zu den Fundamenten der Wirklichkeit. Nicht Willkür oder Beliebigkeit bestimmen den Rahmen unseres Denken, sondern die verschiedenen Perspektiven im Verständnis und der Wahrnehmung der Welt und ihrer Grundlagen. Die Kernfragen an das Universum manifestieren zugleich die grundlegenden Bezugspunkte unseres Bewusstseins. Diese repräsentieren die möglichen Wege, sich einem Verständnis des Universums zu nähern. Ihre Zahl ist überblickbar; es gibt nur einige wenige Basisvarianten. Deren Zusammenschau wirft ein Licht auf den Menschen und das Universum sowie deren gegenseitige Bezogenheit und gemeinsames Schicksal und ermöglicht damit eine Deutung des Wesens der menschlichen Denksysteme.

Grundlagen unseres Denkens und Handelns

Alle Arten des Denkens brauchen eine Grundlage, der man sich über das Konzept eines Universums nähern kann. Mag sich das Denken auch spontan entfalten, so benötigt es doch ein Fundament, um Vernunft zu entwickeln. Allerdings erfordert der Unterbau eines Gedankens eine weitere Fundamentierung, um mehr als ein zufälliges Konstrukt zu sein: Um Sein und Ort der Erde angeben zu können, brauchen wir die Milchstraße, und die Milchstraße wiederum verlangt nach dem Universum. Eine ganz andere Frage ist aber, wo denn das Universum selbst ist und wie es "dort, inmitten des Nichts" zu segeln vermag. Das Universum erfüllt jeglichen Raum. Wo immer Raum ist, dort existiert bereits etwas, dort ist das Universum bereits zugegen. Es ist Hülle und letztendlicher Boden aller Existenz. Das zeigt, dass es einer Art letztendlichen Fundaments bedarf, auf welchem alle anderen Grundlagen basieren. Selbst ein oberflächliches, unbegründetes Denken besitzt eine Basis, insofern, als es von vielen Richtungen, Bezugs- und sonstigen Verhaltensanstößen beeinflusst ist, die irgendwann bereits jemand gedanklich gefasst und bis zu ihren letztendlichen Grundlagen durchdacht hat. Nehmen wir beispielsweise das am weitesten verbreitete Denksystem der heutigen Welt, den Materialismus, demzufolge das Universum im Wesentlichen aus stofflichen, leblosen Einheiten wie z.B. Atomen oder Elementarteilchen besteht. Dieses Weltbild reduziert Leben und Bewusstsein auf etwas im Grunde Lebloses. Als konsequente Schlussfolgerung leugnet ein solches Denken jegliche moralische Verantwortung. Es sei hier angemerkt, dass es Gegenstand einer gesonderten Untersuchung sein müsste, ob dieses materielle Grundprinzip überhaupt als universell zutreffend angesehen werden kann. Ich möchte hier nur kurz auf Ervin Bauer, Begründer der theoretischen Biologie, verweisen, der gezeigt hat, dass das Leben besonderen, eigenen Gesetzen folgt, die von denen der Physik abweichen und aus diesen auch nicht abgeleitet werden können (Bauer 1967, pp. 24-9). Auch darf nicht übersehen werden, dass das letztendliche Grundprinzip der Physik das so genannte Variationsprinzip ist, wonach jeder physikalische Körper dem Prinzip der kleinsten ? oder größten ? Wirkung folgt. (Anm.d.Red.: Das "Prinzip der kleinsten Wirkung" sagt z.B. voraus, dass der Weg eines Balls, der auf einem kugelförmigen Körper von nennenswerter Gravitation, z.B. der Erde, von einem Punkt A nach einem Punkt B rollt, auf dem kleinsten Kreis liegen wird, der auf der Kugeloberfläche durch beide Punkte verläuft und dessen Zentrum mit dem Kugelmittelpunkt identisch ist. In den meisten praktischen Fällen wird der wirkliche Weg derjenige sein, der mit dem geringsten Aufwand verbunden ist, also der kürzere Kreisbogen. Dies regte die Namensgebung für das Prinzip der kleinsten Wirkung an.) Zugleich wissen wir, dass lebendige Organismen und das Bewusstsein diesem Prinzip eben nicht folgen. Im Bereich physikalischer Systeme mag die materialistische Anschauung eine gewisse Berechtigung haben, zumal die heutige Physik hauptsächlich das Verhalten von Systemen beschreibt, die vom physikalischen Gleichgewicht nur in wenigen Parametern abweichen, also dem idealen Gleichgewicht sehr nahe kommen. Ist es aber so, dass sich die Physik von vornherein auf gleichgewichtsnahe, beinahe geschlossene Systeme bezieht, dann wäre es grundlegend falsch, aus ihr Schlussfolgerungen für gleichgewichtsferne, nicht-lineare Systeme und lebende Organismen mit selbständigen Energieressourcen, die mit ihrer Umgebung in integrierter Wechselwirkung stehen, abzuleiten. Die Physik engt ihren Untersuchungsradius künstlich ein, indem sie sich auf leblose, einfache Systeme beschränkt. Ein Materialismus kann daher überhaupt nur ? und auch hier nur beschränkt ? innerhalb einer solchen Physik gelten. All jene Dogmen des Materialismus, wonach zwischen den Elementen unserer Welt keine direkte, wesenseigene Beziehung existiert und die materielle Welt mit dem Menschen in keiner wesentlichen, schon gar nicht in einer persönlichen Beziehung steht (wie z.B. die Behauptung einer von unserem Bewusstsein unabhängigen, "objektiven", gegenständlich-materiellen Realität), entbehren daher jeder Grundlage. Auch die materialistische Weltanschauung ist irgendwann erdacht worden. Sie gelangte zu weitreichender Geltung und Verbreitung, so dass viele Menschen sie heute akzeptieren, ohne sie zu Ende zu denken. Damit leben sie und fällen ihre Entscheidungen im Grunde fremdbestimmt, nämlich auf einer Basis, die andere vor langer Zeit errichtet haben. Wie schon dargestellt, beruht selbst ein oberflächliches Denken auf mehr oder weniger festen Annahmen, die seinem Weltbild die entsprechende Leichtgewichtigkeit verleihen und in ihm Schemata, Routineabläufe oder implizite Denkmuster etablieren. Auch alle Tendenzen innerhalb eines Systems oder Weltgebäudes, die auf Veränderungen des Bestehenden abzielen, schöpfen ihre Kraft letztlich aus solchen Überzeugungen. Und eben diese müssen wir verstehen, um zu erkennen, wie wir selbst denken. Wenn wir nun unser Denken auf eine letztendliche Grundlage stellen wollen, müssen wir den Begriff des Universums logisch klären. Ultimative Basis des Denkens ist das Universum, genauer: das, was wir unter dem Begriff des Universums verstehen.

