Genius und Daimon

Die antiken Wurzeln der Idee vom "Geist des Ortes"

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 6/2000

Eine der zentralen Ideen in der Geomantie ist die Vorstellung von einem Genius Loci. Der Begriff wird zur Erklärung unterschiedlichster Phänomene herangezogen und dient als bequeme Worthülse für eine Fülle von nur schwer differenzierbaren Wahrnehmungen im Bereich der Wechselwirkungen zwischen unserer Persönlichkeit und dem uns umgebenden Raum. Marco Bischof sieht einen der wichtigsten Gründe für die Vielfalt von Denk- und Sprechweisen über den Genius Loci in der Unkenntnis über die Herkunft und ursprüngliche Bedeutung des antiken Begriffs. In seinem Beitrag zeigt er, wie das Genius-Loci-Konzept durch seine Bezüge zur griechischen Vorstellung des Daimon an Deutlichkeit und Tiefe gewinnt.

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Der Begriff des Genius Loci ist seit einiger Zeit vielfach im Gespräch, vor allem seit ihn der norwegische Architekturtheoretiker Christian Norberg-Schulz 1980 in seinem gleichnamigen Buch zur Kennzeichnung seines phänomenologischen Ansatzes in der Untersuchung des Verhältnisses von Architektur und Landschaft verwendet hat. Er spielt nicht nur in der Geomantie eine Rolle, sondern wird in den verschiedensten Disziplinen, neben der Architekturtheorie unter anderem auch in der Humangeographie, ökopsychologie, Garten- und Landschaftsgestaltung, Religionswissenschaft, Archäologie und Literaturwissenschaft verwendet. Bereits eine flüchtige Recherche zeigt, dass der Begriff auch im Internet in allen möglichen Zusammenhängen auftaucht, vom Prüfungsthema an Architekturabteilungen von Universitäten bis zur Musikgruppe, die sich nach ihm nennt. Robert Kozljanic weist darauf hin, dass dabei auf den ersten Blick fälschlicherweise der Eindruck entsteht, man hätte es immer mit den gleichen Begriffen, Ansätzen und Phänomenen zu tun. "Es handelt sich um verschiedene Diskurse, die jeweils unter Genius loci etwas anderes verstehen. Die Palette reicht dabei von der rein metaphorischen und rhetorischen Bedeutung des Wortes über die geschichtliche eines an einem Ort erscheinenden Zeitgeistes und eines soziokulturell konstruierten Ortsgeistes , ferner über die Bedeutungen von ökologischen, ästhestischen und synästhetischen Qualitäten von Orten bis hin zu ortsgebundenen Energiefeldern und ortsansässigen Naturgeistern."
In altertumswissenschaftlichen Nachschlagewerken und Fachbüchern über römische Religion findet sich zwar recht vieles über den Begriff des Genius, jedoch nur Spärliches über den spezifischen Genius Loci. Es bleibt deshalb die Aufgabe, herauszuarbeiten, was am Konzept des "Genius" für den ortsbezogenen Genius, und damit für die Geomantie, von Bedeutung ist.

Der römische Genius
Das lateinische Wort genius ist von dem Verb genere bzw. gignere (zeugen, erzeugen) abgeleitet und bedeutet "derjenige (oder dasjenige), der/das (er)zeugt, der/das Zeugende" oder auch "dasjenige, was zeugungsfähig macht". Jeder Mensch hat seinen/ihren Genius; ursprünglich wurde der Begriff wohl für beide Geschlechter verwendet, später nur noch für den Mann, während als weibliche Entsprechung den Frauen eine Juno zugeschrieben wurde. Juno bedeutet "junge Frau" und ist die weibliche Form des Wortes juvenis. Der Genius eines Menschen tritt zusammen mit diesem ins Leben; sein Fest ist deshalb der Geburtstag. Beim Genius wird geschworen, und neben den Festen des genius natalis (des persönlichen Geburtsgenius), die im Hause der Betreffenden mit Wein, Kuchen und Weihrauch auf bekränztem Altar, mit Tanz und gelegentlich auch mit blutigen Tieropfern begangen werden, wurde dem Genius, zusammen mit den Göttern Tellus (Erde) und Silvanus (Waldgott) im Herbst auch eine sakrale Feier mit Blumen- und Weinopfer gewidmet. Der Genius Natalis wird meist als Schlange abgebildet, die sich oft um einen Altar windet und die daraufliegenden Opfergaben verzehrt, wie in obigem Wandgemälde aus Herkulaneum. Abbildungen als Jüngling mit Füllhorn, der meist beim Darbringen von Opfern dargestellt wird, oder als jünglingshaftes Flügelwesen kommen auch vor. In christlicher Zeit verschmolz der Genius mit dem "Schutzengel". Einen Genius haben auch Gruppen von Menschen, wie z.B. Handwerkergilden, der römische Staat, die Stadt Rom und schließlich Orte, Landschaften und sogar einzelne Gebäude. über den Genius, der zu den wichtigsten und ältesten Bestandteilen der römischen Religion gehört (W.F. Otto), findet man in der altertums- und religionswissenschaftlichen Fachliteratur teilweise widersprüchliche Beschreibungen und Deutungen. Einig sind sich die Experten darüber, dass er für die Römer einerseits eine Art Gott oder ein göttliches Wesen im Menschen und deshalb unsterblich, andererseits Begleiter und Schutzgeist (tutela) war. Nicht klar ist u.a. seine Lokalisierung, da er manchmal außerhalb des Körpers, manchmal auch im Körper befindlich gedacht wurde. Der Genius hat sicher mit der Zeugungsfähigkeit zu tun und ist deshalb auch der Schutzgott des Ehebettes (lectus genialis). Was es hingegen bedeuten soll, dass der Genius den Menschen zeuge, ist wieder weniger deutlich; wir lesen, dass durch seinen Hinzutritt das individuelle Leben entstehe, das er auch fortwährend erhalte. Zudem heißt es von ihm, dass er beim Tod des Menschen auch sterbe, doch gleichzeitig hört er dann nicht auf, zu existieren: er scheidet nur aus dem Weltleben aus und wird zum Begleiter der Totenseele. Bevor ich näher auf diese Unklarheiten eingehe, verweile ich zunächst bei den deutlicheren Eigenschaften des Genius. Wie Roscher schreibt, ist der Genius nicht nur Zeugungsfähigkeit, Kraft, Energie, Schicksal und Glück eines Mannes, sondern begann schon früh in erweiterter Bedeutung für "alle leitenden, bestimmenden Triebe im Manne, seinen Glückseligkeitstrieb, seine gesamte Persönlichkeit und seinen Charakter" zu stehen. Als göttlicher Schutzgeist ist der Genius dasjenige in uns, was unsere Entschlüsse bestimmt, und deshalb unser Schicksal und Glück. Er bestimmt den individuellen Charakter des Menschen und die glückliche oder unglückliche Hand in der Steuerung des Lebensverlaufs, Erfolg und Misserfolg. Er ist aber auch der Genusstrieb und die natürliche Lebensfreude im Menschen; einen "unbeschädigten Genius" (genius indemnatus) zu haben, heißt unbehelligt sein Leben zu genießen. Wer diesem Lebensinstinkt nachgibt, gut isst und trinkt und dabei nicht knausrig ist, indulget genio (frönt dem Genius), wer es nicht tut, handelt genio sinistro (mit ungünstigem Genius). Das Eigenschaftswort genialis bedeutet neben "fruchtbar" auch "gastlich", "üppig", "von liberaler Gesinnung" und "großzügig".

