Jungbrunnen in Avalon

Der Chalice Well in Glastonbury

von Ingeborg M. Lüdeling erschienen in Hagia Chora 5/2000

Sagen, Märchen und Legenden bezeugen, dass Wasser von Anbeginn der Zeiten verehrt wurde. Der klare Lebenssaft ist eines unserer kostbarsten Güter - lebendig und wandlungsfähig. Ingeborg Lüdeling entführt uns zur Insel von Avalon, wo die nährende Kraft des Wassers eindrucksvoll erfahren werden kann.

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Tief im Schoß der Erde, neben funkelnden Kristallen, singt stetig tropfendes Wasser seine eigene Melodie. Auf ihrem langen Weg durch den dunklen Erdenschoß fließen Silberfäden an erzhaltigem Gestein vorüber, sammeln Spuren von Mineralien ein und werden Träger der Lebenskräfte. Quellen, die Geburtsorte springender Bäche, sind ein Ort des Friedens und der Harmonie. Morgens, in den Nebeln über den Quellteichen, tanzen Elfen ihren Reigen. Die Sonne zaubert glänzende Spiegel ins Wasser und lässt den sorgengeplagten Menschen einen Augenblick Vergessen finden. Wasser ist der Schlüssel zur Entstehung des Lebens auf unserem Planeten.
Unter ihrem nachtblauen Mantel bewirkt die dunkle Erdgöttin mit ihrem Wasser das Wunder des Wachsens und Werdens. Am Anfang der Zeiten, als die Menschen die Erde noch als ihre Mutter ansahen, wurden zu ihrer Ehre viele Feste gefeiert, aus Ehrfurcht für das lebenserhaltende Wasser, oder aus Dankbarkeit für Heilungen von Krankheiten. Viele fröhliche und besinnliche Feste, Fruchtbarkeitsriten und Reinigungsrituale fanden an verwunschenen Quellen, stillen Seen und rauschenden Gebirgsbächen statt.
Jesus verwandelte Wasser in Wein, und auch heute ist es bekannt, dass sich Wassehr gut informieren lässt. Wir nehmen uns hin und wieder ein kleines Glasröhrchen voll heiligen Wassers wegen seiner guten Schwingung mit nach Hause. Glastonbury im Süden Englands ist das alte Avalon der Kelten. Früher als Insel in den Marschen des Bristol-Channels gelegen, war und ist der eindrucksvolle Glastonbury Tor (kelt. = Berg) eine weithin sichtbare Wegemarke für den spirituell Suchenden. Im Keltenreich war Avalon die paradiesische Insel der Apfelbäume und in den Zeiten des Übergangs zum Christentum die Gläserne Insel. Bevor Heinrich VIII. mit der Zerstörung der Kirchgüter begann, war Glastonbury Sitz einer der bedeutendsten Abteien Englands. Inmitten der betriebsamen Hektik der Gegenwart haben einige Hüter des Wissens ein kleines Refugium geschaffen, in dem ein Schatz ganz besonderer Art aufbewahrt wird. Das Refugium ist ein kleiner, gartenähnlicher Park, unterhalb des Tors am Fuße des Chalice Hill (= Kelchhügel) gelegen. Dort gibt es die rote Quelle, die Chalice Well oder Blutquelle genannt wird, die wir jetzt besuchen wollen. Wir treten durch einen Mauerdurchlass und befinden uns unvermittelt in einem wunderschönen Meditationsgarten. Der Lärm der vielbefahrenen Ausfallstraße verweht, statt dessen schwebt harmonische Ruhe über diesem Ort. Der orientierende Blick bleibt an dem Auffangbecken eines Wasserspiels hängen, das aus zwei ineinander greifenden Kreisen konstruiert ist. Über eine Reihe von Steinschalen, die jeweils wie eine liegende Acht ausgebildet sind, schwappt der Wasserfluss tänzelnd von einer Seite auf die andere hinunter in das obere der beiden flachen Becken. Rings um diese seltsam geformte Wasserkunst erstreckt sich ein Blütenmeer in den schönsten Farben, die zusammen mit dem seltenen Orangerot des Wassers zu allen Jahreszeiten einladend strahlen. Unser Weg führt uns weiter gegen den Strom des Wassers, und wir erreichen einen kleinen Wasserfall, in dem neben einer lauschigen Bank im Schatten eines ehrwürdigen Baumes kristallklares Wasser durch und über bemoostes Mauerwerk plätschert. Wir folgen auch diesem Gerinne und gelangen auf einen schmalen Weg, der durch eine Vielzahl von Kräutern und Blumen führt. Unwillkürlich senkt sich unser Blick, und wir entdecken neben Käfern und Schmetterlingen eine ganze Reihe von Fossilien in den Natursteinen des Weges. Vor uns öffnet sich eine bunte, sanft ansteigende Blumenwiese, die von einer Steinmauer begrenzt wird. Unser Blick wird von einem Löwenkopf in der Mauer angezogen, aus dessen Maul das kristallklare Wasser in ein halbrundes Becken sprudelt. Auch hier hat das Wasser seine typische Färbung hinterlassen. Auf einem runden Stein inmitten des Beckens steht - vom unermüdlichen Wasserstrahl immer wieder auf natürliche Art gesäubert - ein Trinkglas. Es ist still hier, nur das Plätschern des Wassers ist zu hören. "Komm, trink mich", ruft eine Stimme mit plätscherndem Unterton. Angezogen von diesem zarten Ruf fühlen wir in den Wasserstrahl hinein. Das Wasser ist sehr kalt, aber dabei angenehm