Das Universum als Grundlage unseres Lebens

Der Begriff des Universums wurde in der Geschichte unserer Zivilisation erschreckend vernachlässigt. Selbst die Systemtheorie und die Philosophie sind uns diese Aufgabe schuldig geblieben. Ganz selten wenden sich Gelehrte aus dem materialistischen Lager solchen Fragestellungen zu. Doch bedarf es genau dieser Untersuchung, um den begrifflichen Rahmen zu sprengen, der uns im Denken und in der Lebensführung üblicherweise einschränkt. Gibt es irgendeine substanzielle Beziehung zwischen uns und dem Universum, oder erschöpft sie sich in einer Art ästhetischen, philosophischen oder subjektiven Erlebens? Die Beziehung zwischen Mensch und Universum ist die zentrale und wichtigste Frage des Lebens. Gibt jemand den äußeren Einflüssen nach und entscheidet sich für ein Leben nach den Prinzipien der materialistischen Gesellschaft, dann muss er bereit sein, der menschlichen Erfüllung des Lebens zu entsagen und seine Beziehungsfähigkeit in den Dienst seines gesellschaftlichen und materiellen Vorankommens zu stellen. Wer den konsequenten Materialismus akzeptiert, lässt zu, dass seine Gedanken von gesellschaftlich zementierten Prozessen fremdbestimmt werden und sich damit auch die Moral seiner Kontrolle entzieht: Schließlich beruht das Leben in einer konsequent materialistischen Welt auf der Leblosigkeit und damit auf Bedeutungslosigkeit, da ja das Universum nur Schauplatz zufälliger Kollisionen lebloser Materie ist. Der Verlust von Moral und Sinn kann aus streng materialistischer Sicht wiederum nur durch materielle Mittel ausgeglichen werden. Eine solche Einstellung kann zu krankhaften Persönlichkeitsstörungen führen, indem Menschen materielle Werte zum Mittelpunkt ihrer Welt machen und dabei den Blick für umfassendere Perspektiven gegenüber den Geschehnissen in der Welt vollständig verlieren. Sie verfestigen damit die Gedankenstrukturen einer Vergangenheit, welche die materialistischen Ideen erdacht, zur Anerkennung gebracht und der Gesellschaft oktroyiert hat. In letzter Konsequenz ist also die Bestimmung der Menschheit und die Bedeutung unseres persönlichen Lebens abhängig von der Beziehung zwischen Universum und Mensch. Jede relevante Frage, sogar das menschliche Denken selbst, kann im Zuge einer Untersuchung dieser endgültigen Fragen aufgeklärt und verstanden werden. Soll uns das Leben nicht entgleiten und sind wir an der Erkenntnis dessen, was wichtig ist, wirklich interessiert, so müssen wir Licht in diese "letzten Fragen" bringen. Wie kann der Begriff "Universum" nun definiert werden? Das "Dictionary of Philosophy and Psychology" (Baldwin 1902, Vol. II, p. 742) sagt in Anlehnung an Cicero: "Das Universum ist die Gesamtheit alles materiell Existierenden." Vergleichen wir diese Sicht mit der des Ungarischen Etymologischen Lexikons (Magyar Nyelv Értelmez-Szótára, 1980, Vol. VII, 416): In der Muttersprache des Autors ist die "Welt", also das Universum, "die Gesamtheit all dessen, was existiert, mit allen Beziehungen und der jeweils eigenen Ordnung". Es stellt also nicht etwa ? wie allgemein behauptet ? die "Gesamtheit alles materiell Existierenden" dar, nicht irgendeine bestimmbare Menge. Im Gegenteil: aus Sicht des ungarischen Lexikons gibt es auch Beziehungen und eine Ordnung im Universum, ja, es sind eben gerade diese Komponenten, die das Universum erst zum Universum machen!

