Heimat, was bist du?

Persönliche Meditationen

von Claas Fischer , Dorothee von Gagern , Gesine Stöcker , Helmut Seifert , Ingeborg M. Lüdeling , Jochen Kirchhoff , Manfred de Vries , Michael Gotthardt-Bartsch , Rainer Söhmisch , Ulrich Fischer , Ulrich Magin , Wolf-Dieter Blank erschienen in Hagia Chora 8/2001

"Landschaft ernährt alles menschliche Leben. Ohne in Mutter Erde gegründet zu sein, hat die menschliche Kultur keine Basis; Leben, Geist und selbst des Menschen Gedanken blieben ungeboren - das ist die Essenz des deutschen Konzepts von Heimat, für das es im Englischen kein Äquivalent gibt. Heimat spricht von allem, das mit der Landschaft der Ahnen zu tun hat - etwas, wozu leider viele von uns keinen Kontakt fühlen. Auf ihrer tiefsten Ebene transzendiert diese Erkenntnis die Grenzen der Kultur- und Glaubenssysteme. Heimat ist buchstäblich die fundamentale Basis dessen, wer wir sind."

Diese Sätze fanden wir kürzlich in Nigel Pennicks inspirierter Abhandlung über die Anima Loci. Was aber ist das, "die Landschaft der Ahnen"? Gehört ein Konzept wie das der "Ahnen" nicht zu einer Kulturstufe, die wir längst hinter uns gelassen haben? Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, hat doch die familiäre "Ahnenreihe" heute kaum noch Bedeutung. Doch wer sich ein wenig mit dem Begriff der Ahnen in der Ethnologie beschäftigt, weiß, dass es hier um mehr geht als um den Familienclan. Als wir im Jahr 1992 von einer kurzen Reise nach Kalifornien zurückgekehrt waren, fühlten wir einen unbändig drängenden Impuls, Europa zu verlassen und in ein "freies Land" zu gehen. Was uns aber gehalten hat, lässt sich tatsächlich am besten mit dem altertümlich anmutendem Begriff der "Ahnen" umschreiben: Wir entdeckten sie als ein mächtiges Feld, zu dem wir in Resonanz stehen und das uns an Mitteleuropa bindet. Stand diese Wahrnehmung nicht quer zu unserem kosmopolitischen Lebensgefühl? Sind Grenzen von Ländern, Kontinenten nicht Fiktion? Wir wollten aber keine neblig-bequeme "Unabhängigkeit von Raum und Zeit" simulieren. Wenn wir akzeptieren, in die Zeit hineingedehnte Wesen zu sein, sind die Ahnen nichts von uns Getrenntes - sie sind der Resonanzboden, der unserer persönlichen Melodie Wärme verleiht. Die Kulturlandschaft verschmilzt mit Leib und Seele. Das sich wandelnde Europa zu ver-"körpern", und damit auch zu verantworten, schien unser Beitrag zum "globalen Bewusstsein" zu sein. Heimat gewann eine unerwartet moderne Dimension: Unberührt von aller "Tümelei" fanden wir 1997 Kalifornien in Vorpommern. Die neue Heimat verlangt uns ganz, und mit jedem Quant Lebensenergie, das wir hier entäußern, rücken wir der feinen Grenze, jenseits derer wir uns selbst in die Gemeinschaft der Ahnen der Landschaft einreihen, näher. LM&JH


Heimat ist Teil eines Ganzen
Rainer Söhmisch

Heimat ist Teil eines Ganzen, dem die Spuren menschlicher Tätigkeit ständig neue Impulse geben. Sie kann z.B. als "morphogenetisches Feld", als eine komplexe Komposition unterschiedlicher energetischer Informationsebenen gesehen werden. Heimat ist vielschichtig interpretierbar. Sie kann nicht nur mit der linken, logischen, sondern am sinnvollsten mit der rechten, intuitiven Gehirnhälfte verstanden werden. Heimat ist auch die unverwechselbare Komposition natürlicher Vorgaben. Sie besteht aus Schwingungen von Untergrundgestein und Mineralien, von Boden und Wasser, von Pflanzen- und Tierwelt. Sie war weitgehend in Einklang (aber ist seit geraumer Zeit oft in Missklang) mit den kulturellen und geistigen Vernetzungen seiner Bewohner und den Kreisläufen der Veränderung. Jede Kulturepoche - Kultur wird hier als Gedächtnis der Zeit verstanden - hinterlässt in der Heimat ein feines Gewebe an Informationen und verändert das morphogenetische Feld. Die Heimat von heute unterscheidet sich daher von der gestrigen. Auch wird der Dichter sie anders verstehen als der Bauer. Heimat ist vor allem mit den Sinnen zu begreifen. Aber wer kann heute noch bewusst etwa seine alte Heimat nach Geruch oder Klang von der neuen unterscheiden? Mit den Gefühlen geht es dagegen leichter. Heimat ist Orientierung nach innen (geistig-emotional) und außen (räumlich, Landschaft), ist Harmonie oder Eins-Sein mit der Natur. Zu Beginn des 3. Jahrtausends scheint Heimat eine wichtige innere Orientierung, ein Ruhepol gegenüber ständig auf uns einströmenden Veränderungen zu sein. Eine wertfreie Diskussion des Begriffs und seiner Inhalte ist geboten, denn Unheimat (heimatlos) ist Unsicherheit, und damit Angst vor der Veränderung. Früher verstand man Heimat als Mitte sowie Verschmelzung mit dem Lebensraum. Und heute, wo die Mitte, vor allem die persönliche, sich neu definieren muss? Heimat, auch auf Erden, ist unsere Sehnsucht.


