Die Wiederentdeckung der Geomantie

Zur historischen Entwicklung der modernen Geomantie, Teil 3

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 9/2001

Die moderne Geomantie ist ohne die Forschungen von Paul Devereux undenkbar. Vor allem sein Studium des Ley-Phänomens hat unser Verständnis für den Zusammenhang zwischen Mensch und Landschaft bereichert. Marco Bischof widmet ihm die aktuelle Folge der Geschichte unserer jungen Erfahrungswissenschaft.

In dem Buch "Leys und lineare Rätsel in der Geomantie" (1989, deutsch 1991) setzte Paul Devereux die Überprüfung der Leyline-Hypothese zusammen mit Nigel Pennick fort. Fazit der beiden Autoren war, die Argumente der älteren Leyline-Kritiker - z.B. dass die prähistorischen Menschen nicht zur Landvermessung fähig waren, Alignments nicht in vorgeschichtlicher Zeit angelegt worden seien, die alten Wege nicht gerade gewesen seien und überhaupt die Vorstellung linear ausgerichteter Plätze eine Absurdität sei - seien seit den späten 80er-Jahren widerlegt. Auch die zu dieser Zeit noch vorgebrachten Einwände ließen sich widerlegen. So wurde z.B. kritisiert, Linien auf Karten könnten nicht mit Linien in der Landschaft übereinstimmen, da Karten flach seien, die Erde dagegen gekrümmt. Dies ist theoretisch richtig, aber bei Strecken von weniger als 30 Kilomentern Länge irrelevant. Der Einwand, dass Leys meist Plätze unterschiedlicher historischer Perioden verbinden, wird schon durch die bekannte Praxis neuer Kulturen und Religionen, auf älteren Plätzen zu bauen, entkräftet. Außerdem sind durchaus Linien bekannt, die nur aus chronologisch ähnlichen Plätzen bestehen - so z.B. mehrere von Michells Alignments in Cornwall. Nach einer Darstellung der Resultate der statistischen Überprüfung in den vergangenen Jahren stellten Devereux und Pennick fest, diese sei positiv zu werten, weil sie die so genannten Ley-Hunter gezwungen habe, präziser und kritischer zu arbeiten. Sie habe jedoch ihre Grenzen und dürfe nicht als Allheilmittel betrachtet werden. Stand des Jahres 1989 sei, dass Ley-Hunting (die "Jagd nach Leylinien") als seriöse Forschung eben erst gerade begonnen habe. Es reiche nicht mehr aus, dicke Bleistiftlinien auf kleinmaßstäblichen Karten zu ziehen. Präzisions-Kartenarbeit in Kombination mit sorgfältigen Recherchen in Archiven sowie Feldforschung seien unerlässlich für akzeptable Leylinienforschung. Ein Anzeichen dafür, dass nach anfänglichen Widerständen die Leylinienforschung zunehmend auch in Archäologie und Ethnologie Eingang finde, sei die Tatsache, dass der belastete "Ley"-Begriff oft zugunsten einer "wissenschaftlicheren" Bezeichnung wie "Alignment-Forschung" fallengelassen werde. Jedenfalls sei das Gebiet im Begriff, zu einem Faktor im Verständnis prähistorischer Landschaften zu werden, den man nicht mehr ignorieren könne.

