Kirchenkreuze, Geisterwege, Machtsymbole

Was wir wirklich über Leys wissen

von Ulrich Magin erschienen in Hagia Chora 3/1999

Eine kontroverse Position zu energetischen Konzepten bringt Ulrich Magin in die Leyline-Diskussion ein. Er betrachtet das Phänomen der geraden Linien als Ausdruck symbolischer Landschaftsgestaltung der jeweiligen Kultur. Anhand von Belegen aus historischer Zeit schließt Magin auf analoge Motive, die auch unsere Ahnen aus der megalithischen Epoche dazu bewegt haben könnten, ihre Bauwerke - sakrale wie profane - auf den rätselhaften Geraden aufzureihen.

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (1.14 MB)

Vor 5000 Jahren schleppten Menschen in Grundoldendorf bei Hamburg mächtige Steinblöcke herbei, um vier riesige Hünenbetten zu errichten, Gemeinschaftsgräber für ihre Sippe. Drei dieser Megalithgräber liegen in einer geraden Linie hintereinander. In der gleichen Epoche wurde aus Felsplatten das Steinkammerngrab von Züschen in Nordhessen errichtet. Am Kopfende des Grabes wird eine Platte von einem "Seelenloch" durchbrochen. Das Loch liegt auf der Achse des Grabes, und seine Verlängerung zielt genau auf den fünf Kilometer entfernten Wartberg. Dort lebten die Menschen, die die Megalithen errichtet hatten.
Drei Jahrtausende später wurde ein keltischer Fürst unter einem gewaltigen Grabhügel im hessischen Glauberg bestattet. Der Tumulus war von einem Ringgraben umgeben, von dem aus zwei kerzengerade Gräben 300 Meter weit nach Südwest liefen, die eine knapp siebeneinhalb Meter breite Prozessionsstraße begrenzten.
Das Danewerk bei Schleswig war eine der großen Grenzanlagen des Mittelalters. Mehrere Gräben und Wälle trennten das Frankenreich von Dänemark, darunter der 6,5 Kilometer lange, gerade Kograben, dessen Wall immerhin anderthalb Meter Höhe erreichte. Bei seiner Konstruktion war die Geradlinigkeit wichtiger als jede Rücksicht auf die Topographie, wie der Ausgräber Herbert Jankuhn feststellte.
Im Leistruper Wald bei Detmold befindet sich eine der merkwürdigsten archäologischen Anlagen Deutschlands: Wie im bretonischen Carnac laufen zwei Steinreihen parallel zueinander neben zwei hufeisenförmigen Steinsetzungen, einem Steinkreis sowie zahlreichen Hügelgräbern. Ob sie aus der Steinzeit, der Bronzezeit oder gar aus einer viel späteren Epoche stammen, weiß niemand zu sagen. Eines der Gräber wurde 1979 geöffnet, es datiert aus der Bronzezeit.

Profane und sakrale Linien
Immer wieder kann man feststellen, daß Kirchen, Menhire und Kultplätze auf geraden Linien liegen, die ungeachtet der Topographie quer über Berg und Tal ziehen - den Leys. Was diese Leys bedeuten, darüber gehen die Ansichten auseinander: "Leylines" seien Kanäle von Erdstrahlen, so die einen, prähistorische Fluglinien, so andere, oder astronomische Sichtlinien und "prähistorische Observatorien". Nur wenige Autoren, so scheint es, kümmert, was die Erbauer oder Konstrukteure von Liniensystemen über ihre Absicht sagten. Wie die wenigen Beispiele schon zeigen, haben diese Linien, die - konkret oder symbolisch - schnurgerade über die Landschaft laufen, ganz unterschiedliche Funktionen. Viele scheinen sakraler Natur gewesen zu sein - häufig Bestandteil eines Totenkults - wie die Leys von Züschen oder vom Glauberg. Andere wieder waren wohl vollkommen profan (etwa Römerstraßen, der Limes und das Danewerk). Theorien über Leys der Vorgeschichte bleiben jedoch reine Mutmaßung. Wenn wir uns nicht auf die Subjektivität menschlicher Empfindung verlassen wollen, sollten wir die geraden Landschaftslinien des Mittelalters betrachten, über die es schriftliche Dokumente gibt, um das Phänomen zu begreifen und einzuordnen.