Heimat oder Exil?
Jochen Kirchhoff

Heimat oder Exil - diese Frage beschäftigt mich, seit ich begonnen habe, über meine Existenz auf diesem rätselhaften Planeten nachzudenken. Einen erheblichen Teil meines Lebens in dieser Inkarnation habe ich in Berlin verbracht. Immer wieder zog es mich hinweg, immer wieder "hatte ich genug" von dieser breit und formlos dahingelagerten Steinwüste, schon von dem Kuriosum "Westberlin", dann auch von dem ganzen, dem ungeteilten, dem "eigentlichen" Berlin. Es war vergeblich. Ich blieb. Nur einmal ist es mir gelungen, der Stadt für vier Jahre den Rücken zu kehren. Das war lange vor dem Mauerfall. Geholfen hat es mir nichts. Ich "musste zurück". Meine Hassliebe zu dem Monstrum Berlin war stärker als alle Fluchttendenzen. Ich spüre, sicherlich auch geomantisch, daß ich hier "richtiger" bin als anderswo in Deutschland. Bin ich hier "zu Hause", ist hier so etwas wie Heimat? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich hier behaust und unbehaust zugleich, ein ambivalenter Zustand, der sich vielleicht auch auf Deutschland überhaupt ausweiten ließe. Bin ich als Deutscher "richtig inkarniert"? Ich muss das wohl bejahen, obwohl die Deutschen, wie sie heute sind, es einem nicht leicht machen ...
Doch ich will von der Pfaueninsel sprechen, und zwar deswegen, weil sie zu meinen geomantischen Entdeckungen des letzten Jahres gehört. Viele Jahre hat mich die berühmte Havelinsel gar nicht interessiert, sie zu besuchen kam mir nicht in den Sinn. Doch dann, im Sommer 2000, begann eine geomantische Liebesaffäre mit ihr, die bis heute andauert und durch jeden Besuch neue Nahrung erhält. Zu den schönsten Inseln, die ich bis dahin kennengelernt hatte, gehört die Isola di Brissago im Lago Maggiore. Die Pfaueninsel kommt ihr an Schönheit gleich, ja übertrifft sie vielleicht. Sie adäquat zu beschreiben: Das gelingt nicht in nüchterner Sprache. Nur der "Trunkene" ist dazu in der Lage, und dazu bedarf es keines Weines und keiner exogenen Droge. Die Insel selbst ist eine Art psychoaktive Substanz, jedenfalls für den, dessen Wahrnehmungsorgane nicht zugeschüttet sind. Nur an wenigen anderen Orten der Erde habe ich eine so intensive "Anderswelt-Strahlung" gespürt wie hier. Auf eine singuläre Weise hat hier der formende, der künstlerische Eingriff des Menschen die "pure Natur" erhöht und gesteigert zum Gesamtkunstwerk, zur Parklandschaft im besten Sinne des Wortes. Schon die (wenigen) Pfauen wirken wie aus einer anderen Ordnung der Dinge herabgestiegen. Sie sind hier vollständig "am Platze", und doch spürst du das "Andersweltmäßige" in ihnen. Sie gleichen dem, was Aldous Huxley über die "Antipoden der Seele" schreibt. Wenn der (männliche) Pfau sein Rad schlägt, kann es dir passieren, dass es wie ein Schub oder Ruck durch dich geht und du für einen kurzen, magischen Moment etwas ahnst vom göttlichen Charakter der Schönheit. Du begreifst dann, dass alles Reden darüber "es" nicht trifft. Gehst du vom Schloss aus, ganz im Westen der Insel, ostwärts, eröffnen sich ständig neue Perspektiven, neue Sichtachsen auf eine überraschende und beglückende Vielfalt von Landschaften, die ganz gegensätzlich sind, so dass man kaum begreifen kann, wie dies auf so engem Raum überhaupt möglich ist. Mal bist du in einem englischen Park, dann durchwanderst du eine Heidelandschaft, oder du durchstreifst Hiddensee oder Rügen, um dich jäh in die Tropen versetzt zu fühlen. Das ist "gewollt". Manches soll an Tahiti erinnern. Aber dass es so vollendet gelingt, das ist das eigentliche Wunder. Auch wenn man es denn "weiß" und darüber gelesen hat, mindert es den Zauber nicht. Einmal sitze ich an einem Blumenrondell, in dessen Mitte ein Springbrunnen sprudelt; auf einer Anhöhe in vielleicht 200 Metern Entfernung erblicke ich einen zweiten Brunnen in dunkler, aufragender, seltsam ägyptisch oder obeliskhaft anmutender Gestalt. Eichen und Buchen entbergen sich in den bizarrsten Formen - und verbergen sich zugleich -; noch abends, bei geschlossenen Augen, verfolgen sie mich. Abgestorbene Eichenstämme (noch nie sah ich so viele "auf einmal") wirken wie surrealistische Skulpturen. Manche grüßen wie Wesen aus einer anderen Zeitstruktur; Menschenbiografien wirken daneben seltsam kurzatmig, ja fast vergeblich. Am Vogelhaus steht die mächtigste Buche, die ich wohl je gesehen habe, ein so wuchtiges Wesen, dass man dessen Nähe kaum ertragen kann. Dicht oberhalb des Bodens recken sich, wie gewaltige Schlangen, weit ausladende Äste in den Raum, den sie gleichsam ertasten wie ein feinstes Fludium ... Dies sind, apercuhaft, einige Eindrücke von der Pfaueninsel. Seit ich den Ort kenne, und ich habe ihn überraschend, ja beschämend spät kennen gelernt, fühle ich mich ein Stück mehr "zu Hause" in Berlin, ein Stück weniger "im Exil" auch ...


