Hingabe an das Lebendige

Franz Anton Mesmer und der Beginn der modernen Lebensenergie-Forschung

von Jutta Gruber erschienen in Hagia Chora 9/2001

Lebensenergie ist einer der zentralen Begriffe in der Geomantie. Befassen wir uns in diesem Zusammenhang mit Heilungskonzepten, begegnet uns der Widerstreit zwischen vitalistischer und mechanistischer Auffassung von Medizin, wie es Jutta Gruber am Beispiel Franz Mesmers verdeutlicht.

Den Beginn der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Lebensenergiephänomenen markiert das Wirken Franz Anton Mesmers. Seine Arbeit stellt einen entscheidenden Teil der abendländischen Tradition dieser Forschungsrichtung dar. Über den Einblick in die faszinierende Geschichte des "Animalischen Magnetismus" und die mit ihm verbundenen Konzepte von Gesundheit, Krankheit und Heilungsweg hinaus verdeutlichen sich an Mesmers Auseinandersetzung mit Fachkollegen und Gutachtern auch die strukturellen Schwierigkeiten im Austausch zwischen so genannten Außenseitermethoden und den jeweils tonangebenden Wissenschaften.

Die Erfolgsstory

Franz Anton Mesmer wurde am 23. Mai 1734 in Iznang am Bodensee geboren. Sozusagen über Nacht wurde er für "Wunderheilungen" durch Magnetkuren bekannt. Anstoß zu dieser Entwicklung gab ein durchreisender Engländer im Jahr 1774, der unter Magenkrämpfen litt und nach einer therapeutischen Behandlung durch Stahlmagnete verlangte - eine Methode, die seinerzeit in England verbreiteter war, als im deutschsprachigen Raum. Solche Magnete wurden mittels moderner Verfahren hergestellt. Ihre Wirkung übertraf die des natürlich vorkommenden magnetischen Gesteins um ein Vielfaches. Nachdem die Behandlung des englischen Klienten erfolgreich verlaufen war, wendete Mesmer sie auch bei einer eigenen Patientin an, die seit zwei Jahren an unheilbaren Krämpfen am ganzen Leib litt.
"Als meine [Mesmers] Patientin im Monat Juli einen neuen Anfall bekam, band ich ihr zwei gebogene Magnete an die Füße und hing ihr einen herzförmigen an die Brust. Plötzlich erhob sich ein heißer zerreißender Schmerz von den Füßen an, strömte aufwärts, hinterließ durchgehend bei jedem Gelenk ein Brennen gleich einer glühenden Kohle. Dieser fremde Auftritt erweckte bei der Kranken und den Umstehenden Schrecken! Ich nötigte die Kranke, die Magnete zu behalten, und legte noch mehrere an den unteren Teilen an. Sie bemerkte hierauf, dass der magnetische Strom den Schmerz, welcher in den oberen Teilen zugenommen hatte, mit Gewalt herabriss. Dieses Hin- und Herreißen dauerte die ganze Nacht und brachte an der ganzen Seite, welche in einem vorigen Anfall lahm war, einen häufigen Schweiß hervor, auf welchen sich die Schmerzen samt allen Zufällen nach und nach verloren. Sie wurde auf alle Magnete unempfindlich und von diesem Anfall geheilt . Ich riet ihr, beständig einige Magnete an sich zu tragen, worauf sie sich gar bald erholte, und sie befindet sich seither ganz gesund." (zitiert nach Karl Bittel u. Rudolf Tischner: Mesmer und sein Problem. Stuttgart 1941, S. 35f) Diese Heilung führte zu spektakulären Zeitungsberichten, und schon bald kamen Patienten von nah und fern angereist, um von Mesmer behandelt zu werden. 1775 und 1776 begab er sich auch auf Reisen, z.B. nach Bayern, Schwaben, in die Slowakei und in die Schweiz, um seine Magnetkuren vorzuführen und anzuwenden. Typische Behandlungsszenarien zeigt folgender Bericht:
"Mesmer kam im Juli 1775 auf Schloss Rohow an, ausgerüstet mit verschiedentlich gestalteten, künstlichen Magneten und einer Elektrisiermaschine. Mesmer heilte unter anderem einen Großbauern, dessen rechte Hand gelähmt war: Er berührte ihn öfter, legte unter einen seiner Füße einen Magnet, hieß ihn sich an andere bereits Magnetisierte, von Zeit zu Zeit einen Kreis bildende und sich wechselseitig bei den Händen haltende, anschließen. Schon am ersten Tag war dieser Gelähmte imstande, die rechte Hand beinahe bis an die Stirne zu bringen, ließ sich fleißig magnetisieren und befand sich täglich besser. Oder bei einem Brustkranken: Mesmer zeigte eine Weile in einiger Entfernung mit dem Finger auf seine Brust, der Kranke hat in kurzer Zeit nach einer starken Konvulsion in Gegenwart sehr vieler Menschen eine Menge Materie ausgeworfen. Solche Einwirkung habe er auch mit seinem Zeigefinger durch eine zweieinhalb Fuß dicke Mauer erzielt. Die magnetische Kraftwirkung bewirkte er auch mittels Musik und Gesang, durch einen Spiegel sei die Wirkung fortgepflanzt worden. Kurios klingt ebenfalls die Heilungsgeschichte des Barons selber: Dabei stand Mesmer mit seinem entblößten Fuß in einem Wasserzuber, den Baron abwechselnd an der Hand und am Fuße berührend, wobei sich heftige Anfälle gezeigt hätten." (zitiert nach Karl Bittel, Rudolf Tischner: Mesmer und sein Problem. Stuttgart 1941, S. 46f)