Das Variationsprinzip der Physik

Die erstere, in breiten Kreisen akzeptierte Definition, wonach das Universum die Gesamtheit alles materiell Existierenden ist, könnte überzeugen, wenn davon ausgegangen wird, dass es außer dem Materiellen nichts Weiteres gibt. Hier benötigen wir nun eine genauere Klärung des Begriffs "materiell", da unterschiedliche Interpretationen kursieren. Es dürfte schwer, wenn nicht gar unmöglich sein, eine von allen anerkannte Bedeutung zu finden. Zumindest in der Physik aber und in der auf sie bauenden materialistischen Naturphilosophie scheint es möglich, eine Definition des Materiellen zu geben, die allgemeine Akzeptanz genießt. Wie gesagt, liegt der Physik das Prinzip der kleinsten Wirkung (Maupertois- oder Hamilton-Prinzip) zugrunde. Auf diesem universalen Prinzip beruht selbst die Quantenphysik, wobei aus seiner Formulierung als "Variationsprinzip" alle Bewegungsgleichungen und Erhaltungssätze (siehe z.B. Landau & Lifsic 1959, Vol. I, p. 12) abgeleitet werden. Unter Anwendung dieses Prinzips lässt sich somit in der Physik eine "materialistische Naturphilosophie" begründen, die eine leblose Welt beschreibt, in welcher die Materie träge, inaktiv und unfähig zu jeglicher selbstbestimmter Aktion ist. Eine solche Philosophie und das Phänomen Leben schließen sich gegenseitig aus. Allein die Tatsache, dass Leben existiert, beweist den Irrtum der materialistischen Naturphilosophie: Eine leblose, inaktive, rein materielle Welt wäre niemals in der Lage, höher organisierte, lebendige Einheiten zu schaffen. Solange nämlich die Gleichgewichtsschwankungen eines Systems klein sind, treten sie in einem linearen Bereich auf, in dem sich Störungen nach der strikten Regel der schnellstmöglichen Rückkehr in das physikalische, "tote" Gleichgewicht verhalten. Für größere Abweichungen werden nicht-lineare Effekte signifikant, welche von der Physik des Gleichgewichts nicht beschrieben werden können. Die inneren Gesetze von Nicht-Gleichgewichts-Systemen (wie z.B. Lebewesen) und ihrer Wechselwirkungen, die sich in einer klaren Zielrichtung im Langzeitverhalten zeigen, bewirken, dass die kleinen Gleichgewichtsschwankungen in den Anziehungsbereich des Nicht-Gleichgewichts-Zustands, weit weg vom physikalischen Gleichgewicht gedrängt werden. Nicht von ungefähr waren die Gelehrten nicht in der Lage (ja, sie können es auch gar nicht sein), auch nur ein einziges Phänomen des Lebendigen aus ihren physikalischen Gleichungen heraus zu beschreiben. Da sich Wissenschaftlichkeit über die Fähigkeit, relevante Voraussagen treffen zu können, definiert, müssen wir konstatieren, dass die Physik auf dem Gebiet der Lebenserscheinungen weder heute noch in der Zukunft als relevant gelten kann. Schon ein einziges Gegenbeispiel legt bekanntlich die schönste Theorie in Schutt und Asche. In unserem Fall gibt es fundamentale Gegenbeispiele zu Hauf, und die Theorie ist nicht einmal besonders schön. Gilt aber das fundamentale Prinzip der Physik, das doch alle sekundären Prinzipien und Gesetze enthält, nicht universell, dann ist die Reichweite der Physik begrenzt, und wir müssen uns auf die Suche nach einem neuen, universell geltenden Grundprinzip machen. Dies könnte das Prinzip des Lebens oder das Prinzip des Bewusstseins sein.