Das Dragon Project

Weitere wichtige Beiträge von Devereux betreffen die naturwissenschaftlichen Aspekte heiliger Orte. 1977 wurde auf seine Anregung hin in London das so genannte Dragon Project gegründet, um die Frage zu untersuchen, ob in Steinkreisen, Ganggräbern, Dolmen und anderen archäologischen Stätten aus der Stein- und Bronzezeit tatsächlich ungewöhnliche energetische Verhältnisse herrschen. Angenommen, "Erdenergie" sei eine Art Zusammenwirken verschiedener Formen von elektromagnetischen und anderen physikalischen Energien, die vom Untergrund ausgehen und mit Strahlungen von der Sonne und aus dem Kosmos in Wechselwirkung stehen, dann müssten diese physikalischen Faktoren sowie die von ihnen ausgelösten Reaktionen des Menschen mit wissenschaftlichen Instrumenten messbar sein. Die Vermutungen und Hinweise über das energetische Geschehen in Steinkreisen und anderen megalithischen Denkmälern sollten aber nicht nur durch physikalische Messungen in England, Wales und Schottland überprüft werden. Ein gleichwertiger Teil des Programms bestand darin, dass Medien, Hellsichtige und Rutengänger auf ihre Art versuchten, Informationen und Eindrücke über die unsichtbaren Vorgänge an diesen Plätzen zu gewinnen, sei es über in der Gegenwart aktive Energien oder Präsenzen oder über Vorgänge aus längst vergangenen Zeiten. Diese beiden Arten von Informationen sollten schließlich verglichen werden. Der Forschergruppe gehörten mehr als 20 Mitglieder an, unter ihnen der Physikochemiker G.V. (Don) Robins, ein Spezialist für Piezoelektriztät in der archäologischen Forschung, der bis Ende 1986 für die Koordination des physikalischen Programms verantwortlich war, John Steele, ein kalifornischer Archäologe, der das radiästhetische und mediale Programm betreute, Paul Devereux selbst, zuständig für Gesamtleitung und Finanzierung, außerdem Physiker wie Eduardo Balanovsky, Derek Banks, dann Simon Haseler, ein Kodak-Experte für Infrarotphotographie, Elektronik-Ingenieure wie Rodney Hale, der neue Messinstrumente entwickelte, und Rutengänger wie Bill Lewis und Tom Graves, der Kirlian-Forscher Harry Oldfield, sowie Historiker, Volkskundler, ein Zoologe und ein Astrologe.

Leys als "Energielinien"