Wer heilt, hat Recht?

Im Januar 1778 ließ sich Mesmer in Paris nieder. Auch dort begeisterte sich eine breite Öffentlichkeit für seine Heilbehandlungen. Der Andrang von Klienten war mitunter so groß, dass Gardisten angeheuert wurden, um den Straßenverkehr um Mesmers Praxiseinrichtung zu regeln. Um der Nachfrage an Behandlungen Herr zu werden, entwickelte Mesmer vielleicht als erster eine Methode zur therapeutischen Gruppenbehandlung. Diese mutet möglicherweise seltsam an, soll aber sehr effektiv gewesen sein: das Baquet, ein magnetisierter Wasserzuber. Um ihn herum bildeten die Klienten eine Kette, indem sie sich bei den Händen fassten, während sie von Mesmer magnetisiert wurden. Nacheinander nahmen seine Mitarbeiter Klienten aus dem Kreis heraus und führten mit ihnen im sogenannten Krisenzimmer abschließende Einzelgespräche. Mesmer verwendete des öfteren Musik als Verstärker der magnetischen Wirkungen. Er spielte dazu ein sehr seltenes und eigentümliches Instrument: die Glasharmonika. Ihre Klänge kommen zustande, indem der Spieler mit nassen Fingern die Ränder verschieden großer Glasschalen reibt, welche sich, wie Blumentöpfe ineinander gesteckt, auf einer Walze drehen. Mesmers meisterhaftes Spiel löste bei den Magnetisierten heftige Gefühlswirkungen aus, wie folgende Pressemitteilung der "Zürcher Freitagszeitung" aus dem Jahre 1784 ausdrucksstark und leicht ironisierend beschreibt: "Man sieht die gewaltsamen, unwillkürlichen Verdrehungen der Glieder, halbe Erstickungen, Auftreibung des Leibes, verwirrte Blicke. Einer stößt hier das durchdringendste Geschrei aus; dort will einer vor Lachen bersten; da zerfließt ein anderer in Tränen. Unter manchen entstehen geheime Sympathien; sie suchen sich auf, werfen sich einander in die Arme, bezeugen sich die lebhafteste Zuneigung und suchen sich gegenseitig den Zustand zu versüßen. Das geringste Geräusch verursacht neue Erschütterungen, und jede Veränderung des Tones oder Taktes der Musik zeigt die sichtbarsten Einflüsse auf die Kranken." (zitiert nach Ziemann, Johannes: Mesmer und die Musik. In: Medizinischer Monatsspiegel MERCK, o.O. 1970, S. 108-113) Es gab etliche Ansätze zur Institutionalisierung des Animalischen Magnetismus. Die finanzielle Unterstützung einer reichen Patientin ermöglichte Mesmer 1782 im belgischen Spa ein magnetisches Kurbad mit einem angeschlossenen Lehrinstitut einzurichten. Innerhalb weniger Tage schrieben sich etliche Schüler ein, unter ihnen Prominente wie Lafayette und Montesquieu. 1784 gründete Mesmer die Société d’Harmonie. Der Marquis de Puységur, sein wohl bedeutendster zukünftiger Schüler, trat dieser Gesellschaft bei und gründete ein Jahr darauf die Zweiggesellschaft Société harmonique des amis réunis mit Sitz in Straßburg. Bereits im Gründungsjahr gehörten ihr 200 ehrenwerte Mitglieder an. Ziele der Gesellschaft waren die Förderung des Animalischen Magnetismus, die Gründung von Zentren für Magnetkuren und die Ausbildung von Magnetiseuren. Ob und wieviele solcher Zentren tatsächlich gegründet und wieviele Ausbildungen durchgeführt wurden, ist ungesichert. Mit der Französischen Revolution fand diese Aufbauphase jedenfalls ein abruptes Ende. 1794 verließ Mesmer Frankreich und