Das Prinzip des Lebens

In dieser Studie versuche ich, zu zeigen, dass es eine neue und universelle Wissenschaft geben kann, die in sich logisch ist. Ein solches, frisches Verständnis von Wissenschaft würde sich auf das "Prinzip des Lebens" gründen. Der Zustand der trägen Materie würde darin als Grenzfall betrachtet werden, der nur unter gewissen Bedingungen existieren kann. Ich schlage eine "natürliche" Philosophie vor, die mit der Natur vollständig kongruent ist und deren fundamentale Lebendigkeit und Bewusstseinsfülle ebenso einschließt wie deren scheinbar "träge" Qualitäten. Mit anderen Worten: der Begriff des rein "materiellen" Universums ist in sich widersprüchlich und muss im Interesse eines logisch widerspruchsfreien, konsistenten Begriffs fallengelassen werden. Auf der Suche nach einer geeigneteren Begriffsbestimmung des Universums mache ich folgenden Vorschlag: Das Universum ist das vereinigte Ganze alles Existierenden. In dieser Annäherung ist mehr enthalten als in den bisher vorgestellten Definitionen. Wir wissen, dass im Universum Materie existiert, und wir wissen, dass dort auch Bewusstsein existiert. Die etablierte Definition, wonach das Universum die Gesamtheit alles materiell Existierenden darstellt, katapultiert das Bewusstsein aus demselben. Wenn also, mit anderen Worten, das Universum "in das Zentrum des Nichts" gerückt wird, gerät das Bewusstsein "an die Peripherie des Nichts", so dass es keinerlei Beziehung zu diesem "im Zentrum des Nichts" sinnlos um sich selbst kreisenden Universum haben kann. Versuche aber doch einmal jemand, mit einem Bewusstsein zu denken, das "am anderen Ufer des Nichts" liegt! Ich glaube, diese Definition kann nirgendwo hin führen. Wenn wir uns das Universum hingegen als vereinigtes Ganzes alles Existierenden vorstellen, dann muss es auch das Bewusstsein enthalten. Man könnte einwenden, dass das Bewusstsein eine vom Wesen her andere Existenzform ist als das, was man unter dem Begriff der Materie versteht. Wenn wir aber ein vereinheitlichtes Konzept des Universums suchen und Bewusstsein ebenso existiert wie Materie, dann muss jenes gleichermaßen ideeller wie materieller Natur sein. Diese beiden Faktoren bilden eine Dyade; sie stehen mit ihrer essenziellen Gegensätzlichkeit in Wechselwirkung und formen gemeinsam ein integriertes, stabiles und dynamisches System. Das Universum ist also ein stoffliches System, dessen Struktur auf buchstäblich jede Regung des Bewusstseins vollkommen gleichwertig antwortet. Dies heißt nichts anderes, als dass nach dieser Definition das Universum ein materielles System ist, das vom Bewusstsein gesteuert wird. Wenn wir dieses Bild, diese auf logischem Wege gewonnene Erkenntnis akzeptieren, können wir auch gleich prüfen, ob es für diesen vereinheitlichen Begriff des Universums eine erlebbare Form gibt. Ich jedenfalls bin zu dem Schluss gelangt, dass dieses vereinheitlichte, dynamische Universum auch mit den Mitteln unserer heutigen Welt erfahren werden kann.