Die Salischen Kirchenkreuze
Das 11. Jahrhundert war die Zeit der salischen Kaiser. Ihr Anspruch - bis zum Gang nach Canossa - war es, Stellvertreter Christi auf Erden zu sein. Mit gewaltigen Dombauten und der Anlage riesiger symbolischer Landschaften - der "Kirchenkreuze" - verliehen sie dieser Idee Ausdruck. In der salischen Stadt, in Worms, Goslar und Paderborn, wohl auch in Würzburg und Zürich, wird der streng von Ost nach West ausgerichtete Dom durch vier außenliegende Kirchen ergänzt, die mit der Kathedrale im Mittelpunkt ein stadtumspannendes Kreuz bilden.
Im niederländischen Utrecht beauftragte Kaiser Heinrich III. Bischof Bernold (1027-1054) mit dem Bau von vier neuen Kirchen. Die durch diese Kirchen gebildeten Linien schneiden sich genau in der Vierung des Utrechter Doms und verlängern so die Bischofskirche, die wie alle romanischen und gotischen Kirchen in Kreuzform angelegt ist, symbolisch. Unter der Vierung lag das Herz von Konrad II. begraben, sein Körper wurde in Speyer bestattet. Dort kann man möglicherweise die Weiterentwicklung der salischen Kirchenkreuze beobachten.

Von der Stadt in die Landschaft
In Speyer wird auf den Nord-Süd-Arm der Kreuzlinien verzichtet, dafür aber die Domachse in die Landschaft hinein verlängert. Sie zeigt auf die Kalmit im Westen, den höchsten Gipfel der Pfalz, und auf ihrem Weg folgt ihr die Hauptstraße. Der Ley verlässt die Stadt durch das prachtvolle Stadttor Altpörtel, die Kirchen von Dudenhofen und Hanhofen liegen auf der Linie, ebenso Marientraut, die Burg des Bischofs von Speyer. In Verlängerung dieser Linie nach Osten befindet sich am Rhein die Stelle, an der der Sage nach die Geister der im Dom begrabenen Kaiser mit einem Nachen über den Rhein setzen, wenn immer Deutschland in Gefahr ist. Das ist ein interessanter Punkt, denn er verbindet die salischen Leys mit den viel späteren Traditionen von "Geisterwegen".
Denn Leys sind diese salischen Linien wirklich. Sie sind durch einzelne Punkte von sakraler Bedeutung markiert und laufen - im Fall der salischen Städte - kilometerweit, im Falle des Speyerer Leys sogar 25 km weit. In Ostfrankreich ist die salische Idee des Kathedralenkreuzes dann in die Landschaft projiziert, hier kann man noch heute das ursprüngliche "Lothringer Kreuz" finden. Im Schnittpunkt der Linien liegt die Benediktinerabtei St. Hydulphe von Moyenmouthier (das "mittlere Münster"), im Westen Notre-Dame von Etival-Clairefontaine, im Osten die im 7. Jahrhundert gegründete St. Gondelbert in Senones, im Süden die Kathedrale von Saint-Di und im Norden Bonmouthier. Jeder der Arme ist zwischen drei und fünf Kilometer lang.
Möglicherweise ist die Idee der christlichen heiligen Landschaft älter als die Zeit der Salier, denn die Abtei von Moyenmouthier wurde um 800 von St. Hydulphe als Hauptkirche von vier weiteren Kirchen gegründet: eben Saint-Di, Etival, Senones und Bonmouthier.