lebte bis 1814 zurückgezogen in der Schweiz. Die letzten Lebensjahre verbrachte er nahe seinem Geburtsort bei Verwandten in Meersburg am Bodensee. Dort starb er am 5. März 1815. Mesmers Erfolgsstory ist nicht ungetrübt. An allen Orten, an denen er sich niederließ, kam es zu Anfeindungen durch Fachkollegen, die ihm Betrug und Scharlatanerie vorwarfen. Auch die wissenschaftliche Anerkennung seiner Konzepte, um die er sich sehr bemühte, blieb ihm Zeit seines Lebens versagt. Die Mesmerschen Magnetkuren lösten einerseits Begeisterungsstürme aus, andererseits aktivierten sie Abwehrmechanismen insbesondere in der medizinischen Fachwelt. Diese auseinander klaffenden Reaktionen hinsichtlich eines offensichtlich wirksamen, aber ungewöhnlichen und zunächst nicht erklärbaren Heilungsverfahrens sind nicht einzigartig. Wie eingangs gesagt, erinnern sie durchaus an gegenwärtige Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern anerkannter Verfahren und den Vertretern von "Außenseitermethoden". Interessant ist die Parallele, dass es immer überwiegend Wissenschaftler und Fachkollegen sind, die vor möglichen Gefahrenpotenzialen warnen, während für die Nutzer der Alternativverfahren offenbar eher die Regeln "wer heilt, hat Recht" oder "was hilft, ist gut" gelten. Mesmers Konzept des Animalischen Magnetismus war kaum in die Welt der beginnenden modernen Wissenschaft integrierbar.

Das magnetische Heilverfahren

Für Franz Mesmer gibt es eine allgemeine Krankheitsursache: die Stockung oder Stauung der Körpersäfte durch Verkrampfung der Muskeln, und es gibt ein allgemeines Heilmittel: den Animalischen Magnetismus. Mesmers Konzept von Gesundheit, Krankheit und Heilung beinhaltet vier zentrale Begriffe. Der erste ist der "Animalische Magnetismus", dem Mesmer für die menschliche Gesundheit und Krankheit eine entscheidende Rolle zuweist: Er versteht ihn als ein in der Natur vorhandenes, allgemein wirkendes Prinzip. Mesmer ist davon überzeugt, dass der Animalische Magnetismus eine gestörte Harmonie wieder in ihren natürlichen Zustand versetzen kann. Diese "Harmonie" - sein zweiter zentraler Begriff - sei beim gesunden Menschen in rechter Schwingung und beim Kranken in Dissonanz. Im Fall einer Dissonanz stellt der Therapeut durch den "Rapport" - dritter zentraler Begriff - eine Einstimmung mit dem Patienten her. Die Heilung geschieht durch "Krisen" - vierter zentraler Begriff. Diese Manifestationen latent vorhandener Krankheiten werden in der Behandlung künstlich ausgelöst, um sie steuern zu können. Sie beschleunigen den Selbstheilungsprozess, werden im Verlauf der Therapie immer schwächer und stellen sich bei Vollendung der Heilung ganz ein. Während der magnetischen Behandlung wird also ein Fluidum vom Magnetiseur auf den Klienten übertragen. Der Klient gerät dadurch in Krisen, durch die sich Stauungen auflösen, so dass sich der Körper wieder harmonisiert. Mesmers Beobachtung, dass manche Patienten überhaupt nicht auf die Magneten bzw. den Magnetiseur selbst reagieren, ließ ihn folgern, dass der animalische wie der mineralische Magnetismus zwar jederzeit auf den Menschen einwirkten, dass sie aber nur dann wahrgenommen werden, wenn der Strom des eigenen Magnetismus gestört sei.