Der griechische Daimon
Unter Fachwissenschaftlern ist man sich einig, dass das griechische daimon (daimvn) die Entsprechung zum römischen Genius darstellt. Obwohl dies wohl bereits in einem gewissen Maße für das ursprüngliche römische Genius-Konzept zutrifft, sind im Zuge der massiven Beeinflussung der römischen Kultur durch griechische Einflüsse im Lauf der Zeit die meisten Eigenschaften des Daimon auf den Genius übertragen worden (W.F. Otto). Das Wort wird von daiomai (teilen, zerreißen) abgeleitet und von manchen Gelehrten als "Zerreißer, Fresser (der Leichen)" gedeutet; wahrscheinlicher ist aber die Bedeutung "Zuteiler (des Schicksals), d.h. "das die moira (Schicksal) Aktualisierende" (W. Pötscher). Jeder Mensch erhält bei der Geburt einen Daimon, der wie der Genius zugleich göttlicher Anteil des Menschen, eine Art Seelenteil und Schutzgeist ist, aber auch als Lenker und Bestimmer des Schicksals gilt und der nach dem Tod überlebende Teil des Menschen ist. Daimones sind für die Griechen deshalb auch die Geister der Toten, sowie die "Heroen", die unsterblichen Geister der Ahnen des goldenen, silbernen und heroischen Zeitalters, die als eine Art substanzielles Zwischenglied zwischen Göttern und Menschen betrachtet werden. Wie der Genius, so ist der Daimon etwas Halbgöttliches, aber unbestimmter als der Gott. Ebenfalls einig sind sich Römer und Griechen darin, dass Genius und Daimon unbestimmte und geheimnisvolle, unkontrollierbare Möglichkeiten und Potenzen im Menschen wie in der Natur darstellen, wobei bei den Griechen das Gefährliche und Unheilvolle im Vordergrund steht, während der römische Genius eher als etwas Wohltätiges und Harmloseres erscheint. Auch der Daimon wird als Schlange abgebildet. Durch den Vergleich mit dem griechischen Daimon wird vieles deutlicher, was in den erwähnten Erläuterungen zum römischen Genius unklar bleibt. Zu einem sinnvollen Ganzen fügten sich diese Informationen für mich jedoch erst durch einige Bemerkungen des schottischen Altertumswissenschaftlers Herbert Jennings Rose und seines deutschen Kollegen Franz Altheim, besonders aber durch die tiefgründige Arbeit des englischen Sprachwissenschaftlers Richard B. Onians. Rose betont wie schon Walter F. Otto, dass der Genius als das zeugungsfähige Prinzip einerseits nicht im modernen Sinne von Männlichkeit und Sexualität, sondern im Sinne einer allgemeinen "Hervorbringungskraft" oder eines "Werdegeistes" und auch als eine Art "Persönlichkeitskraft" zu verstehen ist. Auf der anderen Seite stellt es auch nicht die individuelle Zeugungs- und Lebenskraft dar, sondern "das fortzeugende, die Familie von einer Generation zur anderen erhaltende Prinzip" (W.F. Otto). Rose betont, das es "nur einen Genius pro Familie, ursprünglich wohl nur einen für jede gens (röm. Geschlechtsverband, Sippe)" geben könne. Der Genius (und die Juno) sind "Geister, die zu keinem lebendigen oder toten Individuum gehören, sondern zum Clan" (Rose).

