Bäder - alchemistische Mischungen der Berge

von Sergius Golowin erschienen in Hagia Chora 9/2001

Für Paracelsus (1493-1541), den Philosophen, und für seine zahllosen Schüler unter den Gelehrten wie unter dem "einfachen" Volk ist die Welt ein lebendiges Kunstwerk, an dem geistige Kräfte unermüdlich arbeiten. Die Wirkungen auf die Stoffe erzeugen eine Fülle der Schönheiten, denen das aufmerksame Auge dauernd begegnet. Aus den Zeichen, die daraus entstanden sind, können wir unseren Nutzen ziehen und Wohltaten für unser Dasein gewinnen: "Also werden viele kleine Steine in Gewässern und auf dem Ufergeröll gefunden, wie Quarz und Kiesel, auch besonders Gemmen mit wunderbaren Bildern und Figuren, als ob es Menschenarbeit und hineingestochen oder gegraben worden wäre, und doch ist es so durch die Fügung Gottes gewachsen." Paracelsus spottete über die Vertreter des Zauberglaubens seiner Zeit, die besonders "heilige" Orte suchten: ". weil uns Gott der Allmächtige gleich am Anfang und bei der Erschaffung der Welt alle Dinge genügend geheiligt hat. Denn er selbst ist heilig. Darum ist alles - was er bestimmt und macht - auch durch ihn geheiligt." Alle Plätze der Welt sind durch den Vorgang der "heiligen" Schöpfung wunderbar und können für erhabene Zwecke verwendet werden. Man muss nur ihr eigentliches Wesen und deren Zweck für uns erkennen - und dann auch mit reiner Absicht auslösen." Schon für die Ägypter - für Paracelsus und seine Zeitgenossen das berühmteste Beispiel einer uralten Hochkultur - sei dies offensichtlich gewesen. Dieses Lesen der Umwelt sei damals "noch eine allgemein wohlbekannte Kunst, in der alle Zigeuner wohlbewandert sind" gewesen. Wohlverstanden, die "Zigeuner" sind hier, wie bei Aventin, ein Beispiel der "Fahrenden", der Nomaden, die durch ihre in Jahrhunderten gesammelten Erfahrungen und durch Einfühlungsgabe in das Wirken der Elemente stets in der "Schule der Natur" waren: Sie lernten, mit den Kräften im Umkreis zu verkehren, als wären sie ihre Verwandten oder nahe Freunde. Sie lernten, in den Naturgewalten nichts an sich Böses zu finden, sondern ihr Spiel einigermaßen zu begreifen und zu versuchen, daraus die besten Möglichkeiten zu gewinnen. So lautet der oft zitierte Ausspruch des Paracelsus: "Es gibt keine Heilmittel, es gibt keine Gifte, alles ist nur eine Frage der Dosierung."

Jedes Land hat seine Bäder

Hans Rudolf Grimm (1665-1749), ein volkstümlicher Chronist der Schweiz, würzte gern alte Menschheitsgeschichten mit Schilderungen von Naturvorgängen: "Die Berge sind rechte Urquellen der Flüsse, denn sie gehen tief in die Erde und in die Wasseradern . Und so haben die Berge und die Wasser auch eine Vereinigung mit dem Gestirn, denn so werden die Berge verglichen mit einem Brenn-Hafen, darunter das Feuer ist, welches die Wasser in die Höhe treiben tut - welches hernach oben zu den Bergen herausschwitzt und einen Fluss verursachen tut.”
"Brenn-Hafen" bedeutet hier einen Destillier-Kolben. Man stellte sich die Berge als Geräte vor, in denen die vom Himmel und aus den Tiefen zusammenströmenden Wasser rein "gekocht" werden, um der Erde immer neue Grundlagen für das Leben zu schenken. Das Feuer und die Sternenkräfte - wir würden heute wahrscheinlich das Wort Strahlung verwenden - setzen das Wasser auch den Einflüssen der Metalle und Gesteine aus, über die sie in den unterirdischen Höhlen strömen. Aus diesem Grunde wurde angenommen, dass die Bäder, die man um alle "gesunden" Quellen entstehen ließ, jedesmal andere Heilkräfte besäßen, welche die Menschen, die sie besonders nutzten, vor jeweils anderem Übel retten könnten. Gerade in den Alpenländern und deren weitem Umkreis gedieh auf dem Boden solcher Überlieferungen eine besondere volkstümliche Medizin, die zu einer Grundlage der Kultur wurde. Es entstand die feste Überzeugung, dass sich die "Säfte" (Humores), die unseren Leib erfüllen, sich im Winter "verdichten" - wir uns also immer schwerer fühlen und darum allen möglichen Giften und dem Angriff der Krankheitskeime ausgesetzt sind. Aus diesem Grund bezeugen ja die zahlreichen Berichte: Bei den ersten echten Sonnenstrahlen des Frühlings wurden die Städte und Dörfer, Schlösser, Hirtenhütten und Zigeunerzelte leer. Die Menschen zogen in die neu sprudelnden Bäder, nicht anders als die munteren Wasservögel.

