Wie der Wind weht

Für eine Geomantie der Regionen

von Nigel Pennick erschienen in Hagia Chora 9/2001

Die Dinge einfach - ready-made - haben zu wollen, ohne tiefer nachdenken zu müssen, ist ein leicht nachvollziehbarer Wunsch. Viele Menschen in unserer Gesellschaft akzeptieren die Dinge so, wie sie sind, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass es auch anders sein könnte. Und begegnen solche Menschen doch einmal einer anderen Lebensweise, so verstehen sie nicht, wie dieses Andere zu ihnen in Beziehung stehen könnte. Manchmal sind die Dinge so, wie sie sind, weil sie irgendwann aus einer anderen Kultur importiert worden sind, ohne dass man sie zuvor wirklich verstanden hätte. Dies ist in der Tat kein neues Phänomen. Vor mehr als 2000 Jahren, in der Zeit des jungen Römerreichs, importierte man oft unreflektiert exotische neue Dinge, teils aus Notwendigkeit heraus, teils als Modeerscheinung. Ja selbst Götter und Göttinnen versuchten die Römer von ihren ursprünglichen heiligen Plätzen nach Rom zu holen. So geschah es beispielsweise mit dem Gott der Heilung, Asklepios, und der großen Muttergöttin Kybele. Dabei wurden deren Kultobjekte mit dem Versprechen in die ewige Stadt deportiert, sie noch besser zu behandeln als in ihrer eigentlichen Heimat. Solcherart Kulturtransfer zeigte oft merkwürdige Begleiterscheinungen: Die erste Sonnenuhr beispielsweise, die nach Rom gebracht wurde, war funktionsuntüchtig, weil sie für einen anderen Breitengrad konstruiert war. Erst nach geraumer Zeit erkannte man den Fehler. Aber weil es sich bei einer Sonnenuhr um etwas klar Berechenbares handelt, wurden mit der Zeit die zugrundeliegenden Prinzipien erkannt, so dass die Römer funktionierende Modelle herstellen konnten.

Der Turm der Winde in Athen

Unglücklicherweise wurden jedoch nicht immer derartige nützliche Nachbesserungen vorgenommen. In manchen Fällen hielten sich die ursprünglichen Missverständnisse und fanden Eingang in die tägliche Praxis. So gibt zum Beispiel der römische Architekt Vitruvius in seinem einflussreichen Werk "Zehn Bücher über die Architektur" (33-14 v.Chr.) eine Beschreibung der "acht Winde". Aber statt auf die in seiner Region vorherrschenden Qualitäten der Winde einzugehen, so wie er es etwa als Seemann getan hätte, borgte er sich die Beschreibungen aus der griechischen Literatur. Seine Quelle war der Mazedonische Architekt Andronikos von Kyrrhos, der um 50 v.Chr. den noch heute erhaltenen Turm der Winde in Athen erbaute. Auf jeder seiner Seitenflächen befindet sich ein Abbild des dem jeweiligen Wind zugeordneten Genius. An der Spitze des oktogonalen Turmes drehte sich ein Triton aus Bronze als Windfahne und zeigte mit seiner Rute an, welcher Wind gerade die Herrschaft innehatte. Im Turm selbst befanden sich Wasseruhren und himmelskundliche Instrumente. Andronikos benannte die Winde Athens nach ihrem vermuteten mythologischen Ursprung und ihrer jeweiligen Wirkung. Entsprechend der hellenischen Mythologie unterstanden die Winde dem Gott Aeolus, der auf der Insel Lipari wohnte. Er hütete sie in den dortigen Höhlen und sandte sie aus, damit sie nach seinem Willen in die richtige Richtung bliesen. Wurde also ein Gebäude mit einer Wetterfahne gekrönt oder setze ein Schiff die Segel, so galt dies als Invokation des Aeolus. Man hängte auch aeolische Harfen in heilige Bäume, um den Gott zu ehren, der mit seinem zarten Windhauch in ihnen spielte.