Verwurzelung und Fließen
Ulrich Fischer

Untrennbar gehört das Wasser zu meiner Heimat. Die Landschaft in Vorpommern ist durchwoben von einem Netz der Flüsse und Bäche, die sich träge durch breite, vermoorte Täler schwingen. Sölle - wassergefüllte, kleine Senken in der Feldflur, Teiche und Seen blitzen wie blanke Augen in der flachwelligen Landschaft. Vor allem das frische Baltische Meer, die Ostsee, prägt die Atmosphäre und gab unserem Land seinen Namen: Pommern - Po Morje (aus dem Slawischen) - das "Land am Meer". In unzähligen flachen Meeresbuchten um Rügen, Hiddensee und Usedom, den so genannten Wieken und Bodden, wimmelt es von Leben. Wenn die Touristen die Strände im Herbst verlassen, finden sich Scharen von Wildgänsen, Singschwänen und Kranichen ein. Kraftvoll wirken die Elemente. Herbststürme brausen ungebremst vom Meer über die flache Küste und zwingen die dürren Kiefern auf den Dünen in bizarre Wuchsformen. Beeindruckende Wolkenbilder tauchen die Landschaft in sich ständig wandelnde Lichtspiele. Helles Himmelslicht und dunkle Wassertiefe bilden den spannenden Kontrast, aus dem unser Land energetisch gespeist wird.
Zuhause am Kummerower See ist die Luft von einem ganz besonderen Geruch erfüllt. Ich kann ihn schon wahrnehmen, wenn ich zum Beispiel mit dem Auto die Region der großen mecklenburgischen Seen erreiche. Mit jedem Atemzug dieser anregenden, heimatlichen Luft leben Erinnerungen aus der Kindheit in mir auf. Die Zeit wird lebendig, als ich in der Geborgenheit des großelterlichen Hauses am See mit der Welt eins war.
Vorpommern ist der jüngste deutsche Landstrich, und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen geologisch, denn unsere Region wurde als letzte in Norddeutschland erst vor 12-14000 Jahren vom Gletschereis freigegeben. Alle Senken, Täler und Hügel sind ein Werk der gestaltenden Kraft von Eis und abfließendem Schmelzwasser. Die Moränenhügel sind übersät mit Findlingen aus den skandinavischen Gebirgen. Das, erdgeschichtlich gesehen, "jungfräulichste" Gebiet ist Rügen - die weiße Insel. Zum zweiten wurde Vorpommern als letzte Region Deutschlands erst seit dem 12. Jahrhundert christianisiert und kolonisiert. Lange haben sich deshalb im dünnbesiedelten Landstrich vorchristliche Bräuche und kaum beeinflusste Naturräume erhalten. Orte, an denen die ursprüngliche Kraft des Landes spürbar geblieben ist, gibt es bis heute, z.B. Reste der einstigen steinzeitlichen Megalithkultur wie Großsteingräber und Steinkreise auf Rügen oder die Tausendjährigen Eichen von Ivenack.
Pommern ist marianisches Land. Von den Bischöfen, die das Christentum hier vor knapp 900 Jahren einführten (in den ersten Jahrhunderten jedoch mit geringem Erfolg), allen voran Otto von Bamberg, wurde Pommern der Maria geweiht. Maria und das Meer sind untrennbar verbunden und bezeichnen den Ursprung des Lebens. Hinter der christlichen Gestalt der Maria lugt vorsichtig die Große Göttin der langen "heidnischen" Epoche hervor. Unsere Dorfkirche St. Marien in Verchen ist ein gotischer Backsteinbau. Wenn ich hier meditiere, an diesem zugleich geistig-seelischen Zentrum der Landschaft, empfinde ich ein vollkommenes Angenommensein. Es ist eine innere Offenheit des Ortes, eine Geborgenheit und Vertrautheit, die mich umfängt und die mich mein Zuhause fühlen lässt. Ja, das ist mein Heimatgefühl. Dazu gehört auch der Stolz auf mein Land und seine Unverwechselbarkeiten, z.B. die charakteristischen Moore. Sie gehören zur dunklen Welt des Wassers und verkörpern das Unbewusste. Moore sind "Zentralarchive" des Landes, die stoffliche und feinstoffliche Informationen speichern. Über Jahrtausende wurden sie als heilige Landschaften verehrt, die im Zentrum von Opferkulten für die Göttin standen. Das System der Flusstalmoore Vorpommerns gehört zu den größten und wertvollsten zusammenhängenden Moorgebieten Europas. Es ist erfüllend, in der Heimat zu leben. Zugleich ist es auch anregend, von Zeit zu Zeit meine Heimat zu verlassen. Wie kann ich mein Bewusstsein intensiver erweitern als durch Reisen, wo als an fremden Orten? Die Verwurzelung in der Erde und die Fähigkeit, eine tiefe Beziehung zu einem Ort aufzubauen, ist unabdingbar für die geomantische Arbeit. Dies fällt leichter, wenn wir eine Bindung zu einem Ort bereits seit der Kindheit aufgebaut haben. Aber auch mit einer neu gewählten Heimat können wir die Verbindung zulassen. Es ist ein Sein mit dem Land, wie es z.B. die Ureinwohner Australiens jahrtausendelang praktizieren. Sie besitzen eine tiefe spirituelle Beziehung zu ihrer Heimat, und sie sind Normaden. Sie bewegen sich über das Land - wie fließendes Wasser.


Frieden über dem Land
Ingeborg Lüdeling

Als wir 1994 aus dem ostwestfälischen, sandigen Flachland ins Sauerland in eine Bergstadt zogen, hatte ich plötzlich keine Wurzeln mehr, und in dem felsigen Untergrund konnten sich keine neuen bilden. Ich wurde weder mit den Menschen noch mit der Gegend warm. Wärme hat für mich etwas mit Wohlfühlen, Glück und Geborgenheit zu tun. Entwurzelt, wie ich war, fand ich in der neuen Landschaft keinen Halt und nicht einmal Zufriedenheit.
Zu meiner Freude sind wir Mitte 2000 wieder in die Nähe unseres früheren Wohnortes umgezogen. Auf die Frage: Na, haben Sie sich schon eingelebt? konnte ich lächelnd antworten: Ich bin hier zu Hause. Sich zu Hause und heimelig fühlen, heißt ein(e) Heim(at) zu haben. Wir wohnen nun hier inmitten von Feldern, Wiesen und Wäldern. Wir sehen die Sonne auf- und untergehen, und wir werden nachts bestrahlt vom Glanz der Sterne. Es ist wie in einem wundervollen Traum. Ich fühle ein tiefes Einssein mit der Umgebung. Dieser Landstrich ist ganz flach, so dass ich heute sehen kann, wer mich morgen besucht. Dieser Blick in die geöffnete Landschaft macht das Herz, die Gedanken und das Bewusstsein weit und füllt sie mit Dankbarkeit und Freude. In den Wäldern entdecken wir verwunschene, fast vergessene Seen mit Kormoranen, Fischreihern, Enten und anderen Tieren. Blumen und Gräser erfreuen das Auge - ein Garten Eden, meine Heimat.
Das Land, auf dem ich nun lebe, hat sandigen Boden und duftende Kiefernwälder. Da ist eine angenehme Leichtigkeit zu spüren. Durch die Bäume leuchtet die Sonne, und die Blätter der vereinzelt stehenden Laubbäume bekommen eine transparente Klarheit. Kleinere Flüsse durchziehen die Gegend wie Adern. Hier riecht es feucht und frisch, und mich überkommt immer ein belebendes Gefühl. Dieses Land gibt mir alles, was ich brauche, es atmet im gleichen Rhythmus mit mir, oder ich atme im Gleichklang mit dem Land. Es verschenkt Zufriedenheit, Geborgenheit und Glück. Ich könnte immer nur von meiner Gegend schwärmen und zur Heimatdichterin werden. Mein Lieblingsplatz ist das sandige, mit Heidekraut bewachsene Ufer eines stillen Sees. Hier fühle ich mich angenommen und kann einfach sein und einfach sein. Im weiteren Umkreis sind einige Campingplätze um Seen herum angelegt. In dieser schönen Gegend tanken die Menschen wieder Kraft für den Alltag. Es ist ein stilles, sanftes Zentrum in der Mitte des Dreiecks der Städte Osnabrück, Bielefeld und Münster. Besonders viele Autokennzeichen aus dem Ruhrgebiet fallen mir auf. In diesem Ballungsgebiet hocken die Menschen so nahe aufeinander, dass sie wohl die Sehnsucht nach Natur und Weite verspüren, die meine Heimat geben kann. Mein Land ist eine Kraftquelle. Die Gegend leuchtet in den Farben der Sonne oder der Jahreszeit. Beim Sonnenuntergang im Winter glitzert der unberührte Schnee rosarot. Im Herbst wird der Waldesrand zu einem Gemälde von Spitzweg. Der Sommer verteilt verschwenderisch alle Farben. Den Frühling genieße ich, da er noch neu hier für mich ist. Das Land ist sehr Yin, sanft und aufnehmend, es beruhigt verwirrte Gemüter. Frieden liegt über dem Land.