Genius und Daimon und die antike Persönlichkeitstheorie
Onians bringt in seinem immer noch unübertroffenen Werk über den archaischen "Ursprung des europäischen Denkens über Körper, Geist, Seele, Welt, Zeit und das Schicksal" von 1951 gegen die üblichen Darstellungen des Genius mit Recht den grundlegenden Einwand vor, dass die Persönlichkeit eines Menschen, seine Genussfähigkeit usw. eine Angelegenheit des bewussten Ich seien; beim Genius aber handle es sich nicht um den bewussten Teil des menschlichen Ich. Wir finden in seinem Buch denn auch eine spannende Darstellung der antiken Anthropologie oder Persönlichkeitstheorie. Ihre weitgehend archaischen Züge, die Parallelen in vielen anderen alten Kulturen besitzen, sind für das Verständnis des Genius und Daimon, aber auch für dasjenige des Genius Loci von grundlegender Bedeutung. Nach römischem Glauben gibt es im lebenden Menschen zwei "Geister" oder Seelenteile, den Genius, der nach Onians der anima gleichzusetzen ist, und den animus. Ihnen entsprechen bei den Griechen die Psyche (bzw. der Daimon) und der Thymos. Der Animus (bzw. Thymos), der in der Brust lokalisiert wird, stellt das bewusste Ich dar, Genius, Psyche und Anima hingegen das unbewusste Ich, das vitale Prinzip im Menschen, das nach archaischer und antiker Vorstellung im Kopf wohnte. Der Animus (Thymos) stirbt mit dem Körper, während der Genius (Anima, Psyche) den Tod überlebt.

Genius und Daimon als "Kopfgeister"
Dem Römer galt der Vorderkopf als dem Genius heilig; wer seinen Genius ehren wollte, berührte mit der Hand seine Stirn. Die Augenbrauen einer Frau, so hiess es, gehören der Juno. Die besondere Heiligkeit des Kopfes ist ein Kennzeichen der meisten archaischen Kulturen. Wie ich in meinem Buch "Unsere Seele kann fliegen" (1985) dargestellt habe, wurde der Kopf von den Menschen der Steinzeit über Kelten und Germanen bis zu Griechen, Römern, Hebräern und Indern als Sitz von Seele und Lebensgeist, Zeugungskraft, Persönlichkeit und göttlicher "Macht" und deshalb als heilig betrachtet. Auch die Germanen sahen das bewusste Ich in der Brust, den den Tod überlebenden Seelenteil hingegen im Kopf. Heirat, Verwandtschaft und Kameradschaft wurden als "Angelegenheiten des Kopfes" betrachtet; die Angelsachsen bezeichneten einen Partner als "Kopf-Gefährten" (heafod-gemaeca), einen Sohn als Kopf-Sohn (heafod-maga). Der Kopf war dem Freyr, dem Gott der Fortpflanzung und Fruchtbarkeit geweiht, dessen heiliges Tier der Eber war, weshalb der Helm des Kriegers schlicht "Eber" hieß. Den Römern galt der Kopf (caput) als Wohnstätte des Genius, als Behälter und Quelle des männlichen Samens und als Sitz des Lebens, so wie auch die Quelle eines Flusses oder Baches sein "Kopf" genannt wurde. Das lateinische Wort für Gehirn, cerebrum, das gleichzeitig "Rückenmark" bedeutet, ist verwandt mit Ceres, der Göttin der Fruchtbarkeit, die besonders mit dem Korn im "Kopf" der Kornähre in Verbindung gebracht wurde und deren Name (wie sein männliches Gegenstück Cerus) "Erzeugerin" bedeutet. Im frühen Latein hatten die Wörter cerrus und cerus eine ähnliche Bedeutung wie genius. Der Glaube, dass der Genius im Kopf wohnt, erklärt auch, warum das Haar vom Dichter Apuleius "genialis" genannt wird: es ist aufs engste verbunden mit der zeugenden Lebensseele und Lebenssubstanz, was auch die Erklärung für die Samson-Geschichte in der Bibel ist.