Die alles verbindende Lebenskraft

Mesmers Dissertation "De planetarum influxu in corpus humanum" ist ein Versuch, verschiedene neue, insbesondere physikalische Konzepte, wie z.B. die Newtonsche Gravitationstheorie, auf die klinische Medizin zu übertragen. Er stellt ein Weltbild vor, das wesentlich auf Beziehungen beruht, z.B. dem Einfluss der Planeten auf die Erde und den menschlichen Körper. Den Körper sieht er als Mikrokosmos, der in einem wechselseitigen Kräfteverhältnis mit allen anderen Körpern des Makrokosmos steht. Das Wirkprinzip nennt er die gravitas animalis und meint damit die Quelle der Kraft, aus der die Bewegungen der Welt wie der Organismen entstünden: eine Kraft, die durch einen äußerst subtilen Stoff, ein physikalisches Fluid, eine Strahlung, eine anorganische Kraft vermittelt werde, die das ganze Universum und alle Körper durchdringe. Dieser Lichtstoff wirke direkt auf das Nervensystem und beeinflusse so auch den Gesundheitszustand des Menschen. Im Anschluss an seine Beobachtungen mit den durch die Magnetkuren ausgelösten Phänomenen modifiziert Mesmer dieses erste Konzept hin zum magnetismus animalis: der Lebenskraft schlechthin. Er hatte schon sehr früh beobachtet, dass jene Phänomene, die durch Magnete bei den Klienten ausgelöst wurden, genauso gut auch allein durch ihn selbst oder andere Magnetiseure hervorgerufen werden konnten. Neu ist, dass er den Ursprung der Wirkung in Form der Lebenskraft im menschlichen Körper ansiedelt und sich nicht mehr auf mineralische Kräfte beruft. Mesmer griff den Themenkomplex der Lebenskraft aus schwindenden Disziplinen wie der Metaphysik, dem Mystizismus oder den Religionen heraus und machte ihn zum Forschungsgegenstand der gerade entstehenden modernen, physikalisch orientierten Wissenschaften. Dadurch wurde er zum Pionier der modernen Lebensenergieforschung. Genau diese verdienstvolle Leistung aber bietet auch die Quelle für den Streit um die Magnetkuren, für die Empörung, die bei manchen Fachkollegen ausgelöst wurde, für die Warnungen der Wissenschaftlichen Kommissionen vor den Gefahren des Animalischen Magnetismus.