Wo das Herz ist, ist Heimat
Manfred de Vries

Das erste, was mir zum Wort Heimat einfällt, ist mein Herz. Ich habe Heimat stets mit einem starken Gefühl in mir verbunden. Seit ich in den 70er-Jahren meine Lehre beendet hatte, habe ich fast zwei Jahrzehnte in verschiedenen Kulturen und Gegenden unserer Erde gelebt und gearbeitet. Meistens war das im englischsprachigen Raum wie Indien, Australien, Neuseeland und England. Home is where the heart is, sagt der Engländer, und genau dieses Gefühl entdeckte ich in mir. Nach den Wanderjahren begann Anfang der Neunziger ein für mich persönlich sehr schwieriger Lernprozess: ich lernte die Sesshaftigkeit. Dies führte mich zurück nach Deutschland, genauer gesagt, nach Hamburg. Nach all den Jahren als "New-Age-Vagabund" und Sucher stellte ich mich der eher harten deutschen Realität. Vor eineinhalb Jahren wurde die wunderschöne Region um Lüchow-Dannenberg zu meiner neuen Heimat. Mit unserem Hof, auf dem wir jetzt wohnen, war es Liebe auf den ersten Blick. Ohne auch nur irgendwelche geomantischen Untersuchungen anzustellen, kauften wir das Anwesen. Unser Haus ist eine alte Frau von 230 Jahren. So etwas liebt man oder zieht besser nicht ein. Es ist Teil dieser Region, und diese Region ist Teil unseres Hauses. Eingebettet zwischen Feldern und Bäumen liegt es am Rande des Dorfes. Unweit von uns liegt die wahre Grenze zum Wendland, auch wenn die ganze Region um Lüchow-Dannenberg gerne als das Wendland bezeichnet wird. In diesem ehemaligen Grenzland zur DDR ließen sich viele Alternative und Künstler nieder. Es gibt überdurchschnittlich viele Biobauern, und es finden kulturelle Veranstaltungen von Klassik bis Pop, von Widerstand bis Loslassen statt. Ein besonderes Highlight ist die jedes Jahr im Juni stattfindende "Kulturelle Landpartie" mit ihren über das ganze Land verbreiteten "Wunderpunkten", an denen Handwerk, Kunst und Kultur unserer Region angeboten werden. Die vielen intakten Rundlingsdörfer mit ihren alten Fachwerkbauten sind weitere, über die Region hinaus bekannte, Sehenswürdigkeiten. Dieses Land fühlt sich für mich sehr sanft an. Es riecht frisch hier, manchmal zwar auch nach Gülle - aber so ist das eben. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich fließende, satte Grün- und Blautöne. Ich komme hier zur Ruhe und finde Kraft zum Weitergehen. Wenn ich dann in die große weite Welt, wie zum Beispiel nach Hamburg fahre, genieße ich den Kontrast. In Hamburg ist es wuselig, betont schnell und auch sehr hart. So erlebe ich beide Seiten des Lebens, die männlichen und die weiblichen Aspekte auch im Äußeren. Den Beitrag, den meine neue Heimat als Organ für Deutschland und Europa leisten kann, liegt meiner Meinung ganz in dem Satz "weniger ist mehr". Besonders die letzten Monate haben gezeigt, dass die Idee des immer noch Weiter, Schneller, Höher und Besser veraltet ist. Wir denken nur an BSE. Durch die Atommüllfrage, die wegen des Atommüllzwischenlagers in Gorleben hier bei uns natürlich vor jeder Haustür stehen bleibt, hat sich ein regionaler Widerstand entwickelt, von dem ich gerne ein Teil bin. Dieser Widerstand ist hoffentlich zukunftsweisend. Ich weiß, dass es auf dieser Erde kaum noch Orte gibt, die nicht im Würgegriff alter, längst überholter Wirtschafts- und Industrieformen gehalten werden. Dazu habe ich zuviel gesehen und in allen Ozeanen gebadet.


Im Inneren zuhause
Wolf-Dieter Blank

Heimat ist für mich ein sehr problematischer Begriff, denn er ist mit vielen falschen Vorstellungen verbunden. Zahlreiche Konflikte basieren auf dem Anspruch auf ein Stückchen Landes, genannt Heimat, das vor Außenstehenden, Fremden verteidigt werden muss, weil dieses Land "schon immer" im Besitz einer Familie oder eines Staates gewesen ist.
Heimat bedeutet für viele die "Scholle", es sind die vorhandenen emotionalen und spezifisch örtlichen Energien, in denen "mensch" sich zuhause fühlt, die Sicherheit geben, Geborgenheit schenken und das Traditionelle bewahren helfen. Sie sind deshalb so bedeutsam, weil leider vielen Menschen der Kontakt zum eigenen "göttlichen Selbst" fehlt und deshalb im Äußeren eine Bindung zu Landschaften oder Boden hergestellt wird, um sich "daheim" zu fühlen. Heimat ist auch die Erinnerung an die Kindheit, die in der Rückschau zumeist unbeschwert war und auf die sich gerade der etwas ältere Mensch, der den Bezug zur Heimat besonders festgeschrieben hat, gerne als die "ach so schönen alten Zeiten" bezieht. Dies alles sind für mich nur Ausdrucksformen von Mangel an innerlichem Gegründetsein, ein Festklammern an einer äußeren Welt, die jedoch genauso dem Wandel unterliegt wie alle Materie. Heimat im Sinne von "Rückbindung", Behütetsein, Wohlbefinden, "zu Hause sein" bedeutet für mich persönlich vielmehr das Verwurzeltsein in der geistigen Welt, in der göttlichen Heimat, woher ich als eigentliches Geistwesen komme und wohin ich wieder zurückgehen werde. Heimat ist deshalb der Ort, wo die Wesenheiten sich zusammenfinden, mit denen ich innerlich verbunden bin - und dies sind Menschen aus vielen Teilen der Welt an vielen Orten der Welt. Ich fühle mich dort wohl, wo es "Spuren" meiner Inkarnationen gibt, die mich wieder berühren. Dieses sind vielleicht wunderbare Städte wie Kyoto, Hanoi, Hongkong, Hamburg, Tempelanlagen wie Anchor Wat, Madurai oder verschiedene kleinere Orte an unterschiedlichen Strömen oder Meeren dieser Welt. Mein jetziger Lebens-Standort ist Bonn in Deutschland, ich fühle mich hier wohl - aber genauso fühle ich mich dort wohl, wo ich Menschen treffe, mit denen ich harmoniere, in Landschaften, die mich ansprechen, wo Sternenhimmel den Weg in den Kosmos zeigen, wo Aufgaben sind, die mich fordern. Denn meine äußere Heimat empfinde ich als "überall", weil nur meine wahre innere Heimat mich leitet und in mir lebendig ist.