Genius, Lebenssaft und Numen
Ein wichtiger Aspekt des Kopfes als Sitz des Lebensgeistes Genius ist der Zusammenhang mit dem "Lebenssaft". Onians hat durch seine Forschungen über die Wurzeln der zentralen griechischen und römischen Begriffe deutlich gemacht, dass die Vorstellung eines Lebensgeistes mit derjenigen eines Lebenssaftes verbunden ist. Lebendig sein heißt "voller Saft sein". Dieser mit dem Genius und der Psyche verbundene Lebenssaft, bei den Römern sucus oder umor, bei den Griechen aion genannt, ist verantwortlich für das "pralle Leben"; er füllt das Fleisch und kann aus dem Körper austreten und verloren gehen, z.B. durch Bluten, Schwitzen oder das Vergießen von Tränen. Auch durch den Alterungsprozess trocknet der Körper aus, und der Lebenssaft geht verloren. Das Wort "Skelett" (griechisch skeleton) bedeutet "das Ausgetrocknete". Der Lebenssaft gibt dem Körper seinen Tonus, seine Spannkraft und Fülle, sein Fett und seine Kraft und ist mit Stärke, Ausstrahlungskraft und sexueller Energie verbunden. Alles, was den Lebenssaft erneuert und stärkt, wie gute Ernährung, jede Art von Genuss, sexuelle Aktivität, ist auch Förderung des Genius - das Gegenteil wird von den Römern als "Raub am Genius" (defrudatio genii) bezeichnet. Dieser Saft ist sozusagen der Stoff des Lebens, der Genius dessen Geist. Man stellte sich diesen Lebenssaft insbesondere konzentriert im Kopf vor und glaubte, er hänge von der Zerebrospinalflüssigkeit und dem "Knochenmark" ab. Hippokrates sprach vom Knochenmark der Wirbelsäule als dem "Aion". Die Bedeutung des Wortes Aion erhellt sich aus seiner Verwandtschaft mit aiolos, das "etwas, was sich bewegt" bedeutet und mit unserem "Seele" (angelsächsisch sawol und gotisch saiwala) verwandt ist - es geht auf urgermanisch saiwalo zurück, das "aus dem See stammend, dem See zugehörig" bedeutet. Den Germanen galten bestimmte Seen als Aufenthaltsort der Seelen vor der Geburt und nach dem Tod, und eine alte Verwandtschaft verbindet die Vorstellungen von "Seele" mit denjenigen von "Wasser", "Feuchtigkeit" und "Saft". Da die Spanne des Lebens mit der Saftfülle des Körpers zur Neige geht, erhielt das Wort Aion später die Bedeutung von "Lebensalter". ähnlich wie das chinesische Qi ursprünglich die Bedeutung eines Dunstes besaß, der von einem überfluteten Reisfeld aufsteigt, so stellte man sich den Genius wohl ursprünglich als einen dampfartigen Geist vor, der vom Lebenssaft oder "Samen" in Rückenmark und Kopf ausgeht. Während alle Zustände und äußerungen des wachen Ichbewusstseins Angelegenheit des Animus sind, ist es der Genius bzw. der Daimon, der verantwortlich ist für alle spontanen, unkontrollierbaren Bewusstseinszustände und Lebensäußerungen. Für den antiken Menschen waren sie etwas ähnliches wie für uns "das Unbewusste". Immer wenn es um Zustände geht, für die das bewusste Ich keine Verantwortung empfindet, sind in der antiken Literatur hauptsächlich Kopf und Gesicht betroffen und wird die Urheberschaft des Genius vermutet. Dazu gehören unter anderem Niesen, Erröten, Wut und Zorn, Ekstase und sexuelle Erregung, Raserei, Verrücktheit, Stolz, Scham- und Ehrgefühle. Es ist der Genius, der im Zeugungsakt explodiert und "bläst" und damit den Samen ausstößt. Wie die Römer sagten, liebt man "mit dem Mark" (amare medullitus). Dabei ist wie in vielen dieser Zustände, in denen das normale rationale Bewusstsein, das in der Brust sitzt, entthront wird und der Genius im Kopf die Kontrolle übernimmt, "das Mark in Flammen", ein inneres Feuer "isst das Mark", und man hat "Feuer in den Knochen". Die Römer verwendeten für diese Zustände die Wörter cerebrosus und cerritus (besessen, außer sich), die von cerus, cerrus abgeleitetet sind (siehe oben). Beim Erröten brennt der Kopf - wir sprechen von "brennender Scham". Ein roter Kopf entsteht auch, wenn uns Wut und Zorn in den Kopf steigen - die Augen funkeln und glühen. Etwas ähnliches geschieht in der sexuellen Liebe und Leidenschaft, die in der Antike oft als Prozess des "Schmelzens" und der "Verflüssigung" beschrieben werden. Auch die berühmte Kampfeswut der nordischen Berserker und irischen Helden und die inspirierte Ekstase von Sehern, Propheten und Dichtern wird als ein "in Flammen stehen" beschrieben. Menschen mit einem starken Genius, wie Schamanen, Yogis, Helden und später christliche Heilige wurden deshalb oft mit einem Flammenkranz um den Kopf dargestellt.
Der Genius ist auch eine Kraft, die mit prophetischem Wissen verknüpft ist, eine Quelle der Inspiration jenseits der gewöhnlichen Intelligenz. Der Römer sprach bei einem prophetisch oder intuitiv begabten Menschen davon, dass er Genius habe. Jede unwillkürliche Bewegung, jedes Schaudern, Zittern, Niesen, Erröten usw. hielten für eine Botschaft des Genius von einem Geschehen, das sich jenseits des Horizontes des bewussten Ichs abspielte. Die Natur des betreffenden Geschehens zeigte der Körperteil, der sich bewegte. Das Zucken eines Augenlides konnte bedeuten, dass man die Liebste bald sehen würde; das Läuten in den Ohren, dass jemand gerade über einen sprach; ein Jucken in der Handfläche, dass man bald Geld erhalten würde. So wurde ein Niesen entweder als prophetische äußerung oder dann als Störung des Lebensgeistes im Kopf gedeutet - oder gar als Zeichen dafür, dass der Genius den Kopf verlässt. Das Niesen wurde als ein Nicken (numen) betrachtet, das als spontaner Ausdruck des Lebensgeistes im Kopf für heilig gehalten wurde. Numen ("das Nicken", oder "etwas, das nickt oder genickt wird"), ein zentraler religionswissenschaftlicher Begriff mit der Bedeutung "göttliches Wirken", der uns noch weiter beschäftigen wird, ist nur im Zusammenhang mit der geschilderten Bedeutung des Kopfes als Träger des Genius zu verstehen. Der Genius manifestiert seinen Willen durch das Nicken. Das Nicken galt als etwas Mächtiges, Unwiderstehliches, als unfehlbares Versprechen, das bindend Handeln erforderte. Die Macht im Kopf war der Garant, der die Erfüllung sicherstellte. Nicken war in Rom ein wichtiges Rechtssymbol - davon leitet sich her, dass man noch heute vom "Abnicken" einer Vorlage im Parlament spricht.