Untergang und Neubeginn

Mesmers Wirken fiel in den Beginn der modernen abendländischen Wissenschaft, in der sich die Konsequenzen des Cartesianischen Bruchs abzuzeichnen begannen: res cogitans und res extensa, Glaube und Wissen, wurden als eigenständige Bereiche voneinander getrennt. Es scheint, als ob die Innenwelt-Erfahrung aus der Wissenschaft verbannt werden musste, um sich von den Fesseln der Kirche und des Feudalismus befreien zu können. Mit diesem Bad wurden gleich mehrere Kinder ausgeschüttet: Eine zuvor ganzheitlich gedachte Welt wurde in zwei grundlegend unterschiedliche Qualitäten geteilt, in die Welt des Geistes und die Welt der Materie. Diese Trennung bewirkte im weiteren Prozess der Wissenschaftsentwicklung, dass generell nur noch Messbares, d.h. über die äußeren Körpersinne bzw. die Forschungsapparate als optimierte Sinne wahrnehmbare Objekte als Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung akzeptiert wurde. Eine "objektive" Wissenschaft des Messens und Wiegens positionierte sich mehr und mehr als Kontrahentin einer subjektiven und damit immer mehr ins Private verdrängten Welt. Mesmers nachhaltigste Leistung, neben der, eine faszinierende Heilmethode in die Welt gebracht zu haben, liegt sicherlich darin, dass er durch seinen Ansatz die Lebenskraft streng physikalisch, als sehr, sehr feines und somit materiell existentes, prinzipiell also messbares Fluidum erklärte und damit den gesamten Bereich der Lebensenergieforschung aus einer untergehenden in die aufgehende Welt hinüber gerettet hat. Mit der Wucht des Erfolges traf ihn aber eben auch eine Lawine von Bezichtigungen. Fachkollegen warfen ihm Betrug und Scharlatanerie vor. Seine Veröffentlichungen können sämtlich als Verteidigungsschriften erkannt werden. Sie sind Versuche, Missverständnisse zu klären, Verteidigungen gegen "ungläubige", missgünstige Kollegen, die z.B. positive Gutachten über die Feststellung von Heilungserfolgen öffentlich zurückzogen, und gegen entstellende, diffamierende Presseberichte. Immer wieder zog Mesmer frustriert weiter, um an einem anderen Ort ohne solche Anfeindungen zu leben. Eine zumindest äußere Ruhe erlangte er erst in seinen letzten Lebensjahren durch den Rückzug von der Öffentlichkeit. Neben dem üblichen Neid einem erfolgreichen Kollegen gegenüber zeigen sich aber auch grundlegende Strukturen. Hinweise auf strukturelle Faktoren in der Auseinandersetzung zwischen anerkannten und alternativen Wissenschaften geben Auswertungen der Gutachten diverser Wissenschaftlicher Kommissionen zum Animalischen Magnetismus. Sie bestätigen fast einheitlich, dass die Magnetkuren Wirkungen zeigen. Ebenso einstimmig wird allerdings die naturwissenschaftliche, physikalische Erklärung abgelehnt, welche ja gerade das Vehikel dieser Phänomene in die moderne Wissenschaft war. Des weiteren anerkennen die Kommissionen eine potenzielle Heilkraft des Animalischen Magnetismus, aber nicht, wie von Mesmer vorgestellt, als Ergebnis eines medizinisch-therapeutischen Prozesses. Die Kommissionen reduzieren das Wirkprinzip des Animalischen Magnetismus auf die Einbildungskraft.

Alles nur Einbildung?

Es ist sinnvoll, sich an dieser Stelle zu vergegenwärtigen, dass Begriffe wie Einbildung, Sympathie und Resonanz vor Beginn der modernen Wissenschaft mit wichtigen Inhalten aufgeladen waren. Sie bezeichneten die Art und Weise, in der alle Organismen und Körper dieser Welt miteinander in Beziehung stehen. Der "Rapport" zwischen Magnetiseur und Klienten entspricht genau diesen Beziehungsvorstellungen. Neben der uns heute sehr geläufigen Reduktion auf "war alles nur Einbildung" finden sich in unserer Sprache aber auch Überreste der einst hochgeschätzen Inhalte besagter Begriffe, wie z.B. in den Formulierungen "jemanden beeindrucken" d.h. im anderen "einen Eindruck hinterlassen" oder auch in dem saloppen Ausdruck für den Zustand, wenn "die Chemie stimmt". In den Gutachten sind diese Begriffe bereits in einer reduzierenden Bedeutung verwendet. Sie sind so zu interpretieren, dass die Wirkungen des Animalischen Magnetismus "nur" auf der Einbildungskraft basieren. Hier zeigt sich eine typische Falle in der Kommunikation zwischen Vertretern verschiedener Weltbilder: Es ist ihnen fast unmöglich, sich auszutauschen, da selbst gleichlautende Begriffe sehr oft mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt sind. Zudem werden diese Unterschiede in der Regel nicht bewusst wahrgenommen. Dies führt häufig dazu, dass in den Auseinandersetzungen unterschiedliche Meinungen kaum von Missverständnissen unterschieden werden können.

