Geomantie und Heilung

Gedanken zu einer innigen Beziehung

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 9/2001

Wissen wir, was Geomantie ist? Was Heilung ist? Vielen wird im Nachklang dessen, was das Wort "Geomantie" innerlich anregt, zunächst "Erdheilung" einfallen, eine fürsorgerische Hinwendung an Gaia, unseren Heimatplaneten. Aber: Kann der Mensch die Erde heilen? Kann jemand überhaupt etwas anderes, einen Anderen heilen, in der aktiven Bedeutung des Wortes? Der Begriff "Heilung" scheint nicht polar, transitiv, an eine Aktion gebunden zu sein. Etwas wehrt sich gegen so ein Konzept. Wir fühlen mehr als dass wir es wissen: Es geht um etwas Stilleres, um etwas Zuständlicheres, Innerlicheres, ganz Persönliches. Ist es nicht eher so, dass Heilung aus denjenigen Bereichen unserer Persönlichkeit strahlt, in denen wir selbst heil sind? Erdheilung ist in diesem Heft bewusst nicht Thema. Statt dessen wollten wir wissen, wie weit geomantische Aspekte in den verschiedenen alternativen Therapierichtungen, die von einem ganzheitlichen Begriff von Gesundheit und Heilung ausgehen, bewusst als solche erkannt und angewendet werden. Die Studie von Paul Ray über die Kulturell Kreativen stimmt zuversichtlich (siehe Seite 12 ff. in dieser Ausgabe). Wenn sich die dort dargestellte Situation auch auf Europa übertragen lässt, identifizieren sich 25 bis 30 Prozent unserer ZeitgenossInnen mit einem solchen Gesundheitsbegriff. Die derzeitigen gesetzlichen Regelungen scheinen davon zwar keine Notiz zu nehmen, doch deckt sich jenes mit der breiten öffentlichen Akzeptanz alternativer Heilverfahren. Eines der Merkmale der Kulturell Kreativen ist ein Selbstverständnis, das in der Welt mehr als nur das Materielle sieht. Daraus ergibt sich, dass Gesundheit mehr sein muss als das Ergebnis bloßer biochemischer Prozesse - wobei selbst diese schon Wunder genug sind. Auf dem Weg zur Integralen Kultur gewinnen wir unsere Überzeugungen wesentlich nicht anhand von Theorien, sondern aus der täglichen Erfahrung des Lebens, und das zeigt sich eben voll von Lebensdrang, vom Wunsch nach Heil-Sein, von der Lust an ungeminderter Lebenskraft. Im Kern dieser Erfahrung steht das bewusste Erleben unterschiedlicher Körper- und Seelenzustände: sich gesund und stark fühlen, erkranken, eine Krise durchleben, einen Heilungsprozess wahrnehmen - all das vermittelt ein "Kennen" des Zwischenraums zwischen Himmel und Erde, zwischen Materie und Bewusstsein, zwischen dem, was in der linken und in der rechten Gehirnhälfte passiert. Indem wir Heilung erleben, erfahren wir uns besonders deutlich als integrale Wesen, die vielleicht sogar mehr aus und in diesem Zwischenraum leben als in den festen Teilen dieser Welt. Das gilt für alle Lebensprozesse - schon der nächste Atemzug oder ein Blick morgen in die aufgehende Sonne kann eine solche Erfahrung sein. Im kathartischen Prozess vor einer Genesung, vor allem in einer lebensbedrohlichen Situation, erscheint alles wie unter dem Vergrößerungsglas. Die Überwindung der Krise fordert ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit. Blockiertes löst sich auf, ungeahnte Kraftreserven bahnen sich einen Weg, intuitive Erkenntnis, ein innerer Weg wird artikulierbar. Reflektiert man die Erlebnisse zwischen Krankheit und Heilung, sind die Grenzen des rationalen Weltbildes schon gesprengt: Der Körper hat ja