Während die physikalischen Messungen des Dragon Projects den Beweis erbrachten, dass prähistorische Plätze sich in der Tat durch ungewöhnliche Verhältnisse im Bereich verschiedener physikalischer Energien auszeichnen, beschränkt sich die Verwendung des Begriffes "Energie" im Zusammenhang mit den unsichtbaren Qualitäten von Orten durchaus nicht auf physikalisch Messbares. Das Interesse richtet sich im Gegenteil vorwiegend auf nichtphysikalische "Energien". Viele, die neu zum Ley-Hunting oder zur Geomantie stoßen, kennen Leys nur als so genannte Kraftlinien, vor allem in den USA. Vor allem der Boom geomantischer Ideen im New-Age-Zeitalter der 80er-Jahre brachte eben mit sich, dass viele der neuen Leyhunter, die nie etwas von Watkins und der ursprünglichen Leylinienforschung gehört haben, Leylinien, radiästhetische Linien und die russischen "Globalen Gitternetze" unterschiedslos vermischten. Dieser Entwicklung trat Devereux zunehmend kritisch gegenüber. Die Vorstellung, Leylinien seien "Kraftlinien", wird aus verschiedenen Quellen gespeist. Eine davon ist möglicherweise der Roman "The Goat-Foot God" (1936) der englischen Okkultistin Dion Fortune, die bei der Erschaffung des Glastonbury-Mythos eine zentrale Rolle gespielt hat. Dort werden Leylinien (ohne dass dieser Begriff erwähnt wird) im Zusammenhang mit der Bestimmung eines geeigneten Platzes für die Anrufung alter heidnischer Gottheiten als "Kraftlinien zwischen Kraftplätzen" bezeichnet. Fortune bezog sich möglicherweise auf das Buch "The Fairy Faith in Celtic Countries" (1911) des amerikanischen Tibetologen W.Y. Evans-Wentz (1878-1965), der in einer Fußnote einen unbenannten Seher - wahrscheinlich den irischen Dichter und Theosophen A.E. (G.W. Russell) - zitiert, welcher die irischen "Feenwege" als "magnetische Arterien, in denen der Magnetismus der Erde zirkuliert", bezeichnet. Dieser "Magnetismus der Erde" dürfte hier allerdings eher im Sinne des Mesmerismus denn als Erdmagnetismus nach geophysikalischem Verständnis aufzufassen sein. Die Assoziation der beiden Arten des "Magnetismus", die bei Evans-Wentz bzw. A.E. noch als poetische Analogie gemeint ist, wird in der Esoterikszene in der Regel fälschlicherweise zu einer Gleichsetzung von mesmerischem und physikalischem Magnetismus umgedeutet. Leys als Kraftlinien kamen auch in den Visionen und Wahrnehmungen einiger britischer Medien der 30er- und 40er-Jahre vor, z.B. bei John Foster Forbes, Olive Pixley und Iris Campbell, die auf psychometrischem Wege versuchten, Informationen über Geschehnisse früherer Zeiten an den megalithischen Plätzen zu erhalten. Das Medium Iris Campbell erlebte eine Vision von geraden Linien, die sich in der Landschaft vor ihr erstreckten, als sie mit Forbes unterwegs war. Aus der Erinnerung schrieb sie später: "Sie erstreckten sich vor mir wie Lichtstrahlen, die von einem zentralen Punkt ausgehen. Ich fühlte, dass sie sehr heilig waren; sie liefen nicht nur über die Erdoberfläche und in sie hinein, sondern auch in die Atmosphäre hinauf". Sie war überzeugt, diese Linien hätten schon vor der Entstehung der materiellen Erde "in ätherischer Form" existiert. Selbstverständlich spielte auch die Radiästhesie eine entscheidende Rolle bei der Entstehung dieser Vorstellung. Der Rutengänger Arthur Lawton, Mitglied in Alfred Watkins’ Straight Track Club, schrieb 1939 in seiner Broschüre "Mysteries of Ancient Man", prähistorische Stätten seien bewusst an Plätzen errichtet worden, die sich durch eine radiästhetisch feststellbare kosmische Kraft auszeichneten. Sein Kollege Guy Underwood, dem zufolge prähistorische Plätze stets über so genannten Blind Springs (umstrittene unterirdische Quellen; Anm. d. Red.) und Kreuzungen von Wasseradern liegen, meinte in den 60er-Jahren, die megalithischen Baumeister hätten radiästhetische Methoden angewendet, und John Williams, Leylinienforscher und Rutengänger, behauptete, in prähistorischen Alignments fließe eine radiästhetisch feststellbare Erdenergie. Vor allem aber in der Zeit des Geomantie-Revivals, die in den 60er-Jahren mit den ersten New-Age-Ideen ihren Anfang nahm, wurden die Leys endgültig mit Energielinien gleichgesetzt. Schon damals war das Wort "Energie" einer der meistgebrauchten (und -missbrauchten) Begriffe - wie auch heute wieder in der Esoterikszene. Tony Wedd ging offenbar davon aus, dass Leylinien eine Art magnetischer "Energie-Leitlinien" für UFOs waren. Beeinflusst von Underwood und Williams, zementierte dann vor allem John Michell in seinem Buch "Die Geomantie von Atlantis" (1969) den Zusammenhang zwischen Watkins’ Leylinien, okkultistischen Kraftlinien, radiästhetischen Linien und so genannten UFO-Orthotenien, indem er Evans-Wentz’ Fußnote aufgriff und ausserdem noch die chinesischen "Drachenpfade" (lung mei) mit ins Spiel brachte. Die chinesische Geomantie kennt neben den gewundenen Drachen- und Tiger-Strukturen auch geradlinige, das ganze Land durchziehende "Drachenstraßen", die nach Michell von einem "Drachenpuls" erfüllt sind. Der viktorianische China-Missionar E.J. Eitel hatte die Erdströme des Feng Shui mit Magnetismus verglichen; in seinem Buch "Feng-Shui oder die Rudimente der Naturwissenschaft in China" (deutsch 1983) schreibt er: "In der Erdkruste befinden sich zwei verschiedene, ich würde sagen, magnetische Strömungen, die eine männlich, die andere weiblich, die eine positiv, die andere negativ, eine günstig, die andere ungünstig". Nach John Michell "kann es keinen Zweifel daran geben, dass der Drachenstrom sich auf einen natürlichen Kraftfluss bezieht, der mit dem Erdmagnetismus in Zusammenhang steht". Er bezeichnete auch die prähistorischen Stätten der Erde mit ihren Ley-Verbindungen als eine Art von "Erdakupunktursystem".