Das primäre Universum und das Bewusstsein

Ein System, das wir uns gleichzeitig mit einer stofflichen und einer bewussten Qualität ausgestattet vorstellen, führt uns folgerichtig zur Konzeption eines Lebewesens, speziell des Menschen, des menschlichen Gehirns. Das Bewusstsein schafft hier die Verbindung, indem es Einfluss auf das menschliche Gehirn nimmt, um sein Denken und Verhalten zu gestalten. Wenn wir schlussfolgern, dass so etwas wie ein einheitliches Ur-Universum in uns, also in der Gesamtheit unserer inneren Welt, existiert, lässt dies unsere inneren Bewusstseinsprozesse in neuem Licht erscheinen. Jeder Mensch erfährt von innen heraus die Tatsache, dass sein Gehirn und sein Bewusstsein ein perfekt aufeinander abgestimmtes System bilden, d.h. ein materielles System, das ideell gesteuert wird und so dem Wesen des vorhin formulierten vereinheitlichten Universums entspricht. Dieses Prinzip gilt aber nicht nur für Menschen ? es ist auf anderer Ebene und auf andere Weise schon in der Tier-, in der Pflanzenwelt und in der Natur vorhanden. Eine Urform des Universums mag in allen Lebewesen erhalten geblieben sein, nachdem es sich aus seiner ursprünglichen Singularität zu den mannigfaltigen Sternensystemen entfaltet hat. Es wäre auch denkbar, dass sich diese Urform in allem Lebendigen immer wieder aufbaut. Diese Urform des Universums könnte sich in uns jeweils so restituieren und in uns wirken, dass wir letztlich mit seiner Hilfe denken und leben. Ein Universum, das alles Existierende umfasst, muss auch die Raumzeit enthalten. Diese Annahme schließt es jedoch aus, dass das Universum seinerseits innerhalb der Raumzeit existiert, was nichts anderes heißt, als dass es weder eine räumliche noch eine zeitliche Ausdehnung besitzen kann. Das Universum als Ganzes darf nicht mit den Eigenschaften seiner verschiedenen Bestandteile gleichgesetzt werden, seine Dimensionen sind vielmehr von prinzipieller oder, besser, "prinziphafter" Natur. Diese prinziphafte Dimension können wir in unserer eigenen Erfahrungswelt wiederfinden, und zwar exakt dort, wo sich die ursprüngliche Existenzform des Universums verwirklicht: in den Bewusstseinsprozessen unserer inneren Welt. Unsere Gedanken haben keinerlei räumliche Ausdehnung. Selbst mit der zeitlichen Dimension kommen sie höchstens im Augenblick ihrer Formulierung in Berührung, wenn sie auf ihrem Weg zur äußeren Welt an die Oberfläche gelangen und, z.B. mit Hilfe der Stimme, ihren eigenen "Weltkörper" (und damit ihre zeitliche Ausdehnung) erschaffen. In dieser Konsequenz können wir uns auch vorstellen, dass das Universum als Ganzes von rein gedankenartiger, prinziphafter Natur sein muss und mit dieser Qualität von innen heraus alles Existierende durchdringt. Unsere Gedanken könnten ? wie unsere Gefühle und alle psychischen Ereignisse in uns ? vom Universum der psychischen Ereignisse stammen oder sogar selbst dieses Universum sein. Diese Überlegung führt uns von unserer innersten Welt hin zum Universum, was zeigt, dass wir uns hier in einer einzigen, sich selbst steuernden und auf sich selbst rückschließenden Prozesskette befinden.

