Zur Geschichte der Medizin

von Jutta Gruber erschienen in Hagia Chora 9/2001

Bis zum Beginn der Neuzeit war die Medizin der abendländischen Kultur magisch-religiös geprägt. Man sah die Krankheitsursachen im Übersinnlichen wie beispielsweise in Dämonen, die Krankheiten auslösen, um z.B. Tabuverletzungen zu bestrafen. Die therapeutischen Maßnahmen waren entsprechende Rituale. Ältestes Dokument zu Knochenheilung und Blutstillung in deutscher Sprache sind die "Merseburger Zaubersprüche" aus dem 10. Jahrhundert. Die Anfänge der abendländischen Medizin finden sich im Beginn der griechischen Heilkunde im 5. Jahrhundert v.Chr. Insbesondere Aristoteles legte die Grundlagen zu einer naturalistisch-rationalen Betrachtung. Erwähnt sei auch der Anatom Galen (129-199 n.Chr.), der durch seine vorrangig spekulative Physiologie eine bis ins 17. Jahrhundert allgemein anerkannte "Humoralpathologie" (Säftelehre) entwickelte. Hier finden sich sowohl die Erkenntnisse aus anatomischen Experimenten als auch sinngebende Glaubenssätze, wie z.B., dass die Funktion des Herzens darin bestehe, das Blut mit spiritus vitales (Lebensgeister) anzureichern, während das Gehirn das Blut mit spiritus animales (Seelengeister) versorgt, die durch das Nervensystem im Körper verteilt werden.

Experiment und Beobachtung

Die Renaissance ist die Zeit des extremen Schmutzes in den Städten und der Seuchenkrankheiten, aber auch die Wiege der modernen Medizin. Ihre Impulse bewirken, dass sich die ersten Ärzte gegen den Dogmatismus der alten Autoritäten auflehnen. Experiment und Beobachtung gewinnen an Bedeutung, besonders auch in Form von physiologischer und mikroskopischer Forschung. Im Zeichen der Zeit war es die Leistung des bis ins 17. Jahrhundert sehr einflussreichen Arztes und Naturphilosophen Paracelsus (1494-1541), das medizinische Wissen nicht mehr den antiken Schriften, sondern den empirischen Erfahrungen zu entnehmen. Paracelsus öffnete die geschlossene Lebensordnung des Verhältnisses Mensch-Schöpfung hin zu einem System, das den Menschen als Individuum würdigt und eine große Vielfalt an Therapien integriert. Dabei berücksichtigte er, wie alle seine Zeitgenossen, sowohl die stofflich-materielle als auch die seelisch-geistige Dimension des menschlichen Seins und des Universums. Er glaubte an die Vollkommenheit der Natur und dass es nur darauf ankomme, sie richtig zu erkennen und zu nutzen. Dies umfasste für ihn auch die "unsichtbare Natur", so nannte er das Wissen aus Philosophie, Magie und Astronomie: das Wissen um die höhere Ordnung, um die Wechselbeziehung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, Schöpfung und Geschöpf, Leib und Seele. Die vermittelnde Kraft bezeichnete er als spiritus vitae, die durch das Wechselspiel zwischen Sympathie und Antipathie hervorgerufen wird. Den sichtbaren Beweis für diese unsichtbare Kraft sieht er im Ferromagnetismus. Der Magnet wird von Paracelsus auch für Heilungen eingesetzt.

Mensch als Maschine versus Animismus

Die wichtigste Entdeckung in der Epoche des Barock war die des Blutkreislaufes durch William Harvey (1578-1657) im Jahre 1628, wobei es ideengeschichtlich besonders interessant ist, dass Harvey z.B. Herz und Blutkreislauf vom restlichen Organismus isoliert auf seine physikalisch-mechanische Funktion hin untersuchte. Diese Forschungsmethode weist auf den beginnenden Einfluss eines neuen Paradigmas durch die Errungenschaften der Physik, wie z.B. die mechanischen Gesetze Keplers, auf die Medizin hin. Aufklärerische Impulse, insbesondere aus der Philosophie, beispielsweise von Voltaire (1694-1778) oder Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) verstärkten ab Mitte des 18. Jahrhunderts diese Art des Forschens durch ihre mechanistischen Konzepte vom Universum und den Organismen. Das "Mensch-als-Maschine"-Modell von Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) wurde zum Inbegriff der mechanistisch orientierten Medizin. Daneben formierte sich eine zweite Gruppe von Medizinern: die Anhänger des Vitalismus oder auch Animismus, u.a. vertreten durch Georg Ernst Stahl (1660-1734). Sie wandten sich gegen die Anhänger der mechanistischen Medizin und erklärten Leben und Krankheit durch die Einwirkung einer "empfindenden Seele" oder Anima, die jeden Teil des Organismus bewohne.
Der philosophische Einfluss bewirkte aber nicht nur eine folgenreiche Abwendung von der Beschäftigung mit dem Schicksal der Seele, sondern auch eine richtungsweisende Hinwendung zum Interesse des Gemeinwohls. Äußere Faktoren, z.B. mangelnde Hygiene, wurden als Krankheitsursache erkannt. Durch Verbesserung der hygienischen Bedingungen kam auch eine Krankheitsvorbeugung in Gang. Soziale Schwierigkeiten wurden anstelle von dämonischer Besessenheit als mögliche Krankheitsauslöser erkannt, z.B. für so genannte Geisteskrankheiten. Dies bewirkte wesentliche Veränderungen im Umgang mit Behinderten, die bis dahin unter unmenschlichen Bedingungen verwahrt wurden.
Erfolgreichster Kliniker und medizinischer Lehrer dieser Epoche war der Niederländer Hermann Boerhaave (1668-1738). Sein Erfolg beruhte darauf, dass er sich keinem Einzelsystem oder Lehrgebäude unterordnete, sondern vielmehr Mechanik, Chemie und die unmittelbare klinische Betrachtung auf effiziente Weise miteinander verband. Zwei seiner Schüler, Gerard van Swieten (1700-1772) und Anton de Haen (1704-1776), gründeten die Wiener Schule, an der schließlich Franz Anton Mesmer sein Medizinstudium absolvierte.