Die Energie-Idee verankert sich

Dass Anfang der 70er-Jahre die allgemeine Auffassung herrschte, Leylines seien Energielinien, zeigt sich im ersten Satz des Buches "Quicksilver Heritage" (1974) von Paul Screeton, damals Herausgeber des "Ley Hunter", wo es heißt: ". Leys, diese Linien feinstofflicher Energie". Auch Tom Graves, Autor des maßgeblichen englischen Radiästhesiebuches der 70er-Jahre, glaubte radiästhetische Kraftlinien finden zu können, die über der Erdoberfläche verlaufen und welche die individuellen Steine von Steinkreisen mit einzeln stehenden Menhiren außerhalb des Kreises verbinden oder sich in der umliegenden Landschaft verlieren. Er schlug vor, diese Linien könnten "die nichtphysikalische Realität hinter dem Ley-System" sein. Endgültig als Energielinien interpretiert wurden die Leylinien, nachdem sich die Kunde davon Mitte der 70er-Jahre in Amerika verbreitet und sich dort eine Verschmelzung der ursprünglichen Ley-Theorie mit englischer und französischer Radiästhesie, deutschen Gitternetzen, den russischen Globalgitternetzen und einer Vielfalt von New-Age-Ideen vollzogen hatte. Nun schwang sich die Phantasie ihrer Vertreter zu bisher ungeahnten Höhen auf. Ende der 70er-, anfangs der 80er-Jahre wurde dieses Amalgam durch die Welle der New-Age-Workshops dann wieder nach Europa zurückimportiert. Heute kann man, wie Devereux und Pennick in ihrem Buch "Leys und lineare Rätsel in der Geomantie" (deutsch 1991) schreiben, selbst australische Aborigines, die in westlichen New-Age-Zentren auftreten, den Begriff Leylines so verwenden hören, als sei das Konzept schon immer Teil ihrer Kultur gewesen, obwohl sie es in Wirklichkeit in irgendeinem amerikanischen Spiritual-Growth-Zentrum aufgeschnappt haben. Diese Entwicklung gipfelt heute in einer mechanistischen Auffassung, die sich beispielsweise darin äußert, dass Gruppen davon sprechen, von bestimmten Plätzen aus "spirituelle Energie in Leylinien hineinzupumpen", um sie an bestimmte, oft weit entfernte Orte hinzuleiten. Dies wird oft verbunden mit der Vorstellung, man wolle "die Energiesysteme der Welt aufladen, um die Ankunft des Neuen Zeitalters (New Age) zu beschleunigen" oder um auf bestimmte Menschen oder Institutionen Einfluss zu nehmen. In Südengland existiert seit 1981 die Fountain Group, deren Hauptinteresse solchen Aktivitäten gilt. Ihr Initiator, der Geschäftsmann und Rutengänger Colin Bloy, beruft sich auch auf den "Erzdruiden" des französischen Neo-Druidenordens, Paul Bouchet, der in seinem Buch "Les Druides" behauptet, ein riesiges System von Energielinien ziehe sich durch ganz Europa.

Das Leyline-Dilemma

Paul Devereux hält solche Aktivitäten für ethisch äußerst fragwürdig, selbst wenn sie von guten Absichten motiviert sind. Jemanden ohne sein Wissen und sein Einverständnis zu beeinflussen, sei nichts als schwarze Magie. Ich möchte auf jeden Fall zu bedenken geben, dass man bei solchen Unternehmungen (also bei vielen Dingen, die einem so als Möglichkeiten geomantischer Aktivität einfallen) wohl kaum je guten Gewissens behaupten kann, man wisse genau, was man tut - wir stehen bei diesen Dingen noch ganz am Anfang. Vermutlich denken wir auch hier noch zu sehr von unserer modernen Mentalität aus; außerdem vermute ich, dass das in der Esoterik überstrapazierte Konzept der "Energie" für die meisten dieser Phänomene ohnehin verfehlt ist. Devereux ist der Ansicht, dass die Vorstellung von Energielinien möglicherweise in die Irre führt und nicht hilfreich für das Verständnis des Wesens der heiligen Linien ist - im übrigen könnten diese Linien ja auch dann eminente Bedeutung besitzen, wenn sie keine Energielinien im konventionellen Sinne wären. Devereux berichtet, dass er 1976, als er Herausgeber des "Ley Hunter" wurde, die Ley-Linien ebenfalls als Energielinien gesehen habe. Doch im Laufe der Jahre sei er skeptisch geworden. Während er weiterhin akzeptierte, dass die Radiästhesie unter bestimmten Umständen eine echte Fähigkeit darstellt und ein paar wenige Rutengänger tatsächlich natürliche Energien der Umwelt wahrnehmen können, kam er zur Überzeugung, dass die Idee von Energielinien keine Grundlage hatte; es war eine zwar ehrlich geglaubte, aber irrige Vorstellung. Die linearen Muster entstehen nach seiner Überzeugung als mentale Strukturierung der Rutenreaktion - einen ähnlichen Schluss habe ich auch selbst in den frühen 80er Jahren gezogen. Bei der Abfassung des Buches "Leys und lineare Rätsel in der Geomantie" (1989) stellte sich ihm das Dilemma in größter Schärfe. Wenn die Leys und andere Linien keine Energielinien waren, wovon er seit einigen Jahren überzeugt war, was waren sie dann?

