Editorial 7

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 7/2000

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Berufsstand der Architekten nimmt unser Thema Geomantie erst marginal wahr. Mangelnde Kenntnis und Erfahrung, die Furcht vor Berührung mit dem Unsichtbaren, aber auch von unserer Seite eine erst dürftige Erschließung unserer Quellen, Hintergründe und Relevanz haben den Dialog bisher eher dürr ausfallen lassen. Mit dieser Ausgabe wollen wir zwischen den beiden - tatsächlich nicht voneinander zu trennenden - Disziplinen Geomantie und Architektur vermitteln und dazu beitragen, dem beginnenden Austausch reicheren Zustrom zu bahnen. Wenn man nämlich genau hinhört, ist doch ein überraschender Gleichklang wahrzunehmen, allerdings meist an Orten, die man gemeinhin zu den Grenzbereichen zählt. Die Brückenbauer sind, wie bei interdisziplinären Ansätzen die Regel, Kreative, die sich keiner Szene so recht zugehörig fühlen, sondern die schon immer auf die Zwischentöne geachtet haben und für die "Ganzheit" eine persönliche Lebensrealität ist.
Mit dem Beitrag von Marco Bischof über die "Wiederentdeckung der Geomantie" nehmen wir uns selbst beim Wort und beginnen die Auseinandersetzung mit der Geschichte, die zu dem weiten Begriffsfeld geführt hat, das sich heute "Geomantie" nennt. Wir beobachten, dass fast jeder Beitrag in den bisherigen Ausgaben das Bedürfnis der AutorInnen transportiert, eine persönliche Definition dessen zu geben, was er oder sie für Geomantie hält. Der Verdacht drängt sich auf, dass es eine "Geomantie" in diesem Sinne vielleicht noch gar nicht gibt, sondern dass sie vielmehr von vielen Beitragenden gerade erst geschaffen wird. Insofern verstehen Redaktion und Autor die historische Aufklärung als notwendige und selbstverständlich erweiterungsfähige Grundlage, auf der ein informiertes und kompetentes Gespräch in Gang kommen könnte: ausgehend von den ursprünglichen Impulsen über die diversen - und zum Teil durchaus fragwürdigen - Seitenzweige, die das morphische Feld der Geomantie zum Schwingen gebracht haben, bis hin zu einer modernen Geomantie, deren zukünftige Bedeutung wir heute vielleicht erst ahnen.
Ein gutes Jahresende und einen inspirierten Neubeginn 2001 wünschen

Lara Mallien und Johannes Heimrath