Kräuter zeigen auf Heilwasser

Es wird uns die feste Überzeugung überliefert, dass, wenn ein Mensch "möglichst freudig" jedes Jahr mit dem "Jungbaden" beginne, er auch innerlich "vollkommen gereinigt" würde. Alte Badeärzte haben gelehrt, dass er dann in den nächsten zwölf Monaten kaum einen Tag älter werde. Aus den besonders in der Umgebung eines der sagenumwobenen Badeorte gedeihenden Pflanzen wollten die Beobachter der Naturbühne das Wesen der in ihnen und in den Wassern gleichermaßen enthaltenen Heilkräfte erkennen. Beide verdanken schließlich ihre Eigenschaften den gleichen "alchimistischen Mischungen", die in den mit ihnen verbundenen "Destillier-Kolben" der Berge zubereitet werden. Die Kraft von Bad Gastein etwa verglich Paracelsus mit der von Kamille und Melisse. Auch in den berühmten heilkräftigen Bädern in Baden und im Schwarzwald fand er das Prinzip der Kamille. Döpplitz, Baden in Österreich oder Villach glichen hingegen den Kräften von Ligusticum. Darüber hinaus gab er auch den Hinweis, dass "gewöhnliche" Brunnen "die Art der Bäume, Schwämme, Kräuter in sich haben, wie der Berg, aus dem ihre Wasser herströmen".

Wundertätige Quellen

Allgemein erzählte man mir, als ich noch im halben Kindheitsalter gerne die Geschichten von den zum Teil verschwundenen, zum Teil modern umgestalteten Quellen nachging, "dass um sie ein Kreis von Wundern war". Schon wenn man sich ihrer Gegend näherte, "fühlte sich der Mensch wohler". Es wurde sogar empfohlen, vor dem Einschlafen an solche Plätze zu denken und dabei sie selbst und ihre ganze Umgebung im Geist möglichst malerisch auszuschmücken: "Fühle man sich am Abend müde und schlecht, dann genüge es bereits, wenn es gelänge, in den Träumen zu einem solchen Wunderplatz zu reisen - dann fühle sich der Leidende bereits am darauffolgenden Morgen wie neugeboren .” Die Verbindung zwischen den "aus den Bergen" strömenden Gesundheitsquellen und den Kräutern mit besonders starker Wirkung fand ich mehrfach in örtlichen Sagen. In einer solchen, die aus Graubünden stammt, wird geschildert, wie die Göttin Flora in Tarasp den ärmlich lebenden Einwohnern die Heilquellen offenbart. Sie habe dann ihre Hände "abwärts" gehalten, "als wolle sie die ganze Gegend segnen und beglücken": In der Tat, die Gegenden, über die Flora mit ihrem taubenbespannten Wagen fuhr, prangen noch heute in den seltensten und heilsamsten Alpenpflanzen.
Selbstverständlich - darüber durfte ich mich in Tarasp selbst erkundigen - mögen solche Erzählungen ausgeschmückt sein. Die Gäste aus aller Welt aber, die gerade vor dem Ersten Weltkrieg aus allen Richtungen Europas zu den Alpenbädern eilten, hatten ihre Freude an den Geschichten um schöne Erdgöttinnen, die ganze Bergtäler schon im Altertum und dann jährlich mit neuer Lebenskraft erfüllten: Der Glaube an die Jungbrunnen wirkt hier ursprünglich.