weich. Ein wohliger Schauer läuft uns dabei über den Rücken. Wir füllen das Glas mit dem perlenden Nass und betrachten zunächst seine Klarheit, die sich in dem orangerot gefärbten Trinkgefäß spiegelt. Wir nehmen einen kräftigen Schluck und in wenigen Minuten füllt sich unser Körper mit Ausgeglichenheit und Ruhe. Andere Menschen kommen zu dem sprudelnden Quell, einige mit Flaschen, um hier Trinkwasser zu holen. Wir erfahren, dass viele Bewohner von Glastonbury auf die außergewöhnliche Qualität schwören und zum Teil seit vielen Jahren ausschließlich dieses Wasser trinken. Das sanfte Plätschern der Quelle übt auf alle Besucher eine besondere Wirkung aus. Geduldig wartet jeder, bis er das Wasser schöpfen kann. Alle scheinen froh zu sein, der Hektik draußen für eine Zeitlang entronnen zu sein. Hier an dem Löwenmaul ist ein zeitloser Raum oder eine Nische, wo die Zeit Raum lässt für die absolute Ruhe, Harmonie und unbeschwertes Glück. Entlang des tanzenden Wasserstrahls tauchen wir in die Tiefen unseres Seins. Hier, rund um das rotbraune Becken am Ende der glitzernden Kristallschnur, ist so viel "Sein": Steine, Wasser, Blumen, Tiere und Menschen. Über allem strahlt der Himmel und leuchtet der endlose Raum. Der Friede und die Schönheit dieses Ortes lässt unsere Herzen weit werden und vor Glück überquellen. Der Wasserstrahl aus dem Chalice Well verzaubert uns. Das Nass des Wassers macht uns auf für neues, klares Denken und Fühlen. Seine perlenden Tropfen benetzen nicht nur das Quellbecken, sie inspirieren auch unsere Herzen. Geläutert machen wir uns nun auf den Weg, um das Geheimnis des Wasserstrahls aus dem Löwenmaul zu ergründen. Wir durchqueren eine grüne Blumenwiese, in deren Mitte ein gezwieselter Dornbusch steht. In den Zweigen hat sich gerade ein Rotkehlchen niedergelassen. Am Ende des Weges befindet sich eine Pforte inmitten eines prächtigen Rosenspaliers. Behutsam öffnen wir sie und gelangen in einen etwas abgesenkten Bereich - eine rund angelegte, ebene Oase inmitten einer üppig efeubewachsenen Baumbepflanzung und Farnkräutern. Im Zentrum des kleinen Rondells befindet sich ein hölzerner Brunnendeckel, auf dessen schmiedeeiserner Einfassung sich kunstvoll das Symbol der ineinanderliegenden Ringe wiederholt. Das Mauerwerk und das Pflaster neben der Brunneneinfassung sind liebevoll mit einer Reihe von schönen, spiralförmigen Fossilien geschmückt. Wir öffnen den Deckel des Brunnens und schauen gebannt in die Vegetation der Kammer. Farn und unwirklich grüne Moose strahlen uns unter einem gedrechselten Eisengitter entgegen. In der Tiefe einer normalen Armlänge sehen wir unsere Spiegelbilder in der ruhenden Wasserfläche des Brunnens. Dieser sichtbare Brunnenschacht ist Teil einer Quellfassung, in der sich täglich über 100 Kubikmeter Wasser mit einer gleichbleibenden Temperatur von 11° C sammelt. In Glastonbury wird diese Quelle "Blood Spring "genannt, wohl aufgrund des starken Eisengehaltes des Wassers. Der Name Chalice Well geht auf eine Legende zurück: Joseph von Arimathia war auf seiner Fahrt aus Palästina auf die heilige Insel Avalon gelangt und gründete dort mit seinen Getreuen eine kleine Siedlung, das neue Jerusalem. Mit sich führte er den Kelch, mit dem er das Blut Jesu aufgefangen hatte. In der Senke zwischen dem hochragenden Tor und dem heutigen Chalice Hill entsprangen zwei Quellen, deren Wasser sich nach kleiner Wegstrecke mischten. In der linken der beiden Quellen soll Joseph den durch Jesu Blut geweihten Kelch gewaschen haben. Dadurch wurde das Wasser für immer rot gefärbt. Der Kelch wurde nach seinem Tod in eine Schatzkammer tief im Inneren des Chalice Hill gebracht. Früher wurde er an hohen Festtagen hervorgeholt und diente zur Erinnerung an Jesus und seine Leiden am Kreuz. Wem auch immer das Glück beschieden war, aus ihm zu trinken, der litt nie wieder Durst, denn der Kelch war für ihn eine Quelle des Lebenswassers im Inneren seiner Seele.1 Die andere, gegenüberliegende Quelle liefert bis auf den heutigen Tag klares, "weißes " Wasser. Während bis vor einiger Zeit diese Quelle - White Spring genannt - zur Wasserversorgung von Glastonbury verwendet wurde, war die Blood Spring eher bei den Mönchen im Mittelalter beliebt. Archäologen haben nachgewiesen, dass früher von hier aus das Wasser in Holzrohren zur etwa einen Kilometer entfernten Abtei geleitet wurde. Während die White Spring also eher profanen Zwecken vorbehalten war, stand die rote Quelle schon seit alters her in dem Ruf, besonders heilkräftig zu sein. Von dem großen englischen Magier John Dee - ein Zeitgenosse Elisabeths I. - wird berichtet, dass er von der roten Quelle trank. - Wollte er damit an der Schwingung des heiligen Grals teilhaben?