Land ist kein Besitz
Ulrich Magin

In der Pfalz wurde ich geboren, und die Pfälzer hegen ein ganz eigenes Gefühl der Heimatverbundenheit. Jeden Sonntag gab es eine Familienwanderung zu einer der unzähligen Burgen - schon früh lernte ich, Monumente als Ausdruck der Geschichte und als Bestandteil der Landschaft wahrzunehmen. Ich lernte aber auch, daß Geschichte und Monumentalität schnell missbraucht werden können: Die ehemalige Reichsburg Trifels z.B. ist keine mittelalterliche Ruine mehr, sondern ein Nazi-Protzbau zur Verherrlichung einer imaginären Vergangenheit.
Nicht anders ist es im angrenzenden Baden, wo ich heute lebe und arbeite. Die ganze Oberrheinebene ist durchzogen von barocken Landschaftslinien - der sonnenförmige Plan von Karlsruhe, die fast 15 Kilometer lange, schnurgerade Allee von Rastatt nach Ettlingen und die Schlossachse von Schwetzingen, die den höchsten Berg der Pfalz, die Kalmit, mit dem Schlossberg der Kurpfalz, dem Königsstuhl, verbindet. Wie in der Pfalz waren hier in Baden die Nazis besonders aktiv, wenn es darum ging, Sternwarten der Supergermanen nachzuweisen. Himmlers Guru Wiligut erinnerte sich dank seines Rassegedächtnisses an heilige Linien im Murgtal, die SS bat die Gemeinde Forbach wiederholt, endlich Unterlagen über die Orientierungslinien anzufertigen, die von den Giersteinen ausgingen (allein, man konnte keine finden, so sehr man auch zu Willen sein wollte), und selbst in meinem Wohnort Rastatt machte man in Sanddünen aus der Eiszeit einen "Sternentempel der Germanen" aus - zumindest so lange, bis der einem Truppenübungsplatz weichen musste!
Es ist ein Ungeist, der die deutsche Geomantie-"Forschung" bis heute durchdringt: Noch vor der letzten Bundestagswahl schickte mir der meiner Ansicht nach zu Unrecht viel gepriesene Jens Möller ein Bündel rechtslastiger Propaganda zu, weil mein Forschungsansatz so von angloamerikanischer Re-Education geprägt sei! Insofern gibt mir die Betrachtung von Monumenten, von Kultplätzen, von als Kraftort empfundenen Stellen ein Gefühl für die geschichtliche Tiefe des Landes, sie fokussiert meine doch eher vage Wahrnehmung von Heimat. Geomantie zu untersuchen heißt, die Geschichte der Landschaft und der "Heimat", ihren Gebrauch und Missbrauch, auch ihre Missachtung zu verstehen. Aber ich betrachte Geomantie als eine kulturgeschichtliche Disziplin der Archäologie, nicht als ein zukunftsweisendes ökologisches Projekt.
Zukunftsweisend nur insofern, dass uns Geomantie - wie die Archäologie - ein Gefühl dafür zu geben vermag, dass wir das Land nicht besitzen, dass uns die Heimat nicht gehört, sondern dass der Strich Land, den wir bewohnen, einst auch vielen anderen Völkern Heimat bot, und dass jede exklusive Reklamierung von Heimat Missbrauch der Erde ist.


Bodenhaftung lernen
Michael Gotthardt-Bartsch

Immer eine leichte Brise, pralle gelbblühende Rapsfelder, Steilküsten an der Ostsee, endloses Watt an der Nordsee, vom Sturm aufgepeitschte, landfressende Wellenberge, schwarz-bunte Kühe, Salzwiesen, Kohlfelder, sanfte Hügellandschaft und platteste Tiefebene - das ist Schleswig-Holstein. Um hier beheimatet zu sein, muss man wohl ein echtes Nordlicht sein. Hier oben im Norden sei spirituelles Brachland, wird öfter südlich der Mittelgebirgslinie gesagt. Der oftmals als wortkarg, spröde oder unzugänglich beschriebene Nordmensch trägt seine geistigen Weisheiten nur sehr selten zu Markte, und an überragenden, geomantisch bundes- oder gar europaweit wirkenden Erscheinungen scheint es hier auch zu mangeln. Die wenigsten steinzeitlichen Funde können diesbezüglich überzeugen, und die großen geschichtlichen Ereignisse spielten sich weiter südlich ab. Es gilt also, geomantische Kleinode zu beachten.
Doch je länger ich hier lebe, desto klarer wird mir, dass dieser Flecken Erde eine eigene Art Landschaftstempel ist. Hier gilt es, ausreichende Bodenhaftung zu erlernen, sonst wird man umgeweht und weggespült. Wind und Wasser lassen sich hier unmittelbar in ihrer vollen Pracht und Kraft erfahren. Die Pegelstandsanzeiger vergangener Sturmfluten legen auf ihre Art davon Zeugnis ab. Warum bin ich gerade hier, und dann noch in einer Ortschaft, die energetisch und physisch arg geschunden ist? Geomanten sollten vorsichtig sein mit der Vermutung, sie lebten an einem bestimmten Ort, weil er sie benötigen würde. Gerade wenn der eigene Wohnort so krank ist, wie in meinem Falle Bad Segeberg, sei vor (geomantischer) Überheblichkeit gewarnt! Der Musiker Frank Zappa sagte, "Home is where the heart lives". Er hat recht. Denn wenn ich durch mein Herz im Einklang mit mir und meiner Umwelt bin, bin ich zu Hause. Die Qualität des Wohnortes ist dabei ein Faktor unter anderen. Solange die regionale Qualität für mich bzw. meine Familie stimmt, ist der Mikrokosmos meiner "eigenen vier Wände" so wichtig, dass die direkte Umgebung an Bedeutung verliert. Dieser Mikrokosmos ist es, der in Resonanz zur Gesamtschwingung der Region harmonisch gestimmt sein muss - dann macht er Heimat aus. Liegt darin, viele solcher Mikrokosmen zu schaffen, möglicherwiese ein Schlüssel für unser aller Wohl?
Klarheit, Nüchternheit und Pragmatismus, Bescheidenheit und Demut sind Qualitäten dieser norddeutschen Region. Deren Wert zu erkennen und zu erfahren, ist die Aufgabenstellung hier, vielleicht auch für den übergeordneten Organismus.