Lokales lässt sich nicht verallgemeinern

Entsprechend der alten europäischen Sitte, Naturkräfte zu personifizieren, erhob Vitruv die spezifischen Qualitäten der Winde Athens willkürlich zu allgemeinen Qualitäten der Himmelsrichtungen. Damit beging er einen großen Fehler, indem er ein Basisprinzip der Geomantie verletzte - nämlich das Prinzip, sein Augenmerk auf die lokalen Bedingungen zu richten. Später in der Renaissance, als Vitruvs Werk weite Verbreitung fand, betrachteten die akademisch gebildeten Architekten die vitruvianischen Winde unkritisch als Richtungsqualitäten jedes beliebigen Ortes. Man verwendete sie als Grundlage für den Bau von Palästen, Befestigungsanlagen und Städten selbst in England, Russland oder in der Neuen Welt. So baute z.B. der Grundriss von Mexiko City, von dem spanischen Geomanten Alonso Garcia Bravo im 16. Jahrhundert über aztekischen Ruinen entworfen, auf diesen Prinzipien auf. Auf Renaissance-Landarten von England, weit entfernt von Athen, finden wir ebenfalls die Winde des Andronikos, obwohl sie keinerlei Beziehung zu den regionalen Verhältnissen haben - damals so wenig wie heute. Zu jenen Zeiten orientierte sich die Ausbildung der feudalen Architekten und Beamten an Traditionen mit unzweifelhaft ehrwürdigem Flair und Stil. Niemand hätte es gewagt, diese Traditionen zu hinterfragen und zu prüfen, ob sie auch tatsächlich funktionierten. Die einfachen, ländlichen Baumeister, die kein Latein konnten, die Bauern, Windmüller oder Fischer hätten es besser gewusst, wenn man sie gefragt hätte. Wir können die Richtungsqualitäten eines Ortes nicht ohne weiteres auf einen anderen Ort übertragen. Andronikos nannte den Südwestwind Africanus, weil er von Afrika her weht - aber in Berlin oder gar in Mexiko lässt sich dazu wohl keinerlei Beziehung mehr herstellen. Dennoch scheint niemand daran Anstoß genommen zu haben.

Tradition verlangt Kontinuität

Die heutige Geomantie leidet an derselben Krankheit. Die so genannten schlechten Richtungen, die aus Regionen Chinas stammen, welche die verschiedenen Feng-Shui-Schulen hervorgebracht haben, werden gedankenlos auf Berkeley, Berlin oder Bradford übertragen. Es braucht aber keinen Doktortitel in Meteorologie, um zu erkennen, dass die "schlechte" Richtung Nord innerhalb einer bestimmten Feng-Shui-Schule (die in der Beobachtung gründet, dass von dort die kältesten Winde kommen) kaum für Londen gelten kann, denn dort kommen die unangenehmen Wetter aus dem Südwesten. Bereits 80 Kilometer nördlicher, in Cambridge, ist wiederum der Nordwesten die unangenehmste Windrichtung. Das Phänomen Wind ist weitaus komplexer. In der Provence, wo ein gutes Verständnis der regionalen Windqualitäten überliefert ist, werden die sich jahreszeitlich wandelnden Windqualitäten durch entsprechende Namen, die man ihnen gibt, zum Ausdruck gebracht. In Cambridge sind die acht Winde des Andronikos auf einem Oktogon der Maitland Robinson Library des Downing Colleges eingraviert. Das Bauwerk wurde erst im Jahr 1992 errichtet. Das Design stammt von dem gefeierten neoklassischen Architekten Quinlan Terry. Einerseits wie große Teile der historischen Gebäude aus dem lokalen, gelblichen Ketton-Kalkstein gemauert, ist das Oktogon andererseits eine bewusste Reminiszenz an den Turm der Winde in Athen. Insofern hat das Gebäude jedoch keinerlei Verbindung zur wahren Qualität der Winde in Cambridge. Wieder einmal wurde eine Chance verspielt, einen Ort mit tiefem Bezug zur zeitgenössischen regionalen Realität zu schaffen. Tradition ist essenziell, wenn sie aus der Kontinuität erwächst. Solche Tradition trägt jede Kultur und sollte von allen genährt werden, die an ihr Anteil nehmen. Geomantische Tradition ist jedoch wertlos, wenn sie nicht regional ist, denn indem unkritisch lokale Prinzipien anderer Orte als allgemeingültig übernommen werden, missachten wir sowohl unserer eigenen lokalen Tradition als auch die bewussten Prinzipien selbst, die ja andernorts ihre Gültigkeit hatten und haben. Wir sollten uns mehr Mühe geben.