Editorial 9

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 9/2001

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

aus allen Beiträgen in dieser Ausgabe spricht ein tiefes Vertrauen in die heilenden Kräfte der Erde und des Menschen. Naturgemäß tauchen einige heilkundige Schwestern der Geomantie aus den "alten europäischen Wissenschaften" Alchemie oder Astrologie in den Texten auf und zeigen: es ist noch nicht so lange her, dass Heilung als kosmischer Prozess verstanden wurde. Die alten Zauberlieder sind offenbar doch nicht ganz verklungen. Heilung ist eine umfassende archaische Erfahrung; sie wird auch durch noch so mechanistische Erklärungen nicht aus Stammhirn und Geist vertrieben. Ganz nebenbei vermitteln die Beiträge in diesem Heft ein mehrdimensionales Bild der Realität, indem sie Heilung und Gesundheit in einen Ortsrahmen setzen und diesen mit Bewusstseinsprozessen verbinden. Unterschiede im Einzelnen und die Auseinandersetzung in der Sache scheinen wie Kräuselungen auf der Oberfläche eines tiefen Wassers, in dem die Gegensätze in einem "heilen" Zustand zusammenfließen.
Wie Maria Sagi in ihrem Artikel über Psi-Heilung schreibt, haben alle großen Kulturen der Welt ihre eigenen Bilder entwickelt, um die vielen Dimensionen der Existenz, auf denen Heilung stattfinden kann, in Worte zu fassen. Es gehört wohl zum Wesen der Mehrdimensionalität, in beliebigen Formen eine universale Sprache zu verstehen. Die Vielzahl der Methoden und Erklärungsmodelle der energetischen oder geistigen Heilweisen machen den Streit um das Richtigere obsolet. Die Quintessenz scheint zu sein, ob und wie wir in Resonanz mit etwas Heilem - vielleicht Heiligem - geraten können, in jenen kohärenten Zustand, in dem sich Heilung ereignet. Zwei Schamanen verschiedener Stämme werden vielleicht in unterschiedlichen Bildern denken, aber würden sie sich nicht trotzdem verstehen? Unser irischer Musikerfreund, der Fiddler James Byrne, traf beim ersten Auslandsaufenthalt seines Lebens anlässlich eines Festivals auf zwei marokkanische Trommler und gab mit ihnen zusammen aus dem Stegreif ein glänzendes Konzert. Auf unsere Frage, wie er sich dabei gefühlt habe, wo er doch noch nie solche Musik gehört, geschweige denn dazu gespielt habe, meinte er nur: "Oh - they were masters .".
Uns scheint, als würden die Texte in diesem Heft auf jener universalen Ebene miteinander kommunizieren. Darüber sind wir froh und dankbar.
Viel Freude und heilsame Sommertage wünschen

Lara Mallien und Johannes Heimrath