auf unerklärliche Weise von selbst ein enorm schöpferisches, geradezu "revolutionäres" Potenzial zum Fließen gebracht - und sich geheilt! Dies sind authentische Erfahrungen, die - werden sie für wahr genommen - enorme Sprengkraft entwickeln. Uns scheint, dass zu unserem innersten Kern die Gewissheit über den Zustand, in dem wir selbst "heil" sind, gehört. Sie speist sich aus der Erfahrung, dass wir Heilungsprozesse auslösen können - sei es in uns selbst oder in anderen. Diese Gewissheit scheint tief in unserem kulturellen Gedächtnis verankert zu sein, vielleicht besonders in der Erfahrung der Mutter, die genau weiß, wie sie ihrem kranken Kind helfen kann. Dieses Wissen scheint in jeder einzelnen Körperzelle gespeichert zu sein, es sitzt uns "tief in den Knochen". Die leidenschaftliche Intelligenz eines Organismus, mit der er immer wieder in sein Gleichgewicht zurückfindet, ist so erstaunlich wie rätselhaft zugleich. Die Biologie spricht von der Negentropie lebender Systeme, der Negativform des Begriffs Entropie aus der Physik, der besagt, dass alles, was existiert, einen Zustand niedrigster Energie anstrebt. Leben strebt eben in die andere Richtung, nach höchstmöglicher Ordnung und Aktivität, hin zu größtmöglicher Gesundheit - das gilt für den Einzeller genauso wie für den pflanzlichen oder tierischen Organismus. Warum die Lebewesen dies tun, bleibt ein Geheimnis. Die konventionelle Wissenschaft nimmt es als gegeben hin, doch zeigt sich zunehmend auch hier ein Einsehen, dass bereits das Phänomen der Negentropie ausreicht, um der Biologie eine spirituelle Dimension zu geben. Wenn wir dieses Lebensprinzip konsequent weiterdenken und die Lebenskompetenz einer Zelle analog hochschätzen wie die Lebenskompetenz eines komplexen Wesens, wie es der Regenwurm oder der Mensch sind, dann dehnt sich diese Kompetenz über den gesamten Planeten bis in die Unendlichkeit des Universums aus. Vielleicht können wir statt Kompetenz auch Intelligenz - oder gar Geist - sagen? Es scheint zur Grunderfahrung von Heilung zu gehören, dabei nicht "allein" zu sein. Der gesunde, kraftvolle Lebenszustand gehört uns nicht allein. Wenn wir bei Kräften - und bei Trost (das heißt, wir sind genesen und über die Krankheit getröstet) - sind, nehmen wir aktiv Teil an einem gewaltigen Lebenspuls, der weit über das Individuelle hinausgeht. Wir schwingen in Resonanz mit Myriaden von anderen Zellen, die alle den gleichen Lebenswillen verkörpern - ein gewaltiges, vielstimmiges Konzert. Aber auch ohne solche kosmosweiten Gedanken versteht sich von selbst, dass "Gesundheit" nicht separat betrachtet werden kann, sondern nur als Resultat eines komplexen Geflechts von Verbindungen. Wir erleben uns selbst, und damit verbunden auch unseren Zustand von guter oder schlechter Gesundheit, von einer Vielzahl von Beziehungen bestimmt: die Beziehung unseres Denkens zum eigenen inneren Potenzial, zu diesem erstaunlichen Körper, der irgendwann sterben wird, zu den aktuellen Lebensumständen, zu den Menschen, die uns stärken oder Kraft kosten, zu Klima und Jahreszeit, zum Maß an Stress und Überanstrengung und nicht zuletzt zu dem Ort, an dem wir leben. Eine gemeinsame Definition von Heilung und Geomantie könnte in der Betrachtung solcher Wechselwirkungen gründen. "Beziehung" ist für uns wie "Heilung" einer der Begriffe, die das gewohnte lineare Denken aushebeln