Genius und Daimon als Totengeister
Auch der Unsterblichkeitsglaube der Römer gründet sich auf der Geniuslehre. Der Genius ist ja jener Teil des Menschen, der während des Lebens als Gott verehrt wird - ein Status, der mit Unsterblichkeit verbunden ist. Er ist der deus parens, dessen die Angehörigen des Verstorbenen in den parentalia, dem "Fest der Zeugenden", gedenken. Er lebt in einem gewissen Sinn nach dem Tod des Individuums als körperloses Wesen weiter, das manchmal als Genius des Verstorbenen, meist jedoch als umbra (Schatten), anima, oder als lar, larva oder man (Totengeist) bezeichnet wurde, weil nach dem Tod seine zeugende Kraft nicht mehr im Vordergrund steht. Das Erscheinen des Daimon in Schlangenform erklärten sich die Griechen damit, dass die Lebenssäfte aus Mark, Knochen und Gehirn nach dem Tod zusammenfließen, gerinnen und zu einer Schlange werden. Genius und Daimon gehören jedoch, wie bereits erwähnt, im Grunde nicht dem einzelnen Individuum an, sondern stellen die kollektive Reproduktionskraft und unbewusste Identität der ganzen Familie, ursprünglich wohl des gesamten Clans oder Stammes dar. Es wurde immer nur der Genius des pater familias (und die Juno der mater familias) kultisch verehrt; die Familienoberhäupter repräsentierten den Genius der ganzen Familie. Man darf nicht vergessen, dass Vorstellungen wie Genius und Daimon ihren Ursprung in der archaischen Frühzeit der Menschheit haben, als ein individuelles Ichbewusstsein erst in Ansätzen begann, sich aus einem vorbewussten Kollektivbewusstsein ("Gruppenseele") herauszuentwickeln. Der Prozess der Ichbildung vollzog sich zunächst nur in "herausgehobenen Einzelnen", die stellvertretend für die Gruppe Träger des Bewusstseins und Vorbilder für die Bewusstseinsentwicklung aller Individuen wurden (Neumann). Jane Harrison beschreibt in "Epilegomena" die Entstehung der Vorstellung von Göttern und Daimones bei den Griechen aus dem kollektiven Erleben eines starken emotionalen Feldes, das bei religiösen Festen, Tänzen und Ritualen erzeugt wurde. In diesem Feld erlebte das Kollektiv sich selbst als Gott oder Gruppe von Daimones, und die als emotionales Feld erlebte und in der Ekstase wohl auch visionär geschaute Gottheit wurde, wie die Altertumsforscherin schreibt, dann vor allem auf den Anführer des Rituals projiziert, den man daimonon agumenos, den Führer der Daimones, nannte. Er war als "hervorgehobener Einzelner" in der Lage, das unbewusste kollektive Erleben zu fokussieren und ihm Ausdruck zu verleihen. Für den archaischen Menschen, der noch kein festes Ich ausgebildet hat, fließen Innenwelt und Außenwelt noch ineinander, und sein schwaches Ich kann in den flutenden Eindrücken, die ihn ständig zu überwältigen drohen, keine festen Objekte fokussieren. Für ihn ist noch alles ein "Innen" mit psychischem, begeistetem und beseeltem Charakter, eine Wirklichkeit, in der er ständig von Dingen, die unvorhersehbar in seinem Bewusstsein auftauchen, überrascht zu werden droht. Diese unkontrollierbare, "dämonische" Realität bildet auch noch den gemeinsamen Hintergrund des antiken Weltbildes, wenn es auch im Verhältnis zu diesem "Hintergrund" zwischen Römern und Griechen gewisse Unterschiede gibt. Herbert J. Rose meint, der wesentliche Unterschied zwischen der griechischen und der römischen Art und Weise, die Welt zu betrachten, bestehe darin, dass die griechische Religion ursprünglich animistisch (Seelenglauben), die römische präanimistisch (Glaube an eine allgemeine "Kraft", die man in der Völkerkunde mit dem Südseewort mana bezeichnet) sei. Das erkläre auch den mythologischen Reichtum bei den Griechen und die römische Armut an Mythen. Während nach Rose die griechische Religion vor allem vom Seelenglauben geprägt ist, steht bei den Römern die unpersönliche Manifestation der göttlichen Macht des Mana im Vordergrund, das Numen. Die Götter waren ursprünglich "nicht mehr als fokale Punkte von Numen, große Akkumulationen von Mana", und werden erst später zu einer Art von Personen (Rose). Die präanimistische Stufe (dieser Begriff wurde 1900 von dem englischen Religionswissenschaftler Robert R. Marett geprägt) spielte aber in der römischen Religion noch lange eine wichtige Rolle in Form der Genius- und Numen-Lehre. Wenn man allerdings nicht nur die Hochreligion und die literarischen Zeugnisse, sondern den Volksglauben betrachtet, so ist vermutlich der Unterschied nicht mehr sehr groß. Rose und Franz Altheim weisen darauf hin, dass im römischen Weltbild das einmalige, historisch festgelegte Ereignis im Vordergrund steht. Das ganze Wesen der römischen Götter liegt in ihrem Handeln, ihrem Wirken und Tun, in ihrem Hervortreten zu einer bestimmten Stunde. Das Numen meint diese historische Manifestation des Göttlichen, sein spontanes Erscheinen und Wirken. Jeder Gott besitzt sein Numen (numen Jovis, numen Cereris etc.). Genius (aber auch Daimon) sind solche Begriffe für den Handlungsaspekt des Göttlichen, in diesem Fall bezogen auf den Augenblick der Geburt bzw. der Zeugung. Die ältesten römischen Götter sind von gleicher Art. Janus zum Beispiel meint ursprünglich "das Gehen" und wurde dann zum Gott des Beginns einer jeden Handlung. Sein Gegenstück ist Consus, ("das Bergen"), der Gott des Abschlusses jedes Tuns. Es gab sogar einen Vagitanus (Gott des ersten Kinderschreis), Domiducus (Gott des Hochzeitstags) und einen Nodotus (Gott der Knotenbildung im Gras- und Getreidehalm). So wie Janus und Consus regelmäßig wiederkehrende besondere Momente bezeichnen, so steht auch Genius für etwas Wiederkehrendes, nämlich die jeweils einmalige Verkörperung des Sippengeistes und Sippenlebens in einem ihrer Mitglieder oder vielmehr in einer Generation. Die Geburt eines Menschen wird wie ein Omen, oder Prodigium (Zeichen des Göttlichen) betrachtet. Wie es bei Cicero heißt, offenbaren sich Kraft und Numen einer Gottheit vor allem in Prodigien, d.h. "Geschehnissen, die durch ihren ungewöhnlichen Charakter einen Hinweis darstellten, dass das Einvernehmen mit den Göttern gestört war", wobei der Zeitpunkt ihres Auftretens das wichtigste Charakteristikum war. Prodigien spielten im römischen Privat- und öffentlichen Leben eine zentrale Rolle, viele politische Akte wurden nach den durch staatliche Berufsdeuter interpretierten Prodigien ausgerichtet. Wie Altheim betont, waren die Römer sehr diesseitsorientiert und scheinen nur die Manifestation des Göttlichen im Hier und Jetzt beachtet zu haben. Die Griechen hingegen hätten sich viel mit der überzeitlichen Existenz von Göttern und Daimones beschäftigt, während die Offenbarung des Göttlichen in der Zeit für sie nur nebensächlich war. Möglicherweise ist dieser Unterschied darauf zurückzuführen, dass das Ichbewusstsein des römischen Menschen bereits relativ gefestigt war, während der Grieche sich in seinem frisch erworbenen Ich durch jede Manifestation des Unbewussten (des Daimons) noch existenziell bedroht fühlen musste.