Das Universum und das Paradoxon der Unendlichkeit

Mit jedem bisher für paradox gehaltenen Problem, das eine neue Theorie erfolgreich löst, erhöht sich ihre Stichhaltigkeit. Die Definition des vereinheitlichten Universums, die ich hier vorschlage, zeigt einen Weg, das alte Paradoxon der Unendlichkeit des Universums zu lösen. Sollte das Universum etwas ewig Existierendes sein, dann lässt sich schwer nachvollziehen, wie es sich entwickeln kann, besonders in der Weise, die aus einem bestimmten Ausgangszustand in Richtung eines "verbesserten" Endzustandes führt. Die westliche Zivilisation mit ihrem Glauben an den "ewigen Fortschritt" hat die Idee der Creatio ex nihilo ("Schöpfung aus dem Nichts") auf breiter Front akzeptiert. Wenn allerdings als Ausgangszustand ein "Nichts" angenommen wird, so kommen wir nur schwer um die Einsicht herum, dass auch der Endzustand folgerichtig das Nichts sein muss. Das Konzept einer zeitlichen Fortentwicklung des Universums scheint daher letztlich im Nihilismus zu gründen, der durch das Bibelzitat "aus Staub bist du, und zu Staub kehrst du zurück" ausgedrückt wird. Wenn das Universum aus dem Nichts entstanden ist, scheint es unausweichlich, dass es in seinen Ursprungszustand, in das "Nichts" zurückstürzt. Einen Ausweg aus diesem augenscheinlichen Dilemma weist die Tatsache, dass das Universum als Ganzes ? ähnlich unseren Gefühlen und Gedanken ? über keinerlei räumliche und zeitliche Ausdehnung verfügt. Daher existiert es nicht innerhalb der Daseinsform, an die wir uns in der Raumzeit gewöhnt haben und uns seit unserer Ankunft in der Raumzeit-Welt anpassen. Dies soll aber nicht heißen, dass die Existenz einer anderen Daseinsform weniger real wäre als die materielle, raumzeitliche Welt. Allein der schlichte Fakt, dass das Universum und unser Verstand existieren, kündet vom Vorhandensein einer anderen Dimension des Existierens jenseits der wohlbekannten Drei-plus-Eins-Dimensionalität von Raum und Zeit. Diese Existenz, diese "Ausdehnung", können wir als "urgründige" Dimension bezeichnen. Das Universum als Ganzes lebt ? wie auch unsere psychischen Ereignisse ? in einer urgründigen Welt, deren Wahrhaftigkeit derjenigen des Seins in der Raumzeit in nichts nachsteht. Der Faktor der Zeit kommt in dem Augenblick ins Spiel, wenn wir uns in eine gemeinschaftliche Sphäre begeben. Sie ist das allgemeine Ordnungsprinzip der Wechselwirkungen der Elemente der kosmischen Vielfalt, der gemeinsame Ausgangspunkt, der "gemeinsame Nenner" aller Ereignisse. Zeit kommt zustande, um der Existenz eine gemeinschaftliche Dimension zu geben, und es ist diese gemeinschaftliche Dimension, die mit der Evolution zusammenhängt. Wir Menschen sind in der Wurzel unserer Existenz Gemeinschaftswesen. Kollektive Wechselwirkungen ermöglichen Inspiration, Erregung, Stärkung durch die Gemeinschaft und die unterscheidende Wahrnehmung unserer auf "urgründiger", geistiger Daseinsebene existierenden Gefühle und Gedanken. Als Gemeinschaftswesen sind wir tief in der Existenz der Zeit verwurzelt: Im Konzept des vereinheitlichten Universums wirkt daher auch der Mensch an der Entstehung der Zeit mit. Neben dieser Wirklichkeit sind wir aber auch unendliche Wesen: Unsere tiefsten und stärksten Gefühle, unsere inneren Erlebnisse sind Teil jener anderen, "urgründigen" Realität, derjenigen, welche die Realität der Raumzeit-Vielfalt erst erzeugt.