Quelle für Inspiration
Gesine Stöcker

Was ist für mich Heimat? Je nachdem, von welcher Ebene aus ich diese Frage betrachte, empfinde ich als Heimat z.B. den Kosmos, also das Große und Ganze selbst, oder unseren Planeten, die Erde, oder über alle erdenklichen Zwischenstufen hin mich selbst als Mensch in meiner Hülle - oder geht es noch kleiner? In irgendeinem vorstellbar kleinen Raum, in der Höhle eines kleinen Tieres, in der Zelle eines Bienenstocks, in der Blüte einer Blume? Das Entscheidende an meinem Heimatgefühl ist etwas, das mir sagt: dies ist ein Teil von mir, ich bin ein Teil dessen.
Der Odenwald ist die Gegend, in die ich als Kind "zufällig" gekommen bin. Hier bin ich aufgewachsen, zur Schule gegangen. An den Umzug als Siebenjährige erinnere ich mich als weite Reise durch einen tiefen Wald in eine neue Welt. Es war ein Abenteuer, an dessen Ende auf der anderen Seite des Waldes es, Gott sei Dank, tatsächlich wieder hell wurde. Dort hineinzuwachsen war nicht einfach, aber meine diversen Fluchtversuche haben mich immer wieder hierher zurückgeführt. Inzwischen ist der Odenwald der Ausgangspunkt für meine Aktivitäten, meine Höhle, in die ich mich zurückziehen kann, und im geomantischen Bewusstwerden eben auch die Landschaft, die mich zu meinen eigenen Kräften, an mein eigenes Potenzial bringt. Der Odenwald hat diese Qualität einer "eigenen Welt" aufgrund seiner nach außen hin so deutlich erfahrbaren Abgrenzung. Im Norden erhebt sich der Odenwald mit seinem "Wachposten", dem Otzberg aus der Ebene zum Main, im Nordosten stößt er an das Mainviereck, im Südosten ist der geradlinig verlaufende Gesteinswechsel zum Muschelkalk in der Atmosphäre der Landschaft deutlich spürbar. Im Süden bildet das Neckartal die Grenze, im Westen ist es das Ried (Rheinebene) mit der sich daraus unmittelbar erhebenden Bergstraße, die beinahe wie eine Mauer wirkt. Die eigene Welt lebt durch ihre Vielfalt, z.B. ablesbar - und für mich wesentlich - an den unterschiedlichen Gesteinsarten und Landschaftsräumen. Der größte Teil des Odenwaldes - der Teil in dem ich lebe - besteht aus Buntsandstein. Dieser steht im übertragenen Sinn für Transformation, Feuer, Handlung, Wandlung. Übrigens wird dieser Stein im Regen durch das komplementäre Element Wasser erst so richtig "angefeuert". Aktiv zu sein, zu handeln, etwas umzusetzen ist für mich existenziell. Je länger mich die Geomantie begleitet, um so deutlicher wird mir der Wandlungsaspekt in meinem Leben. Im Mümlingtal im Bereich von Michelstadt schiebt sich der Muschelkalk an die Oberfläche. Er erinnert mich an die alten Meere, in denen das Leben entstanden ist. Ich sehe in ihm auch eine inspirative, kreative und luftige Qualität.
Besonders markant zeigt sich der Basalt im Landschaftsbild: Der Wächter Otzberg ist ein Basaltkegel und ebenso der nahegelegene Roßberg, der noch um einiges mächtiger gewesen sein muss. In ihm entspringt eine Quelle namens Heiligeborn. Der dritte ist der Katzenbuckel, der höchste Berg im Süden des Odenwaldes mit der Quelle der Freya. Den drei Punkten, an denen das Stein gewordene Innere der Erde in den Himmel ragt und zudem gleich zweimal heiliges Wasser hervorbringt, sind die kosmische Qualität, die reine Ursprünglichkeit und der übergeordnete Kontakt zur Landschaft gemeinsam. Diese Orte sind für mich geistige Quellen, die mich in einem Bewusstsein, das über jegliche räumliche Abgrenzung hinausgeht, handeln lässt. Die weiche, runde, wässrig wirkende Hügellandschaft des Gersprenztales (ich nenne sie Hexenberge) suche ich auf, wenn ich Unterstützung oder Trost brauche. Die Hochplateaus in Richtung Main im Westen sind luftige, irdisch-kosmische Plätze, die mir helfen, wenn ich Weitblick und Klärung brauche. In den engen, dichten, erdig-feurigen Tälern (ich nenne sie Schwarzwald des Odenwaldes) tauche ich in die Tiefen meines Unterbewusstseins, wenn etwas an die Oberfläche geboren werden will. Die Ruhe eines Seitentales suche ich zur Zentrierung. Mit all diesen Plätzen der Anregung, Kreativität, Inspiration und Ruhe in Verbindung treten zu können, empfinde ich als großes Geschenk. Nun birgt die eigene Welt auch die Gefahr des Sich-Einigelns - bezogen auf den Odenwald spricht man immer wieder von einer Art Dornröschenschlaf -, besonders bezogen auf das wirtschaftliche Denken. Ich meine, dieser Dornröschenschlaf ist ein Selbstschutz, weil die Qualitäten des Odenwaldes nicht im materiell-physischen Bereich liegen, sondern im gefühlsmäßigen und seelisch-geistigen Bereich. Hier fordert der Odenwald das Gegenteil zum Einigeln heraus, nämlich: das volle und vollständig vorhandene Lebenspotenzial eigenständig und selbstbewusst zu entfalten. So könnte die Rolle des Odenwaldes die einer kreativen und inspirativen Quelle sein, die in lebendigem Kontakt zu allem steht und in der Ideen ins Konkrete gewandelt werden.