Der Daimon als Chthonier
Auf einen Aspekt der griechischen Religion und des Daimon müssen wir noch zu sprechen kommen, der den Zusammenhang des bisher Behandelten mit Landschaft und Orten zu beleuchten beginnt. ähnlich wie der Römer unterschied der Grieche in der Welt des Numinosen zwei Bereiche - sie waren jedoch für ihn viel schärfer getrennt -: die weit entfernte Welt der olympischen Götter, die ihm wohlwollend und ungefährlich erschien, und die Welt des Chthonischen, Unterirdischen, die für ihn nah und oft bedrohlich, aber auch viel bedeutender für seinen Alltag war, weil sie direkt in sein Leben eingriff. Wohl deshalb wird in Griechenland auch die chthonische Natur des Daimonischen und dessen enge Verbindung mit dem Daimon des menschlichen Unbewussten viel deutlicher als bei den Römern. Die Griechen kannten neben den bekannten olympischen Göttern (Zeus, Hera, Ares) auch eine Reihe chthonischer, d.h. im Inneren der Erde hausende Götter. Wie bei allen älteren Göttern waren ihre Konturen sehr unbestimmt. In erster Linie ist hier Gaia (oder Ge), die Erde zu nennen, wohl die chthonische Urgestalt, von der die meisten anderen Chthoniker, wie z.B. Demeter, Kore (deren Tochter) und Chthonia, abgeleitet sind. Es gab auch einen Zeus Chthonios, der mit dem Unterweltgott Hades identisch ist und beschwichtigend auch Pluton oder Zeus Pluteus genannt wurde. Die an Landschaft, Boden und Lokalität gebundenen Kulte dieser Chthoniker sind mit einer sesshaften, ackerbauenden Kultur verbunden und gehören zum ältesten Bestand des griechischen Glaubens. Sie waren dem Volk in der Regel näher als die Verehrung der olympischen Götter, denn sie gewährten Fruchtbarkeit und Segen für den Anbau der Feldfrüchte und für das Fortleben der Familie, nahmen die Seelen der Toten in ihre Tiefe auf und sandten Wahrsagungen von zukünftigen Ereignissen herauf. Man benannte sie gerne mit euphemistischen Namen, die ihre grauenerregenden, ängstigenden Aspekte zugunsten ihrer segensreichen Eigenschaften verschleierten. So wurde z.B. Hades meist Pluton genannt, um ihn bei seiner Wohlstand und Erntesegen spendenden Eigenschaft zu beschwören. Man hatte dem Chthonischen gegenüber ein ähnliches Gefühl von Scheu, wie in Bezug auf den Daimon. Angst machte dabei vor allem, dass die unkontrollierbaren Eingriffe dieser Kraft in das Leben jederzeit erfolgen konnten und die frisch errungene Kontrolle des bewussten Ich über Persönlichkeit und Umwelt in Frage stellte.

Daimon und Heros
Diese ähnlichkeit ist kein Zufall, denn auch der Daimon (bzw. Genius) ist ein Chthonier, und es gibt viele Hinweise darauf, dass der Daimon im Menschen und die daimonische Welt unter der Erde identisch sein müssen. Das zeigt sich deutlich in der griechischen Heroenlehre. Die Heroen, zu denen es kein römisches Gegenstück gibt, sind Verstorbene, die sich bereits während ihrer Lebenszeit durch ihren Daimon als "hervorgehobene Einzelne" hervorgetan haben und die nach ihrem Tod als "mächtige Tote" (Nilsson) eine Art Halbgötter darstellen. Nilsson schreibt, dass Heroisierung nicht auf Heiligkeit oder Verdiensten während des Lebens beruhte, sondern auf einer besonderen, dem Toten anhaftenden Kraft, die auch bösartig sein konnte. Die Macht des Heros ist an sein Grab gebunden und wirkt lokal im Umkreis des Grabes und für "seine" Familie, Gruppe, Stadt usw. Der Glaube an diese fortwirkende Macht übertrug diese auch auf den Grabstein, von dem man annahm, dass er die Macht des Daimon enthielt. Das Hauptereignis des Kultes war das Mahl zu Ehren des Heros. Vom besänftigten Heros wurden Fruchtbarkeit der Felder, Heilungen, Geschäfts- und Kriegsglück und mantische Weisungen erwartet. Eine Art von Heroen sind die "eponymen Heroen", nach denen ganze Geschlechter benannt sind, wie z.B. die mythischen Könige von Athen - Kekrops, nach dem das Geschlecht der Kekropiden, oder Erichthonios, von dem die Erichthoniden ihren Namen haben (Harrison). Sie werden als Schlangen-Daimones mit menschlichem Oberkörper und dem Unterleib einer Schlange dargestellt. In neu angelegten Städten wird meist der Gründer zum Heros Ktistes (Gründer-Heros), der oft auf dem Marktplatz bestattet ist. Die zehn Phylen (Stämme), die nach der Reform des Kleisthenes im Jahre 510 in Athen die alten Geschlechterverbände ersetzten, waren nach je einem Heros benannt; auf dem Athener Marktplatz wurden zehn Heroengräber angelegt. Daimones und Heroen wurden von den Pythagoräern und dann auch von Plato als Zwischenstufen zwischen Göttern und Menschen betrachtet (Burkert, Lore). In Hesiods (ca. 700 v.Chr.) "Erzählung von den fünf Menschengeschlechtern" schufen die Götter zuerst das goldene Geschlecht, das ohne Alter, Krankheit und Sorge gelebt habe; die Menschen dieses Geschlechts wurden nach dem Tod zu mächtigen Dai-mo-nes. Das darauf folgende silberne Geschlecht hatte keinen Respekt vor den Göttern: es wurde -vertilgt und zu unterirdischen Daimones, ebenfalls mächtig und verehrt von den Menschen. Die Angehörigen des ehernen Ge-schlech-tes waren gewalttätig und harten Sinnes; sie vernichteten sich gegenseitig und kamen in den Hades. Das nachfolgende Geschlecht der Heroen, das um Theben und Troia kämpfte, war gerechter und besser, es wohnt nach dem Tode auf den Inseln der Seligen. Das Geschlecht des eisernen Zeitalters ist das der sterblichen Zeitgenossen Hesiods. Es wird von Sorgen, Faustrecht und Feindschaft beherrscht. Das Interessante an Hesiods Darstellung ist, dass nur die einst Verstorbenen zu Geistern werden, die in der heutigen Welt wirken, nicht aber die zeitgenössischen Toten.