Geisterwege
Vielleicht mit diesen mittelalterlichen Leys verknüpft ist die aus dem letzten Jahrhundert bezeugte Sage der Geisterwege, die allerdings auch noch weitere Ursprünge haben könnte. Der "Geisterweg", definiert das "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens", "ist immer derselbe, auf ihm begegnet man sehr oft den Geistern. Stets zieht er in gerader Linie über Berg und Tal, über Wasser und durch Sümpfe (Irrlichter!), in den Dörfern hart über die Häuser hin oder mitten durch sie hindurch. Entweder geht er von einem Friedhof aus oder endet daselbst. Diese Vorstellung hängt mit dem früher verbreiteten Brauch zusammen, die Leiche auf besonderen Totenwegen zum Friedhof zu fahren, so dass also diesem Weg dieselbe Eigenschaft zukommt wie dem Friedhof selbst, er ist ein Tummelplatz der Totengeister." Einzelne Geisterwege wurden aus dem Vogtland, der Oberpfalz und dem Schweizer Kanton Unterwalden gemeldet.
Recht anschaulich berichtet eine Sage von 1840 aus dem ostpreußischen Ragnit von einem Geisterweg, der uns zugleich einen Einblick in das Weltbild der Menschen gewährt, die an diese Linien glaubten. Eine "Leichenflugbahn" verband den deutschen mit dem litauischen Friedhof der Stadt. Sie war nur wenige Fuß breit und befand sich knapp über dem Erdboden. Auf dem Strich zwischen beiden Friedhöfen "leidet es weder Baum noch Strauch, weder Haus, noch Mauer, noch Zaun oder Hecke, denn die Toten ... besuchen sich in stürmischen Nächten und fliegen in der Luft von einem Gottesacker zum anderen. Sie fliegen aber nicht hoch über der Erde, und deshalb leiden sie auch keinen nur wenige Ellen hohen Gegenstand auf ihrem Weg." In der Sage baut ein Städter, der den Einheimischen keinen Glauben schenkt, sein Haus mitten auf der Bahn. Die Strafe folgt sogleich, denn immer wieder reißen die in der stürmischen Nacht vorbeiziehenden Toten das Haus ein. Als der Bauherr schließlich aufgibt, "baute (er) sein Haus ein wenig seitab, so dass es nicht mehr zwischen den Gottesäckern lag. Dort hat es viele stürmische Nächte ausgehalten und steht heute noch." Ein anderer Bauherr beobachtete den Flug der Leichen und steckte ihre Bahn mit Fähnchen ab. Er vermied so, dass sein Haus niedergerissen wurde.

Machtdemonstration
Die letzten Leys, die in Deutschland konstruiert wurden, sind allerdings jeder spirituellen Bedeutung beraubt und ganz auf den Ausdruck der Macht des Regenten konzentriert. Die Landschaftslinien des Barock sind als die jüngsten Leys noch heute auf Landkarten einfach zu finden. Am faszinierendsten, weil sie sich auf den viel früheren Ley von Speyer bezieht, ist die um 1720 angelegte Linie von Schwetzingen. Die Achse des Schlossparks ist als Straße in der Landschaft angelegt, sie verbindet, auch optisch, sehr eindrucksvoll die beiden höchsten Erhebungen auf dem Gebiet der Kurpfalz, den Königstuhl bei Heidelberg und die Kalmit in der Pfalz.
Das Schloss im badischen Rastatt, 1699 durch Markgraf Ludwig Wilhelm erbaut, ist mit seiner Achse, die auch als 15 km lange schnurgerade Allee in der Landschaft angelegt ist, ausgerichtet auf die markgräfliche Nachbarstadt Ettlingen.
Rund um Stuttgart ließ Ende des 18. Jahrhunderts Herzog Carl Eugen seine Schlösser Solitude, Ludwigsburg, Favorite, Monrepos und Bärenschlössle durch ein gewaltiges Liniensystem mit Einzelgeraden von bis zu 13 Kilometern miteinander verbinden. Alleen überziehen ebenso schnurgerade die Felder und die Wälder; sie wurden zur Jagd benutzt.