Die Frage nach Gott

Das bisher Gesagte führt uns zur letztendlichen Quelle der Raumzeit-Vielfalt. Hier sagt das "Dictionary of Philosophy and Psychology" Folgendes zum Begriff des Universums: "Einige Autoren beziehen [in den Begriff des Universums] auch die geistige Welt ein, andere auch Gott, und manche selbst die subjektive Erfahrung." So war 1902 das Reich des Verstandes noch im Begriff des Universums impliziert. Die wohlgewählte Unbestimmtheit, die hinter dem Ausdruck "einige Autoren" steckt, weist darauf hin, dass nach Ansicht der Redakteure des Lexikons die Vorstellung eines nicht ausschließlich materiellen Universums einen schwierig zu bewertenden Vorschlag darstellt. In der sechsbändigen englischen "Encyclopedia of Philosophy" (Edwards, 1967, Vol. II, p. 80) kommt der Begriff des Universums gar nicht erst vor. Ebenso erfolglos habe ich versucht, unter dem Stichwort "Kosmos" fündig zu werden. Lediglich im Zusammenhang mit dem Eintrag "Chaos" taucht letzterer auf, nämlich als Chaos and Cosmos mit folgender Beschreibung: "Der Kosmos steht nach Ansicht der späteren Naturphilosophen von Pythagoras bis Archimedes für die Ordnung der Welt, über die man meinte, dass sie sich in der Vollständigkeit der natürlichen Erscheinungen manifestiert" (ebd.). Hesiod wird zitiert, der geschrieben hatte, dass "das Chaos gemeinsam mit dem Universum in seinem nicht differenzierten Zustand existierte" (ebd.). Diese Ansicht ist bemerkenswert, weil das "Universum in seinem nicht differenzierten Zustand" dem einheitlichen Ur-Universum ähnelt, dem ich mich logisch genähert habe. Was aber ist das Agens, welches das Universum zu einem vereinigten Ganzen organisiert? Wie genau beziehen sich die einzelnen Teile des Universums sowie das Universum und der Mensch aufeinander? Diese Fragen bedürfen genauerer Betrachtung. Wenn das Universum eine organische Einheit darstellt, muss diese mehr sein als bloß die Summe ihrer Bestandteile. Wie weit aber ließe sich diese Ganzheit aus der Untersuchung seiner Teile heraus verstehen?

Das Leben in einem Pferd gleicht dem Leben im Universum

Ein Lebewesen, das beispielsweise in einem Pferd lebt und nur einige Moleküle des Pferdes kennt, kann sich aus dieser Warte kaum vorstellen, wie sein Wirt beschaffen sein könnte. Wenn jenes Wesen vielleicht drei- bis viertausend Eiweißmoleküle erkennt, dann sagt es sich vermutlich, das Pferd sei ein riesengroßes Eiweißmolekül. Für ein Elementargeschöpf, das in einem Pferd sitzt und mit einer größeren Zahl von Eiweißmolekülen Bekanntschaft schließt, mag es kein leichtes Unterfangen sein, das wahre Wesen des Pferdes zu erkennen, was "Pferd sein" bedeutet, wie ein Pferd aussieht, was es tut, fühlt, denkt, wie sein Leben abläuft, welche Freuden und Erlebnisse es hat. Keiner kann mit Sicherheit behaupten, jenes Geschöpf könnte sich vorstellen, von welch feurigem Temperament dieses Pferd ist und was es erlebt, wenn ein Mensch in vollem Galopp auf seinem Rücken reitet. Dürfen wir analog überhaupt hoffen, jemals irgendetwas über das Universum als Ganzes zu erfahren? Das Beispiel zeigt immerhin, dass der Sinn einer Struktur über die Untersuchung ihrer Beziehungen erschlossen werden kann ? wenn wir, um im Bild zu bleiben, zu verstehen versuchen, welche Beziehungen für das Pferd als Ganzes wesentlich sind, welche Affinitäten es hat und von welchen elementaren Daseinsformen und Daseinsqualitäten es bestimmt wird. Schläft es? Fühlt es? Denkt es? Wann ist es gesund? Was macht es bei schönem Wetter und wenn es gut gelaunt ist? Eine systematische Beobachtung des umfassenden Zusammenwirkens der substanziellen Teile über einen längeren Zeitraum kann Grundlage für die Erkenntnis des Systemganzen sein. Wenn wir Erkenntnis über die Verhältnisse im Universum gewinnen wollen, müssen wir eben jene Zusammenhänge untersuchen, die sein Wesen ausmachen.