Der Genius und die Kraftwesen der Traumzeit
Diese Eigenschaften der Daimones und Heroen lassen es als berechtigt erscheinen, einen Bezug zwischen ihnen (bzw. den Genien der Römer) und den „Ahnen der Traumzeit“ der australischen Aborigines herzustellen. Die australischen Ureinwohner führen ihre Existenz auf mythische, halb göttliche, halb menschliche Wesen einer überzeitlichen Urzeit zurück. Diese Geister-Ahnen der jeweiligen Clans haben die Landschaft mit ihrem eigenen Leib geschaffen, indem sie in der „Traumzeit“ zu Felsen, Quellen, Bäumen, Bergen und anderen Teilen der Landschaft wurden. Die Identität eines Clanmitglieds der Aborigines ist eine kollektive und besteht in der Teilhabe an einem dieser Kraftwesen, das gleichzeitig als Ortsgeist am mythischen Ursprungsort des Clans und als Seelenteil in jedem Clanmitglied lebt. Es kann auch als Totemtier z.B. in der Gestalt eines Känguruhs oder einer Eidechse erscheinen und stellvertretend in Kraftobjekten, den Dschuringas, bemalten Steinen oder Holzstücken, gegenwärtig sein.

Der Genius Loci
Personalgenius und Ortsgenius (Genius Loci) sind somit letztlich gar nicht zwei verschiedene Dinge, als die sie in der Fachliteratur erscheinen, sondern bilden ein einheitliches Phänomen, das in zwei unterschiedlichen Aspekten zu Tage tritt. Der Genius ist eine Art Gruppengeist oder eine Gruppenseele, die alle Individuen einer Familie oder Sippe einerseits miteinander und mit den verstorbenen Mitgliedern, den Ahnen, auf der anderen Seite mit dem Ursprungs- und „Wohnort“ des Gruppengeistes verbindet. Der Personalgenius, der das Chthonische, Unterirdische im Menschen darstellt, ist identisch oder verbunden mit der Unterwelt der Erde, mit jenem verborgenen Reservoir des Mana, der zeugenden Lebenskraft der Vorfahren, aus dem diese in den Kreislauf der Wiedergeburten eingespeist wird. In meinem Buch „Unsere Seele kann fliegen“ habe ich diese Kraft, in moderne Begriffe übersetzt, die „stammeseigenen morphogenetischen Felder“ genannt.
Von dort möchte ich weiter zitieren: „In Ngama in Zentralaustralien liegt eine Felsgruppe, in der man verschiedene hundeähnliche Formen sehen kann: sie war nach der einheimischen Mythologie Wohnort der ersten Familie wilder Hunde und wird als magisches Hervorbringungszentrum der Spezies betrachtet, wo die Eingeborenen Zeremonien zur Steigerung der Hun-depo-pu--lation verrichten. Dieselbe Funktion haben unsere Kultorte für menschliche Stämme oder Stammesverbände: sie sind der zentrale Quell der Lebenskraft aller, die vom Ahn abstammen, die Wurzel der Herkunft. Wenn man feststellt, dass die Rituale, die mit solchen Orten verbunden sind, Fruchtbarkeitsrituale sind, darf man nicht vergessen, dass die Kraft, die hier entspringt und die in den Ritualen jährlich erneuert werden muss, auf keinen Fall plump sexuell verstanden werden darf. Dieselbe sexuelle Energie, die in diesen ‚Points d’amour‘ (Robert Charroux) wohnt, ist auch Geist und Seele, das Wesen des Ahns und des Stamms sowie der Landschaft der Umgebung. Die Orte sind auch Quell der Inspiration, Zugang zur kollektiven Erinnerung, zur Information, die im Stammesarchetyp wohnt, sind auch Orakel.“
„Steine und Stöcke“ – die Charakterisierung des englischen Archäologen Sir Arthur Evans für die wesentlichen Elemente der mykenischen Kultur im frühen Griechenland – verkörpern in der archaischen Landschaft solche Mana-Sitze, und nach unseren Erläuterungen über die Bedeutung des Kopfes sehen wir, dass es kein Zufall ist, dass Felsen, Baumstümpfe, Pfähle und Menhire als Sitze des „Kopfgeistes“ später oft mit Köpfen versehen oder als Penis gestaltet wurden, wurde doch dessen „Kopf“ zum Haupt der menschlichen Gestalt in Beziehung gesetzt. Das prominentes-te Beispiel im alten Griechenland ist der „Kopfgott“, Seelenführer und Beschützer der Wege, Hermes, dessen Darstellungen als geflügelter Phallus oder Kopf in der griechischen Landschaft der Antike überall anzutreffen waren. Vom Zusammenhang zwischen Kopf und Genius zeugen auch die vielen Kopf-Orte, vom römischen Kapitol (capitolium = Ort des Kopfes) über das Jerusalemer Golgatha bis zum White Hill in London, wo der Kopf des keltischen Unterweltgottes Bran begraben sein soll.