Geomantie im Dritten Reich
Den Begriff "Ley" prägte 1922 der englische Hobbyforscher Alfred Watkins in seinem Buch "Early British Trackways"; er sollte geradlinige steinzeitliche Handelsrouten beschreiben. Unabhängig davon hatte der nationalistische Träumer Wilhelm Teudt ähnliche Alignements bemerkt, die von den Externsteinen ausgingen und die er "heilige Linien" nannte. Aufgrund seiner völkischen Gesinnung frohlockte Teudt über den Sieg des Nationalsozialismus; schnell bot er sich den Machthabern an, ihre Rassentheorie durch seine Entdeckung "germanischer Sternwarten" zu untermauern. Er integrierte seine Forschungen rasch in das "Ahnenerbe", das pseudowissenschaftliche Institut der SS. "Heilige Linien" wurden bald zum Dogma und zu einer mächtigen Waffe im Kampf gegen das "verjudete Christentum". Völkische Forscher fanden in jedem Gau germanische Sternwarten (deren Liniensysteme einer Überprüfung nicht standhalten), viele schreckten auch vor Fälschungen nicht zurück.
Zwar setzten die Nationalsozialisten die entdeckten "heiligen Linien" gerne ein, um die Überlegenheit des germanischen Menschen zu beweisen, doch wussten sie genau, dass es sich dabei um Humbug handelte. So hatte kein einziger Vertreter des Ahnenerbes Bedenken, als 1937 ein "germanischer Sternentempel" im badischen Rastatt zerstört wurde, weil das Gelände als Truppenübungsplatz gebraucht wurde. Ein herbeigeholter Geologe erklärte die Riesenwälle flugs - übrigens richtig - zu einer Laune der Natur.
Die "Forschungen" des Ahnenerbes blieben nicht ohne Widerhall in der nationalsozialistischen Architektur. So wurde das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg bereits 1934 "geomantisch" konzipiert. Die Anlage zitiert Teudts Idee der heiligen Linien, indem die "Große Straße", die geradlinige Parade- und Aufmarschachse, auf die Nürnberger Kaiserburg orientiert wurde. So bietet dieses zwei Kilometer lange und 40 Meter breite Monstrum nicht nur ausreichend Platz für Massenaufmärsche und Militärparaden, sie verbindet zudem ein Herzstück des Dritten Reiches symbolisch mit dem mittelalterlichen Kaiserreich. Die Achse übernimmt symbolische Ausdrucksformen des Barock und drückt gleichzeitig imperialen Machtwillen und historische Kontinuität zur Vorzeit aus. Errichtet wurde die Große Straße von Sklavenarbeitern; auch hier ist die geomantische Landschaftsarchitektur also Ausdruck des Weltbildes, das sie schuf. Eine gerade Linie führt vom fanatischen Judenhasser Teudt und dem Ahnenerbe, das im KZ für Menschenversuche zuständig war, zur konkreten Umsetzung seiner "völkischen Entdeckungen". Aus diesem Grund kann es nur erstaunen, wie unkritisch in Geomantiebüchern immer wieder die deutsche "Forschung" der 30er Jahre aufgegriffen wird.

Der Ley - kein Ding an sich
Selbst wenn man nur jene geraden Landschaftslinien als Ley bezeichnet, die ihr Entdecker Alfred Watkins so genannt hat, wird schnell klar, dass es einen "Ley" an sich nicht gibt. Wohl aber - in allen Zeiten und in ganz unterschiedlicher Ausprägung - jeweils eigene Konzepte symbolischer Landschaften, die durch Leys ausgedrückt werden. Zwischen diesen verschiedenen Formen der Leys gibt es wohl keine durchgehende, verknüpfende Tradition; der Gedanke ist immer wieder von neuem aufgetaucht und umgesetzt worden. Die Linien dienten den unterschiedlichsten Zwecken - manche waren spirituell, andere profan und symbolisierten Macht oder den Herrschaftsbereich des Fürsten.
Kaum weniger zeitgebunden als die Vorstellungen der Erbauer von Leys und anderen geraden Landschaftslinien waren die Interpretation, mit denen Ley-Forscher ihre Entdeckungen zu erklären suchten. Für Watkins waren es Handelsrouten, für den völkischen Phantasten Teudt "germanische Heiligtümer", in den sechziger Jahren hielt man sie für Ufo-Flugrouten, in den siebziger Jahren für Teile von "Steinzeitcomputern" oder Kalenderbauten. In den achtziger und neunziger Jahren mit ihrem großen Interesse an fernöstlichen Weisheiten schließlich gilt als abgemacht, dass Leys den "feinstofflichen Energielinien der Erde" folgen und ihre Markierungspunkte wie Akupunkturnadeln wirken - eine Idee, die erstmals 1969 von John Michell vertreten wurde.
Der gemeinsame Nenner und das einzige, das wir über Leys mit einiger Sicherheit sagen können, ist: Es sind Elemente symbolischer Landschaftsgestaltung, Versuche, die Natur nach dem jeweiligen Weltbild symbolisch zu gestalten, sei es nun religiös oder weltlich. So waren Leys ein Ausdruck von Totenkult in der Vorgeschichte, von Abgrenzung in der Antike, von Glauben und Gespensterfucht im Mittelalter, von fürstlicher Machtentfaltung im Barock. Und obwohl es eine Vielzahl von Leys gibt, die in geschichtlicher Zeit errichtet wurden und die daher dokumentarisch bezeugt sind, spricht keine Quelle von Erdstrahlen, geheimnisvollen Energien oder Erdakupunktur.