Morphische Resonanz
Helmut Seifert

Mein Gefühl sagt mir: "Heimat ist in mir". Der übliche Begriff "Heimat" bedeutet Geburtsort, ständiger Wohnsitz mit Beziehungen zu Volkstum, Brauchtum oder nationaler Identität. Unter diesen Begriff kann ich meinen Sinn für Heimat nicht einordnen. Ich habe in fünfzig Jahren an vielen Wohnorten gelebt und auf Reisen viele liebe Menschen in Europa, Amerika, Afrika und Asien kennen und lieben gelernt. Für mich ist die Beziehung zu einigen dieser Menschen zu einer engen Freundschaft - Heimat - geworden, denn Heimat ist kein Ort, kein Platz, keine bekannte Umgebung, kein "Ding". Heimat ist für mich überall, denn Heimat ist in mir, tief in mir und dort wo ich mich augenblicklich befinde. Überall dort, wo ich in Resonanz gerate mit Menschen, Tieren, Pflanzen, besonderen Plätzen oder Bauwerken auf dieser Mutter Erde. Zum jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt tritt die in mir gespeicherte Information in Resonanz mit Signalen aus der Umwelt. Übertragen wir die "Resonanz" als "ähnliche" oder "identische" Schwingung auf die Formentstehung, so haben wir die "morphogenetische" Resonanz, oder, wie Rupert Sheldrake vereinfachend sagt, die morphische Resonanz. Morphische Resonanz ist um so wirksamer, je ähnlicher die in Resonanz stehenden Muster sind. Besonders spezifisch ist natürlich die Resonanz eines Organismus zu seinen eigenen, früheren Zuständen. Wie beim morphogenen Feld ist die Gegenwart einer Form mit der Vergangenheit verbunden. Bewusstsein strukturiert sich zur Gestalt: zur Pflanze, zum Tier, zum Menschen. Bewusstsein schafft sich also auf diesem Planeten, warum auch immer, einen Körper. Der Rosenstrauch hat einen Körper, der Haselnussbaum, der Regenwurm. Jeder Körper besitzt einen "Geist", die Summe seiner Einheiten von Bewusstsein, die Summe seiner Einheiten von Körperenergie. Jeder Körper hat im Hier und Jetzt, im "Jetzt-Punkt", die Lebenswahrscheinlichkeit dessen, was zukünftig geschieht. Vergangenheit ist für den Körper im Jetzt bedeutungslos. Bedeutung hat allein die Wahrscheinlichkeit der Zukunft. Die zellulare Energie richtet sich nach dem, was kommen wird, nach der noch nicht eingetretenen Wahrscheinlichkeit. Das, woraus wir bestehen, verändert sich sekündlich. Erfahrung, wirkliches Wissen kann man nur leben, spüren, erfühlen. Jedes Wissen ist lediglich eine Idee von der Wirklichkeit, eine lebloses, statisches Abbild. Die Wissenschaft, die Lehre vom Wissen, kann deshalb mit dem Lebenden, mit dem sich ständig Verändernden, mit dem dauernd Fließenden wenig anfangen. Die Wirklichkeit kann ich nur im Jetzt erfahren. Ich selbst und das Objekt können in diesem Moment in Beziehung zueinander treten. Allein Erfahrung ist Realität. Wir meinen tatsächlich, "die Welt sei voller voneinander getrennter Gegenstände, die durch die Zeit fließen und die einander durch Logik, Kausalität usw. zugeordnet sind." (Zitat Sheldrake) Insofern möchte ich sagen, dass der nicht begrifflich gebildete Geist unsere Heimat ist - die Bewusstheit des fließenden Seins, die nicht an begrifflichen Abklatsch gebunden ist. Heimat ist in mir; mit all meinen Sinnen kann ich morphische Resonanz, die Signale von Mutter Erde und seinen Bewohnern geomantisch wahrnehmen. Mit freier Seele ist meine Heimat überall - wohin meine Sinne mich führen.


Die Berge als Himmelsrampen
Dorothee v. Gagern
Heimat - zunächst klingt dieses Wort fremd und hausbacken. Erst in der Öffnung meines Herzens nimmt es Gestalt an. Mir wird deutlich, dass der Teil des Landes hier, zu dem ich mich zugehörig fühle, die Berge sind. Heimat und Berge sind ein alpenländisches Klischee, verziert mit Edelweiß und Enzian. Aber ich weiß: wo mein Herz hüpft und ich satt werde von der Schönheit der Natur, da ist meine Heimat. Das alte Bauernhaus, in dem ich wohne, ist mir so wichtig, weil ich dort die Anbindung an die Berge habe mit dem Blick auf den Wendelstein, der so aussieht wie der Kopf einer liegenden Frau. Ich habe noch nie längere Zeit an einem Ort gelebt, so dass mein unmittelbarer Lebensraum mir noch nie dieses Vertrautsein und Aufgehobensein geben durfte, das ich mit dem Begriff Heimat verbinde. Ich fühlte mich immer innerlich auf Achse, ständig bereit zu Veränderungen. Aber wenn ich in den Bergen bin, fühle ich mich zu Hause. Dank meiner Mutter, die mit uns Kindern jeden Sommer die Alpenregionen durchwanderte, kenne ich so viele Facetten dieser Bergwelt: wie die Sonne ihre Farben verändert, wie sich Wolken drohend zusammenballen, wie unbarmherzig Wind und peitschender Regen sein können, wie der Blick vom Gipfel von Zacke zu Zacke der nächsten Bergketten hüpft und das Abenteuer sucht, wie still der Weg ist, wie beredt die Felsen, wie verzaubert der Bergwald. Die Berge selbst erfahre ich als mächtige Wesen. Hier wird die kosmische Kraft auf einzigartige Weise an die Erde gebunden. Wenn ich auf einem Gipfel stehe, fällt die Schwere des Körpers von mir ab, und ich bin fast schon dabei, mit den Dohlen zu fliegen. Die Berge kommen mir vor wie Rampen zwischen Himmel und Erde, ausgewählt für das Kommen und Gehen zwischen der Sternenheimat und der Erdenheimat. Meine besondere Liebe gilt dem Priener Tal bei Sachrang mit dem Naturschutzgebiet Geigelstein. Die Bergwesen dort erscheinen mir luftig und übermütig bei aller Wildheit. Sie erinnern mich an die Sagen von versteinerten Frauen, Riesen, Königen und Königinnen. Sie stecken mich an mit ihrem Ungestüm. Ihre Spiele sind manchmal rauh, denn ich habe mich dabei schon in der Felswand verstiegen oder mußte stundenlang durch den steilen Bergwald irren. Diese Bergwesen sagen, dass sie ihre Kraft und Heiterkeit bündeln, um sie dann in die Weite des Chiemgaus zu leiten, zum großen Teil über die Wasserwege. Es gibt gerade in dieser Gegend so viele Quellen, die auch für ihre Heilkraft seit alters her bekannt sind. Jede dieser Quellen gibt ein anderes Geschenk von Mutter Erde weiter, wie Fülle, Freude, Kindlichkeit, Leichtigkeit im Sein, unendliche Liebe, Sichtigkeit ... Ist das nicht mit ein Grund, daß sich so viele Menschen im Chiemgau zu Hause fühlen? Heimat heißt für mich auch, die Anbindung an all die Wesenheiten des Landes bewusst zu leben, im Zuhören, im Austausch, im Respekt. Die Alpentäler sind uralte Siedlungsräume mit vielen Spuren von Begegnungen mit der Anderswelt. Gerade hier wird das überlieferte Brauchtum stark gepflegt. Es ist kein Zufall, dass mir gerade in diesem Tal Menschen begegnet sind, die sich dafür einsetzen, diese Verbindungen wiederherzustellen. Eine davon ist Martina Glatt aus Aschau. Sie kommt mir vor wie eine Hüterin dieser Gegend. Sie zeigte mir unter anderem Orakelsteine, von denen wir Antworten auf unsere Fragen aus tiefen Erdgängen bekommen. An einer andere Kultstätte gingen die Menschen durch einen langen, engen Felsschlitz und verstanden im Eins-Sein mit dem Felsen ihr Eins-Sein mit der universellen Quelle. Ein neuer Auftrag an uns Menschen ist heute wohl die energetische Vernetzung von Kraftplätzen und von Quellen. Heimat heißt für mich auch, dass ich in meinem Lebensraum gleichgesinnte Menschen finde und mit ihnen zusammen an einem größeren Netz der Verbundenheit knüpfe.