Vor diesem Hintergrund sind auch die spärlichen Zeugnisse zu sehen, die wir von römischen Autoren über den Genius Loci haben. Wie Menschen und Gruppen von Menschen, so schrieb der Römer auch jedem Ort der natürlichen Landschaft einen Genius zu. Es gibt den genius montis (Genius des Berges), genius valli, fontis, fluminis (Genius des Tales, der Quelle, des Flusses), sogar nur einen genius huius loci montis (dieser Stelle des Berges). Aber auch alle vom Menschen geschaffenen örtlichen Strukturen besaßen für den Römer ihren Genius Loci als Schutzgeist. Dazu schreibt der Schriftsteller Prudentius: „Auch den Toren pflegt ihr einen Genius zuzuschreiben, den Häusern, den Thermen, den Ställen und für jeden Ort und alle Glieder der Stadt viele tausend Genien anzunehmen, so dass kein Winkel des ihm eigenen Schattengeistes entbehre“ (Birt). So findet man genius theatri, thermarum, horrei (Kornspeicher), stabuli, curiae etc. Die Zueignung eines Ortes oder Gebäudes an einen Genius verlieh Schutz gegen Unbill und Verunreinigung. Auch Provinzen, Dörfer, Städte und Gemeinden haben ihren Genius Loci: genius vici, oppidi, municipi, Genius Cartagini (Karthago), Lugduni (Lyon), genius urbis Roma (Stadt Rom). Manchmal wurden diese Genien auf den Denkmälern oder in der Literatur mit bestimmten Göttern identifiziert (Apollo, Mars, Herkules etc.), die deus patrius (väterlicher Gott) und genius coloniae (Genius der Kolonie, Siedlung) sind, oft aber heißen sie ohne nähere Kennzeichnung einfach genius huius loci (Genius dieser Stätte). Über Orte, an denen ein Genius wohnte, konnte der Römer sagen, numen inest (darin wohnt ein Geist, das göttliche Numen), wie der Dichter Ovid in den „Fasti“ (III, 296–7) über den Aventinhügel. Die griechische Entsprechung dazu wäre daimonios ho topos (Rose). Tempel wurden vielen Lokalgenien erbaut, aber nur denen von allgemeinerer Bedeutung. Bei diesen fehlte oft sogar ein schriftlicher Hinweis; die Gegenwart eines Genius wurde dann nur durch das Bild einer Schlange angedeutet. In den Häusern hielten die Römer meist lebende Schlangen, die als identisch mit den Ortsgenien galten; der Tod einer solchen Hausschlange galt als böses Omen.
Obwohl noch ganz durch die antiken Diskussionen über das Wesen von Genius und Daimon informiert, kündigt die Auseinandersetzung der Schweizer Humanisten Vadian und Gesner um den Genius loci zu Beginn des 16.Jhdt. schon die heutigen Diskussionen an. Der St. Galler Reformator Vadian, der 1518 nach jahrhundertelangem amtlichem Verbot als erster den Berg Pilatus in der Nähe von Luzern bestieg, um den berühmten „verwünschten See“ zu besichtigen und einen persönlichen Augenschein am Ort vieler alter Sagen zu nehmen, schrieb in seinem Bericht, dass gewisse Orte sich durch ein numen aliquod naturae (ein gewisses Numen der Natur) auszeichneten – er verwendete auch die Begriffe numen loci und genius loci – das er sich als eine Art Kraftstoff-Konzentration vorstellte und natürlichen Ursachen zuschrieb. Die Natur tue nichts Plötzliches und Unangekündigtes, und kleinste Ursachen könnten keine großen Wirkungen haben. Der Zürcher Naturforscher und Arzt Konrad Gesner hingegen sah im Genius loci das Wirken von Geistern und Dämonen.

Literatur: Franz Altheim: Römische Religionsgeschichte. Walter de Gruyter Verlag, 1956. Marco Bischof: Gesichter der Steinzeit. In: Unsere Seele kann fliegen. Verlag im Waldgut, Wald/Schweiz 1985, S.85-104; Jane Ellen Harrison: Epilegomena to the Study of Greek Religion and Themis. University Books, New Hyde Park, N.Y. 1962;
Robert Kozijanic: Der Geist eines Ortes. Kleine Kulturgeschichte des Genius Loci. Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript; Christian Norberg-Schulz: Genius Loci. Landschaft, Lebensraum, Baukunst. Klett-Cotta, Stuttgart 1982; Richard Broxton Onians: The Origins of European Thought About the Body, the Mind, the Soul, the World, Time, and Fate. Cambridge University Press, 1951; W.F. Otto: Genius. In: Georg Wissowa / Wilhelm Kroll (Hrsg.): Paulys Real-Encyclopädie der Classischen Altertumswissenschaft. Neue Bearbeitung. J.B.Metzler, Stuttgart 1910, Bd.13, Spalten 1155-1170; W.H. Roscher: Genius. In: Mythologisches Lexikon, Bd.1,2. Teubner, 1884-1890; Herbert Jennings Rose: On the original significance of the genius. The Classical Quarterly, Vol.17 (1923), S.57-60;


Die ungekürzte Langfassung dieses Beitrags wird demnächst im Sammelband „Genius Loci" im Drachen Verlag veröffentlicht: www.drachenverlag.de.