Leys als Geisterwege

In der Ausgabe 116 des Ley-Hunter-Magazins (1992) kündigte Paul Devereux schließlich einen völlig neuen Ansatz im Verständnis der prähistorischen Landschaftslinien, einen "Paradigmenwechsel in der Leylinien-Forschung" an, der den Ursprung dieser Phänomene in aller Welt aufklären werde. Nicht um prähistorische Handelswege handle es sich, wie Watkins in den 20er-Jahren annahm, und auch nicht um Energielinien. Vielmehr sei der Ursprung der Landschaftslinien in der während der schamanischen Trance wahrgenommenen "anderen Realität" zu suchen. Da es sich dabei um eine Grundstruktur menschlichen Erlebens handle, werde dadurch ein transkulturelles Verständnis dieser Linien möglich. Bereits im Schlusskapitel des Buches "Leys und lineare Rätsel in der Geomantie" hatte Devereux, noch intuitiv, die Einsicht formuliert, alle die unterschiedlichen Landschaftslinien könnten eine Art von "Geisterlinien" sein, und einige Hinweise angeführt. Fast unmittelbar nach dessen Erscheinen publizierte der Ley Hunter in den Ausgaben 109 bis 114 (1989-1991) eine Reihe von Artikeln von John Palmer über die mittelalterlichen Doodwegen in Holland, die schnurgeraden Totenwege, auf denen die Verstorbenen das letzte Stück zum Friedhof getragen wurden. Man erinnerte sich an die geraden Kultstraßen für den rituellen Transport verstorbener Wikingerfürsten in Schweden und an indianische gerade Wege in Costa Rica, die ähnlichen Zwecken dienten. Ich selbst hatte bereits 1985 in einem Vortrag am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich auf die Totenwege und den "Gratzug" im schweizerischen Oberwallis, die "Friesenwege" im Haslital, die von Gotthelf erwähnten geradlinigen, von Berg zu Berg laufenden "Riesenstraßen" im Berner Oberland und die Pfade des "Wüetisheers" als Indizien für eine "Traumzeit im Alpenraum" hingewiesen. Im gleichen Jahr hatte ich in dem Buch "Unsere Seele kann fliegen" auf den Zusammenhang zwischen den Nazca-Linien und schamanischen Außerkörperlichkeitszuständen hingewiesen. Devereuxs Ankündigung im Ley Hunter 116, die durch Hinweise von Ulrich Magin auf deutsche Geisterwege im Vogtland und in der Oberpfalz sowie auf entsprechende Einträge im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" unterstützt wurden, lösten ein großes Echo aus. Sie scheint in vielen Geomantieforschern etwas Tiefes, schon lange auf Auslösung Wartendes berührt zu haben. In den Folgenummern des Ley Hunters (117-123) folgten eine Reihe von Special Sections on Spirit Lines mit Beiträgen von Devereux, Palmer, Michell, Magin und weiteren Autoren, begleitet von einer Flut von unterstützenden Hinweisen in Leserbriefen. 1993 festigte Devereux seine Hypothese zum schamanischen Ursprung der Landschaftslinien schließlich im Buch "Shamanism and the Mystery Lines - Ley Lines, Spirit Paths, Shape-Shifting and Out-of-Body Travel" ("Schamanische Traumpfade", AT-Verlag, Herbst 2001). Devereux nimmt an, dass die Totenwege und Geisterstraßen, die peruanischen Ceques und die Linien von Nazca, die britischen Cursus-Monumente, die jeweils eine Reihe von länglichen Grabhügeln verbinden, die irischen "Feenpfade", die skandinavischen Kultstraßen, die chinesischen "Drachenpfade" und möglicherweise alle anderen Landschaftslinien auf eine gemeinsame archaische Grundform zurückgehen. Eine Reihe von ähnlichen Konzepten und Motiven in verschiedenen Kulturen und geschichtlichen Perioden legt die Vermutung nahe, dass wir es mit einem kulturübergreifenden Phänomen zu tun haben, das seine Wurzeln im prähistorischen Schamanismus hat. Die schnurgerade Natur der Linien hat offenbar mit der archaischen Vorstellung zu tun, dass die Geister der Toten sich in Luftlinie durch die Landschaft bewegen. Wenn der Schamane sich mit Hilfe von Trommeln oder halluzinogenen Pflanzen in einen Zustand der ekstatischen Außerkörperlichkeit versetzt, um die Welten der Geister zu betreten und dort die Ahnen zu treffen, so wird er selbst vorübergehend zu einem "Toten", der auf seiner Seelenreise in gerader Linie fliegt. Nach archaischen Vorstellungen verläuft der Flug der Seele in gerader Linie - "gerade wie ein Pfeil", oder wie man in England sagt, as the crow flies ("wie die Krähe fliegt"); sowohl der Vogel wie auch der Pfeil sind weltweite Symbole für den schamanischen Flug. Doch die Linearität der Landschaftslinien weist weitere tiefe Bezüge auf, z.B. zur Symbolik der Weltachse als Verbindung zwischen den verschiedenen Welten, auf welcher der Schamane reist, oder zur Bewusstheit, Ichhaftigkeit und Herrschaft. Die ersten Könige der Geschichte, die Gottkönige der Stammes- und frühen Hochkulturen, sind aus Schamanen hervorgegangen, und so ist die Symbolik der geraden Linie auch aufs engste mit der Herrschaftssymbolik verbunden.

