Vastu Purusha - Global Grid

Das Netz zwischen den Welten

von Peter F. Strauss erschienen in Hagia Chora 9/2001

Jede rechteckige Stuktur, die nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet auf die Erde gelegt werde, sei bereits ein heiliger Ort, sagte ein indischer Vastu-Experte zu Peter Strauss, als er dessen Land-Art in Neu Delhi entdeckte. Dies ist die Formel für sein vergängliches Kunstwerk aus Ziegelsteinen - und heute ist schon wieder Gras über den Platz gewachsen.

Mein Interesse an Vastu begann mit einem Buch, das mir im Jahr 1999 in die Hände fiel. Ich war fasziniert von der Tatsache, dass es in Indien ein altes Glaubenssystem gab, das alles, was ich aus meiner radiästhetischen Arbeit kannte, bestätigte. Dies führte schließlich zu meiner Teilnahme beim Festival of Germany in India 2001 in Neu Delhi, in dem ich ein temporäres Land-Art-projekt realisierte. Die Idee meiner Arbeit basiert einerseits auf der Verbindung der alten indischen Geomantietradition des Vastu mit neueren radiästhetischen Erkenntnissen in Europa und andererseits auf der Verknüpfung zeitgenössischer westlicher Kunstströmungen wie Konzeptkunst und Land-Art mit einer Äonen alten "Kunst des Erbauens", die sich immerhin bis zu den Stadtanlagen von Mohenjodaro und Harappa aus dem 4. Jahrtausend v.Chr. zurückverfolgen lässt. Die Städte der Indus-Saraswati-Kultur wurden aus handgeformten Ziegeln nach einem einheitlichen Konzept errichtet: ein rechtwinkliger Grundriss, ausgerichtet nach den vier Himmelsrichtungen. Die Hauptachse verläuft dabei von Osten nach Westen, die kleineren Straßen führen von Norden nach Süden; der Platz im Zentrum ist für den Tempel vorgesehen. Ähnliche Konzepte finden wir auch bei römischen und griechischen Stadtgründungen. Das Grundmuster des Vastu Purusha-Mandala basiert auf einem Quadrat, das in 9 ¥ 9 Felder aufgeteilt ist. Auf einem mit radiästhetischen Methoden ermittelten Platz wurde aus handgeformten Ziegeln ein Quadrat mit einer Kantenlänge von 17 * 17 Metern angelegt. Das zentrale Achsenkreuz wurde dabei mit einer Reihe von Ziegeln in einer Breite von ca. 2 Metern ausgelegt, die einzelnen Linien dagegen mit nur einer Ziegelreihe. Das Quadrat ist exakt nach den vier Haupthimmelsrichtungen orientiert. Die Position der einzelnen Linien richtet sich nach dem tatsächlichen Verlauf des so genannten Globalgitternetzes, das durch eine künstlerisch-geomantische Recherche im Vorfeld der Arbeit gesucht und eingemessen wurde. Für das zentrale Achsenkreuz wurden in diesem Zusammenhang positiv polarisierte Streifen des Globalgitternetzes mit höherer Intensität ausgewählt. Diese Streifen scheinen nach neueren Untersuchungen mit dem Erdmagnetfeld in Beziehung zu stehen. Eine Reihe antiker Kulturen bezogen sie in die Planung von Ansiedlungen ein, so unter anderem seit dem 5. Jahrhundert v.Chr. die Griechen und die Etrusker und später auch die Römer. Die Mitte des Quadrats, in der indischen Vastu-Tradition das Brahmasthana, bildet folglich eine energetische "Anregungszone" aus; hier gibt es eine Parallele mit dem Zentrum antiker etruskischer oder römischer Städte, wo der Omphalos oder Cippus die energetisch anregende sakrale Mitte markierte. Das zentrale Achsenkreuz hat seine Entsprechung in Decumanus Maximus und Cardo der etruskisch-römischen Stadtplanung. Die Ziegel blieben an dem ausgewählten Ort, der Parkanlage im Old Fort in Delhi, bis Anfang März 2001 liegen. Als sie danach entfernt wurden, hatte sich das Muster als Negativ in den Rasen eingeprägt. Es entwickelt sich damit eine zweite Erscheinungsform der Arbeit, die wiederum solange sichtbar blieb, wie das Gras brauchte, um die Stellen zu überwachsen - ein Work in Progress, das sich über den Zeitraum von mehreren Monaten hinzieht. Damit ist sowohl die Verbindung zum Thema des Projekts, Art in Nature, herzustellen als auch die Verknüpfung der altindischen Kultur mit der europäischen. Es ergeben sich vielfältige Schnittpunkte für einen interkulturellen Dialog mit Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie mit Wissenschaftlern und Experten aller Art über traditionelles indigenes Wissen, binäres und holistisches Denken, Mythos und Logos, Naturkräfte und menschliche Kultur.