können. In ihnen drückt sich die Gleichzeitigkeit einer gebenden und nehmenden Bewegung aus. Heilung löst jeden Gegensatz auf. Gepflegt zu werden und unter diesem Einfluss zu heilen, von einem Ort beeinflusst zu werden oder selbst seine Atmosphäre zu bestimmen, unterscheidet sich nicht mehr. Balance schwebt in dem Punkt, an dem beide Impulse gleichermaßen vorhanden sind, das Dao der Heilung . Was wir bis jetzt gesagt haben, sind im Grunde Allgemeinplätze, etwas völlig Selbstverständliches, Naheliegendes. Trotzdem sprechen wir es hier an, denn gerade im Bereich der Erdheilung ist uns in der letzten Zeit immer wieder aufgefallen, wie hier neben den integrativen Impulsen auch ein Getrennt-Sein das Denken prägt. Wir meinen hier weniger die differenzierten Inhalte, die Marko Pogaÿcnik vorträgt, sondern diverse "Weltrettungsszenarien", die in der esoterischen Literatur entworfen und auch unter "Geomantie" abgehandelt werden. In unseren Augen ist der Unterschied marginal, ob der Mensch als Ausbeuter oder als Retter auftritt. Solange er sich nach wie vor als der große Steuermann des Raumschiffs Erde gebärdet, den großen Helden spielt, der gekommen ist, um "im letzten Moment" das Ruder herumzureißen, zementiert er nur die alten Denkmuster. Die Erkenntnis, dass die Erde ein lebendiges Wesen von nicht in menschliche Kategorien passender Art ist, müsste im Grunde jegliche Weltretter-Allüren auflösen. Übrig bliebe vielleicht so etwas wie Demut und Hingabe - at least you have to serve somebody - ein wahrhaft heilsamer Zustand. Im Bewusstsein der Resonanz gibt es keinen Heiler und keinen Geheilten. Vielmehr findet Heilung unmittelbar in allen Augenblicken statt, in denen sich Beziehung verwirklicht. Für uns ist das mehr als das übliche "Sich-als-Teil-des-Ganzen-Sehen", es ist eine "simultane Mehrdimensionalität" - die Ausdehnungslosigkeit raumgreifender Gedanken. Die Erfahrung solcher Zustände gehört essenziell zu den Keimen der Integralen Kultur. Die Geomantie wird nicht müde, ihre wachsende Bedeutung und möglicherweise zentrale Rolle im gegenwärtigen Wandlungsprozess zu unterstreichen - doch erscheinen uns die bisherigen Aussagen (auch in unserer Zeitschrift) nur ein allererster Anfang zu sein. Wir haben oft den Eindruck, als richte sich die spirituelle Aufmerksamkeit zur Hauptsache auf das persönliche Heil des Einzelnen. Geht es um das individuelle Eingebunden-Sein, bilden meist "kosmische Zyklen" den Gegenpart. Der Bereich zwischen diesen Polen bleibt ausgeklammert: die täglichen Begegnungen und Auseinandersetzungen mit anderen Menschen, die Art, wie wir mit unseren Kindern umgehen, wie wir unsere Partner oder ältere Menschen sehen. Die Gier nach sensationellen Grenzerfahrungen scheint häufig größer als die Sehnsucht, die gemachten Erfahrungen zum Wohle des Ganzen in das kleine Leben einzubringen. Wo aber wird so etwas gelernt? Welche Heilorte, welches Selbstverständnis bietet unsere Gesellschaft an, um die Erfahrung der Ganzheit, des Nicht-Getrennt-Seins nicht nur im Wochenendseminar einkaufen, sondern täglich ausüben zu können? Solange aus all der inneren Erkenntnis nicht allgemein umsetzbare Werte werden, bleiben die Sehnsüchte nach Heilung umfassender Art Illusion. Solange halten wir uns und das Schifflein Geomantie mit aller Kraft in einer kranken Gesellschaft über Wasser. Das kann nicht gesund sein.