Erkenntnisse der Religionswissenschaft

Diese Erkenntnisse Devereuxs und anderer Forscher, die bisher von der deutschen Geomantieszene kaum zur Kenntnis genommen worden sind, leiten nach meiner Auffassung den Beginn einer völlig neuen Phase der Geomantiegeschichte ein. Sie wird sich voraussichtlich stark von den Ergebnissen der Religionswissenschaften, der Ethnologie und der Bewusstseinsforschung leiten lassen und ihren Ursprung im Bewusstseinszustand und in der Wahrnehmungsweise des archaischen Menschen, die sich von unserer aktuellen Erfahrung grundlegend unterscheiden, suchen müssen. Heute stellen wir fest, wie es die Herausgeber des Ley Hunter im März 1999 konstatierten, dass die englischen Earth Mysteries - einst Sammelbecken für alle jene, welche die Sicht des Establishments in Bezug auf unsere Vorfahren und ihre Kultur nicht teilten, für die Liebhaber alter heiliger Plätze und für diejenigen mit mystischen Neigungen - in gewissem Sinn zu existieren aufgehört haben. Das Konzept der Leylinien, einst Initialzündung und alles beherrschende Idee der Bewegung, ist durch die kritische Überprüfung relativiert worden. Es hat jedoch zu einem umfassenderen Konzept der Geomantie geführt, das auch hierzulande zu einem Vorbild werden könnte, in dem die Eigenschaften des sakralen Raums und die Beziehung zwischen Landschaft und menschlichem Bewusstsein im Mittelpunkt stehen. Diese Dinge, einst von der etablierten Archäologie übersehen oder verspottet, sind heute zu akademischen Forschungsthemen in Religionswissenschaft, Archäologie, Ethnologie und weiteren Disziplinen geworden und somit im Begriff - ohne dass die Geomantie dies wahrzunehmen scheint -, vom einstigen Außenseitertum in den wissenschaftlichen Mainstream überzugehen.