Ahnung vom Ursprung
Claas Fischer

Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich Verbundenheit und Zugehörigkeit empfinde, ein Ort, an dem ich als spirituelles Wesen eine Einheit erlebe, die mir eine Ahnung von meinem Ursprung gibt.
Geboren und aufgewachsen bin ich im westfälischen Sauerland, das ich mit Schiefergebirgen, Wildbächen, ausgedehnten Wäldern, Jugendfreunden und meiner zusammenhaltenden Großfamilie verbinde. Es ist meine irdische Heimat, die meinen Wurzeln Kraft schenkt und mich im Leben zentriert. Meine kosmische Heimat hingegen habe ich in der Hochwüste Neumexikos gefunden. Geprägt von Sonne, Weite und rauhen, roten Felsen vermittelt das Land mir das Gefühl, dem Himmel ganz nahe zu sein.
Meine Wohnheimat schließlich (sozusagen die Mitte aus beiden erstgenannten) ist seit nunmehr über fünf Jahren das brandenburgische Potsdam. Mein Verhältnis zu dieser Stadt war von Anfang an in steter Entwicklung begriffen. Zunächst beherrschte mich ein jauchzendes Prickeln, eingebettet zu sein in diese wunderschöne Kulturlandschaft an der Havel mit ihren prächtigen Park- und Schlossanlagen. Doch mit der Zeit traten immer mehr die gezielten Zerstörungen und ignoranten Bausünden der sozialistischen und jüngsten Vergangenheit in mein Bewusstsein. Eine tiefe Auseinandersetzung begann: Der Ort spiegelte mir meine eigene Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit. Ich fing an, mich mit der Geschichte des Ortes vertraut zu machen. Die Gründungssage Potsdams beschreibt sehr bewegend die Begegnung des Menschen mit der Seele der Landschaft, die in ihren Qualitäten das Liebliche, Anmutige und Schöngeistige trägt, also vor allem vom Prinzip des Elementes Wasser geprägt ist. Diese Aspekte tauchen als Motiv in der Stadtgeschichte immer wieder auf, mit dem Kurfürst Friedrich Wilhelm, der im 17. Jahrhundert die "Insel Potsdam" erwirbt, um aus ihr ein Paradies zu machen. Mit seinem "Edikt von Potsdam" beweist er religiöse Toleranz, was die Ansiedlung flüchtiger Hugenotten ermöglicht. Auch Friedrich II., der "Philosoph auf dem Thron", Lyriker, Komponist und Anhänger der Aufklärung, und Friedrich Wilhelm IV., der "Romantiker auf dem Thron", der im 19. Jahrhundert die künstlerische Gestaltung Potsdams zum Höhepunkt führt, verkörpern diese Prinzipien. Potsdam hat 300 Jahre lang als hoheitlicher Sitz der preußischen Herrscher gedient. Darin drückt sich noch ein anderes Element aus: das Feuer, das mit dem Element Wasser ein starkes Spannungsverhältnis eingeht. Dies drückt sich auch darin aus, dass die Stadt seit der Zeit Friedrich Wilhelm I., des Soldatenkönigs, Sitz der Garnison war. Friedrich II. verkörpert diese zwei Kräfte sehr deutlich; denn in krassem Widerspruch zu seiner menschenfreundlichen Ethik zettelt er drei blutige Schlesische Kriege an, die er mit aggressiver Tollkühnheit austrägt. Ein Blick auf meine persönliche Elementeverteilung zeigt, dass Heimat als ein Ort bezeichnet werden kann, an dem das Wesen des Menschen und das Wesen des Ortes in Resonanz treten: Ich bin unter einer wässrigen Sonne und einem wässrigen Mond und mit einem feurigen Aszendenten geboren. Plätze, die mich beispielsweise von Anfang an angezogen haben, sind der Ruinenberg und der Pfingstberg, die eine nordwestliche Flanke über der Stadt bilden, und die Freundschaftsinsel und die Havelpromenade als südöstliche Flanke. Während die Berge (beide immerhin mehr als 70 m hoch!) sich für mich als das Himmelsfeuer einfangende Orte darstellen, bildet die Havelinsel als Pendant das Zentrum der wässrigen Wesenskraft.
Auch schlägt mein Herz für das Herz der Stadt, den Alten Markt und seinen Vorhof, den Lustgarten. Am meisten genieße ich hier das Lustwandeln - die Parks Sanssouci und der Neue Garten halten für mich zu jeder Jahreszeit ein immenses Potenzial an Lebensfreude bereit, so, als würden die Naturwesen dort den Millionen von Menschen, die jährlich durch die Anlagen streifen, einen Beutel voll Glück mit auf den Weg geben. Gewiss, dort findet man keine unberührte Natur vor, es ist alles "gemachte" Natur, der die Menschen dort begegnen. Doch gerade darum fühle ich mich hier goldrichtig; denn das ist Geomantie: einen Lebensraum zu schaffen, der Mensch und Natur zusammenbringt.