Die Angst vor der Irrationalität

Eine zweite, den Austausch erschwerende Struktur findet sich darin, dass durch ein Phänomen wie den Animalischen Magnetismus tief sitzende Ängste berührt werden. Damals wie heute sind entsprechende Auseinandersetzungen von dem unbestimmten Gefühl begleitet, dass es irgendwie gefährlich sei, Wissenschaft und Subjektivität zusammen zu bringen. Etwas daran fühlt sich bedrohlich an, insbesondere für die Anhänger der anerkannten Wissenschaft. Einige von Mesmers Zeitgenossen und Gutachtern benennen es direkt: Das Gefahrenpotenzial des Animalischen Magnetismus besteht in der Möglichkeit der Manipulation durch geheime Interessen unlauterer Magnetiseure. Hier zeigt sich deutlich die Angst vor Identitäts- und Kontrollverlust. Diese unbestimmte und tief sitzende Angst leitet sich ideengeschichtlich aus der Fokussierung der modernen Zeit auf das Rationale her. Die Aufklärung war angetreten, um Licht in das Dunkle zu bringen und das Irrationale aus der Welt zu vertreiben. Und die Befürchtung ist groß, dass mit einer Öffnung für die Subjektivität auch das Irrationale, Unkontrollierbare, Unreflektierbare, der Aberglaube in die Welt zurückkehren könnte. Doch wer sich dem Subjektiven nicht öffnet, wer sich der Gefahr des Irrationalen nicht stellt, grenzt zwangsläufig auch das Lebendige aus. Jede Epoche besitzt ihre eigenen Entwicklungspotenziale. Zu Beginn der modernen Wissenschaften, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, war es dringlichste Aufgabe, das Individuum aus einschränkenden Kontexten zu befreien. Sollte es dafür notwendig gewesen sein, eine vollständige Trennung zwischen Subjekt und Objekt, zwischem dem Individuum und dem Anderen zu vollziehen, so könnten wir jetzt vor einen neuen Aufgabe stehen. Sie zeigt sich in der Ahnung, dass Freiheit unvollständig ist, wenn dafür der Preis der Getrenntheit, der Einkerkerung des Lebendigen bezahlt werden muss. Die gegenwärtige Sehnsucht nach dem Erleben und Erforschen der Verbundenheit, der Resonanz, der Einheit von Innen und Außen jenseits von irrationalen Falltüren ist groß. Sie ist wesentlicher Impuls und Trägerin des Interesses an ganzheitlichen Konzepten, wie den Feldtheorien, der Geomantie oder auch der Transpersonalen Psychologie. Zu Mesmers Zeit war die Erlösung von den Fesseln der vorgegebenen Wahrheiten vielleicht noch nicht stabil genug, die Errungenschaft der individuellen Freiheit noch nicht genügend gefestigt, als dass sich die Wahrnehmung des zu zahlenden Preises in Form aller Nachteile des Getrenntseins richtungsweisend auswirken konnte. Die Chancen für eine freie Ganzheitlichkeit stehen heute gewiss besser als zu seiner Zeit. Die Begrenztheit des rein Objektiven wird inzwischen klar wahrgenommen, sogar in den so genannten anerkannten Wissenschaften selbst. Die größte Herausforderung unserer Zeit liegt darin, die Hingabe an das Lebendige unter Bewahrung der eigenen Identität leben zu lernen. Auf diese Weise könnte sich das Verständnis einer vollständigen Freiheit entwickeln, welche die Erfahrung des Verbundenseins bei gleichzeitiger Bewahrung der Freiheit des Einzelnen integriert. Menschen, die von der Vision einer solchen freien Verbundenheit getragen sind, erkennen und realisieren bereits mehr und mehr die Möglichkeit und den Sinn einer zeitgemäßen Wiedereinbeziehung des Subjektiven. Sie tragen dadurch auch wesentlich zur Entwicklung lebendiger Wissenschaftskonzepte und innovativer Verfahren bei, die ganzheitlich und reflektierbar zugleich sind. Aufs Neue lebt, was längst schon begraben; was heute hoch in Ehren, wieder versinkt ins Nichts. (Horaz)